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Das Calenberger Land zwischen Leine und Deister

Das Calenberger Land ist eine historische Landschaft. Es hat eine Menge zu bieten. So auch außergewöhnlich viele Rittergüter. Hier das Bettenser Gut.
 
Wir starten unsere Radtour in Hannover am Döhrener Turm, der im Jahr 1382 als Wartturm errichtet wurde.
 
Im spitzen Winkel, dort wo der Stichkanal zum Lindener Hafen und der Leineverbindungskanal zusammentreffen, lag einst das Conti-Gelände Limmer. Dort wird ein neuer Stadteil entstehen, die Wasserstadt.
 
Der Englische Friedhof in Ahlem. Mehr als 2400 Luftwaffen-Soldaten des 2. Weltkrieges fanden dort ihre letzte Ruhestätte.
 
Während der Weichseleiszeit entstanden fruchtbare Lößböden. Deswegen prägt die Landwirtschaft das Landschaftsbild des Calenberger Landes. Dazwischen sind kleine Mittelgebirgszüge eingelagert. Hier geht der Blick auf den Benther Berg, der eine Höhe von 173 Meter erreicht.
 
Auf seinem Kamm befindet sich ein altes Gräberfeld aus der Bronzezeit. 27 Hügelgräber liegen dicht beieinander.
   
Vom Benther Berg geht der Blick auf die Stadtsilhouette von Hannover.
 
Der Ort Benthe schmiegt sich an den Südhang des Berges. Das alte Adelsgeschlecht der von Benthes nahm im 12. Jahrhundert den Namen des Ortes an.
Barsinghausen: Calenberger Land |

Im vorigen Jahr habe ich das südliche Calenberger Land zwischen Hannover und dem Osterwald beschrieben (Schlösser, Burgen, Klöster - Durch das Calenberger Land zu Osterwald und Ith). Mit dem folgenden Bericht möchte ich mich dem nördlichen Calenberger Land zwischen Hannover und dem Deister zuwenden. Dabei habe ich mit dem Fahrrad diverse Strecken erkundet. Viel Natur, viel Historisches und überhaupt viel Interessantes habe ich dabei auf verschiedenen Routen kennengelernt. Doch was ich hier zeigen möchte, ist eben nur eine Auswahl, denn natürlich hat dieser Landstrich noch viel mehr zu bieten, von dem ich nichts weiß oder das eben nicht auf meiner Strecke lag. So zum Beispiel die, wenn auch kümmerlichen Reste, von diversen Burgen oder viele Rittergüter. Und so manche Dinge erfährt man erst rein zufällig, wenn man an ihnen vorbeiradelt, weil sie eben gerade dort am Wegesrand liegen.
Zu einer solchen Tour kann man in Hannover starten, dann hat man, je nach Streckenauswahl, bis zu 100 Kilometer vor sich. Man kann natürlich auch mit dem Nahverkehrszug zum Beispiel nach Bennigsen, Wennigsen oder Barsinghausen fahren und dort beginnen. In jedem Fall ist das Rad das geeignetste Mittel um Landschaften zu erkunden, da man mit dem Auto, ohne es zu bemerken, an vielem Sehenswerten einfach vorbeifährt. Wir starten unsere Tour an einem Sommertag morgens am Döhrener Turm und sind gespannt darauf, was wir so entdecken werden.

Zunächst geht es um den Maschsee herum, der uns so vertraut ist. An seiner Rückseite am Schnellen Graben verlassen wir ihn, um weiter an der Ihme entlang zu radeln. Und das ist eine schöne Strecke. Obwohl sie quer durch Hannover führt, verläuft sie doch immer im Grünen und am Wasser entlang. Im neuen tiefer gelegten Uferbereich, der erst kürzlich für den Hochwasserschutz fertiggestellt und auch gleich auf die Probe gestellt wurde, lassen wir das Ihme-Zentrum, die Fehlplanungen der siebziger Jahre, links liegen. Zur Rechten irgendwann die Herrenhäuser Gärten, die wir natürlich auch immer mal wieder besuchen. Und dann wiederum nach links eine große kahle Fläche, auf der ein neuer Stadtteil entstehen wird, die Wasserstadt. Nur noch der Wasserturm und zwei übriggebliebene Gebäude künden davon, dass an dieser Stelle einst ein großes Conti-Werk viele Produkte aus Gummi produziert hat.

