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Momente des Glücks

Copyright: Werner Jung- Bad Ems. Festungsleuchten 2018 Koblenz
Momente des Glücks

Es war im März 1971, als unerwartet die wichtige Nachricht eintraf. Mein Gebot von 171,82 DM für einen VW Käfer, der von Bundes Finanzverwaltung ausgemustert wurde, hatte Erfolg gehabt. Ich bin eben ein Glückspilz, ein junger Familienvater und nun stolzer Besitzer eines VW Käfers. Aufgrund einer Anzeige in der Tageszeitung hatte ich nach Besichtigung des Gefährtes diesen Fantasiepreis schriftlich eingereicht und nun endlich nach 4 Wochen den Zuschlag erhalten. Beim Abholen des Autos entdeckte ich zwar einige kleine Fehler, die ich beim ersten Termin übersehen hatte. Der linke Kotflügel war durch ein etwa 10 cm großes Loch gekrönt. Fantastisch murmelte ich, das Reifenprofil lässt sich so problemlos und ohne Aufwand blitzschnell kontrollieren. Der Rost an den Türholmen wirkte elegant geschwungen und zeigte eine künstlerische Gestaltung. Warum ich diese Schönheits- Fehler bei der 1. Besichtigung nicht bemerkt hatte, führte ich auf ein inneres Glücksgefühl zurück. Als nach dem 1.Versuch des Startens der Motor ein vielversprechendes Tuckern von sich gab, klopfte mein Herz vehement und ein ungeahntes Glücksgefühl übermannte mich. Ich liebte den Käfer sofort mit und vielleicht wegen seiner sichtbaren Macken, die ihm einen Stempel der Exklusivität verliehen. Als Jungfernfahrt hatte ich eine Wochenendreise nach Calais geplant. Wir waren so gekleidet, als wenn wir zum Dinner zur Queen erscheinen sollten. Elfe trug einen aufregenden weißen Hosenanzug, der figurbetont ihre göttliche Taille betonte. Als Krönung wirkte der mondän geschnittene großflächige Hut und untermalte die Wichtigkeit ihrer Persönlichkeit. Mein Out Fit übertraf alle Erwartungen. Ich trug einen exklusiven Ledermantel aus Handschuhleder, der oben von einem Pelz einer tibetanischen Hochgebirgsziege gekrönt wurde. Dieses aufwendig gestaltete Designer Stück hatte ich in Düsseldorf auf der Mode- Messe für 998 DM erworben. Sobald ich diesen edlen Vorzeige Mantel trug, glaubte ich zu fliegen und die profane Welt zu verlassen. Ihr merkt, wir fühlten uns in eine so herausragende Rolle versetzt, in der wir eine wichtige Mission zu erfüllen hatten. Unser jugendliches Alter gab uns Recht, und wir genossen diesen paradiesischen Zustand. Ich hatte diese besondere Fahrt gut vorbereitet. Vom ADAC ließ ich mir preiswerte Hotels in Calais ausdrucken, um die Übernachtung bescheiden zu gestalten. Als wir nun in der Dunkelheit dort eintrafen, vermisste ich die Hotelliste. Wir standen gerade vor einem in die Jahre gekommenen Backsteingebäude, welches den Hotelnamen Georges V trug. Ich stufte dieses Hotel aufgrund seiner Fassade als einfach ein und suchte in einer Seitengasse nach einem geeigneten Parkplatz. Dann betraten wir die mächtige Treppe des Hotels und wunderten uns, dass 2 freundliche Pagen uns von unserem Gepäck befreiten. Der Herr an der Rezeption, der uns unauffällig musterte, begrüßte uns freundlich und erklärte, er habe ein wunderbares Zimmer für uns, dass den Namen Madame Pompadour trug. Ich wagte nicht zu widersprechen. Sicherheitshalber tastete ich nach dem 10 Block Schecks, die ich aus Sicherheitsgründen tief in der Brusttasche meines Mantels versenkt hatte. Das Zimmer übertraf alle unsere Erwartungen. Ein Bett im venezianischen Stil stand wie ein Thron in der Mitte des Raumes. Eine rote Decke aus Samt war kunstvoll über das Bett gezogen. Die 4 weißen Kopfkissen, die gebügelt und drapiert waren gaben wie Leibwächter dem Raum einen von Fantasie geladenen Anstrich. Ein kleiner antiker Rundtisch wurde von 2 mächtigen in weiß Gold lackierten Sesseln würdevoll umrahmt. Ein kostbarer