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Besondere Raritäten unter den „Juwelen der Lüfte“ Teil 4.1: Die Östliche Moosjungfer (Leucorrhinia albifrons)

Lebensfeindlich und doch atemberaubend schön: Eine unberührte Moorlandschaft.
 
Tückisches und empfindliches Terrain. Bei jedem Schritt ist Vorsicht geboten!
 
Wann wohl war das letzte Mal jemand hier?
 
Frisch geschlüpftes Weibchen der Östlichen Moosjungfer (Leucorrhinia albifrons).
Fortsetzung des Exkursionsberichtes:

Wenn man das „Besondere“ erleben will, muss man auch bereit sein, dafür etwas zu leisten. Die vergangenen Tage haben uns schon in Sachen Ausdauer und Fitness auf die Probe gestellt. Nach dem Motto „Fortis fortuna adiuvat“, (Das Glück ist mit den Tüchtigen) waren sie entsprechend erfolgreich.

Für die nächste Exkursion haben wir aufgrund ihrer nicht minder einfachen Durchführung gleich mehrere Tage eingeplant.

06.00 Uhr morgens: Der „Wake – Up – Call“ in Form eines digitalisierten Pieptons unseres Weckers zwingt uns in die Vertikale. Eine kurze Morgentoilette muss reichen. Bald merkt man sowieso nichts mehr davon. Ein Sicherheitscheck der Ausrüstung geht mit dem beladen des Fahrzeugs einher.

Zum Glück hat eine nahegelegene und ausgezeichnete „Landmetzgerei“ schon seit 06.00 Uhr auf. Dort verproviantieren wir uns mit frischem Brot und deftigen Belägen, die unserem Kalorienverbrauch ausreichend entgegenwirken sollen. Isotonische Getränke sind ebenfalls ausreichend verfügbar.

Bevor es in Richtung Norden geht, werfen wir noch schnell einen Blick auf die Landkarte. („Navis“ nützen hier nicht viel.) Ziel ist ein Moor, welches wir im vergangenen Jahr schon begangen haben und das es im wahrsten Sinne des Wortes „in sich“ hat.

07.40 Uhr: Nach etlichen Kilometern gut ausgebauter Landstraßen und etwa zwei Kilometern Schotter- und Sandpiste stellen wir unser Fahrzeug auf einem kleinen Parkplatz unmittelbar vor einem Schild mit der Aufschrift „Naturschutzgebiet“ ab.

Vor uns liegen weite Wild- und Feuchtwiesen mit lichten Baumbeständen, durchzogen von schmalen Entwässerungsgräben, die einst dazu dienten, Torfschichten trocken zu legen. Hier wurde seit Ende des zweiten Weltkrieges kein Torf mehr gestochen.

Wir lassen die Gräben, an denen uns schon viele Libellen bekannter Arten begegnen, hinter uns. Die Beschaffenheit des Bodens wechselt abrupt. Ab jetzt ist Vorsicht oberstes Gebot. Aufpassen, wo man hintritt. Nicht nur wegen der Gefahr des plötzlichen Versinkens was die Zerstörung diverser Hightech – Ausrüstungsgegenstände zur Folge hätte. Wir sind Naturschützer und keine Attentäter. Hochempfindliche Torfmoose gedeihen vor unseren Füßen aus Pfützen mit schwarzem Wasser. Diese Gewässer sind dermaßen sauer und nährstoffarm, dass alles, was aus ihnen hervorkommt, doppelt und dreifach so lange für seine Entwicklung braucht, als sonst wo in den gemäßigten Klimazonen. Ein Tritt auf die Mooskulturen würde jahrelanges Wachstum zunichtemachen.

Das viele Totholz, dass wir auf unserer Exkursion sehen, die zahllosen abgestorbenen Bäume, deren Samen einst vom Wind oder von Vögeln hierher transportiert wurden, sind keine Opfer industrieller Emissionen. Sie starben an Nahrungsmangel. Den vielen noch gesunden Birken und Kiefern wird es in einigen Jahren genauso ergehen. Außer ein paar sehr widerstandsfähigen Gräsern, ein paar Flechten und eben dieses so wichtige Torfmoos kann der Boden auf lange Sicht gesehen die Flora nicht versorgen.

