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Pendler auf dem Abstellgleis?

Bochum: Hauptbahnhof |

Am 18. November 2016 brannte auf der Strecke zwischen Solingen und Dortmund ein Zug der Deutsche Bahn. Kurz nach diesem Vorfall entschied sich die DB Regio aus Sicherheitsgründen, zunächst keine Züge der Baureihe „ET 422“ mehr durch die Tunnelabschnitte zwischen Bochum und Dortmund fahren zu lassen. Seitdem enden die Züge von Solingen in Bochum. 20-30 Minuten später können die Reisenden dann in einem anderen Zug weiterfahren. Gleiches gilt auch für die Züge ab Dortmund in umgekehrter Richtung. Gerade für Pendler ist das eine immense Belastung: Bei 20 Arbeitstagen im Monat verlieren jeder Pendler durchschnittlich 1.000 Minuten Zeit. Wer auf eine schnelle Lösung binnen Tagen oder Wochen hoffte, hofft vergeblich. Auch fast drei Monate nach dem Brand heißt es immer noch: „Die Fachleute erarbeiten ein umfassendes Konzept, ab wann und in welchem Zeitraum diese Arbeiten umgesetzt werden können.“

„Fahrzeitverlängerung von 20-30 Minunten“ (!)

„Ein halber Arbeitstag pro Woche“, höre ich einen Pendler stöhnen. Diesen verliert er durch die von der Deutsche Bahn gewählte Lösung, die Strecke der S1 zu splitten und zwei verschiedene Zugtypen einzusetzen. Dabei ärgert er sich nicht über die Entscheidung, die Sicherheit in den Vordergrund zu stellen, sondern über die Umsetzung der Alternative und die aus seiner Sicht mangelhafte Kundeninformation. „Fahrzeitverlängerung von 20-30 Minunten“ (!) heißt es dazu auf den Anzeigen im Essener und Bochumer Hauptbahnhof in Fahrtrichtung Osten. Auch so beweist die Bahn als Betreiber der Strecke unbeabsichtigt Humor. Während auf den Anzeigen im Bahnhof „Bochum“ als letzte Station angegeben wird, steht auf den Displays vieler Züge weiterhin „Dortmund“. Wer daran glaubt, wird spätestens während der Fahrt feststellen, dass die Fahrt auch an kalten Wintertagen vorläufig in Bochum endet. Der VRR, Aufgabenträger im Schienenpersonennahverkehr, ist laut Pressesprecherin Sabine Tkatzik der Besteller der Nahverkehrsleistungen. Verantwortlich für die Umsetzung ist derzeit die Deutsche Bahn. Eine Ausschreibung hat ergeben, dass sich dies in Zukunft ändern wird. Von Dezember 2019 an wird das Unternehmen Keolis die Linie S1 für 12 Jahre übernehmen. Doch so lange können die Fahrgäste an Rhein und Ruhr sicher nicht warten. Auch der VRR formuliert eindeutig: „Für den VRR gilt die Verkehrsleistung zwischen Dortmund und Bochum als nicht erbracht. Dies wird gemäß Verkehrsvertrag pönalisiert.“ Wie hoch diese Vertragsstrafe ausfällt und wem sie letztendlich zugute kommt, ist der VRR auch auf Nachfrage nicht bereit bekanntzugeben. Auch der Verkehrsvertrag mit der Deutsche Bahn wird unter Verschluss gehalten.

Lebens- und Arbeitszeit verloren

Wie viele Personen täglich von der Entscheidung der Bahn AG betroffen sind, scheint Bahn und VRR nicht genau bekannt zu sein. Der VRR konnte trotz zahlreicher Fahrgastzählungen in den letzten Jahren nur die Zahl der Fahrgäste benennen, die montags bis freitags ab Bochum Hauptbahnhof in Richtung Dortmund Hauptbahnhof die Linie S1 nutzen – und von der Störung nicht betroffen sind. Dabei handelt es sich um täglich 13.000 Fahrgäste. Mangels konkreter Zahlen mag fiktiv angenommen sein, dass werktäglich mindestens 10.000 Personen die Linie über den Haltepunkt Bochum hinaus in beiden Richtungen nutzen. Rein rechnerisch gehen den Bahnkunden damit 10.000.000 Minuten, also 166.667 Stunden also fast 7.000 24-Stunden-Tage Lebens- und Arbeitszeit verloren. Würde jeder Einzelne für den Zeitaufwand nur den gesetzlichen Mindestlohn bekommen, läge der Schaden pro Person und Monat bei fast 150 Euro. Allein dies summiert sich im Monat auf 1.500.000 Euro. Wer an Fahrgastrechte und NRW.Mobilitätsgarantie denkt, wird vom VRR aufgeklärt: „Die Maßnahme der DB und der entsprechende Ersatzfahrplan wurden bereits frühzeitig im November veröffentlicht. Darin wurde auch auf Einschränkungen hingewiesen, die bedauerlicherweise Auswirkungen auf den Betrieb und für Fahrgäste haben. Damit greifen die Fahrgastrechte und die NRW Mobilitätsgarantie nicht.“ Damit bleibt der Schaden durch die Entscheidung der Deutschen Bahn einzig und allein beim Kunden, der weder kostenneutral auf parallel verkehrende Fernverkehrszüge zurückgreifen kann noch seinen Ticketpreis ermäßigt bekommt. Nicht einmal an einen Infostand mit kostenfreien Heißgetränken in den Nachtstunden hat man gedacht.

