Prof. Alexander Skotnicki sprach in Schulen, im Annaforum und der Uni Augsburg über Oskar Schindler und Mietek Pemper

29. Juni 2012
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Prof. Alexander Skotnicki, Jagiellonen-Universität Krakau, Hämatologe
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  • hochgeladen von Dr. Bernhard Lehmann

Bericht über die Vortragsreise von Prof. Alexander Skotnicki (Jagiellonen-Universität Krakau) in Augsburg-Gersthofen-Wertingen vom 24. bis 29. Juni über „Oscar Schindler, Mietek Pemper and the Cracowian Jews“.

Bei der Erstellung der Homepage www.mietek-pemper.de gemeinsam mit meinen Schülern war ich auf die Veröffentlichungen von Prof. Skotnicki gestoßen. Es war kein Geringerer als Mietek Pemper selbst, der mir bei der Einweihung der Oskar-Schindler-Straße am 28. April 2008, also zu Schindlers 100. Geburtstag, das Buch von Prof. Skotnicki überreichte. Es sei die verlässlichste Quelle zu Oskar Schindler, vertraute mir der im Juni 2011 verstorbene Mietek Pemper an.

Internationalen Ruf gewann Prof. Skotnicki durch seine über 750 Knochenmarktransplan-tationen, unzählige medizinische Artikel und 13 Handbücher. Aber darüber hinaus beschäftigt sich Skotnicki seit Jahren mit der Geschichte des Krakauer Ghettos, mit Oskar Schindler und seinen „Schindlerjuden“. In den letzten 10 Jahren besuchte er alle noch lebenden „Schindlerjuden“ und konnte so ein einzigartiges Bildarchiv erstellen als auch unzählige Zeitzeugeninterviews führen.

Prof. Skotnicki gestattete uns, die Zeitzeugenberichte aus seinem englischsprachigen Buch auf unsere Website zu stellen, keine Selbstverständlichkeit. Schließlich lud er mich im Herbst 2011 nach Krakau zur Trauerfeier für Mietek Pemper nach Krakau ein. Da ich seiner Einladung keine Folge leisten konnte, erklärte sich Prof. Skotnicki im Sinne der Völkerverständigung bereit, nach Deutschland zu kommen.

Mit im Gepäck hatte er die soeben erst erschienene deutsche Übersetzung seines Buches „Oskar Schindler in den Augen der von ihm geretteten Krakauer Juden“, Krakau 2012.

Die Hochrangigkeit des Besuches lässt sich daran ablesen, dass der OB der Stadt Augsburg, Dr. Gribl, dem Gast aus Krakau einen Empfang im Fürstenzimmer des Rathauses gewährte.

Neben dieser Ehrung aber stand harte Arbeit für Prof. Skotnicki auf dem Programm. Im Gymnasium in Wertingen, in der International School of Augsburg sowie im Maria-Ward Gymnasium wollte er den Schülern eine Botschaft vermitteln, nämlich die, dass es auch in den Reihen der Deutschen - zwar nicht viele - aber dennoch einige mutige Personen gab, die den national-sozialistischen Schergen Paroli boten und mit einem unglaublichen Risiko für das eigene Leib und Leben anderen Menschen das Leben retteten.

Bei seinen Vorträgen an der Universität Augsburg und im Annaforum hob Prof. Skotnicki hervor, dass Oskar Schindlers Wandlung sich angesichts der aberwitzigen Rassendiskriminierung im Generalgouvernement vollzogen habe. Schindler war ein Lebemann, ein Hedonist, Frauenheld und wollte anfangs aus seiner in Krakau erworbenen Fabrik Profite erwirtschaften.

Aber er hatte keine rassischen Vorurteile: „Eine wesentliche Kraft zu meinen Handlungen war das Empfinden einer moralischen Verpflichtung gegenüber meinen zahlreichen jüdischen Mitschülern und Freunden, mit welchen ich eine herrliche Jugend frei von Rassenproblemen erlebte.“ (Oskar Schindler, Brief an Kurt Grossmann, 1956) Als er dann in Krakau die judenfeindliche Politik der Nazis hautnah miterleben musste, nahm er immer mehr Juden in seine Fabrik auf – 1944 waren es schließlich fast 1100 Personen- und konnte sie so vor den Vernichtungslagern schützen.

