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Stadtarchivar Eckard Steigerwald: Das Barsinghäuser Wappen gibt es erst seit 1950

In einer Feierstunde im Juni dieses Jahres zeichnet Bürgermeister Walter Zieseniß (von links) zwei altgediente Mitarbeiter aus: Stadtarchivar Eckard Steigerwald und Reiner Blumenscheit von der Gebäudewirtschaft arbeiten jeweils seit 25 Jahren im öffentlichen Dienst. (Foto: Kannegießer)
Eckard Steigerwald ist der Stadtarchivar von Barsinghausen. Für das neue Magazin der Calenberger Zeitung "Barsinghausen kompakt" gewährt er im Interview Einblicke in die Stadtgeschichte und verrät, welche historische Etappe ihn persönlich besonders fasziniert.



Herr Steigerwald, Sie sind Barsinghausens Stadtarchivar. Was gehört zu Ihrem Aufgabenbereich?

Zunächst habe ich die sich aus dem niedersächsischen Archivgesetz ergebende Pflichtaufgabe jeder niedersächsischen Kommune wahrzunehmen: Aus dem bei der Stadtverwaltung und den Vorgängergemeinden angefallene und ständig hinzukommende Schriftgut ist das historisch relevante Archivgut auszuwählen. Hinzu kommt, auch Dokumente, Fotos usw. von Privatpersonen, Vereinen, Firmen zu übernehmen, die für die Geschichte Barsinghausens von Interesse sind. Das Archivgut muss verzeichnet, eingelagert und für Auswertungen zur Verfügung gestellt werden. Dabei berate ich die sehr unterschiedlichen Archivnutzer zu allen möglichen Fragen der örtlichen Geschichte.
Aus dieser Beschäftigung mit den Quellen zur örtlichen Geschichte ergaben und ergeben sich verschiedene Projekte zur Stadtgeschichte, wie der Erarbeitung und Herausgabe des Buches „Barsinghausen – unter Schlegel, Klöppel und Eisen“ oder den Vorarbeiten für die Verlegungen der Stolpersteine.
Über die Aufgabe Stadtarchiv/Stadtgeschichte hinaus bin ich zuständig für die musealen Angelegenheiten der Stadt und führe die laufenden Geschäfte der Siegfried Lehmann-Stiftung.

Wenn Sie die Einrichtung „Stadtarchiv Barsinghausen“ mit anderen im Umland vergleichen. Was zeichnet das Barsinghäuser Stadtarchiv aus? Wie unterscheidet es sich von anderen?

Da das Stadtarchiv hauptamtlich besetzt ist, ist es während den normalen Dienstzeiten in der Regel erreichbar. Das Archivgut ist nicht nur eingelagert, sondern auch „aufbereitet“. Deshalb kann auch entsprechend der Fragestellung gezielt und kurzfristig Auskunft gegeben und auf die Archivalie zurückgegriffen werden.

Wenn sich jemand für einen Besuch im Stadtarchiv interessiert oder etwas recherchieren möchte: Wie funktioniert das bei Ihnen?

Man ruft an, schreibt eine eMail oder einen Brief. Die Telefonnummer und die eMail-Adresse sind im Telefonbuch oder auf der Internetseite der Stadt Barsinghausen zu finden.

Was findet man bei einem Besuch im Stadtarchiv? Welche „Schätze“ werden dort aufbewahrt?

Zunächst einmal kommt es aufs Thema an - ob jemand dazu ein Schriftstück oder ein Foto angefertigt hat, das irgendwann einmal ins Stadtarchiv gekommen ist. Sollte das der Fall sein, muss es unter den tausenden Schriftstücken aufgefunden werden. Dazu gibt es das „Findbuch“, das selbst vier Ordner stark ist, oder das Archivverwaltungsprogramm, in dem man mit Suchbegriffen das Gewünschte aufspürt.

Wenn Sie einen Blick auf Barsinghausens Geschichte werfen: Woher stammt eigentlich der Name „Barsinghausen“? Und wieso zieren Hirsch, Schleifstein sowie Schlegel und Eisen das Wappen?

Barsinghausen tritt in den überlieferten Schriftquellen Ende des 12. Jahrhunderts erstmals in Erscheinung. Damals wurde die kleine Ansiedlung Berkingehusen genannt. Das Grundwort –husen deutet darauf hin, dass die Ansiedlung da bereits ein paar Jahrhunderte existiert hat. Zur Unterscheidung von den vielen anderen Ansiedlungen hatte es noch das Bestimmungswort Berkinge- erhalten, das auf den altsächsischen Personennamen Berico (oder ähnlich) zurückgeht. Die ursprüngliche Bedeutung von Berkingehusen dürfte demnach "Behausung(en) des Berico" gewesen sein.
Das Wappen Barsinghausens ist erst 1950 geschaffen worden. Der Schöpfer hat sich dabei von den Besonderheiten Barsinghausens leiten lassen: Der Hirsch symbolisiert den Wald, besonders den Deister, mit seinem reichem Rotwildbestand. Der goldene Schleifstein steht für die Sandsteingewinnung und –verarbeitung, dem zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert vorherrschendem Gewerbe in Barsinghausen. Und Schlägel und Eisen kennzeichnen den Steinkohlenbergbau, der anschließend bis 1957 Barsinghausen prägte.