Wir durchqueren des Stadtteil Ahlem, machen kurz Halt am Denkmal des KZ-Außenlagers Ahlem und werfen einen Blick auf den Englischen Soldatenfriedhof mit den über 2400 schneeweißen Grabsteinen, der in jedem Fall einen Extrabesuch verdient und verlassen dann endgültig den Großstadtbereich. Über das Dorf Velber und die lange, schnurgerade Lenther Allee sind wir nun mitten drin in schöner Feldlandschaft mit viel Natur, und damit auch mittendrin im Calenberger Land.

Im Dorf Lenthe erleben wir eine erste Überraschung, von der wir bis dahin keine Ahnung hatten. Ein Denkmal und ein altes Rittergut klären uns darüber auf. Das erstere, ein Gedenkstein, ist Werner Siemens gewidmet, im zweiten, dem Gutshof, ist er im Jahr 1816 geboren und aufgewachsen. Sein Vater, dessen Familie aus Goslar stammt, war Pächter dieses Gutshofes, der einst aus einer mittelalterlichen Wasserburg entstanden ist. Der Wassergraben am Eingangsbereich kündet noch von dieser Zeit. Werner Siemens ist der Entdecker des Elektrodynamischen Prinzips und der Gründer der nach VW heute zweitgrößten deutschen Firma. Für uns ist es schwer vorstellbar, dass er auf einem kleinen Dorf kurz vor den Toren Hannovers seine ersten Lebensjahre verbracht hat.
Doch Lenthe hat noch mehr zu bieten. Einen schönen alten Dorfkern mit kleiner Kirche, einigen alten Grabsteinen und einem Fachwerkhof daneben. Ein romantisches Ensemble, das zu einer kurzen Rast einlädt.

Wenn man von Lenthe in südöstliche Richtung blickt, dann schaut man über die Feldlandschaft auf einen fünf Kilometer langen bewaldeten Höhenzug, der nicht weit entfernt ist. Das ist der Benther Berg, der mit 173 Metern zwar nur mäßig hoch ist, der doch aber zu den am nördlichsten gelegenen Mittelgebirgszügen Deutschlands gehört. Nur noch die Rehburger Berge am Steinhuder Meer liegen der Norddeutschen Tiefebene näher. Und auch dieser Berg hat etwas Besonderes zu bieten. Hat man ihn von Benthe aus mit dem Rad erklommen, wobei man ordentlich in die Pedalen treten muss, dann erreicht man auf seiner Höhe den Kammweg. Zu beiden Seiten dieses Weges fallen einem im Wald viele Hügel auf, die einen Durchmesser von mehreren Metern und eine Höhe von etwa eineinhalb Meter aufweisen. Dabei handelt es sich um ein Gräberfeld aus der älteren Bronzezeit. Vor etwa 3500 Jahren haben dort Bauern ihre Verstorbenen bestattet. Beigelegt haben sie den Toten Waffen, Geräte und Schmuck für ein Leben in einer anderen Welt. Zunächst wurde in jedem Hügel nur ein Toter bestattet, später auch mehrere. 27 dieser Hügelgräber liegen auf der Höhe verstreut. Archäologisch sind sie bisher kaum erforscht.

Am anderen Ende des Benther Berges geht es nach Benthe hinunter. Dort bewundern wir die schön herausgeputzte Holländerwindmühle, die aus der Mitte des 19. Jahrhunderts stammt. Und nicht weit davon entfernt gibt es noch eine andere Sehenswürdigkeit, die Sieben Trappen. Dabei handelt es um eine Gruppe von mit Kreuzen versehen Steinen, die im Halbkreis aufgestellt sind. Einst gehörten die Kreuzsteine zu einer mittelalterlichen Gerichtsstätte, die sich zwischen der Mühle und der heutigen B 65 befand. Eine bekannte niedersächsische Sage rankt sich darum, die von einem Bauern handelt, der seinem Knecht nicht den ihm zustehenden Lohn ausgezahlt hat. Sieben Trappen musste er nach einem Gerichtsurteil durchschreiten und sank dabei wegen seiner Lüge immer tiefer in den Boden, bis er schließlich in der Hölle landete.

