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. . . aus längst vergangener Zeit

Landau (Waldeck), Heidestrasse
 
Landau (Waldeck), Torbogen "Pissmänneken"
Deutschland: Neidköppe | Schreck- und Neidköpfe ( in Waldeck ) - und anderswo...

Geschichte aus unserer heidnisch / keltischen Vergangenheit.


[folgender Bericht von Albert Nieschalk, Waldeckischer Landeskalender 1950]


Mancher, der mit offenen Augen durch unsere waldeckischen Städte und Dörfer geht, wird sich über die seltsamen fratzenhaften Gesichter wundern, die er als Schnitzwerk am Gebälk alter Fachwerkhäuser oder in Stein gehauen und halb verwittert, von Moos und Flechten überzogen an alten Kirchen und Burgmauern sieht. Würde er hier oder dort in einen alten Kirchturm steigen, so fände er wohl auf einer Glocke etwas Ähnliches.

Die Begegnung mit solchen Bildern lenkt unsere Gedanken unwillkürlich zurück in eine lange vergangene Zeit, in der fantastische Vorstellungen von der Welt des Bösen die Menschen beschäftigten.
Doch was bedeuten diese Gesichter, die sich aus der Zeit „dunklen Aberglaubens“ bis in unsere „vernünftige“ Zeit hinein erhalten haben? Welchen Zweck erfüllen sie? Diese Frage können selbst die nur sehr ungenau beantworten, die tagtäglich daran vorübergehen. Es bedeutet schon viel, wenn jemand weiß, dass es sich hier um mehr als Zierrat handelt, dass es Schreck- und Neidköpfe sind.

Der Begriff Neidkopf (Fachwort: apotropäischer Kopf) basiert auf dem althochdeutschen Wort "nid" für Hass, Zorn oder Neid. Der Brauch geht vermutlich auf keltischen Ursprung zurück, als man feindliche Schädel an den äußeren Begrenzungen der Bauten anbrachte, um Feinde abzuschrecken. Er galt außerdem als Glücksymbol und wurde auch auf Rüstungen angebracht. Man glaubte, mit der Zurschaustellung des Kopfes habe man Gewalt über die Seele und den Geist des Feindes. Ohne Kenntnis dieses Kults wurde der Brauch mit Steinköpfen vom inzwischen christianisierten Volk weiterhin beibehalten.

Neidköpfe gibt es von der Größe eines Handtellers bis zu Kopfgröße. Selten erreichen sie in Steinform als Stufe zur Haustreppe eine Größe bis 1,50 m. Schreckköpfe befanden sich besonders an nach Westen ausgerichteten Pfeilern und Gebäudeteilen, da man die Dämonen hauptsächlich dort vermutete.

Nach der Überzeugung unserer Vorfahren war Unglück jeglicher Art stets das Werk böser Geister, Teufelswerk und Hexerei. Die Schreckköpfe aber hatten die Fähigkeit, das Böse, Not und Tod, Blitzschlag, Krankheit bei Mensch und Vieh zu bannen, vom Hause abzuwenden, abzuschrecken. Dagegen ist die Aufgabe des Neidkopfes eine harmlosere: er wehrt mit drastischer Gebärde den Neid und den Tadel missgünstiger Nachbarn ab, indem er zum Beispiel die „Bläwwe“ zeigt.

Wenn auch heutzutage der Glaube an die Wirksamkeit dieses Schutzes für Haus und Hof, Mensch und Tier kaum noch vorhanden ist, so lässt er sich doch im Leben unserer Vorväter bis in die graue Vorzeit zurückverfolgen. Und nicht allein in der deutschen Vergangenheit sind solche Vorstellungen zu Hause, sie sind vielmehr über die ganze Erde verbreitet. Der Araber hängt Nachts den Schädel eines Kamels aus dem gleichen Grunde über sein Zelt, aus dem der Wikinger vor tausend und mehr Jahren einen Schreckkopf an der Bugspitze seines Schiffes anbrachte. Auch die allbekannten Pferdeköpfe an dem Giebel des germanischen Hauses haben keinen anderen Sinn. Sie sind Ausdruck derselben Vorstellung, aus der heraus in einer späteren Zeit die Schreckköpfe entstanden sind. Die sich immer weiter entwickelnde Handfertigkeit und das wachsende Darstellungsvermögen der Holzschnitzer und Steinhauer schufen im Laufe der Zeit Schreck- und Neidköpfe in reicher verschiedenartiger Mannigfaltigkeit, vom derben Männeken bis zum furcht gebietenden Wolfsrachen.

Typisch für Waldeck ist das anbringen je eines Kopfes an den beiden Hausecken der Eingangsseite. In Landau ist die Anbringung der Köpfe nicht regelgemäß.

Viele dieser ehrwürdigen Zeugen aus alter Zeit sind im Laufe der Jahrhunderte vernichtet worden. Wind und Wetter haben sie zernagt, oder sie sind ganz einfach durch Umbau oder Abriß der Häuser beseitigt worden. Doch bei einer genaueren Durchforschung der Ortschaften unserer (waldeckischen) Heimat finden wir noch eine ganze Anzahl von Schreck- und Neidköpfen.

Wenn auch wir Menschen der modernen Zeit den Sinn dieser Köpfe micht mehr erkennen können, so ist es doch unsere Aufgabe, sie als wertvolles Volksgut unserer Heimat zu schützen und zu erhalten.
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Terminkalender Lichtenfels 2012 | Erschienen am 04.01.2012
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