Wie hat sich Barsinghausen entwickelt – in welche Epochen lässt sich die Stadtgeschichte einteilen?

Barsinghausen ist 1968 und 1974 aus 18 selbstständigen Orten gebildet worden, deren historische Entwicklungen zum Teil sehr unterschiedlich verlaufen sind. Deshalb beschränke ich mich hier auf den Ortsteil, der heute Kernstadt oder Alt-Barsinghausen genannt wird.
Etliche Jahrhunderte lang ist in Barsinghausen in bescheidenen Umfang ausschließlich Landwirtschaft betrieben worden. Mit der Gründung des Klosters (ca. 1185) bestimmte es die weitere Entwicklung; es entstanden viele kleine Hausstellen, deren Bewohner vor allem auf den Ländereien und dem Wirtschaftshof des Klosters arbeiteten. Spätestens im 16. Jahrhundert hat sich daneben die Sandsteingewinnung und –verarbeitung (Steinhauerei) als selbstständiges Gewerbe herausgebildet. Im 17.Jahrhundert war bereits ein Fünftel der Einwohner Barsinghausens von den Einkünften aus den Steinbrüchen abhängig, Anfang des 19. Jahrhunderts sind es sogar ein Drittel gewesen. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und der rapide ansteigenden Nachfrage nach fossilen Brennstoffen begann und wuchs der Steinkohlenbergbau im Deisterrevier, zu dessen Hauptort Barsinghausen wurde. 1848 hatte Barsinghausen noch 1.318 Einwohner, 1905 waren es bereits 4.915; 1.729 arbeiteten 1905 im Bergwerk, von denen der größte Teil in Barsinghausen wohnte; das heißt: fast die gesamte Bevölkerung war direkt oder indirekt von den Einkünften der Bergleute und den Aufträgen des Bergwerks abhängig. Schlagartig änderte sich das mit der Bergwerksstilllegung 1957: Innerhalb von nur zwei Jahren wurde die 1955 noch 2.087 Personen zählende Belegschaft auf 63 (!) 1957 abgebaut. Die hier angesiedelten „Ersatzbetriebe“ (Teves - heute TRW - und Bahlsen) konnten nur ca. ein Drittel der arbeitslos gewordenen Bergleute aufnehmen, nahezu die Hälfte pendelte nun tagtäglich in die benachbarten Bergbaureviere oder zu den Industriebetrieben Hannovers. Erstaunlich ist, dass nur jeder Achte Barsinghausen verließ; wahrscheinlich ist das auf die aufsteigende Wirtschaftsentwicklung jener Jahre und der Wohnraumknappheit in den Ballungsräumen zurückzuführen. Seitdem ist Barsinghausen eines der typischen, in der Nähe einer Großstadt gelegenen Mittelzentren.

Sie sind einer der Experten für Barsinghausens Geschichte, haben das Buch „Barsinghausen – unter Schlegel, Klöppel und Eisen“ herausgegeben. Welche historische Etappe hat Sie persönlich besonders fasziniert?

In den 20 Jahren, die ich als Stadtarchiv in Barsinghausen arbeite, hat das immer wieder gewechselt. Besonders berührt hat mich zuletzt die intensive Beschäftigung mit der Verfolgung der jüdischen Einwohner Barsinghausens während der nationalsozialistischen Herrschaft.

Wenn sich jemand für die Stadtgeschichte interessiert. Wo bekommt er Informationen? Und wo das Buch „Unter Schlegel, Klöppel und Eisen“?

Über die Themen Steinhauerei, Bergbau, die Entwicklung während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts informiert das Buch „Barsinghausen – unter Schlegel, Klöppel und Eisen“ umfassend und mit vielen Details. Es ist im Buchhandel, aber auch im Tourist-Office oder bei der Stadtverwaltung erhältlich. Darüber hinaus bietet die Internetseite der Stadt einige Schlaglichter zur Geschichte der Stadt, bzw. schafft Verbindungen zu Einrichtungen wie dem Besucherbergwerk mit in diesem Fall Spezialisten zum Thema Bergbau. Wem das noch nicht ausreicht, dem bleibt das Stadtarchiv, dem Historisches Gedächtnis der Stadt.
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Weiterveröffentlichungen:

Barsinghausen kompakt | Erschienen am 03.12.2011
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