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Pastorin Elke Pankratz-Lehnhoff: „Ich habe nichts gegen Kirchentourismus“

Hohenbostels Pastorin Elke Pankratz-Lehnhoff (Foto: T. Hoenemann)
Elke Pankratz-Lehnhoff ist seit April dieses Jahres Pastorin für die Thomaskirche Hohenbostel und die Alexandrikirche Bantorf. Im Barsinghausen-kompakt-Interview verrät sie, ob sie sich in Hohenbostel schon eingelebt hat, und was ihre Gemeinde auszeichnet.
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Frau Pankratz-Lehnhoff, seit April dieses Jahres sind Sie die Pastorin für die Thomaskirche Hohenbostel und die Alexandrikirche Bantorf. Haben Sie sich schon eingelebt?

Das werde ich oft gefragt. Offensichtlich möchten viele Menschen in meinen Gemeinden wissen, ob es der neuen Pastorin und ihrer Familie dort gut geht. Als Pastorin in einer Gemeinde zu arbeiten, bedeutet ja auch immer, ein Stück Leben mit den Menschen darin zu teilen, so zu leben, wie die anderen dort auch leben. Dafür haben die Menschen ein gutes Gespür. Und die meisten wissen auch: nicht allein, dass die Arbeit Spaß macht und gut gelingt, ist wichtig, sondern auch, dass man sich an dem Ort, an dem sie geschieht, wohlfühlt.
Ich kann sowohl für diese beiden Orte – es handelt sich ja immer um zwei Gemeinden, von denen ich spreche, als auch für die Menschen, denen ich hier begegne, sagen, dass ich mich wohlfühle. Mit meiner Familie kann ich in einem schönen, alten Pfarrhaus leben, die Nähe zu Deisterwald und die schöne Umgebung genießen wir sehr. Von den Mitarbeitenden wie von den Gemeindegliedern bin ich freundlich aufgenommen worden und in der Region stieß ich auf ein nettes und motiviertes Kollegenteam. Dass ich als Nachfolgerin von Volker Wolff nur auf einer dreiviertel Stelle arbeite, und dass ich, weil unsere Kinder noch relativ klein sind, öfter auf familiäre belange Rücksicht nehmen muss, stößt bei allen Gemeindegliedern auf grundsätzliches Verständnis.
Ob es im konkreten Arbeitsalltag auch immer gelingt, sowohl den Interessen der Gemeinde, als auch denen der Familie gerecht zu werden, ist eine andere Sache. Da merke ich, wie viele Kolleginnen und Kollegen im Pfarramt, dass die bisherigen Arbeitsstrukturen und Arbeitszeiten den jetzigen Verhältnissen in den Gemeinden nicht mehr ganz gerecht werden.

Was zeichnet Ihre Gemeinde aus? Gibt es auch etwas, dass besser sein könnte?

