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Wo einst die bösen Raubritter hausten – Die Ruine der Burg Regenstein bei Blankenburg am Harz

Alte Burgruinen faszinieren. Und das nicht erst seit der Zeit der Romantik. Schon vor 400 Jahren wurde der Regenstein von Reisenden besucht.
 
Auf dem kreidezeitlichen Felsklotz "Regenstein", aus weichem Heidelbergsandstein bestehend, lag die gleichnamige Burg, von der nicht viel mehr als Kellergewölbe und ein Turmstumpf erhalten sind. (Foto: Christel Wolter)
 
Der Blick von Westen zeigt, wie gut die Burg auf fast 100 Meter hohem Fels mit zum Teil fast senkrechten Wänden vor Angriffen geschützt war.
 
Der Hauptzugang zur Festung, denn als solche wurde die Burg ab 1670 ausgebaut, war früher mit einer Zugbrücke über den breiten Wassergraben versehen.
Blankenburg (Harz): Burg Regenstein | Im Harz, dem nördlichsten der großen deutschen Mittelgebirge, gibt es viele attraktive Ausflugsziele. Und gerade in diesem Gebiet, das vor rund 1000 Jahren mit seinen Königshöfen und Kaiserpfalzen ein Zentrum deutscher Machtpolitik war, hat das Mittelalter viele Spuren hinterlassen. Eine davon ist eine uralte Heerstraße am nördlichen Rand des Gebirges, die damals den Königshof Quedlinburg über die Kaiserpfalz Derenburg, die auf einer Insel der Holtemme lag, mit der Kaiserpfalz in Goslar verband. Dort zogen einst Kaiser und Könige mit dem Gefolge ihres großen Hofstaates entlang, und dort musste diese Heerstraße auch gesichert werden. Und vermutlich deswegen entstand unweit und nördlich von Blankenburg auf einem markanten Sandsteinfelsen aus der Kreidezeit eine Burganlage, der Regenstein.

Schon zu meiner Kinderzeit in den fünfziger Jahren faszinierten mich die Geschichten, die mir meine Eltern und Großeltern davon erzählten. Von den Raubrittern, die dort auf uneinnehmbarem Fels gehaust haben sollen. Die sich durch Spiegelreflexionen mit den befreundeten Rittern der nahen Heimburg verständigten, um vorbeiziehende Kaufleute auf der Heerstraße zu überfallen, diese in ihren finsteren Verliesen festzusetzen und gegen Lösegeld wieder freizulassen. Es gab im Quedlinburger Dommuseum sogar den Raubgrafenkasten zu bewundern. Einen großer Holzkasten aus dicken Bohlen, der extra für den Raubgrafen Albrecht II. als Gefängnis gedient haben soll. Und wie beeindruckt war ich davon, als ich dann als Jugendlicher bei meinem ersten Verwandtschaftsbesuch in der ehemaligen DDR die Burgruine selber erkunden konnte,  darin vor einem tiefen Schacht stand und mir vorstellte, wie dort unten in der ewigen Dunkelheit die Gefangenen bei Wasser und trocken Brot geschmachtet haben müssen. Das alles und noch viel mehr fand ich sehr aufregend.

Doch das war es nicht nur mich, denn schon seit Jahrhunderten sollen Reisende die inzwischen zur Festung umgebaute Burg besucht haben. Natürlich war auch Goethe dort – wo eigentlich nicht? 1784 schaute er zu Studienzwecken auf seiner dritten Harzreise vorbei. Auch der Märchenerzähler Hans Christian Andersen hat von seinem Besuch dort berichtet. Und während der Zeit der Romantik kamen findige „Tourismusmanager“ auf die Idee, sich vom Blankenburger Friedhof ein paar ausgebleichte Knochen zu verschaffen und sie am Grund des Burgverlieses zu deponieren. Wurde bei Führungen eine flackernde Laterne hinuntergelassen, so durfte sich gegruselt werden, wurde doch den Besuchern vermittelt, dass es die Gebeine der im Mittelalter Gefangenen waren.

Sogar eine Sage rankt sich um die Burg: Im Mittelalter setzte der Graf vom Regenstein eine der schönsten Jungfrauen des Landes gefangen, da sie seine Liebe verschmäht hatte. Doch mit Hilfe ihres Ringes gelang es ihr, in monatelanger Arbeit ein Loch in den weichen Sandstein zu kratzen und zu entfliehen. Als sie bald darauf mit ihrem Gefolge zurückkam, fand sie den Grafen nicht mehr vor. Doch dann sah sie durch einen Spalt im Fels ein flackerndes Licht. Dort krümmte sich der Graf im Schmerz eines Fegefeuers. Doch das konnte sie trotz allen Übels der Gefangenschaft nicht mit ansehen. Sie warf dem Grafen ihren Ring zu, der dadurch vorm ewigen Fegefeuer erlöst wurde.