Als im März 1943 das Krakauer Ghetto aufgelöst wurde, entstand das AL Plaszow. Schindler erreichte im Sommer 1943, dass die jüdischen Arbeiter seiner Fabrik auf dem Betriebsgelände wohnen durften und so nicht den Launen des mordlüsternen Kommandanten Amon Göth ausgesetzt waren. Über den jüdischen Schreiber Göths, Mietek Pemper, war Schindler genauestens informiert, dass seine Fabrik und die jüdischen Arbeiter nur dann eine Zukunft hatten, wenn sowohl seine Fabrik wie das AL Plaszow zur „kriegsentscheidenden Produktion“ beitragen konnte, denn zwischen Herbst 1943 und Frühjahr 1944 wurden alle nicht „kriegwichtigen“ AL aufgelöst.

Pemper kannte die Geheimkorrespondenz Amon Göths und war über die Pläne des Wirtschaft-Verwaltungshauptamtes der SS informiert, weshalb er die Umstellung von Schindlers Fabrik von der Email- auf Waffenproduktion vorantrieb und durch bewusste Manipulation der Produktionslisten die Umwandlung des AL Plaszow in ein KL initiierte, die im Oktober 1943 tatsächlich erfolgte. Pemper drängte Schindler dazu, neben seiner Emailproduktion eine Rüstungsproduktion aufzubauen: „Herr Direktor Schindler, mit Emailtöpfen allein kann man keinen Krieg gewinnen. Es wäre schön, wenn Sie in Ihrer Fabrik eine richtige Rüstungsabteilung hätten, damit Ihre Leute sicher sind.“ (Mietek Pemper, Der Rettende Weg, S. 120)

In der Tat verfügte das SS-WVHA (Wirtschaftsverwaltungs-Hauptamt) im Sommer 1944, dass nur der Teil von Schindlers Fabrik nach Brünnlitz verlagert wurde, der Granatenteile produzierte. In gewisser Weise gab es eine Interessenskoinzidenz der Juden und dem Kommandanten Göth. Die Juden wussten, dass eine Auflösung des Arbeitslagers sie in die Gaskammern geführt hätte, Göth seinerseits hätte seinen angenehmen Posten und seine Privilegien als Kommandeur zugunsten eines Fronteinsatzes verloren. Als die russische Front näher rückte, konnte Schindler dank seiner Beziehungen und seiner Cleverness seine Fabrik nach Brünnlitz verlagern. Es gelang ihm sogar, die 300 Frauen aus seiner Fabrik aus Auschwitz nach Brünnlitz zurückzuführen. Die namentliche Anforderung seiner jüdischen Arbeiter war ein einzigartiges Meisterstück Schindlers.

Geholfen haben Schindler bei der Führung der Fabrik insbesondere Abraham Bankier, der für die Gewinne der Fabrik auf dem Schwarzmarkt verantwortlich zeichnete, Izak Stern und eben Mietek Pemper. Schindler war kein Unternehmer im eigentlichen Sinne. Weder vor noch nach dem Kriege gelang es ihm, ein Unternehmen profitorientiert zu führen.

Seine außergewöhnliche Leistung aber vollbrachte er in Krakau und Brünnlitz. Schindler setzte sein ganzes Vermögen zur Rettung der Juden ein, um deren Überleben zu sichern:
Kein Außenstehender kann ermessen ... wie groß die Arbeit war, von dem gefassten Entschluss an, meine Juden nach Westen mitzunehmen, bis zur durchgeführten Tatsache, wo ich über 1.000 Menschen an einen neuen Ort in Sicherheit hatte. Chaos und Bürokratie, Neid und Böswilligkeit waren Hindernisse, die die Verlagerung illusorisch erscheinen ließen und mich an den Rand der Verzweiflung brachten. Nur der eiserne Wille, meine Juden, in deren Reihen ich im Laufe der sechs Jahre aufrichtige Freunde gefunden hatte, nicht einem Krematorium in Auschwitz oder sonst wo zu überlassen, nachdem ich diese jahrelang unter aufreibendem persönlichen Einsatz den Krallen der SS vorenthalten hatte, half mir, mein Ziel zu erreichen.“ (Oskar Schindler)

Nach dem Krieg übernahmen seine dankbaren Arbeiter die Verantwortung für den Lebensunterhalt Oskar Schindlers und seiner Frau. Oskar Schindler gelang es weder in Argentinien mit seiner Nutriafarm noch nach 1957 in Deutschland, sich eine Existenz aufzubauen. Nur mit der Hilfe seiner Juden konnte er überleben. In Deutschland bis in die 60-er Jahre hinein mehr geächtet als geachtet, wurde er bei seinen 17 Besuchen in Israel begeistert empfangen und umsorgt. Schließlich schufen sie den Oscar Schindler Survivors Fund und machten ihn zum Vertreter der Hebrew University Jerusalem in Deutschland. Seine Aufgabe war es, Geldmittel für die Universität einzuwerben. So konnte ein Oscar Schindler Scholarship eingerichtet werden, das auch heute noch in Gedenken an Oskar Schindler existiert.

