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Ticken wir noch richtig?

Wie tickt unsere Jugend? Das war die Überschrift eines Artikels im Harzkurier vom 30.5.2013, der über den 4. Netzwerktag im Zeichen des Fachkräftemangels berichtete.
Diese Frage geht, meiner Meinung nach, allerdings an der eigentlichen Problematik vorbei. Sie müsste lauten: Ticken wir Erwachsenen eigentlich noch richtig?
Der Fachkräftemangel ist keineswegs eine unvorhersehbare, überraschende Situation. Gewerkschaften, Betriebsräte und Experten aus der Wissenschaft haben schon vor mehr als zehn Jahren darauf verwiesen.
Auch der demographische Wandel, der immer gern als Sündenbock herangeführt wird, ist kein unabwendbares Schicksal. Auch diese Entwicklung haben allein wir Erwachsenen zu verantworten.
„Die Jugend ist unsere Zukunft“, heißt es immer so vollmundig. Doch uns Erwachsenen fällt nichts Besseres ein, als der Jugend ihre Zukunft mit Hürden und Barrieren zu verbauen.
Es ist für mich einfach skandalös, wie wir mit unseren Jugendlichen umgehen.
Es fängt schon mit der Schule an. Wir sind es nämlich, die an einem Schulsystem festhalten, das nicht allen Schulabgängern gleiche Chancen auf einen Ausbildungsplatz einräumt, weil es vorab schon Schüler nach sozialer Herkunft und Intellekt aussortiert und ausschließt. Ein Fachkräftepotential, was leider auf der Strecke bleibt.
Und es geht damit weiter, dass wir Erwachsenen es den übrigen Jugendlichen auch noch besonders schwer machen, den Weg ins Berufsleben zu finden. Die erste Hürde ist der Schulabschluss. Je weiter der Abschluss vom Abitur und dem Notendurchschnitt 1,0 entfernt ist, umso höher die Hürde.
Mir scheint, als haben Ausbildungsplätze einen weit höheren Numerus Clausus als Eliteuniversitäten.
Doch gute Noten und eine normales Bewerbungsschreiben reichen längst nicht mehr aus. Nein. Die Bewerbung muss perfekt formuliert und in Rechtschreibung und Interpunktion fehlerfrei sein. Hand auf`s Herz. Wer von uns Erwachsenen kann eigentlich fehlerfreies Deutsch schreiben?
Es werden sogar spezielle Bewerbungstrainigs angeboten, um zu lernen, wie ein Anschreiben möglichst ansprechend formuliert werden kann. Weiterhin wird geübt, wie man sich richtig vorstellt, was man anziehen sollte und was man sagen sollte, damit der Personalreferent das hört, was er hören möchte.
Schicke und teure Bewerbungsmappen werden extra gekauft, um den Anschein besonderer Sorgfalt und Korrektheit zu erwecken.
Von einer zwanglosen und lockeren Bewerbung kann keine Rede mehr sein. Man muss wohl schon von einem Bewerbungsritual sprechen, was möglichst perfekt zelebriert werden muss, um seine Chancen zu wahren. Ist das noch glaubhaft, oder gaukelt man sich gegenseitig etwas vor?
Warum erwarten wir von jungen Leuten eine Perfektion, die wir selber nie erreicht haben?
Ticken wir noch richtig?
Übrigens, eine wichtige Personengruppe hat an den besagten Netzwerktag gefehlt: Die Jugendlichen, denn wer wissen möchte, wie Jugendliche ticken, der sollte nicht über sie, sondern mit ihnen reden.


Hans-Joachim Wildner
Barbis
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8 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 01.06.2013 | 00:20  
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R. S. aus Lehrte | 01.06.2013 | 08:22  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 02.06.2013 | 15:13  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 11.10.2013 | 14:39  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 12.10.2013 | 00:27  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 12.10.2013 | 15:34  
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Ewald Eden aus Wilhelmshaven | 12.10.2013 | 22:44  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 12.10.2013 | 23:31  
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