Nun haben wir schon einiges Historisches gesehen. Doch es soll auch weiterhin viel davon auf der Strecke liegen, nur eben aus den verschiedensten Epochen.
Nur wenig weiter geht es durch die Feldlandschaft auf den nächsten kleinen Mittelgebirgszug zu. Das ist der Gehrdener Berg. Der Ort Gehrden selber ist schön am Hang gelegen. Mit der Fußgängerzone und den prächtigen Villen oben am Waldrand, strahlt er viel Gemütlichkeit aus. Sicher ist das Wohnen dort, einerseits in Großstadtnähe und doch etwas ländlich, sehr angenehm. Und auch hier gibt es wieder Historisches anzuschauen. So radelt man, vom Benther Berg her kommend, den roten Schildern der Fahrradregion folgend im Ort selber direkt an einer Ausgrabungsstätte vorbei. Seit dem Jahr 2000 wird dort eine germanische Siedlung aus dem 3. oder 4. Jahrhundert freigelegt. Anhand von Bodenverfärbungen konnten diverse Langhäuser (bis 25 Meter Länge) und viele Grubenhäuser festgestellt werden. Auch kleine Fundstücke aus römischer Zeit konnten entdeckt werden, die sehr aufschlussreich sind.
Und auch nur ein kurzes Stück weiter, auf der Höhe des Berges, haben Archäologen der Berliner Universität kürzlich Ausgrabungen durchgeführt. Einst stand dort oben eine Wallburg. Wälle und Wassergräben sind noch erkennbar. Doch konnte bisher nicht genau geklärt werden, wann diese angelegt wurde. Es wird wohl irgendwann zwischen dem Beginn der Zeitrechnung und dem frühen Mittelalter gewesen sein. Sie wird als Fluchtburg für die umliegenden Ansiedlungen gedient haben.
Immerhin wissen wir wann der Aussichtsturm auf dieser Höhe errichtet wurde. Das war in den Jahren 1887 und 1888. Er war, damals noch mit einem Lokal, ein begehrtes Ausflugziel für ruhesuchende Städter aus Hannover. Aber er ist es auch heute noch. Jeden 1. und 3. Sonntag im Monat kann er zeitweise bestiegen werden. Und das lohnt sich, geht doch der Blick von dort oben über das ganze Calenberger Land. Und das ist schon eindrucksvoll.
Den Berg wieder hinunter, folgt man ein Stück dem Waldrand. Und diese Wege sind nach meiner Auffassung die schönsten. Zur einen Seite das dichte Grün des Buchenwaldes, zur anderen der Blick über die weiten Feldflächen mit ihren eingesprenkelten Dörfern zum Deister hin. Dabei ergeben sich die schönsten Anblicke, und man muss sich einfach mal die Zeit nehmen, sich auf einer der Bänke eine Pause zu gönnen und alles in Ruhe auf sich wirken zu lassen.

Nach Überquerung der kleinen Straße nach Leveste, sieht man vor sich auf der nächsten Höhe eine trutzig wirkende Windmühle, die allerdings ihre Flügel verloren hat. Sie ist besonders für Familien mit Kindern ein beliebtes Ausflugsziel, kann man doch dort den Weg des Getreides bis zum Brot verfolgen. Und innen vermittelt sie einen authentischen Eindruck, wie man sich eben ein Müllerleben in früheren Zeiten so vorgestellt hat. Alles sehr interessant und sehenswert.
Nur wenige Meter weiter kann man im Berggasthaus Niedersachsen in idyllischer Lage einkehren. Einst stand hier ein größeres Ausflugslokal mit einem Turm, der weit über die Wälder emporragte. Von Hannover aus war das Gasthaus ebenfalls ein beliebtes Ausflugziel, das bis in die fünfziger Jahre sogar mit der Straßenbahn erreicht werden konnte. 2000 Gästen bot der lauschige Kaffeegarten Platz. Heute steht dieses Gebäude nicht mehr. Aber ein kleineres ist wohl nicht weniger lauschig. Zum Teil erhalten ist noch die dazugehörige Parkanlage mit einer großzügigen Freitreppe, von der sich zwischen den Bäumen hindurch ein freier Blick auf die Felder nach Barsinghausen hin ergibt. Angelegt wurde diese Gartenanlage von Stadtbaudirektor Julius Trip, der sich auch für den Maschpark am Neuen Rathaus verantwortlich zeigte. Allein der Gehrdener Berg ist mit diesen verschiedenen Sehenswürdigkeiten einen eigenen Ausflug wert.