Schrank sollte nun unsere wenigen Reiseutensilien aufnehmen. Beinahe hatten wir vor lauter Staunen das zaghafte Klopfen an der Tür überhört. Vor der Tür stand ein livrierter Angestellter, der um unseren Autoschlüssel freundlich bat, um das Gefährt in die Tiefgarage zu fahren. Es waren kaum 1o Minuten vergangen, als es erneut klopfte. Der Mitarbeiter, der bleich und aufgeregt wirkte, erklärte, dass unser Auto nicht mehr da sei, und er ergänzte leise, nur ein alter desolater Käfer stände in der Seitengasse. Sichtlich erfreut, dass es nicht gestohlen war, erklärte ich selbstbewusst, dass dieses Gefährt das unsrige sei. Sichtlich verwirrt verließ er unser Zimmer und murmelte dabei unverständliche Worte. Es dauerte schon eine ganze Weile, als es erneut an der Tür klopfte. Vor der Tür stand der freundliche Mitarbeiter von der Rezeption, der uns das Zimmer Madame Pompadour wärmstens empfohlen hatte. Er räusperte sich, hustete und straffte dann energisch seinen Körper, bevor er sichtlich nervös zu sprechen begann. Wegen Personalwechsel würde er darum bitten, die 2- tägige Unterkunft sofort zu zahlen. Dabei verlagerte er ständig das Gleichgewicht von einem Bein auf das andere und drohte um zu fallen. Mit meinem Scheckbuch bewaffnet, folgte ich ihm. Die Rechnung erwies sich als wesentlich günstiger, wie ich es befürchtet hatte. Glücklich überrascht kehrte das Rot in meine Wangen zurück. Ich fragte ihn nach einem Restaurant, wo wir nach einem guten Essen die Vorzüge unseres besonderen Zimmers genießen wollten. Er empfahl uns ein bekanntes Fischrestaurant, das sich in unmittelbarer Nähe des Hotels befand. Kurze Zeit später betraten wir das Restaurant und wunderten uns, dass kein Platz frei war. Der Kellner musterte uns intensiv. Mein Mantel mit Pelzkragen und meine hübsche Gattin im traumhaft weißen Hosenanzug schienen eine magische Ausstrahlung auf ihn und alle Gäste aus zu üben. Er schob aus einem Seitengang einen Tisch in das überfüllte Lokal, dekorierte ihn in Windeseile, zauberte 2 Stühle herbei und bat uns Platz zu nehmen. Die Speisekarte erwies sich für uns mit den fansievollen Namen der Gerichte als geheimnisvolles Buch, dessen Inhalt von uns nicht zu deuten war. Wir entschieden uns für das Hausgericht „plat de fruits de mer“ und vermuteten, dass sich hinter diesem geheimnisvollen Namen ein Fischgericht aus gekochten oder gebratenen Fisch verbergen würde. Dazu wählten wir auf Empfehlung einen hellen und trockenen Burgunderwein. Aber unsere Enttäuschung konnten wir nicht verbergen, als der Kellner eine große Platte mit Austern, Seeigeln und sonstigem Ungetier auf den Tisch stellte. Alles war roh und mit Seetang und Zitronen garniert. Als der erste Schock sich legte, stellten sich bei mir die ersten Anzeichen von Übelkeit ein. Elfe schaute traumverloren das Körbchen mit frisch geschnittenem Baguette an, und wir beschlossen, den Inhalt als einzigen Hauptgang zu dem exzellenten Wein zu genießen. Unsere Nachbarn konnten unser Verhalten wahrlich nicht verstehen und versuchten uns mit aufmunternden Blicken zu animieren, diese Köstlichkeiten zu verzehren, bis ich mir Mut fasste und dem sympathischen Pärchen die ganze Platte als Geschenk auf den Tisch stellte. Diese wollten sich revanchieren und wollte uns auf ihre Rechnung eine 2. Flasche Wein spendieren. Ich lehnte das Angebot freundlich ab und äußerte den Wunsch nach einem frisch gezapften Bier. Monsieur erklärte, im Hafen von Calais gebe es eine Kneipe, die das beste Bier hätte. Wir sollten uns aber nicht über das Milieu wundern, es sei eben eine Hafen Kneipe. Nachdem wir bezahlt hatten, machten wir uns gemeinsam auf den Weg. In dieser schaurigen Umgebung, wo Filme von Simeons Kommissar Maigret hätten gedreht werden können, befand sich