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Sucht ist kein Randproblem im Alter

Was lange Zeit nur als Randproblem angesehen wurde, ist heute in der Fachwelt unumstritten. Alkohol, Medikamente oder illegale Drogen werden nicht nur in jungen Jahren, sondern auch im höheren Lebensalter in erheblichen Maße konsumiert. Rund 400.000 ältere Menschen über 65 Jahre schädigen sich bundesweit durch einen erhöhten Alkoholkonsum; rund 1,9 Millionen Menschen, darunter vor allem Frauen, mit einer Abhängigkeit von Medikamenten.


Mit diesen und vielen weiteren Fakten konfrontierte der Gerontopsychiatrische Arbeitskreis der Region Augsburg und Aichach-Friedberg interessierte Bürger im Augsburger Rathaus. Geboten wurden zahlreiche Vorträge von hochkarätigen medizinischen und juristischen Experten und ein Podiumsgespräch mit Fachleuten, die in Ihrer täglichen Arbeit Lösungen für ältere Menschen mit einer Suchterkrankung suchen. „Eine Sucht im Alter verbirgt sich oft in der Familie und ist ein sehr belastetes Thema“, so die Sprecherin des Gerontopsychiatrischen Arbeitskreises Claudia Krämer. Auch Dr. Friederike Ralph-Martin, die den Bezirk Schwaben in Suchtfragen berät, betont, dass sich oft eine stille Abhängigkeit bei älteren Menschen entwickele, die selbst für Angehörige lange Zeit im Verborgenen bleibe. Für Bürgermeister und Sozialreferent Dr. Stefan Kiefer ist der Informationstag „…ein sehr wichtiges Signal an Menschen und deren Angehörige die Hilfe suchen.“ Gleichzeitig sei die Veranstaltung ein Zeichen dafür, wie intensiv die Zusammenarbeit im Augsburger Netzwerk mit dem Landkreis Augsburg bereits ist.

Alarmierend waren Erkenntnisse, über die Prof. Dr. Max Schmauß, ärztlicher Direktor des Bezirkskrankenhauses Augsburg, berichtete. So hätten von rund 4.200 Patienten im Jahr circa 50 Prozent eine Suchterkrankung. Zu beobachten sei, dass der Anteil älterer Menschen an dieser Gruppe steige und bei 20 Prozent der Menschen, die an einer Sucht erkrankt sind, auch gleichzeitig eine gerontopsychiatrische Erkrankung vorliege.

Aus den Statistiken könne man sehen, dass der Verursacher einer Sucht meist nicht nur Alkohol, sondern auch oft die zusätzliche Einnahme von Schlaf- und Beruhigungsmitteln in Form von Benzodiazepinen ist. Diese würden zu Beginn der Einnahme entspannend wirken, bei dauerhafter Einnahme aber zu schweren Nebenwirkungen führen.

Die Gefahren der legalen Suchterkrankungen sind nach Ansicht von Oberärztin Dr. Susanne Hartmann nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Im Alter führe die Medikamentensucht sogar schneller zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. So benötigen ältere Menschen ein Mehrfaches an Zeit die Wirkstoffe der Medikamente wieder abzubauen, da sich die Leberfunktion im Alter verändere. In der Praxis zeigt sich, dass das Wissen um die Sucht bei vielen Patienten oft nicht ausreicht, um frühzeitig die richtigen therapeutischen Weichen zu stellen.
Wie schwierig es ist, frühzeitig Hilfestellungen zu geben, weiß auch Ivan Derkac. In seiner Funktion der Fachberatung Gerontopsychiatrie in der Sozialstation im Stadtteil Lechhausen und Firnhaberau betreut der Fachpfleger derzeit circa 60 Menschen mit gerontopsychiatrischen Krankheiten. Nach seiner Erfahrung werde er aber oft erst geholt, wenn die Probleme fortgeschritten sind und Vermieter bereits eine Räumungsklage ausgesprochen haben oder sich Kinder enttäuscht von ihren Eltern abwenden. „Erst beim Hausbesuch und nicht am Telefon wird dann deutlich, dass im Vorfeld nicht alle Möglichkeiten der medizinischen und therapeutischen Hilfe bei einer Suchterkrankung in Anspruch genommen wurden“, sagt Dekac. Umso wichtiger sei es mit dem Informationstag über Sucht im Alter öffentlich zu machen, wo es im Stadtgebiet Augsburg und der Region professionelle Hilfe gibt.
Auf dem Fachtag im Augsburger Rathaus konnten die interessierten Besucher neben den Vorträgen auch an insgesamt dreizehn Informationsständen mit Vertretern einschlägiger Selbsthilfeorganisationen, Beratungsstellen und Versorgungsangeboten ins Gespräch kommen.
Der Arbeitskreis Gerontopsychiatrie erstellte zum Thema Sucht auch eine aktuelle Adresssammlung von Anlauf- und Beratungsstellen im Stadtgebiet und den Landkreisen Augsburg und Aichach-Friedberg. Diese Zusammenfassung kann kostenlos unter 0821/22792-511 oder c.kraemer@awo-augsburg.de angefordert werden.
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