Anzeige

Von Üsküdara bis zum Wirtshauslied: Seminar für Volksmusikforschung und -pflege in Bayern beim Bezirk Schwaben zum Thema "Musik und Identität"

Über die "Schallerfleppe", das Liederbuch der fahrenden Gesellen, sprachen Hansjörg Gehring vom Volksmusikarchiv des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege (links) und der Zimmerer Holger Salvasohn aus Kronburg, der vor zwanzig Jahren selbst auf der Walz war. Foto: Helene Weinold-Leipold

In Vorträgen, Musik und einem Film gingen Wissenschaftler und Musiker in den Räumen des Bezirks Schwaben in Augsburg ein Wochenende lang den Zusammenhängen zwischen der Musik und dem eigenen Selbstverständnis nach. Regisseur Arne Birkenstock diskutierte mit den Seminarteilnehmern über seinen Film „Sound of Heimat“.

Ein bosnischer Flüchtling singt auf der Kärntnerstraße in Wien Lieder aus seiner Heimat, vielen Deutschen sind ihre Volkslieder aber eher peinlich: Warum und wie identifizieren sich Gruppen – beispielsweise Migranten, fahrende Gesellen oder die Bewohner einer Region – über ihre Musik? Solchen Fragen gingen 15 Wissenschaftler aus Deutschland und Österreich und rund 60 Teilnehmer aus ganz Bayern ein Wochenende lang beim 22. Seminar für Volksmusikforschung und -pflege in Bayern zum Thema „Musik und Identität“ in Augsburg nach. Das Spektrum der Musikbeispiele reichte dabei von dem Lied „Üsküdara“, das sich vom Balkanraum aus über die ganze Welt verbreitet hat, bis zum traditionellen bayerischen Wirtshausliedern.
Das Symposium des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege in Zusammenarbeit mit der Beratungsstelle für Volksmusik des Bezirks Schwaben, dem Referat für Kultur- und Heimatpflege des Bezirks Niederbayern, der Forschungsstelle für fränkische Volksmusik der Bezirke Mittel-, Ober- und Unterfranken, dem Institut für sächsische Geschichte und Volkskunde sowie dem Institut für Volkskunde bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften fand zum vierten Mal in Schwaben statt. Vor Augsburg waren 2003 Roggenburg, 1989 Babenhausen und 1980 Reimlingen Veranstaltungsorte.
Wie viele Facetten das Thema „Musik und Identität“ hat, zeigte sich an der Vielfalt der Themen. Einen Schwerpunkt bildete dabei die Musik der Migranten, die einen immer größeren Anteil an der Bevölkerung ausmachen und dadurch die Musik in ihrer neuen Heimat beeinflussen. Gerade in Augsburg ist eine interessante musikalische Szene entstanden: Beispielsweise im Kulturhaus Kresslesmühle oder im Kulturcafé Neruda kommen immer wieder einheimische Musikanten und Migranten zu „vielkulturellen Begegnungen“ zusammen – so der Titel eines Gesprächs zwischen Evi Heigl von der Beratungsstelle für Volksmusik des Bezirks Schwaben mit Hansi Ruile, dem ehemaligen Geschäftsführer des Kulturhauses Kresslesmühle.
Dabei wurde nicht nur über Musik gesprochen: Die Schwäbischen Wirtshausmusikanten, Das Duo Yarende, weitere Musikgruppen und die Tanzgruppe des Mesopotamienvereins rissen mit ihren Auftritten die Tagungsteilnehmer mit und stimmten sie schon am ersten Abend musikalisch auf das Thema ein.
Die Beziehungen zwischen der Musik und der regionalen Identität, beispielsweise als Bayern oder Allgäuer, war ein zweiter Schwerpunkt der Tagung. Dabei ging es unter anderem um die Rolle von Persönlichkeiten wie Wastl Fanderl oder Michael Bredl, dem ersten Volksmusikpfleger des Bezirks Schwaben, auf die Entwicklung der Volksmusik und ihrer Pflege im Laufe der vergangenen Jahrzehnte.
Einen Höhepunkt der Tagung stellte die Präsentation des Films „Sound of Heimat“ im voll besetzten Thalia-Kino dar, der sich eine rege Diskussion mit Regisseur Arne Birkenstock anschloss.
„Frau schimpft, Mann trinkt“: In Volksliedtexten herrscht nach wie vor oft ein sehr stereotypes und weithin überholtes Rollenbild der Geschlechter vor, wie Dr. Philipp Ortmeier in seinem Referat zum dritten Schwerpunkt „Musik und Gender“ ausführte.
Einblick in die Welt der fahrenden Handwerksgesellen und ihrer Bräuche gab schließlich Hansjörg Gehring anhand von deren Liederbuch, der „Schallerfleppe“, unterstützt von Zimmermann Holger Salvasohn, der in traditioneller Kluft über seine eigene Zeit auf der Walz zu Beginn der 1990er Jahre Auskunft gab.

Im Internet:
Bayerischer Landesverein für Heimatpflege: www.heimat-bayern.de
Volksmusikberatungsstelle des Bezirks Schwaben: www.volksmusik-schwaben.de

Von: Helene Weinold-Leipold



--------------------------------------------------------------------------------
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.