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Führerschein mit zwölf

Pflegedienstleiterin Nicole Pagel (l.) erklärt den Schülern den Gebrauch eines Rollstuhls.
Bad Lauterberg: Kursana Domizil | Bad Lauterberg. Eine ungewöhnliches Bild bietet sich an diesem schönen Dienstag vor dem Kursana Domizil in Bad Lauterberg: Mädchen und Jungen umringen leere Rollstühle, beobachtet von Bewohnerinnen und Bewohnern, die im Rollstuhl sitzen. Die Schüler wollen im Rahmen einer Projektwoche selbst einmal erleben, welche Herausforderungen man im Alter meistern muss. Rollstuhl fahren gehört nicht selten dazu. Nicole Pagel, Pflegedienstleiterin im Haus Lukas, erläutert vorab alles Wichtige zum Benutzen eines Rollstuhls. Am Anfang scheint es für die jungen Leute noch ziemlich lustig zu sein, sich in ein solches Gefährt zu setzen und geschoben zu werden: geil! Aber alle Handgriffe zu beherrschen, um den Betroffenen sicher in das Gefährt zu bringen und die Hindernisse auf Straßen und Wegen zu meistern: schon schwierig.

Der 13-jährige Luca Benneckenstein jedenfalls wirkt ziemlich aufgeregt, als sich Anneliese Bockelmann, 89, in „seinen“ Rollstuhl setzt. Da ist es plötzlich kein Spaß mehr, das Gefährt durch die Gegend zu schieben. Luca spürt Verantwortung für die Frau, beachtet beim Einsteigen alle Sicherheitsvorkehrungen am Rollstuhl und fährt mit Bedacht über den Parcours. Sein „Fahrgast“ meint lächelnd: „Gut, wenn sich schon junge Menschen dafür interessieren. Das Verständnis für manche Alltagssituation ist dadurch auf jeden Fall besser.“ Und nach und nach kommen Jung und Alt ins Gespräch. Nicht nur zum Thema Rollstuhl. Voller Stolz nehmen die Mädchen und Jungen schließlich ihren Rollstuhl-„Führerschein“ entgegen.

Die Direktorin des Kursana Domizils, Renate Springborn-Aschoff, hatte die Schüler herzlich in der Einrichtung begrüßt, bevor sie selbst eine Übung mit ihnen macht. Es kommt häufiger vor, dass sie Schülerinnen und Schüler in ihrer Einrichtung willkommen heißt. Die Teilnehmer an dieser Projektwoche kommen aus den Klassenstufen 5 bis 8 der Kooperativen Gesamtschule Bad Lauterberg. Dort gibt es auch eine Arbeitsgemeinschaft „Jung trifft Alt“, zu der 16 Schüler gehören. Unter Leitung von Lehrerein Brigitte Lenz verbringen sie regelmäßig in den Altersheimen der Stadt Zeit mit den Bewohnern. Meistens singen oder spielen sie, gehen gemeinsam spazieren oder lesen vor.

Sich einmal in die Situation von Betroffenen zu versetzen, das ist allerdings für alle Neuland. Die Simulation, wie es ist, wenn die Gelenke nicht mehr so beweglich sind oder das Sehvermögen nachlässt und man die Münzen im Portemonnaie nicht mehr richtig erkennen kann, hat manchen schon erschreckt. „Jetzt weiß ich erst mal, warum es an der Kasse manchmal so lange dauert, wenn die alten Leute ihr Geld zusammensuchen“, meint Schülerin Maria Hader. So oder ähnlich lauten mehrfach die Kommentare.

Schwer beeindruckt hat an diesem Tag eine weitere praktische Übung: das Anreichen von Essen. Die Kinder müssen ihren Partner „füttern“ und sich selbst das Essen geben lassen. Das setzte Emotionen frei wie Unsicherheit, Unselbstständigkeit oder Hilflosigkeit einerseits, Verantwortung, Vorsicht und Einfühlungsvermögen andererseits. Es fällt allen schwer, diese Gefühle in ein paar Worten zu Papier zu bringen. „Es ist schon erstaunlich, mit welcher Ernsthaftigkeit die jungen Leute mit diesem Thema umgehen“, so Direktorin Renate Springborn-Aschoff. Im Umgang mit der älteren Generation wird den Jungen und Mädchen diese Projektwoche in Erinnerung bleiben.
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