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Nachruf: Einer der treuesten Unterstützer der Initiative "Höchste Eisenbahn für den Südharz" ist von uns gegangen

In Memoriam Wilfried Bertram

Einer der treuesten Unterstützer der Initiative „Höchste Eisenbahn für den Südharz“ ist von uns gegangen. Wilfried Bertram war zusammen mit Monika Blawe, der unsere Anteilnahme gilt, von Anfang an dabei. Am 125. Geburtstag der Westharzstrecke Herzberg – Seesen am Osteroder Bahnhof, als es sehr schlecht um unsere Bahnstrecken stand, waren beide mit ihrem NABU-Stand dabei, und es entstand die Idee, gemeinsam gegen die Vernachlässigung des ÖPNV in unserer Region zu kämpfen. Und das hat Wilfried auf seine ganz eigene Weise getan: Er vermochte Leute wieder für die Eisenbahn zu begeistern, indem er zusammen mit Monika die später schon fast legendären „Fahrten rund um den Harz“ mit Bahn und Bus organisierten. In Spitzenzeiten waren bis zu 80 Leute mit dabei und brachten das Verkehrsmittel Bahn, das damals wegen des „Wochenend-Tickets“ gerade am Samstag und Sonntag oft sehr gut ausgelastet war, mitunter an seine Grenzen.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die allererste Fahrt „Rund um den Harz“. Die war angesichts der noch unterentwickelten Fahrpläne – an Sonntagen fuhr zum Beispiel zwischen Herzberg und Seesen kein Zug – eine echte Pionierleistung, bei der ich assistieren durfte. Auf einigen Stationen mussten wir unseren riesigen Tross ganz schön scheuchen und lotsen, aber am Ende des Tages hatten wir den Harz tatsächlich mit der Bahn umrundet und sogar noch den Dom in Halberstadt besichtigt! Das wollte uns so mancher gar nicht abnehmen: Rund um den Harz mit dem Zug – das geht doch gar nicht! Heute geht es alle 2 Stunden, und dass das so ist, daran hat auch Wilfried mit seinem beständigen Werben für den umweltfreundlichen Schienenverkehr seinen Anteil.

Weitere schöne Fahrten schlossen sich an: Zur Stiftskirche nach Gernrode zum Beispiel, dann weiter mit der Kleinbahn über den Harz und Nordhausen zurück. Der alte Reichsbahn-Schienenbus, der damals noch zwischen Quedlinburg und Gernrode fuhr, platzte aus allen Nähten. Die Jubiläumsfahrt führte nach Königslutter in den Dom – mit eigens gestaltetem Gottesdienst – und ins dortige Musikautomaten-Museum. Stets war Wilfried, der Perfektionist, so lange unruhig, bis er wusste, dass alles klappen würde. Die Fahrtteilnehmer trafen sich einmal im Jahr im Herzberger Schützenhaus, um ihre Erinnerungen und Bilder auszutauschen. Auch das haben Monika und Wilfried stets gut organisiert. Später ging das alles aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr, aber auch die Bahn machte die Nutzung des Wochenend-Tickets immer schwerer. So musste das schöne Programm vor ein paar Jahren eingestellt werden.

Neben der großen Bahn gehörte seine Liebe auch der kleinen Bahn im Maßstab 1:87. Natürlich hatte er eine große Anlage. Nur eines hatte er nicht: Oberleitung! Bei seinem letzten Besuch bei mir war er mit im Keller. Ich habe nur eine kleine Platte, aber über den Gleisen hängt der Fahrdraht. Das war das erste, was er Monika nach dem Wiederauftauchen erzählt hat: Mit Oberleitung! Vielleicht hätte er noch ein großes Elektrifizierungsprogramm eingeläutet, wenn ihn die Kräfte nicht so im Stich gelassen hätten.

Seine ganz große Leidenschaft jedoch, das war die Welt unserer gefiederten Freunde. Er kannte sie alle, führte Vogelstimmen-Wanderungen durch, hatte daheim in Bad Lauterberg sogar auf der Toilette ein Fernglas stehen, falls plötzlich ein seltener Gast im Geäst benachbarter Bäume landen sollte. Wie viele Gruppen er wohl durch den Harz geführt hat? Alle Teilnehmer werden diese seine Leidenschaft gespürt haben.

Nun hat er seinen Frieden gefunden. Ich hoffe sehr, dass Petrus ihm an der Pforte sogleich ein Fernglas in die Hand gedrückt hat, damit er von seiner Wolke aus beobachten kann, was da so vorbeifliegt. Denn sonst wäre es doch gar zu langweilig für ihn. Die dramatischen Veränderungen, denen die Natur des Harzes nun für alle sichtbar ausgesetzt ist, hat er kommen sehen – gerade das war ja auch ein Motiv für ihn, sich für den ÖPNV einzusetzen. Wir müssen weiter schwitzen und dem Sterben der Harzwälder zuschauen. Aber es ist sich auch in seinem Sinne, dass wir – jetzt erst recht! – die Ärmel hochkrempeln und keine Ruhe geben, bis der ÖPNV im Südharz den Platz erobert hat, der ihm gebührt.

Michael Reinboth im Namen der Initiative „Höchste Eisenbahn für den Südharz“
Südharz im September 2019
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