Was ist mit der Fauna? Diese auf den ersten Blick lebensfeindliche Landschaft, die an die endlose Taiga in Sibirien erinnert, ist voller vielfältiger Lebensformen. Spuren von Schwarz- und Schalenwild sind zu sehen. Vögel bevölkern den Himmel, Spinnen, Insekten, Amphibien und Reptilien haben hier einen Lebensraum, in dem sie die meiste Zeit im Jahr ungestört sind. Wir wollen das respektieren und tasten uns langsam Meter für Meter, fast chirurgisch, weiter ins Moor vor.

Drei Stunden später. Wir beobachten die ersten Kleinen Moosjungfern (Leucorrhinia dubia). Einige Männchen fliegen aufgeregt um das Ufer eines kleinen Gewässers. Sie ist die häufigste aller „Weißnasen“ und über sie wurde schon berichtet. An einem morschen, aus dunkler Brühe ragenden Baumstumpf, entdecken wir eine schlüpfende Blaugrüne Mosaikjungfer (Aeshna cyanea). Um die Erkenntnis reicher, dass diese Art auch mit derartig widrigen Umständen klar kommt, lassen wir sie, nachdem wir einige Belegaufnahmen erstellt haben, in Ruhe.

Nach einer weiteren knappen Stunde erreichen wir ein etwas größeres, von Wald um schlossenes Gewässer. Die Uferzonen sind leicht mit Binsen und an wenigen Stellen mit Schilf bewachsen. Es gibt sonnige, schräg abfallende Uferböschungen aus Torf, welche durch die Wurzeln der umliegenden Bäume, jetzt sind es vorwiegend Kiefern, zusammengehalten werden.

Es ist kurz nach Mittag, und es ist sehr warm. Der Wald, der anderenorts wie eine Art Klimaanlage wirken kann, sorgt hier für Luftfeuchtigkeit und Schwüle. In der Uferregion bietet sich das gleiche Bild wie tags zuvor: Unzählige Kleinlibellen verschiedenster Arten bevölkern die Luft und die nahen Pflanzen. Über dem Weiher fliegen etliche Großlibellen, die wir schon anhand ihres Flugbildes sicher „ansprechen“ können. Smaragdlibellen, Vierfleck, Keilfleck – Mosaikjungfer, Früher Schilfjäger, Kleine Königslibelle einige Moosjungfern und viele mehr. Auch hier wird das hektische Treiben am frühen Nachmittag nachlassen sodass eine „gezielte“ Suche nach der Östlichen Moosjungfer einen Sinn ergibt. Dieses Habitat ist optimal. Wenn wir sie hier nicht finden, wo dann?

Auf der Suche nach einer der größten Seltenheiten Europas, wenn nicht der Welt, legen wir nun unsere Ausrüstung ab. Nur noch mit Kameras und Funkgeräten ausgestattet, beschließen wir uns zu teilen und das Gewässer von zwei Seiten aus, entgegengesetzt, zu umgehen. Das Hauptaugenmerk auf die sonnigen, schräg abfallenden Uferzonen gerichtet geht jeder seinen Weg.

Bereits nach kurzer Zeit haben wir ein Problem, mit dem wir nun wirklich nicht gerechnet haben. Über unsere Funksprechgeräte berichten wir uns gegenseitig von unseren Beobachtungen. Sie gleichen sich, wie ein Ei dem anderen. In den Uferzonen flogen sowohl die Zierliche (L. caudalis), als auch die Östliche Moosjungfer (Leucorrhinia albifrons). Da die Tiere leicht zu verwechseln und somit im Flug schwer „ansprechbar“ sind, müssen wir schon sehr exakt hinschauen. Donnerwetter, was für ein Habitat! Nun haben wir die nächsten Stunden alle Hände voll zu tun, um die verschiedenen Arten möglichst genau zu erfassen und zu dokumentieren. Der übliche „Libellenstress“, die allgemeine Hektik am Wasser mit Revierkämpfen, Paarungen, Eiablagen und dergleichen macht dieses Unterfangen nicht gerade leicht. Am späten Nachmittag steht fest, dass die Östliche Moosjungfer, von der wir mit aller vorangegangenen Mühe nur einige wenige Exemplare haben finden können, wohl zu Recht zu den größten Seltenheiten der Tierwelt zählt.