Ausgezeichnet sind die beiden kleinen Kirchengemeinden Bantorf und Hohenbostel zunächst dadurch, dass sie ein verbundenes Pfarramt haben. Schon seit Jahrhunderten. Zu spüren ist aber deutlich, dass manches in kleinen Gemeinden schwerer zu regeln ist, als in größeren. Wir spüren das an den Schwierigkeiten, eine größere Zahl von Gemeindegliedern zur Mitarbeit zu motivieren – aktuell auch, besonders in Bantorf, an den Schwierigkeiten, Kandidaten für den Kirchenvorstand zu gewinnen. Mitunter wird es auch in der Finanzierung größerer Projekte schwierig. Manchmal sind in Gottesdiensten, die ich zusammen mit einem Team vorbereitet habe, nicht so viele Besucher, wie wir es uns wünschten und wie es dem Aufwand entspräche, der oft damit verbunden ist.
Andererseits sehe ich, dass in beiden Gemeinden Möglichkeiten schlummern oder sich schon auftun. Im kleinen Bantorf gibt es einen größeren Anteil an Mitarbeitenden, die im Konfirmandenunterricht mitmachen. Dass das Zusammengehörigkeitsgefühl groß ist, erlebe ich, wenn bei vielen Beerdigungen die Kirche gut gefüllt ist.
Die Spenden für das freiwillige Kirchgeld lassen in beiden Gemeinden darauf schließen, dass vielen die Kirche am Ort etwas wert ist. Wir haben immer noch recht hohe Konfirmandenzahlen – und kommen so in Berührung mit vielen Jugendlichen und ihren Familien. Berührungspunkte gibt es für mich und meine Diakonen-Kollegin Heidemarie Sieg auch dadurch, dass wir in beiden Gemeinden Kindergärten mit sehr engagierten Erzieherinnen haben. Das sind Potentiale, aus denen wir, vor allem, wenn wir noch etwas mehr Zeit und noch etwas mehr Mitarbeitende hätten, viel machen könnten.
Dabei denke ich nicht nur an irgendwelche Projekte und an neue Gruppen und Kreise, sondern zunächst einmal an mehr Begegnung, Austausch und Tuchfühlung mit den Menschen, die uns dabei über den Weg laufen. Viele haben auch nicht mehr die Zeit, weitere Veranstaltungen zu besuchen. Darum wären noch bessere Kommunikation – und dann hin und wieder ein paar Highlights! – etwas, was ich und was wir versuchen sollten. Erreichen möchten wir als Gemeinde – und da spreche ich auch für unsere Kirchenvorstände – nicht zuletzt auch die Bewohner in den Neubauvierteln. Wir sehen sie oft als isoliert vom dörflichen und kirchlichen Leben an – und vielleicht fühlen sie sich auch so.
Also auch da gäbe es etwas zu verbessern. Und auch an der Jugendarbeit, an den Angeboten für Menschen im mittleren Alter oder im frühen Seniorenalter... Ich hoffe, dass sich ein paar Gemeindeglieder finden, die nicht unbedingt neue Angebote ins Leben rufen, aber die als Brückenbauer und Kommunikatoren hilfreich sein könnten, denn wir Hauptamtlichen kommen längst nicht mehr überall hin. Andererseits: wenn es nichts zu verbessern gäbe, dann wären wir Verantwortlichen entweder total verschlafen – oder wir hätten uns überflüssig gemacht. Das allerdings wäre kein schlechtes Ziel, denn dann würden alle dafür sorgen, dass in unsere Dörfern evangelische Kirche präsent und lebendig bleibt.

Wenn jemand überlegt, nach langer Zeit mal wieder einen Gottesdienst zu besuchen, was würden Sie ihm antworten: Warum lohnt sich ein Gottesdienstbesuch in Hohenbostel und Bantorf?

Dass es einfach und unbedingt mehr Spaß macht und mehr Kraft gibt, Gott gemeinsam zu loben, auf seine Botschaft gemeinsam zu hören und darüber laut und leise nachzudenken. Wir vereinzeln alle immer mehr mit unseren Gedanken, unseren religiösen Gefühlen und Vorstellungen. Wir verlieren an Gewissheit, an Zuversicht, an Krisenfestigkeit – und an Selbstbewusstsein auch! Je größer und stärker unsere Gemeinschaft ist, um so mehr Gewinn ziehen wir daraus. Aber es kommt nicht immer auf die Größe an. Es kommt auch darauf an, dass der Heilige Geist dabei ist und uns mit „Kraft, Liebe und Besonnenheit“ (so der 1. Timotheusbrief) erfüllt. Ich habe auch sehr bewegende Gottesdienste und Andachten mit einer kleinen Runde erlebt.
Das habe ich jetzt recht grundsätzlich und für manch einen vielleicht auch recht „fromm“ formuliert, aber die obige Frage berührt eben auch Dinge, die uns Hauptamtliche überhaupt motiviert haben, diesen Beruf zu ergreifen und in einem „Verein“ wie der ev.-luth. Kirche mitzumachen, der ersteinmal nicht besser oder schlechter ist als andere Vereine auch.

Zu Hohenbostel und Bantorf: Wer in den Gottesdienst kommt, findet sich mal in einer kleineren, mal in einer größeren Gemeinschaft von Christinnen und Christen wieder. Die beiden alten, schönen Kirchen erzählen indirekt von vielen Menschen vieler Jahrhunderte, die diese Orte aufsuchten um mit Lob und Dank oder Bitte und Klage ihre Anliegen vor Gott zubringen. Wir dürfen dazugehören zu dieser langen Geschichte von Menschen. Und wir haben Zeit, über unser Leben nachzudenken. Wir können die Worte der Bibel andächtig, aber auch ehrlich und kritisch hören und zu unserem Leben in Beziehung setzen. Und wir können dabei entdecken, dass diese Worte unmittelbar in unser Leben hineinsprechen. Beziehungsweise: wir können entdecken, dass etwas aus unserem Leben in diesen alten Worten schon vorkommt. Die Menschen und Geschichten der Bibel sind für mich so etwas wie Modelle für unser Leben und Glauben. Das versuche ich, in meiner Predigt zu vermitteln.