Keine andere Alternative umsetzbar?

„Bitte seien Sie versichert, dass auch dem VRR daran gelegen ist, den regulären Betrieb schnellstmöglich wiederherzustellen. Aus unserer Sicht sind auch die Fachleute der DB bestrebt das Problem schnell in den Griff zu bekommen“, informiert Dino Niemann aus der VRR-Pressestelle. Er verweist auch an Dirk Pohlmann, Pressesprecher NRW der Deutsche Bahn AG. Dieser schreibt auf die Frage, wie lang die Störung andauern wird stichwortartig: „kann derzeit seriös nicht benannt werden. Derzeit laufen die Untersuchungen und Abstimmungen, welche Maßnahmen zur Verbesserung des Brandschutzes an den Fahrzeugen umgesetzt werden kann und wie lange dies dauern würde.“ Zu den Fahrgastzahlen schreibt er nur „kann nicht beantwortet werden“. Zudem behauptet er: „In Bochum steht je Richtung nur ein S-Bahngleis zur Verfügung. Insofern ist aus betrieblichen Gründen derzeit keine andere Alternative umsetzbar.“

Neues Ersatzkonzept für S-Bahnen

Tage später sendet er eine neue Pressemitteilung seines Arbeitgebers. Diese stellt ein „neues Ersatzkonzept für S-Bahnen der Baureihe ET 422“ vor, das ab 13. Februar 2017 und damit rund drei Monate nach Beginn der „vorsorglichen Maßnahmen“ gelten soll. In diesem heißt es nicht nur, dass die Bahn am 25. Januar 2017 mit der Isolation von Dachleitungen begonnen hat. Zudem sollen Stahlplatten auf die Dächer der Züge aufgebracht werden und anschließend die Dachisolierung im Fahrgastraum überarbeitet werden. Ab Februar wird die Deutsche Bahn wie bisher zwischen Solingen und Bochum mit den Wagen der Baureihe ET 422 verkehren. Zwischen Essen-Steele Ost, Bochum und Dortmund werden Fahrzeuge eines anderen Typs eingesetzt. Die vor November üblichen Zusatzzüge zur Universität Dortmund entfallen weiterhin ersatzlos.

Ihre weiteren Anfragen beantworten wir als Pressestelle nicht

Auf Rückfragen zu Details schaltet Bahn-Pressesprecher Dirk Pohlmann auf Durchzug. Auf eine Anfrage vom 19. Januar sendet er nach Erinnerung nach sechs Tagen nur den allgemeinen Pressetext. „Ihre weiteren Anfragen beantworten wir als Pressestelle nicht“, schreibt er statt auf Fragen nach Fahrgastzahlen, der Anzahl der vom Umbau betroffenen Züge oder die künftigen Abfahrtszeiten zu antworten. Im Landespressegesetz heißt es: „Die Behörden sind verpflichtet, den Vertretern der Presse die der Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen.“ Anders als Urteile zur Auskunftspflicht von öffentlich-rechtlichen Körperschaften, Stadtwerken und staatlichen Betrieben in privater Rechtsform sieht Pohlmann sein Staatsunternehmen nicht auskunftspflichtig. Weiterhin unklar bleibt deshalb, wie groß die Dimension des Schadens der Fahrgäste bis zu einer Lösung noch werden wird. Das neue Ersatzkonzept hilft nämlich nur einem kleinen Teil der Fahrgäste – nämlich denen, die auf dem Abschnitt von Essen-Steele Ost bis Dortmund reisen möchten. Ob auch die Anderen profitieren zum Beispiel durch verkürzte Umsteigezeiten hält Dirk Pohlmann unter Verschluss. Auch lässt er der Bahn nicht in die Karten schauen, ob die bisherige Regelung die bestmögliche war. Die Annahme, dass man die ein- und ausfahrende Bahn einfach auf gegenüberliegenden Gleisen platzieren und den Zeitverlust mit einfachen Mitteln auf wenige Minuten reduzieren könnte, wies er schon in seiner ersten Nachricht zurück: „In Bochum steht je Richtung nur ein S-Bahngleis zur Verfügung. Insofern ist aus betrieblichen Gründen derzeit keine andere Alternative umsetzbar.“ Warum es bei Verspätungen möglich ist, dass zwei aufeinanderfolgende Züge der Linie S1 in Bochum auf den beiden Gleisen fahren, hinterlässt Ratlosigkeit. Hat man vielleicht doch nicht die beste mögliche, sondern die einfachste Lösung gewählt? Natürlich ist dazu keine Auskunft zu bekommen, denn als Dirk Pohlmann nach mehreren Versuchen endlich ans Telefon geht, sind von ihm trotzdem keine inhaltlichen Auskünfte zur Linie S1 oder den ebenfalls gestörten Linien S4 und S6 zu bekommen…
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