Nun wenden wir und fahren die Landstraße Richtung Leveste. Nicht weit vor dem Ort steht in der Gabelung zweier Straßen ein Denkmal. Der Graf von Schaumburg hat es König Georg von Hannover gewidmet. Im Jahr 1814 wurde die Residenzstadt auf dem Wiener Kongress zum Königreich erklärt. Nur bis 1866 blieb dieser Status erhalten. Dann wurde Hannover nach der Schlacht von Langensalza von Preußen annektiert.

In Leveste, einem der ältesten Dörfer des Calenberger Landes, schauen wir uns die kleine St. Agahta-Kapelle an. An der Kniggischen Gruft sind noch drei alte Grabsteine erhalten. Der älteste von ihnen zeigt den lutherischen Pastor Barholomäus Rohde mit seiner Ehefrau Catharina. Bei vielen alten Kirchen im Umland Hannovers wurden diese historischen Grabsteine entsorgt und mussten Erneuerungen weichen. Leider, denn natürlich sind sie wichtiges Zeitzeugnisse. Doch mancherorts sind sie Gott sei Dank erhalten geblieben und werden, wenn es die finanziellen Mittel ermöglichen, es auch hoffentlich bleiben.

Nun ändern wir auf unserer Radtour die Himmelrichtung. Wir wenden uns nach Norden. Über gerade Landstraßen und das Dorf Göxe, erreichen wir das Rittergut Dunau, das mitten in der weiten Feldmark liegt. Urkundlich erwähnt wurde es erstmalig 1330. Ein Staticus von Reden erhielt es von den Welfenherzögen Otto und Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg zum Lehen. Ende des Mittelalters wurde es zunächst aufgegeben und fiel wüst. Mitte 1500 erwachte es wieder zum Leben. Weiterhin als Lehen der Welfen wurde es nun von einem Zweig der Familie von Alten weitergeführt, die ursprünglich aus dem Dorf Ahlten stammt, das zwischen Anderten und Lehrte liegt, und die uns immer wieder im Calenberger Land begegnet. In einem anderen Bericht habe ich einmal Graf Carl von Alten vorgestellt, der bei der Schlacht von Waterloo eine nicht unbedeutende Rolle gespielt hat (Die Mausoleumsruine Graf Carl von Altens im Naturschutzgebiet Sundern).
Besonders eindrucksvoll an diesem Gutshof ist die alte Windmühle, die 1878 auf einen Vorgängerbau, eine Wassermühle, aufgesetzt wurde. Das ist schon sehr ungewöhnlich, bietet aber gerade deswegen einen reizvollen Anblick. Für mich ist sie die schönste Mühle im weiten Umkreis Hannovers.