Es gibt auch Menschen, die sich nicht auf Weihnachten freuen können, weil die Zeit mit schlechten Erinnerungen verhaftet ist oder weil jemand (plötzlich) in eine Trauerphase geraten ist. Was raten Sie solchen Menschen?

Mir erzählte mal eine Frau, dass nach ihrer Scheidung all diese Christvespern mit den vielen Kindern aus den vielen, scheinbar so heilen Familien für sie kaum mehr auszuhalten waren. Ich konnte das gut verstehen. Oder auch: wenn andere Erlebnisse einem das „Frohe Weihnachten“ schwer machen. Mein erster Rat ist: Suchen sie den Gottesdienst oder die Veranstaltung, die ihren Bedürfnissen entgegenkommt. Ich habe kein Problem mit „Kirchentourismus“, wenn man denn überhaupt einen Gottesdienst besucht. Hauptsache, man findet dort das, was einem gut tut.
Andererseits: jeder Gottesdienst ist anders, nie ganz vorherseh- oder planbar. Das hängt von den Menschen ab, die kommen, von den Vorbereitenden, vom Heiligen Geist (s.o.) und das hängt auch von der eigenen Verfasstheit ab. Wer einen Gottesdienst besucht, muss bereit sein, sich überraschen zu lassen!
Es muss auch nicht immer der Gottesdienst am Heiligen Abend sein, Weihnachten wird auch am ersten oder zweiten Weihnachtstag gefeiert – und ein bisschen noch bis in die Epiphaniaszeit Anfang Januar hinein. Wo möglich, gestalten die Gemeinden am ersten oder zweiten Weihnachtstag auch Gottesdienste mit viel Musik oder einem weiteren Krippenspiel.
In fast allen Gemeinden gibt es auch die späten Christnachtfeiern am Heiligen Abend, die besonders bei Jugendlichen und bei den Gottesdienstbesuchern sehr beliebt sind, die den Trubel meiden wollen. Und überhaupt ist Weihnachten nicht nur an diesen ein-zwei Tagen. Dem, was Weihnachten „uns“ und „mir“ zu sagen hat, sollten wir nicht nur in einer einzigen Stunde nachgehen. Die Botschaft vom Gott, der Mensch wurde, soll sich doch verwurzeln in „meinem“ Leben.

Viele Familien mit Kindern besuchen die Christvesper an Heiligabend – oftmals bleibt dies der einzige Kirchenbesuch der Familie im Jahr. Wie begegnen Sie diesen Familien? Und was entgegnen Sie Menschen, die das kritisch sehen?

Ganz klar: Ich freue mich über alle, die kommen! Und ich freue mich, wenn es wenigstens noch dieses christliche Ritual in den Familien gibt. Wir Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakone sollten die Menschen, die kommen ernst nehmen, ob sie nun Kirchensteuern zahlen oder nicht. Das andere ist: Wer kommt, macht mit! Ein Krippenspiel ist keine Bühnenvorstellung mit Publikum, sondern gespieltes Weihnachtsevangelium mit Gemeinde. Und die Gemeinde kann und soll mitmachen: mitsingen, mitbeten, mitlachen, mitklatschen, mithören und an manchen Stellen auch mitreden! Viele trauen sich das nicht mehr. Aber ein Gottesdienst kann nur so schön sein, wie ich mich selber darauf einlasse. Wenn ich nur Zuschauer bleibe, geht das Eigentliche an mir vorbei. Das ist jammerschade!
Bei manchen Gottesdienstbesuchern spürt man eine Anspruchshaltung à la: „Nun zahle ich schon meine Kirchensteuern, und nun komme ich schon mal hierher – und dann ist kein Platz mehr frei oder die Kirche wird dicht gemacht“. An diese Leute: Wir tun schon so viel wir können. Wenn die Kirche zu voll ist, kommen sie bitte morgen wieder. Da kann es genau so schön sein. Oder helfen sie uns, im nächsten Jahr einen weiteren Gottesdienst zu machen.
Ist hier Werbung erlaubt? Für Bantorf und Hohenbostel bieten wir – auch um mehr Platz zu haben – übrigens eine Christvesper für Familien in der Scheune an. Und wir singen alte wie neue Weihnachtslieder. Vielleicht wäre das eine Form, die viele anspricht, und die wir dann auch in den nächsten Jahren anbieten können.

Wenn wir einen Ausblick auf das nächste Jahr werfen: Was wollen Sie in Ihrer neuen Gemeinde bewegen? Was haben Sie sich auf die Fahne geschrieben?

