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Steigende Rettungsdiensteinsätze – die Ursachen liegen tief

Der Spiegel schreibt “Die Zahl der Rettungswageneinsätze in Deutschland steigt kontinuierlich und war zuletzt doppelt so hoch wie vor acht Jahren. Schuld daran ist auch die Unwissenheit der Patienten – jetzt will die Politik gegensteuern.”


Deswegen will die Bundesregierung nun gegensteuern – vermutlich will sie aufklären – der Erfolg wird sich in Grenzen halten. Denn genau das tun meine Kolleg/innen und ich tagtäglich. Alleine durch Aufklärung wird es vermutlich keinen messbaren Rückgang geben.

Politische Fehler der Vergangenheit liegen tiefer

Das Beheben von Fehlern der Vergangenheit, wie die Rückabwicklung der Trennung der Rufnummern 116117 von der 112, ist sicher ein guter und wichtiger Schritt, die Ursache liegt aber tiefer.
Das Anspruchsdenken der Menschen, ja ich würde sogar sagen der Egoismus jedes einzelnen von uns hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Nur so ist es zu erklären, dass man für eigene Bagatelle den Schaden anderer, die einen Rettungswagen zur gleicher Zeit dringender benötigen, in Kauf nimmt.

Falsche Kostenverteilung und Neoliberale-Lobbypolitik im Gesundheitswesen tragen massiv dazu bei

Aber Hauptursache ist die Gesundheitsheitspolitik der letzten Jahre. Hausärzte wurden so kaputtgespart, dass man das Wort Haus streichen kann, oft sogar das Wort Arzt. Lange Wartezeiten sind die Regel und dann ist nicht einmal Zeit für eine vernünftige Untersuchung/Behandlung. Hausbesuche machen noch die wenigsten, mit der Folge das man nicht mehr weiß was nun: Vielleicht den Rettungsdienst rufen? Oder doch gleich ins Krankenhaus? Beides die falsche Adresse. Doch genau das ist dass, was den Menschen noch einfällt, sie werden schlichtweg dazu getrieben. Denn auch der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116117 verweist allzu oft und allzu gerne auf den Rettungsdienst oder das Krankenhaus, wegen Überlastung. Diese Auswirkungen stehen in direktem Zusammenhang mit Umstrukturierungen in der hausärztlichen- und ambulanten Versorgung. Die Folge: Überlastete Notaufnahmen und Rettungsdiensteinsätze die in die Höhe springen.


Effizienzsteigerungen führten nicht zu mehr Effizienz, sondern zu mehr Komplexibilität im System

Wobei wir beim nächsten Problem sind, den Notaufnahmen. Schon alleine die Finanzierung dieser sogenannten Bagatellen macht es einer Klinik unmöglich, den Raum- und Personalbedarf an die Anforderungen anzupassen. Würde es sich finanziell tragen oder rechnen, hätten wir vermutlich längst Polikliniken. Das tut es nicht und so ist es nicht verwunderlich, dass sich daran auch nichts verbessert. Auch die Einrichtung von KVB-Praxen brachte bisher nicht wirklich Entlastung. Es ist gut gemeint aber falsch gemacht: Einfacher muss es sein, nicht komplexer!
Ein weiterer wichtiger Faktor: Das System ist zu komplex und schwer verständlich, da hilft es nicht, es noch komplizierter zu machen.
Hinzu kommt die Ausdünnung von Kliniken. Viele wurden geschlossen, verkauft, privatisiert. Damit sind auch die Notaufnahmen weniger geworden. Mit der logischen Konsequenz, dass sich mehr Menschen pro Notaufnahme einfinden und auch der Rettungsdienst weitere Wege auf sich nehmen muss.


Wer definiert den Notfall?

Und dann kommt da auch noch unser Anspruch, der Anspruch der Gesellschaft. Wir möchten, dass Jede oder Jeder in einer Notsituation Hilfe bekommt – das will ich auch! Nur wer definiert eine Notsituation? Es gab einen Geist in der Gesellschaft, da hätte die überwältigte Mehrzahl für Bagatellen keinen Rettungsdienst gerufen. Dieser Geist ist lange Geschichte. Das System aber ist gleich. Jeder bestimmt selbst was für ihn ein Notfall ist. Es gibt keine objektiven Kriterien, keine Sanktion, kein Nein – nichts. Wenn ich heute die 112 anrufe und sage ich brauche einen Rettungswagen und einen Notarzt, dann bekomme ich den – mit Blaulicht und Martinshorn in unter 12 Minuten, auch wenn ich pumperl gsund bin, kostet mich das nicht einmal einen Euro.

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3 Kommentare
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 27.02.2018 | 02:09  
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Peter Rauscher aus Augsburg | 27.02.2018 | 11:59  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 27.02.2018 | 20:20  
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