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Interview mit Donna Leon

Donna Leon in Venedig. (Foto: Regine Mosimann/Diogenes Verlag)
 
Auf dieser Doppelseite erschien das Interview am 4. Juni 2008 in den Heimatzeitungen.
Seit Anfang der neunziger Jahre geht das so: Jedes Jahr löst Guido Brunetti, jener kultivierte, freundliche, hartnäckige und bisweilen melancholische venezianische Commissario, einen Fall nach dem anderen. Er wird dabei kaum älter, lebt mit seiner Frau Paola und seinen zwei Kindern ein bewegtes und liebevolles Familienleben. Er isst und trinkt gern – und gerät bisweilen in tiefe Verzweiflung über Politik, Gesellschaft und die Korruption in seinem Land.

Von Achim Gückel, Anzeiger

Jahr für Jahr schreibt Beststellerautorin Donna Leon, gebürtige Amerikanerin und seit 25 Jahren selbst in Venedig lebend, einen Brunetti-Krimi. Nie ist einer dieser Romane brachial, nie ist er ein Eifersuchtsdrama, und schon gar nicht ist er ein Schaulaufen von Massenmördern. Aber Donna Leons Krimis loten immer schonungslos die Tiefen kriminellen Tuns aus: Menschenhandel, Kunstraub, Giftmüll, Kinderpornografie.

In ihrem neuen Brunetti, dem 16. Fall, geht es um Kindesentführung und Bestechlichkeit in Medizinerkreisen.

Am 3. Juni war Donna Leon zum 30. Geburtstag von Wegeners Buchhandlung in Burgdorf zu Gast und stellte im ausverkauften Veranstaltungszentrum an der Sorgenser Straße das neue Buch mit dem Titel „Lasset die Kinder zu mir kommen" vor. Heute, am 4. Juni, tritt die große Händel-Enthusiastin gemeinsam mit dem amerikanischen Dirigenten, Cembalisten und Musikwissenschaftler Alan Curtis bei einem Konzertabend des renommierten Festivals Herrenhausen Barock im historischen Festsaal der Galerie auf.

Sehr geehrte Frau Leon, Guido Brunetti isst ja bekanntlich gern: Risotto, Pasta, typisch Italienisches eben. In Burgdorf gibt es auch etwas Typisches: Spargel. Zurzeit hat dieses Gemüse Hochsaison. Werden Sie es probieren?

Das ist wunderbar. Alan Curtis und mir ist es also wirklich gelungen, Sie an der Nase herumzuführen. Wir haben Sie erfolgreich in dem Glauben gelassen, nur wegen des Konzertes im Festsaal der Herrenhäuser Galerie so weit zu reisen. Aber jetzt scheint es, dass unsere wahre Absicht enthüllt worden ist: Wir kommen natürlich nach Burgdorf, um weißen Spargel zu genießen.

Burgdorf ist ja sicher nicht der Nabel der Welt. Was erwartet eine weltbekannte Bestseller-Autorin, wenn sie in solch eine deutsche Kleinstadt kommt? Und wie wichtig ist Ihnen der Kontakt zu Ihren Lesern?

Burgdorf liegt nahe Celle, und diese sehenswerte Stadt lohnt jederzeit einen Besuch. Es ist immer schön, Lesern zu begegnen, sogar bei mir zu Hause in den Straßen von Venedig, wo ich hin und wieder auch auf meine Bücher angesprochen werde. Bislang waren die Menschen immer freundlich zu mir und glücklich , mich zu treffen. Ich hoffe, daran ändert sich auch in Zukunft nichts.

Apropos, deutsch. Deutsche erscheinen in Brunettis Fällen häufig als kühle und bisweilen negative Charaktere. Können Sie sich vorstellen, auch mal einen sympathischen
Deutschen eine tragende Rolle spielen zu lassen?


In den Jahrzehnten, die ich nun schon in Italien lebe, ist mir aufgefallen, wie sehr sich die Einstellung der Italiener zu den Deutschen verändert hat. – Was wäre das passende Wort? Vielleicht, wie sich die Beziehung entspannt und deutlich verbessert hat. Damals, vor 40 Jahren, empfanden die Italiener kaum Sympathie für die Deutschen, und heute sprechen sie von ihnen mit Respekt und sogar einer gewissen Zuneigung.

Anfangs habe ich noch keine Ahnung, was sich alles in meinen
Büchern abspielen, oder wer darin eine Rolle bekommen wird.
Deswegen habe ich momentan auch keine richtige Vorstellung
von der Figur eines sympathischen Deutschen. Da aber die
meisten Deutschen, die ich bisher kennengelernt habe, freundliche Menschen gewesen sind, ist es durchaus denkbar, auch einmal solch einer Figur Leben zu geben.

Es heißt ja, der Commissario Brunetti sei nur aus einem Jux heraus entstanden – weil Sie mit einem Bekannten herumgealbert haben, wie man einen Dirigenten um die
Ecke bringen könnte, was ja in „Venezianisches Finale“ tatsächlich passiert. Stimmt das?


Ja, das ist völlig richtig. In unserem Opernhaus La Fenice saß ich einmal in der Garderobe des Dirigenten und habe gemeinsam mit Orchesterchef Gabriele Ferro und dessen Frau über einen anderen Dirigenten gelästert. Dabei nahm das Drama seinen Lauf, und es dauerte nicht lange, da planten wir dessen Tod. Ich dachte gleich, das ist eine gute Idee für ein Buch. Ohne das Gespräch in der Künstlergarderobe wäre dieses Buch wahrscheinlich nie entstanden.