Mit einigen durchaus gelungenen Naturdokumenten, viel neuer Erfahrung und wertvollen Daten machen wir uns auf den Rückweg.
Die Auswertung derselben am Abend brachte uns die Erkenntnis, dass wir zwar Jungtiere haben dokumentieren können, uns jedoch aufgrund der tageszeitlich „späten“ Ankunft am Biotop eine vollständige Metamorphose, ein Schlupf der Art, verwehrt blieb.

Um eine derart extrem seltene Situation zu dokumentieren müssen wir also noch einmal dorthin – und zwar viel früher am Tag. Doch das ist eine andere Geschichte.

Hier ein kleines Artenprofil der Östlichen Moosjungfer (Leucorrhinia albifrons):
Die Östliche Moosjungfer erreicht eine Körperlänge von etwa drei Zentimetern und eine Flügelspannweite von 5,5 bis 6 Zentimetern. An den Hinterflügeln befindet sich je ein schwarzer Fleck. Die weiße „Stirn“, die für Moosjungfern typisch ist, kann bei dieser Art gelegentlich dunkel ausgeprägt sein. Dies ist jedoch sehr selten der Fall. Charakteristisch sind die weißen oberen Hinterleibsanhänge beider Geschlechter – dieses Merkmal findet sich sonst in Mitteleuropa nur noch bei der ähnlichen Zierlichen Moosjungfer, die Ihr später sehen werdet. Im Gegensatz zur Zierlichen Moosjungfer hat die Östliche Moosjungfer schwarze Flügelmale (Pterostigma), die nur am äußeren Rand weiße Ränder zeigt. Auch weisen die Männchen keinen so deutlich keulenförmig verdickten, sondern fast gleichmäßig schlanken Hinterleib (Abdomen) auf. Dieser ist größtenteils schwärzlich gefärbt und bei erwachsenen Männchen auf den Segmenten 3 und 4 hellblau bereift.
Wie der Name schon sagt ist die Art mehr im Osten Europas verbreitet. In den letzten Jahren hat sie sich do etwas nach Westen hin ausbreiten können. In Mitteleuropa zählt sie zu den größten Seltenheiten unter allen Libellenarten.

Sie bewohnt Altwasser und Weiher sowie Moore mit sehr guter Wasserqualität, offenen Wasserflächen und teilweise vorkommender Schwimmblattvegetation. Schilfbestandene Uferregionen mit ausreichend Platz zum Ansitzen werden bevorzugt. Zugewachsene Gewässer werden von der Art gemieden.
Die Östliche Moosjungfer ist in unseren Landen akut vom Aussterben bedroht und hat eine relativ kurze Flugzeit von Mitte Mai bis Ende Juli.

Fortsetzung folgt!

Vielen Dank für Eure Aufmerksamkeit und Eure lieben Kommentare.

Für Interessierte steht seit kurzem ein spannendes Kapitel mit vielen aktuellen Informationen hier zur Verfügung.

http://waldschrat-online.de/10.html

Weitere Neuigkeiten aus der „Welt der Juwelen der Lüfte“ gibt es hier zu bewundern:

http://waldschrat-online.de/index.html

Liebe Grüße an alle Naturfreunde und solche, die es noch werden wollen,

Willi, der „Waldschrat“
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5 Kommentare
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Marc Lippold aus Wendeburg | 17.12.2011 | 23:22  
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Gerhard Redeker aus Burgdorf | 17.12.2011 | 23:57  
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L. G. aus Wertingen | 18.12.2011 | 17:08  
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