Eine schöne Geschichte aus dem Harzgau über den Raubgrafen Albrecht vom Regenstein hat der Schriftsteller Julius Wolff 1884 geschrieben. Sie handelt von dessen Zwist mit dem Bischoff von Halberstadt und der Entführung einer hochgestellten Jungfrau des Quedlinburger Damenstiftes, der aber die Gefangenschaft auf dem Regenstein gar nicht so unrecht war, hatte sie doch ein Auge auf den Raubgrafen geworfen. Es macht einfach Spaß dieses Buch aus dem 19. Jahrhundert zu lesen.
Und nicht weniger schön ist Gottfried August Bürgers schaurig-schöne Ballade von 1773 „Der Raubgraf“:
Es liegt nicht weit von hier ein Land, da reist´ ich einst herdurch
Am Weg´ auf hohem Felsen stand, von Alters eine Burg….

Das alles passt natürlich gut in die Zeit der Romantik. Doch seine romantische Seite hat die Burgruine auch heute noch, auch wenn deren Geschichte nicht so verklärt, sondern nüchterner ist und mit dem Raubrittertum nichts zu tun hat.

Wie alt genau der Regenstein ist, ist nicht genau bekannt. Scherben, Knochenstücke und ein Bronzeschatz, die unter anderen archäologischen Funden dort entdeckt wurden, weisen schon auf eine vorgeschichtliche Besiedlung hin. Keramikscherben vom Regenstein konnten auf das 11. Jahrhundert datiert werden. Die Burg Regenstein könnte demnach vor rund 1000 Jahren entstanden sein. Es ist aber nicht auszuschließen, dass auf dem Plateau bereits im 5. Jahrhundert eine Kultstätte oder sogar eine Fluchtburg existiert hat. Erstmalig wurde die Burg jedoch im Jahr 1167 urkundlich erwähnt. In dieser frühen Zeit gehörte der Regenstein einem Angehörigen des auf der nahen Blankenburg – dem Standort des heutigen Welfenschlosses – von Kaiser Lothar III. angesiedelten Grafengeschlechtes.
Da die Burg auf einem Felsplateau mit nach Norden hin tiefabfallenden fast senkrechten Felswänden liegt, konnte sie von dort aus das Harzvorland gut kontrollieren. Und niemand entging den Augen der Wachtposten, der unten auf der Heerstraße, die direkt an ihrem Fuß entlangführte und die dort heute noch als Wanderweg im Originalverlauf vorhanden ist, vorbeizog. Egal ob Freund oder Feind. Königszüge, Kaufleute, räuberisches Gesindel oder feindlich gesinnte Reiter. Schon von Weitem waren sie, vielleicht verständigt auch durch Signale der Verwandtschaft der nahen Heimburg, auszumachen.
Eine weit vorspringende Felsnase hoch oben an der Burg über dem Abgrund, an der sich auch das Verlies befindet, weist mit ihrem Namen „Der verlorene Posten“ darauf hin. Von einer Sturmbö soll ein unvorsichtiger Wachtposten der Legende nach in die Tiefe gerissen worden sein.

Der bekannteste der Blankenburger und Regensteiner Grafen aber, die auch einen Erzbischof von Magdeburg stellten, wurde später im 14. Jahrhundert Albrecht II., der in vielen Jahren mit dem Bischof von Halberstadt um die Vormachtstellung im Harz kämpfte. Nach der Niederlage des Regensteiners brach die Macht seiner Dynastie Mitte des Jahrhunderts ein. Im schon erwähnten Raubgrafenkasten „soll“ im Jahr 1337 Graf Albrecht nach seiner Gefangennahme darin eingesperrt gewesen sein.
Etwa 100 Jahre danach wurde die Burg aufgegeben. Sie wurde zur Ruine. Die Albrecht II. nachfolgenden Grafen des Geschlechts waren auf die Blankenburg umgesiedelt. Im Jahr 1599 starb dann mit Johann Ernst der letzte der Regenstein-Blankenburger Grafen.
Schon zu dieser Zeit war die Ruine mit ihren Felsenräumen eine Sehenswürdigkeit für Reisende. Und so ist es bis heute geblieben.