Kennen Sie eigentlich die deutschen Verfilmungen ihrer Romane? Wird Venedig darin oft nicht zu sehr als Postkartenidyll dargestellt?

Es tut mir leid, dass ich Ihnen diese Antwort schuldig bleiben
muss. Aber ich habe keinen Fernseher und habe deshalb auch keine der Verfilmungen gesehen.

Frau Leon, Sie selbst leben allein. In Ihren Romanen
spielt die Familie aber eine große Rolle. Ein Widerspruch?


Schauen Sie, ich schreibe auch über Menschen, die anderen beispielsweise eine Metallstatue von Pater Pio, einem der populärsten Heiligen Italiens, auf den Kopf schlagen: Das habe ich selbst ebenfalls noch nicht gemacht. Bislang jedenfalls. Ist dies deswegen schon ein weiterer Widerspruch?

Auch in Ihrem neuesten Roman wird Familienmensch Brunetti vor eine harte Zerreißprobe gestellt. Verraten Sie mehr.

In diesem neuen Roman sieht sich Brunetti mit einer Situation
konfrontiert, die er in der Vergangenheit schon einmal erlebte: Die Person, die ein Verbrechen begangen hat, handelte aus starken, fast überzeugenden Motiven heraus, die Brunetti während seiner Ermittlungen nachvollziehen kann, weil die meisten Menschen in einer solchen Lage ebenso
gehandelt hätten. Deswegen empfindet er für das Vorgehen des
Verbrechers eine menschliche Sympathie und sogar Verständnis, muss aber auf der anderen Seite zugeben, dass dessen Verhalten kriminell und unzulässig gewesen ist.

Ihre Romane sind in mehr als 20 Sprachen übersetzt worden. Nur nicht in jene Ihrer Wahlheimat. Wieso gibt es
Brunetti nicht auf Italienisch?


Ich verspüre keinerlei Lust, dort, wo ich lebe, eine Berühmtheit zu sein. Davon ist das Leben mancher Prominenter, die ich kennengelernt habe, in meinen Augen gewissermaßen verfälscht worden. Ich wohne lieber dort, wo ich auch anonym bleiben kann.

Frau Leon, Sie schaffen es mit großer Zuverlässigkeit, in jedem Jahr einen Roman vorzulegen. Immer im Mai ist Brunetti-Zeit. Kann man schriftstellerische Inspiration so genau planen?

Nein, das ist eigentlich nicht planbar. Mir gefällt es, Bücher zu schreiben, und das Schreiben strukturiert meinen Jahresablauf in Arbeitsabschnitte.

Woraus ziehen Sie eigentlich Ihre Ideen, und gehen die Ihnen nicht irgendwann einmal aus?

Normalerweise hole ich mir meine Anregungen aus der Tageszeitung. In Italien finde ich immer etwas, worüber es zu schreiben lohnt. Ehrlich gesagt, versorgt mich die tägliche Zeitungslektüre mit so mannigfachen Ideen, dass ich die nächsten Jahre ausreichend zu tun hätte.

Und was ist beim Entstehen eines Brunetti-Romans zuerst da: der Fall oder dessen Lösung?

Das weiß ich vorher nie. Bisweilen fallen mir erst ein Verbrechen oder ein Tatort ein, und dann muss ich der Idee ein Buch folgen lassen. Schließlich will ich herausfinden, wie es überhaupt dazu kommen konnte.
Oder, mir schießt plötzlich ein Motiv durch den Kopf, das jemanden zu einem Verbrechen getrieben haben könnte. Diese zweite Variante hat eine andere Konsequenz: In solchen Fällen bin ich gezwungen, am Ausgangspunkt der Geschichte zu beginnen. So kann ich für den Leser am besten nachvollziehbar und anschaulich machen, wie sich die Figuren bis zu dem Kriminalfall entwickelt haben. Bevor ich mit dem Schreiben anfange, weiß ich also in der
Tat noch nicht, welches Paket ich für den Leser schnüren werde.

In vielen seiner Fälle findet Commissario Brunetti zwar den Schuldigen, aber bestraft wird er nicht. Wenn man den Deckel des Romans zuklappt, fühlt man sich als Leser dann manchmal ein wenig ohnmächtig. Ist das beabsichtigt?

Machen Sie sich doch bitte eines bewusst: Ich lebe in Italien.
Dort kommen die großen Fische sehr oft unbehelligt davon. Oder sie landen im Parlament. Während die kleinen Fische ins
Gefängnis wandern. Ein aufmerksamer Blick in Italiens
Gefängnisse würde einem offenbaren, dass nur wenige
reiche und mächtige Persönlichkeiten hinter Gittern sitzen, dafür aber viele arme Menschen, die nicht genügend Geld für einen guten Anwalt aufbringen können. So dürfte es aber sicherlich in den meisten Ländern der Fall sein.

Und wie viele Fälle wird Commissario Brunetti noch lösen?

Noch viele, hoffentlich. Ich habe gerade Brunettis 18. Fall abgeschlossen und schon mit dem nächsten Roman begonnen. Solange es mir Spaß macht, werde ich genauso weitermachen, denke ich.

Und noch einmal zurück zum Essen: Wie weit ist denn das italienische Kochbuch mit Brunettis Lieblingsspeisen? Und steht da drin auch ein Gericht mit Spargel?

Das Kochbuch ist fast fertiggestellt und dürfte im nächsten Jahr veröffentlicht werden. Wenn ich mich nicht täusche, werden Sie darin auch ein Rezept für eine Lasagne mit Spargel finden.
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