Von Dunau radeln wir weiter nach Lathwehren, und von dort über eine kleine Straße, die von Obstbäumen gesäumt wird, über den Stemmer Berg hinüber nach dem gleichnamigen Ort auf dessen anderer Seite. Stemmen ist ein beschauliches Dorf. 1996 wurde es zum schönsten Dorf des Landkreises gewählt, und das auch zu Recht. Es gibt noch alte Fachwerkhöfe, und auch die kleine Kirche ist sehenswert, an dessen rustikaler Steinmauer der Grabstein eines frühen Pastors anlehnt. 1497 wurde sie über einem Vorgängerbau, einer kleinen Kapelle, erbaut. Steine dieser Kapelle wurden dabei wieder verwendet. Und über allem thront das prächtige Rittergut der Familie von Rössing mit seinen vielen Wirtschaftsgebäuden.
Und wie immer mal wieder auf meinen Radtouren habe ich Glück. Als ich die kleine Kirche betrachte, kommt ein Mann auf mich zu und fragt mich, ob ich sie auch mal von innen sehen möchte. Natürlich möchte ich das. Und so schließt er die Kirchentür auf – denn normalerweise sind die kleinen Kirchen auf den Dörfern nicht so ohne weiteres zugänglich – und führt mich durch das alte Gemäuer, das auch von Innen in einem sehr guten Zustand ist. Und wie sich nun herausstellt, ist dieser Mann kein anderer als Jan Friedrich Freiherr von Rössing, der Besitzer des Rittergutes. Im Anschluss zeigt er mir den Gutshof selber oben auf der Höhe, dessen Herrenhaus im Jahr 1772 aus Deistersandstein errichtet wurde. Die Wappen der Familien von Reden, der damaligen Besitzer, sind zu beiden Seiten oberhalb des Torbogens zu sehen. Erstmalig in alten Schriften erwähnt wurde das Vorgängergut im Jahr 1258.
Der Gutshof hat einen schlossähnlichen Charakter, ist er doch im Stil der Weserrenaicance erbaut. Zur Rechten liegt eine große Parkanlage. Die Front eines alten Wirtschaftsgebäudes ist vollkommen mit Wein überwachsen. Auch das ist ein malerischer Anblick. Zwar wird auch heute noch Landwirtschaft betrieben. Doch die Zeit der Hoftiere, der Misthaufen und der Schwalben am Himmel ist längst vorbei. Heute wird Landwirtschaft effektiv, rationell und in modernem Stil durchgeführt. Mehrere Landwirte tun sich dabei oft der teuren Maschinen wegen zu Gemeinschaften zusammen. Aber wir haben noch die Erinnerungen aus der Nachkriegszeit, als ein Dorf noch ein richtiges Dorf war. Und das sind schöne Erinnerungen, wie aus einer anderen Welt, fast wie aus einer Märchenwelt.
Und noch etwas Interessantes gibt es über den Stemmer Berg zu berichten. Einst wollten hier auf der Höhe des Berges König Ernst August von Hannover und danach sein Nachfolger König Georg V. ein Schloss errichten. Doch der Kauf der Bodenfläche kam nicht zustande. Und so wurde das Schloss nicht in Stemmen, sondern auf dem Schulenburger Berg bei Nordstemmen gebaut. Es ist die Marienburg, die wir gut kennen.
Und auf diese Höhe radeln wir im Anschluss an die Gutsbesichtigung hinauf, denn dort oben liegt das Paradies. So heißt diese Höhe zumindest, und das nicht ganz zu Unrecht, denn sie bietet in der Tat einen fast paradiesischen Ausblick. Auf einer Bank in der Sonne lasse ich mich bei einem Picknick nieder und genieße diese schöne Aussicht über das gesamte Deistervorland mit seinen vielen Dörfern.

Nun folgen wir ein kurzes Stück der B 65, die von Hannover nach Bad Nendorf führt - ihr Verlauf entspricht ungefähr einem mittelalterlichen Handelsweg, der einstmals Braunschweig und Hildesheim mit den Städten Westfalens verband – und erreichen das Dorf Nordgoltern. Auch dort gibt es ein Rittergut. Es hat nicht nur eine mittelalterlich wirkenden Fassade zu bieten, sondern davor noch einen Wassergraben.
Nicht viel weiter erreichen wir Großgoltern. Dort steht direkt vor der Kirche eine prächtige alte Linde. Wohl mehr als 800 Jahre ist sie alt und hat einen Stammumfang von 11,5 Metern. Da Großgoltern früher Gerichtsstätte war, könnte es eine Thie-Linde sein. Da ihre schweren Äste auseinanderzubrechen drohten, werden sie mit Metallstreben zusammengehalten. (Wer sich für alte Bäume interessiert, dem empfehle ich die Upstedter Linde südlich des Hildesheimer Waldes. Sie ist etwa 1200 Jahre alt. Und wenn auch eine Baumruine, so ist sie doch sehr eindrucksvoll. Siehe auch: Eine Schlösser- und Burgentour durch das Innerstebergland und den Ambergau.)

