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Hochzeit in der Besteckschublade

Es waren einmal zwei Gabeln.

Recht beengt lebten sie in der Besteckschublade eines vornehmen italienischen Restaurants. Die eine hieß „Gabella“, eine bildschöne Kuchengabel, wurde manchmal aber auch für Tiramisu vorgelegt, die andere mit Namen „Gabello“, war eine äußerst „spitze“ Fleischgabel. Beide mochten sich schon seit ewig langer Zeit, konnten aber einfach nicht zusammenfinden.
Während sich die schöne Gabella Rücken an Rücken mit Gleichgesinnten das enge Fach der Besteckschublade teilte, lag Gabello zwischen Tortenhebern und Soßenkellen ziemlich weit von ihr entfernt. Unüberwindbar schien die Strecke zu sein, die sie voneinander trennte. Hinzu kam, dass die anderen Kuchengabeln sie in der Mitte hielten, was ihr jede Bewegungsfreiheit nahm. Regungslos schien auch ihr Liebster unter einer kugelrunden schweren Suppen-Kelle zu verweilen, die ihn fast erdrückte. So war es ihnen leider nur möglich, sich hin wieder ein Auge zuzuzwinkern. Natürlich reichte ihnen das nicht aus, denn schließlich waren sie ineinander verliebt und wollten sich auch gern mal aneinander reiben. So wie es die anderen Bestecke auch taten, wie zum Beispiel das Schmiermesser mit dem Honiglöffel. Obwohl sie überhaupt nicht zusammen passten, was übrigens auch die großen Tranchiermesser meinten, fand der Koch sie immer wieder zusammengeklebt in der äußersten Ecke der Schublade.
„Wenn das noch einmal vorkommt“, drohte er, „dann werde ich dafür sorgen, dass ihr für immer auseinanderkommt“.

„Armes Schmiermesser“, dachte Gabella und schmiss ihrer ach so begehrten Fleischgabel einen verliebten Blick zu. Gabello, schon seit Tagen vom Koch vernachlässigt, hatte eine Idee. Fest entschlossen das niedliche Kuchengäbelchen zu heiraten, rebellierte er in der Schublade. Hin und her warf er sich unter der erdrückenden Kelle, dass es nur so schepperte. „Mama Mia“, wunderte sich der Küchenjunge, „was issene los in die Lade mit die Besteckene?“

In dem Moment, als er die Schublade aufzog, stahl sich die Fleischgabel hervor, ihn kraftvoll zu pieksen. „Was hast du? Zu lange in die heiße Braten gestecktene, oder was“?, regte sich der Küchenjunge auf. „Hör gut zu“, drohte ihm Gabello, „Du wirst nie wieder Pasta kochen, wenn Du mir nicht hilfst ans Kuchengäbelchen zu gelangen.“ Vor Schreck ließ Peppino, der Lehrling, die Spaghetti für die Gäste zu weich kochen. Das sollte Ärger mit dem Koch geben. Wenn sich nämlich herausstellte, dass er auch im dritten Lehrjahr Nudeln immer noch nicht in der Lage war „al dente“ zu kochen, war ein Rauschmiss gewiss.
„Verstehst du Peppino, ich will Gabella, die süße Kuchengabel heiraten. Aber bevor ich ihr einen Heiratsantrag mache, möchte ich gerne ein wenig mit ihr allein sein – wenn du weißt was ich mein´. Also, wenn du mir hilfst, werde ich dir helfen die Gäste und den Koch mit einem Nudelgericht zu verblüffen, welches sie in der Form noch nie gegessen haben.“

Gabello, der ohne Akzent sprach, da er aus Solingen stammte, glänzte edel wie Stahl aus der Besteckschublade - vor lauter Aufregung natürlich. „Und wie“, fragte der kleine Küchenjunge völlig am Boden zerstört, „wie kanne das funktionierene, he?“„Das ist ganz einfach“, versuchte Gabello ihn zu überzeugen, „du wirst das gesamte Besteck aus der Schublade an ihre Lieblingsplätze beordern, während in der Zwischenzeit Luigi ein Festmahl kocht.“ Luigi war der verliebten Fleischgabel bester Freund und arbeitete stets treu an seiner Seite. Sie kannten sich aus einem Nobelhotel an der Adria. Damals, als Luigi die Stelle wegen zu „langer Finger“ wechseln musste, nahm er Gabello kurzerhand mit. Von da an waren sie unzertrennlich.
Peppino willigte also ein. „Pronto, pronto. Alle kleinen Löffel an die Puddingschälchen. Gabeln, avanti, neben die Pastateller, Suppenlöffel - marsch an die Suppentassen - na los, macht schon“.

Innerhalb kürzester Zeit war es dann so weit. Endlich lagen die heißgeliebte Gabella und ihr Gabello ganz allein in der Schublade und endlich konnte sich die kleine Kuchengabel an ihre große Liebe, der schön geschwungenen Fleischgabel schmiegen. Ach, wie glücklich waren doch beide und so zufrieden.

Neun Monate später schenkte Gabella ihrem Gabello sechs kleine entzückende Mokkalöffelchen und zur speziellen Freude Luigis wurden sie allesamt mit zu ihm nach Hause genommen.

Na ja, und wenn sie nicht angelaufen sind, dann liegen sie da immer noch blitzeblank, in Luigis Sammel-Schrank.
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