Zunächst möchte ich bitteschön eine gute Kirchenvorstandswahl mit möglichst vielen Kandidatinnen und Kandidaten und einer gute Wahlbeteiligung. Und dann wünsche ich mir, dass wir in den Kirchenvorständen ein gutes Team werden und auf einer Tagung uns in Ruhe über unsere Ziele verständigen können. Und dann hoffe ich, dass es uns etwas längerfristig gelingt, ein paar Veranstaltungen zu organisieren, wo Menschen im mittleren Lebensalter gerne mal hingehen.
Sowohl für Frauen als auch für Männer fehlt bei uns was. Unsere Jugendlichen brauchen mehr Unterstützung. Wer von unseren Gemeindegliedern früher Erfahrungen mit Jugendarbeit gesammelt hat und noch nicht allzu alt ist, könnte da vielleicht helfen. Ja und irgendwann mal eine gemeinsame Freizeit für Menschen verschiedener Generationen, natürlich mit Kinderbetreuung, das würde Spaß machen. Uns fehlt es wohl weniger an Ideen als an Menschen, die gerne im Team arbeiten und helfen, sie umzusetzen. Also gilt es, diese Menschen zu gewinnen und ihnen zu signalisieren, dass wir sie brauchen und dass sie bei uns Verantwortung übernehmen können.

Wenn jemand Interesse am Ehrenamt hat: Wie kann er sich in Ihrer Gemeinde engagieren?

Soll ich das wirklich alles aufzählen? Im Besuchsdienst, in der Konfirmandenarbeit, in der Jugendarbeit, im Kirchenvorstand, im Kindergottesdienstteam, in der Öffentlichkeitsarbeit ... Wichtig sind uns Leute, die Zeit und oder Ideen haben und auch die vielen kleinen Schritte zur Umsetzung von Ideen begleiten können. Natürlich fehlt uns auch mal jemand, der Gemeindebriefe austeilt oder für eine Veranstaltung die Brötchen schmiert. Aber es braucht eben auch die Leute, die sagen: Das hier ist mir wichtig. Hier kann ich was bewegen. Oder auch: hier kann ich meinen Glauben leben. Hier treffe ich auf Menschen, mit denen man gut reden kann. Ich selbst könnte ein Dutzend Leute aufzählen, die mir als Menschen wertvoll oder sogar vorbildlich geworden sind. Dazu gehören ein paar ehemalige Konfirmandinnen ebenso wie Erwachsene aus der Seniorengruppe oder aus den Kirchenvorständen. Die interessantesten Menschen habe ich bei der Kirche kennengelernt.
Wer auf so was Lust hat, kann sich an uns Hauptamtliche (am besten also an unsere Diakonin oder an mich) oder an die Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher wenden. Und er oder sie sollte bereit sein, im Team zu arbeiten und unsere Ziele als ev.-luth. Kirche zu unterstützen. Dann ist vieles möglich.

Mal abgesehen von Ihrem Beruf: Was macht Hohenbostel/Barsinghausen lebenswert? Und was sollte in Hohenbostel/Barsinghausen besser werden?

Lebenswert ist, dass wir hier mit Barsinghausen dörfliches und kleinstädtisches Leben so nah beieinander haben. Was man braucht in Bezug auf Kunst, Kultur und Kinder, Küche, Kirche ist nie weit entfernt. Auch die Sportvereine bieten einiges an. Dass in beiden unserer Dörfer Schulen und Kindergärten sind, finde ich ganz klasse und hoffe, zumal es m. E. gut geführte Einrichtungen sind, dass es dabei bleibt. Eine S-Bahn-Anbindung haben wir auch, man kommt also auch ohne Auto gut vom Fleck. Am schönsten aber finden meine Familie und ich immer noch den Deister und die ländliche Umgebung, die Möglichkeiten zum Wandern und Radfahren. Und was uns noch fehlt: etwas mehr Angebote in musikalischer Richtung. Dass es hier keine Bläsergruppe, keinen Posaunenchor gibt, ist schade, auch für unsere Kirchengemeinde. Noch spielt der Feuerwehrmusikzug, noch gibt es die Chöre. Aber auch da ist eben die mittlere Altersgruppe wenig vertreten und die Jungen fehlen ganz. Es sind eben nicht nur die Kirchengemeinden, in denen sich etwas verbessern ließe.
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Weiterveröffentlichungen:

Barsinghausen kompakt | Erschienen am 17.12.2011
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