Nur einen Kilometer weiter liegt das Dorf Eckerde. Dort ist es das Rittergut 1 der Familie von Heimburg, das unsere Blicke auf sich zieht. Es ist in einen großen Landschaftspark eingebettet, der im Jahr 2002 nach historischen Plänen neu gestaltet wurde. Dazu mussten rund 200 Bäume weichen. Nun sind die Blickachsen auf die verschiedenen Parkbereiche wieder frei. Jeden ersten Sonnabend in den Monaten von Mai bis Oktober finden Gartenführungen statt. Ein anderes Highlight ist die "Oper auf dem Lande". Bei dieser kulturellen Veranstaltungen haben junge aufstrebende Künstler die Gelegenheit, sich in schönster Umgebung mit Opernarien und klassischer Musik unter freiem Himmel zu präsentieren. Bei Regen wird die Veranstaltung in den zu diesem Zweck sanierten ehemaligen Kuhstall verlegt.

Nun radeln wir den einen Kilometer zurück und folgen ein Stück dem Bullerbach, der einst ein Mühlengraben war und erreichen bald darauf den Ort Wichtringhausen. Auch dort gibt es ein Rittergut und eine schöne Holländerwindmühle, die aus dem Jahr 1772 stammt. Danach müssen wir ordentlich in die Pedale treten, wollen wir doch den Deister erklimmen, die westliche Begrenzung des Calenberger Landes. 250 Meter müssen wir hinauf. Doch bevor es in den Wald geht, haben wir mal wieder einen prächtigen Ausblick. Ein weites Land mit vielen Dörfern liegt uns zu Füßen. Nach links erkennen wir die riesige Kalihalde von Bokeloh bei Wunstorf, und dahinter sehen wir einen schmalen blauen Streifen, das Steinhuder Meer. Weiter nach rechts den Stemmer Berg, und noch ein Stück weiter den Gehrdener Berg. Zwischen beiden zeigt sich die Stadtsilhouette von Hannover mit ihren hohen Gebäuden.
Nach anstrengender Kletterei geht’s auf der anderen Seite des Deisterkammes wieder ein Stück hinunter. An dem idyllisch in einem Tal gelegenen Ausflugslokal Teufelsbrücke vorbei, erreichen wir die Rodenberger Höhe und blicken von dort nun in die entgegengesetzte Richtung. Weiter hinten die Bückeberge, in denen es auch Interessantes zu besichtigen gibt. Das sind die Dinosaurierspuren in den Sandsteinbrüchen, über die ich an anderer Stelle berichtet habe. Unten schlängelt sich die A 2 durch die Feldlandschaft, die in den Ruhrpott führt.
Zwei Kilometer weiter kommen wir zur Heisterburg, einer Wallburg, die ab dem 9. Jahrhundert entstanden ist. Doch wie bei allen Burgen im Calenberger Land, ist auch von dieser nicht viel übrig geblieben. Immerhin noch einige Wälle, und auch der ehemalige Wassergraben ist erkennbar. Einzig und allein von der Hauptburg des Calenberger Landes, der Calenburg, die später zur Feste Calenberg ausgebaut wurde, sind neben Wällen und Wassergräben noch der Batterieturm und einige Kellerwölbe vorhanden. Sie liegt an der Straße, die von Schulenburg nach Rössing führt, dem Ort, aus dem die Familie des Freiherrn von Rössing aus Stemmen stammt.

