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Auswärtiges Amt in der NS-Zeit: Die alten Seilschaften lassen frischen Nebel werfen

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Berlin: Auswärtiges Amt | Spiegel-Online lässt heute einen Angehörigen der alten Eliten unter falschen Vorzeichen zu Wort kommen:

Die merkwürdige Selbstreferenzialität in dem Beitrag des ehemaligen Staatssekretärs des Auswärtigen Amtes, Wolfgang Ischinger, hätte den Redakteuren von Spiegel-Online eigentlich nicht entgehen dürfen. Ischinger schreibt in einem Beitrag zur Debatte über das Buch "Das Amt und die Vergangenheit", dem Bericht der Historikerkommission zur Bewältigung der NS-Geschichte des Personals im Auswärtigen Amt:

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Vermisst habe ich in den vergangenen Tage Sätze wie die folgenden:

"Es ist richtig, dass sich die weit überwiegende Zahl der Diplomaten in den Jahren zwischen 1933 und 1945 mit dem neuen Regime arrangierte. (…) Sicher gab es Skepsis, gab es Vorbehalte - aber es gab auch überzeugte Nationalsozialisten. (…) Es waren am Ende nur wenige, die den Charakter, die Kraft und den Mut aufbrachten, Unrecht nicht nur als Unrecht zu erkennen, sondern aus ihrer inneren Ablehnung Konsequenzen zu ziehen und gegen das Unrecht zu handeln - mit klarem Blick für die Lebensgefahr, der sie sich und ihre Familien damit aussetzten. Einige von ihnen gingen dafür tatsächlich in den Tod."

"Andere haben überlebt: Als Beispiele nenne ich Georg Ferdinand Duckwitz, Hasso von Etzdorff, Hans Heinrich Herwarth von Bittenfeld, Albrecht von Kessel, Erich und Theo Kordt. Diese Liste ließe sich erweitern. Viele von ihnen haben den Auswärtigen Dienst der Bundesrepublik mit aufgebaut. Auch an diese Diplomaten und ihre großen Leistungen sei (…) erinnert."

"Die zwanzig Namen (…) legen Zeugnis ab von der besten Tradition des deutschen Auswärtigen Dienstes - einer Tradition, die bis heute und auch in Zukunft Maßstäbe setzt. Sie verkörpern das Ideal des verantwortungsbewussten und couragierten Beamten."

Diese Sätze hat der damalige Außenminister Joschka Fischer persönlich vor über zehn Jahren, am 19. Juli 2000, in einer Rede anlässlich der Einweihung der Gedenktafel im Auswärtigen Amt gesprochen.

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Das ist soweit alles richtig - nur war Ischinger damals Joschka Fischers Staatssekretär, als die Rede zum 19. Juli 2000 vorbereitet wurde. Mit anderen Worten: Fischers Worte, die Ischinger hier zitiert, waren von Ischinger selbst redigiert worden. Ischinger schreibt weiter auf Spiegel-Online (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,7...):

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In der Mediendebatte der letzten Woche redeten alle mit, bloß die AA-Mitarbeiter wurden so gut wie gar nicht gehört. Mir ist jedenfalls kein TV- oder Print-Interview mit einem Angehörigen des Auswärtigen Dienstes oder gar mit einer der sogenannten "Mumien" (ein liebevoll gemeinter interner Spitzname für unsere Pensionäre) bekannt.
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Es ist eher unwahrscheinlich, dass sowohl Ischinger als auch die Redakteure von Spiegel-Online das Interview mit Manfred Steinkühler übersehen haben (http://www.tagesspiegel.de/politik/das-thema-war-n...). Steinkühler war im Auftrag der alten Seilschaften aus dem Amt gedrängt worden, als er es wagte, aus Anlass des Volkstrauertages zwischen Gefallenen des zweiten Weltkrieges und dem Leiter eines Konzentrationslagers zu differenziern.

Die kühnsten Behauptungen Ischingers sind aber folgende:

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Meine Generation - die Achtundsechziger und ihre Erben, natürlich auch meine Kollegen im Auswärtigen Dienst - beschäftigt sich nun schon seit über 40 Jahren mit Fragen ...

und

Meine Jahrgangskollegen waren doch selbst Achtundsechziger und überaus geübt im Stellen kritischer Fragen!
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Zunächst: Ischinger hatte sich als Staatsekretär nur noch mit Vertrauten aus seinem Ausbildungsjahrgang umgeben: Sämtliche Abteilungsdirektoren gehörten unter Ischingers Staatssekretariat bemerkenswerterweise auch Ischingers Ausbildungsjahrgang an (im Rheinland würde man sagen: Man kennt sich, und man hilft sich). Keiner von ihnen neigte dazu, kritische Fragen zu stellen. Aus gutem Grund:

Ischinger hatte seine Karriere als Kabinettsreferent von Kurt Waldheim bei den Vereinten Nationen (im Bild) begonnen, und durch Einheirat in die alten Seilschaften des Auswärtigen Amtes den Grundstock zu seinem Aufstieg gelegt (http://politik-gesellschaft-deutschland.suite101.d...). In seiner Kamarilla fand sich selbstredend kein "Achtundsechziger, der überaus geübt im Stellen kritischer Fragen" gewesen wäre.

Es wirft einen üblen Schatten auf die die Kompetenz unserer Medien, dass Beiträge wie dieser, aber auch andere Beiträge wie der von H. Richter auf myheimat.de erscheinen müssen.
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1 Kommentar
Cui bono
Cui bono | 06.11.2010 | 20:24  
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