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Selber philosophieren!

Das macht sich – mehr oder weniger... – sicherlich jeder:

Gedanken über sich – und die Welt um sich herum.


Nachzudenken beginnen wir viel früher, als wir meist meinen, "eigentlich" nämlich schon dann, wenn wir nach einem Erlebnis erneut daran denken. Umgangssprachlich können wir dazu auch sagen, wir würden die eigenen Erfahrungen "im Kopf" wieder wachrufen, hoch kommen oder vor dem geistigen Auge Revue passieren lassen. Meist sagen wir jedoch einfach, dass wir uns an sie "erinnern": weil wir sie uns innerlich oder in unserem Innern nachträglich ("nachtragend") noch einmal vor Augen führen. Unsere real vorhandenden Augen meinen wir dabei natürlich nicht, sondern lediglich das sprichwörtliche "innere" oder "geistige Auge", das manche sogar als "drittes Auge" bezeichnen, wenn nicht sogar für ein solches halten...

Denken besteht darin, sich irgendetwas vorzustellen, das Vorgestellte weiterzuspinnen oder abzuwandeln und mit anderen Vorstellungen auf unterschiedlichste Weise zu kombinieren. So "drücken wir uns" in unserer bilderreichen Umgangssprache üblicherweise aus, selbst wenn sie deswegen oft ungenau ist. Auch in diesem Fall wollen wir nämlich nicht sagen, dass wir uns dabei tatsächlich etwas zum Anschauen vor uns hin/stellen wie dies in den Vorstellungen geschieht, mit denen uns auf jenen Brettern, die die Welt bedeuten, "alles Mögliche" (alles, was möglich ist) vorgemacht oder vorgespielt wird: zur Schau, als Schauspiel.

"Geistige" Vorstellungen und Anschauungen – von einfachsten Erinnerungen angefangen – haben aber mit Theatervorstellungen vieles gemeinsam, vor allem dies, dass sie gemacht werden. "In der Tat" machen wir uns etwas vor, wenn wir uns an das erinnern, was wir erlebt oder erfahren haben, was aber als solches Erlebnis nicht mehr existiert. Genau deswegen sind wir auch imstande, uns "in" der Vorstellung – real wie schon gesagt: im Kopf (und zwar mit unserem "Denkorgan", dem Gehirn) – noch ganz anderes auszudenken oder einzubilden, wie es oft auch heißt. Psychologen reden hier gern von Imaginationen,* während "der Volksmund" das Gemeinte viel treffender bezeichnet: als Gedankenspiele!**

(In der akademischen Philosophie ist das Thema jüngst aufgegriffen und von Colin McGinn in dem Buch "Das geistige Auge – Von der Macht der Vorstellungskraft" dargestellt worden.)

Es ist tägliche Erfahrung, dass Vorstellungen beliebig sein und Erinnerungen uns täuschen können. Diese Tatsache hat seit jeher zu weit ausgreifendem, "philosophisch" genannten Nachdenken darüber Anlass gegeben, was von dem, was wir so alles denken, realistisch oder wahr ist. Den tatsächlichen oder "wirklichen" Realitätsgehalt unserer Vorstellungen, Ansichten, Überzeugungen, vor allem aber den unseres Wissens(*) zu bestimmen, wurde erst in der neuzeitlichen Wissenschaft begonnen. Hier wird weniger wie in der Philosophie nach den Bedingungen von Wahrheit gefragt, sondern in der Tat und durchgehend geprüft, welche unserer "Theorien" (wörtlich: Anschauungen!) allgemeiner Erfahrung entsprechen – "der Empirie", wie Wissenschaftler dann sagen.

Die eigenen Erinnerungen und Vorstellungen zu überprüfen, um sicherzugehen, ob die persönlichen Ansichten und Meinungen realistisch sind, kann einem allerdings keine Wissenschaft abnehmen. Das ist und bleibt eine Aufgabe, die jeder selbst erfüllen muss.

Selbsterforschung ist vor allem nötig, wenn man zu genauer Selbstkenntnis gelangen möchte. ("Selbstwissen" wäre auch eine passende Bezeichnung für das, was jeder von sich selbst weiss; traditionell wird dafür aber meist der schillernde Begriff "Selbstbewusstsein" verwendet.) Freunde, Vertraute und andere Menschen können dabei durch Nachfragen oder Anregungen zwar helfen; auch Psychotherapien bestehen immer in Gesprächen.(**) Selbsterforschung aber muss vor allem der leisten, der erreichen möchte, was seit langem als hohes, wenn nicht höchstes Ziel gilt: Selbsterkenntnis !

In ihrem Bemühen um Selbst- und Welterkenntnis verspüren viele Menschen den Wunsch, sich über die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen, Ansichten und Überlegungen mit anderen austauschen und Vermutungen und Einsichten miteinander zu erörtern. Diesem Zweck dienen Diskussionskreise, die in den 1990er Jahren in Frankreich aufgekommen sind und sich unter der Bezeichnung "Philosophisches Café" seitdem über halb Europa verbreitet haben.

Anfang 2006 wurde in Stadtbergen auch einer für Augsburg und Umgebung gegründet. Er besteht bis heute, soviel Anklang hat er weit ins Umland, etwa in Neuburg gefunden.

Der Kreis trifft sich jeden zweiten Freitag eines Monats von 19.30 - 22.00 Uhr im ("http://www.lavilla-augsburg.de/images/Kontakt.html")Ristorante "Passione" im Zentrum von Augsburg Bahnhofstr. 21. Er steht allen Menschen ohne jede Vorbedingung offen. Es handelt sich um einen selbstbestimmten und selbstorganisierten Kreis ohne Vereinscharakter. Die einzige "Festlegung" besteht darin, ein gemeinsam interessierendes Thema für das nächste Treffen festzulegen. (Für Einzelheiten s. hier, wo auch die Websites angegeben werden, auf denen die Daten und Themen laufender Treffen angegeben werden.

Anmerkungen
* Mit Imaginationen sind genau genommen visuelle, bildliche Vorstellungen gemeint: von lat. imago das Bild, Abbild, Ebenbild (griech. eídos, von dem sich Idee, Idol sowie Idolatrie ableitet)
** Auch Illusionen sind Gedankenspiele und das schon von der Wortbildung her: der zweite Bestandteil dieses geläufigen Begriffes stammt von dem lat.Verb ludere tanzen, spielen, spotten, während die Vorsilbe il- die abgeschliffene Form der lat. Präposition "in" darstellt. So gesehen wären Illusionen wörtlich genommen "innere Spiele", gedankliche Spiele also.
(*) Unser Wort "wissen" ist wie Weisheit oder das engl. wisdom mit lat. video für "ich sehe" sprachverwandt und dem in der ersten Anm. erwähnten griech. Wort für Bild eídos. Etwas zu wissen bedeutet danach eigentlich: etwas "gesehen zu haben" (verallgemeinert: "wahrgenommen" zu haben) und sich wieder vorstellen zu können! Wir "tun" deswegen das (vorstellen), was wir wissen, also gesehen haben. Dies bedeutet, dass Wissen eine Tätigkeit ist und keine Menge von "Informationen", wie es heute üblich geworden ist (bloß) zu sagen! - s. dazu: Peter Janich Was ist Information? Suhrkamp, Frankfurt 2006
(**) s. meinen Beitrag Mundwerk – Psychotherapie vom Standtpunkt des Praktikers. in: Martin Wollschläger (Hrsg): Hirn – Herz – Seele – Schmerz. Psychotherapie zwischen Neurowissenschaften und Geisteswissenschaften. dgvt-Verlag, Tübingen 2008, S. 25 – 40
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