Doch lange sollte die heruntergekommene Burg keine Ruine bleiben. Durch die Wirren des Dreißigjährigen Krieges geriet sie in brandenburgische (preußische) Hände. Sie wurde zu einer starken Festung erweitert und ausgebaut. Unter Kurfürst Friedrich Wilhelm entstand so inmitten des Braunschweiger Gebietes ein preußischer Stützpunkt. Im Siebjährigen Krieg besetzten die Franzosen den Regenstein. Doch schon kurz darauf gelang es den Preußen, die Festung zurückzuerobern. Damit sie kein zweites Mal in feindliche Hände fallen konnte, ließ sie Friedrich der Große daraufhin zerstören. Eigentlich schade, denn wir Besucher hätten die Burg gern in besserem Zustand erlebt. So ist außer den höhlenartigen Räumen, einigen Mauerresten und dem Stumpf des Bergfrieds nicht mehr viel erhalten geblieben. Und man weiß nicht wirklich, wie die Burg und spätere Festung einst ausgesehen haben. Zumindest ungefähre Vorstellungen gibt es davon. Aber auch das, was übriggeblieben ist, beeindruckt den Besucher heute noch. Und deswegen ist der Regenstein ein attraktives Ausflugsziel.

Mit dem Auto ist es von der B 6 her gut erreichbar. Ein großer Parkplatz liegt direkt am Waldrand, in dem sich die Ruine von Süden her versteckt. Nur noch ein paar hundert Meter, dann hat man den Eingangsbereich erreicht. Man überquert den einstigen Wassergraben, passiert das Eingangstor, holt sich am Kassenhäuschen (3 Euro Eintritt) einen Fleyer mit den notwendigen Erklärungen und streift kreuz und quer durch das Gelände. Man ersteigt Teile der Burg- und Festungsanlage, schaut in Kellergewölbe, durchschreitet Räume und steht schließlich auf dem höchsten Punkt, von dem man einen eindrucksvollen Blick in alle Richtungen hat. Nach Süden und Westen auf die nahen Berge des Harzes, nach Norden in das Harzvorland mit seinen verschiedenen Höhenzügen. Den Fallstein, den Huy den Hoppelberg bei Langenstein, wo sich die Reste der Altenburg und einzigartige Höhlenwohnungen befinden. Direkt am Fuß des Regenstein breitet sich ein dichter Kiefernwald aus, in dem man einen weißen Fleck erkennen kann. Das sind schneeweiße Sandsteinfelsen, in denen sich Höhlen befinden, die schon in der Jungsteinzeit bewohnt waren und die zur Germanenzeit als Thingplatz gedient haben sollen. Durch eine schöne Wanderung kann man sie nach Besichtigung des Regensteins erreichen. Und die kann ich in jedem Fall empfehlen. Denn man sieht am Fuße des Felsplateaus noch andere Bereiche der einstigen Festungsanlage. Die Reste der vorgeschobenen Ludwigsburg, einiger Vieh- und Pferdeställe und die ehemalige Regensteinmühle mit rekonstruierten Wasserrädern und ihren einst wasserführenden Stollen. Und dort sieht man auch die im weichen Sandstein tiefeingetretenen Spuren der Maulesel, die die schweren Getreidesäcke über etwa drei Jahrhunderte zur Mühle schleppen mussten.

Alles das und noch mehr, zumal in schöner Natur, ist sehr interessant. Und wem das noch nicht reicht, der kann auch das alljährlich auf der Burg stattfindende Ritterturnier besuchen. Natürlich ist das ein Touristenspektakel. Doch man kann sich dann zumindest etwas vorstellen, wie es einst im Mittelalter zu dieser Zeit zugegangen ist. Oder man findet sich zum Garnisonsfest ein, kann man dann doch die spätere Epoche der Burg nachempfinden. Die Zeit der Preußen und des Alten Fritz. Wie auch immer. Der Regenstein ist ein attraktives Ausflugsziel am Harz. Es lässt sich gut mit einer Wanderung und dem Besuch von Blankenburg mit seiner schönen Altstadt, dem Barockgarten am Kleinen Schloss und dem Welfenschloss verbinden.

Wer mehr über attraktive Ausflugsziele im Harz erfahren möchte: Der Harz - Das nördlichste Mittelgebirge von seiner schönsten Seite
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2 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 15.09.2018 | 15:51  
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Katja W. aus Langenhagen | 15.09.2018 | 22:15  
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