Nun radeln wir etwa fünf Kilometer durch schönen Buchenwald. Und bald geht es ziemlich steil bergab nach Barsinghausen hinunter. In diesem größten Ort der Region gibt es ebenfalls Historisches anzuschauen, ein Kloster. Einst wurde es für Augustinermönche und –nonnen errichtet. 1193 wurde es erstmalig erwähnt. Doch schon 30 Jahre später war nur noch von Nonnen die Rede. Es ist das größte der fünf Frauenklöster im Fürstentum Calenberg gewesen. Im Dreißigjährigen Krieg wurde es ziemlich zerstört. Vor 300 Jahren wurde es wieder aufgebaut.
10 Kilometer weiter erreichen wir das nächste Kloster. Es befindet sich in Wennigsen. Graf Bernhard von Poppenburg, den wir auch aus dem südlichen Calenberger Land kennen, hat wohl seine Güter bei Wennigsen dafür zur Verfügung gestellt. Und so ließ der Bischof von Minden mit diesen Mitteln ein Augustinerinnenkloster erbauen. Das ist etwa vor 800 Jahren geschehen. Der Wehrturm der Klosterkirche ist immerhin etwa um 1150 entstanden. Die Klosterfassade mit dem Turm und einem nebenstehenden Fachwerkgebäude, bietet einen schönen Anblick.