die einfache Gaststätte, aus deren geöffneten Tür der Qualm von Zigaretten und Zigarren aus zum bleichen Himmel aufstieg. Ein Stimmengewirr in verschiedenen Sprachen empfing uns. Wir erwischten eine kleine Stehfläche am Tresen, wo ein tätowierter und muskelbepackter Typ die Wünsche der Gäste erfüllte. Neben uns war ein Wiener Kaffeehausständer, an dem ich in ständiger Sichtkontrolle meinen kostbaren Mantel hing. Der Abend wurde feucht fröhlich und die Ängstlichkeit zur Umgebung und den skurrilen Gästen wich einer gewissen Vertrautheit. Es war schon nach Mitternacht, als wir beseelt und beschwingt das Lokal verließen. Die Franzosen begleiteten uns bis zum Hotel und verabschiedeten sich mit den üblichen Küsschen auf die Wange. Wir fielen traumverloren in unser Luxusbett, und die Träume übernahmen alle weiteren Regietätigkeiten. Wie lange wir geschlafen hatten, ist mir heute nicht mehr bewusst. Jedoch, als ich die Augen aufschlug, vermisste ich an der Garderobe des Zimmers meinen so heiß geliebten Mantel. Ich hatte ihn in der Spelunke hängen gelassen. Ich war wahrlich ein Esel und versuchte, das Geschehen zu rekapitulieren. Zugleich war mir bewusst, dass ich dieses Kleidungsstück nicht wiedersehen würde. Einen Versuch, diese Kneipe wieder zu finden, wollten wir noch starten. Wir betraten das Hafengelände, was die Stimmung der Verruchtheit abgelegt hatte. Die Kranen waren im Einsatz, rußverschmierte Arbeiter schweißten Bleche aneinander oder trugen Säcke in benachbarte Schuppen. Wir fanden mit Mühe die Gaststätte, unseren nächtlichen Tagungsort. Sie war verschlossen, wie konnte es auch anders sein. Mein spähender Blick durch die Glasscheibe der Innentür entdeckte den geschwungenen Ständer in der Nähe des Tresens. Was hätte ich darum gegeben, an ihm meinen Mantel zu entdecken. Aber er war leer und bestätigte meine leidgeprüften Vorahnungen. Während ich meine Traurigkeit bekämpfte, wurde ich durch ein energisches „Pardon“ aus meiner Depression geweckt. Vor mir stand eine resolute Frau, die mich leicht zur Seite schob und dann die Tür mit einem alten Schlüssel aufschloss. Es war, wie sich später herausstellte, die Putzfrau dieser Kaschemme. Ich erklärte ihr, dass ich gestern nach einer Feier dort meinen Mantel auf gehangen und ihn später vergessen habe. Der Ansatz von Lächeln überflog ihr Gesicht, bevor sie mir freundschaftlich auf die Schulter klopfte und antwortete. Der Wirt habe nach Arbeitsschluss den Mantel in die Küche gehangen, da er ihn als wertvoll einstufte. Sie lief voraus und kam mit ihm lächelnd zurück. Ich umarmte sie spontan und steckte ihr einen Geldschein als Belohnung zu, den sie aber nicht annahm. Die Sonne zeigte sich aus dem Versteck der Wolken und ließ warme Strahlen auf unseren verliebten Gesichtern zurück. Wir genossen den Glücks- Rausch mit all unseren Sinnen. Elfe streichelte meine Wangen und dann den Pelz meines Mantelkragens. Dabei zwinkerte sie mir mit ihren blauen Augen verliebt zu. Glück übermannte mich und ließ mich nicht mehr los.
Erzählung: Copyright Werner Jung Bad Ems- 2018. Jede Veröffentlichung auch in Auszügen bedarf der schriftlichen Genehmigung des Autors.
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6 Kommentare
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Romi Romberg aus Berlin | 05.04.2018 | 09:24  
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Werner Jung aus Bad Ems | 05.04.2018 | 10:14  
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Gabriele F.-Senger aus Langenhagen | 09.04.2018 | 18:27  
7.101
Werner Jung aus Bad Ems | 09.04.2018 | 23:19  
12.300
Rainer Bernhard Stetsbemüht aus Seelze | 13.04.2018 | 04:08  
7.101
Werner Jung aus Bad Ems | 15.04.2018 | 13:02  
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