Wir nähern uns dem südlichen Ende des Deisters, und damit dem Ort Bredenbeck. Vom Eingang des Rittergutes der Knigges werfen wir einen Blick auf den Hof, der von zwei großen Kastanienbäumen flankiert wird. Dort wurde im Jahr 1752 Freiherr Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigge geboren. Der Schriftsteller, der sich als Aufklärer verstand, studierte in Göttingen Jura. Sein berühmtes Aufklärungsbuch, dem nach seinem Tod seine Benimmregeln beigefügt wurden, schrieb er in seinem Gartenhaus in der Calenberger Neustadt. Das Gut selber kann nicht besichtigt werden, da es noch als Wirtschaftsbetrieb dient.
Kurz darauf erreichen wir den kleinen Ort Steinkrug. Der Name entstand wohl aus dem nahegelegenem Steinbruch und dem gleichnamigen Lokal. Nicht weit davon am Waldrand stehen die Reste der einstigen Glashütte, die von den Knigges aus Bredenbeck 1809 bis 1928 betrieben wurde. Günstig war der Standort deswegen, weil Holz, Kohle und Quarz in der Nähe vorhanden waren. Kalk, Pottasche und Sulfat wurden aus dem Harz, Thüringen und dem Bergischen Land bezogen. Eindrucksvoll ist der kegelförmige Turm, in dem die Zutaten zur Entstehung des Glases bei 1500 Grad geschmolzen wurden. Es gibt nur noch wenige davon in Europa. Und in Deutschland ist es der einzige Glashüttenturm, der aus Natursteinen besteht und erhalten geblieben ist.
Nun fahren wir etwa eineinhalb Kilometer in südliche Richtung in den Wald hinein. Dort stoßen wir auf die frühmittelalterlichen Reste der Bennigser Burg. Aber auch hier sind nur noch Wälle erhalten. Bis zu fünf Meter sind sie hoch. Die Anlage diente wohl ebenfalls als Fliehburg.
Nun verlassen wir den Deister und wenden uns in nördliche Richtung, und damit wieder auf Hannover zu. In Bennigsen gibt es ebenfalls ein Rittergut, einst als Wasserschloss angelegt. Es ist seit 1311 der Stammsitz der Familie von Bennigsen. Die Villa im Park mit den vielen exotischen Bäumen aus aller Welt, diente einst Rudolf von Bennigsen als Alterssitz, der der Begründer der liberalen Bewegung in Deutschland war.
Vorbei am Süllberg erreichen wir gleich nebenan den Hang des Wolfsberges. Und daran liegt ein besonders schöner Ort, den ich immer wieder gerne besuche. Lüdersen hat einen ländlichen Charakter, schöne Höfe, schöne Fachwerkäuser und teilweise schön steile Straßen. Das merkt man, wenn man mit dem Fahrrad unterwegs ist. Und oben steht eine nicht minder schöne Kirche. Und um dieses alte Gemäuer ist ein historischer Friedhof angelegt, von dem aus man weit ins südliche Calenberger Land hineinblicken kann. Der trutzige Turm der Kirche, der vor etwa 900 Jahren erbaut wurde, diente einst als Wehrturm und Fluchtburg. Eine kleine Tür befand sich erst in fünf Metern Höhe. Der Anbau und die Erweiterung des Kirchenschiffes erfolgten vom 13. bis zum 15. Jahrhundert. Die Sankt-Marien-Kirche wurde einst vom Herzog Otto von Braunschweig und Lüneburg dem Kloster Loccum geschenkt. Im Jahr 1520 bei der Hildesheimer Stiftsfehde brannte das gesamte Dorf ab, bis auf die Kirche. Auch der Dreißigjährige Krieg und die Pest, wie überall auch, forderten ihren Tribut.
Es macht einfach Freude, die Dorfstraßen mit ihren Bauerngärten dazwischen zu erkunden und zur Kirche hinaufzusteigen und sich dort den romantisch wirkenden Friedhof mit dem vielen Efeu über so manchem Grab anzuschauen. Dazu das trutzige Gemäuer im Hintergrund und der weite Ausblick. Noch besser hatte man diesen ein paar hundert Meter weiter vom Vörier Berg. Von dort blickt man zum Gehrdener Berg hinüber und über die weite Feldmark nach Hannover, das jetzt nur noch 20 Kilometer entfernt liegt.
Und das Dorf Vörie, auf der anderen Seite des Berges, soll unser nächstes Ziel sein. Dort, hinter der alten Wassermühle an der Ihme, führt nach rechts ein Feldweg zu den Weetzener Stapelteichen. Die sind ein wertvolles Vogelschutzgebiet. Einst gehörten sie zur Zuckerfabrik in Weetzen, und darin wurden einst die Rüben gewaschen. Doch das war einmal. Sie haben sich im Laufe von Jahren zu einem besonderen Naturschutzgebiet entwickelt, in dem durch den flachen Uferbereich Vögel waten, die hier sonst nicht zu Hause sind. Manchmal kann man diese Wattvögel beobachten, die mit ihren besonderen Schnäbeln den Uferschlick sieben. Aber man kann auch Grau- und Silberreiher, Kormorane, verschiedenste Entenarten und mit etwas Glück (was ich auch hier schon hatte) Eisvögel beobachten. Von einem Beobachtungsstand kann man dieses schöne Sumpfgebiet in aller Ruhe beobachten. Und wenige hundert Meter weiter gibt es einen zweiten Beobachtungsstand. Dort, oder auf den benachbarten Feuchtbiotopen, kann man die Wasserbüffel beobachten, die seit Frühjahr letzten Jahres dort angesiedelt wurden. Sie sollen zur Renaturierung der Ihmelandschaft beitragen. In Wasserbüffel an der Ihme habe ich darüber berichtet.
Über eine kleine Landstraße, an der noch alte Holzmasten mit Elektroleitungen stehen, die an die fünfziger und sechziger Jahre denken lassen, gelangen wir nach Ihme-Roloven. Dort werfen wir einen Blick auf das Bettenser Gut, ein prächtiges Rittergut mit Wassergraben, der, wie andernorts auch, früher eine Schutzfunktion hatte.
Weiter radeln wir durch Feldlandschaft an der kleinen Ihme entlang und an der Kückenmühle vorbei. Über Wilkenburg mit einer ebenfalls sehr schönen Kirche mit vielen alten Grabsteinplatten und am Gut der von Altens in Hemmingen vorbei, erreichen wir mit etwas schweren Beinen schließlich wieder Hannover.
Jede Menge Schönes und Interessantes haben wir zwischen Leine und Deister auf der Strecke erlebt, erfahren und gesehen. Die vielen Fotos sind allerdings nicht auf einer Tour entstanden. Denn das Calenberger Land hat so viel zu bieten, dass man sich auf verschiedenen Touren immer mal wieder Anderes ansehen kann, und das dann vielleicht ausführlicher. Es macht jedenfalls viel Spaß, in dieser Landschaft unterwegs zu sein. Und am besten geht das eben, wie schon zu Anfang gesagt, mit dem Fahrrad. Und es ist einfach auch die Bewegung, und das in schöner Umgebung, die Freude macht.

Siehe auch: Schlösser, Burgen, Klöster - Durch das Calenberger Land zu Osterwald und Ith
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