Alle von Prof. Skotnicki interviewten Juden äußerten sich voll des Lobes und der Dankbarkeit über Oskar Schindler und nahmen auch Stellung zu den gegenüber Schindler geäußerten Vorwürfen. Stellvertretend für die überlebenden Opfer sollen hier drei Personen zitiert werden:
Nachum Manor, Pos. 582 auf Schindlers Liste, geb. 1923, heute wohnhaft in Beer Sheva:
„Nach der Befreiung 1945 blieb Schindler ein unbekannter Mensch, und als solcher starb er auch. Nur die kleine Gruppe der Geretteten bewahrte sein Andenken….. Es gab nicht viele, die unsere Geschichte hören wollten. …. Selbst heute ist Schindler für viele eine umstrittene Gestalt. Oft hören wir ironische Bemerkungen: Er sei kein „Heiliger“ gewesen. Wäre er einer gewesen, dann wäre es ihm gewiss nicht gelungen, das zu erreichen, was er geleistet hat. Er schätzte Geld und die Gesellschaft schöner Frauen, gefährliche Abenteuer und die Emotionen des Hasardspiels – wir aber waren sein größter Einsatz. In der Tiefe des Herzens war er ein mutiger und anständiger Mensch, der sich entschlossen hatte, um jeden Preis seine Arche Noah zu retten. Für uns war er ein Heiliger, ein Halbgott, mindestens aber ein Wächterengel. Retten konnte uns einzig ein Wunder – und dieses Wunder hat er eigenhändig vollbracht! …. 17 Mal kam er nach Israel, um zusammen mit uns den Tag der Befreiung und den eigenen Geburtstag zu feiern. In unserem Erfolg fand er Trost für seine eigene Niederlage. Als er operiert wurde, hinterließ er ein Testament, welches bestimmte, dass er, wenn das Schlimmste käme, wünsche, in Jerusalem, unter seinen Freunden begraben zu werden. So geschah es auch. Nie werden weder wir ihn, noch was er für uns getan hat, jemals vergessen und immer werden wir diese Erinnerungen pflegen.“ Zitiert nach: Alexander Skotnicki, a.a.O., S.132

Moshe Bejski, Pos. 531 auf Schindlers Liste, langjähriger Richter am Obersten Gericht Israels (1921-2007):
„Unter der Maske seiner scheinbaren Nonchalance und Liederlichkeit verbargen sich Feingefühl und das Bewusstsein der Verantwortung, Fürsorglichkeit und Freundschaft sowie eine in der Kriegszeit und danach betonte Dankbarkeit gegenüber seinen jüdischen Mitarbeitern für ihre Hilfe bei der Verwirklichung seines Hauptziels:der Rettung einer größtmöglichen Anzahl der so sehr gefährdeten Krakauer Einwohner jüdischer Herkunft aus den Händen der aus seinem Volk stammenden Massenmörder…. Seinen ganzen Einfallsreichtum, seine Fähigkeiten und Kontakte, seine ganze gewaltige Energie sowie seine zahlreichen Freunde – Juden, Polen und Deutsche – setzte er für den Widerstand gegen die unmenschlichen Grausamkeiten ein, die damals in Krakau geschahen. Er wollte kein stummer Zeuge sein und unternahm alles, was er konnte, um seine jüdischen Mitarbeiter und ihre Familien zu schützen und zu retten. Er umgab uns mit väterlicher Fürsorge und kam unseren Bedürfnissen – selbst den geheimsten – entgegen. …. Während des Krieges war Oskar der einzige Deutsche, den ich nicht fürchtete – im Gegenteil: Ich konnte stets auf ihn zählen.“ Zitiert nach Alexander Skotnicki, a.a.O., S.133

Mietek Pemper über Oskar Schindler:
„...es war ein Glücksfall dass Schindler so war wie er war: so leichtsinnig, so beherzt, so mutig, so trinkfest, so unerschrocken. Er, der weder vor noch nach dem Krieg etwas Besonderes vorweisen konnte, führte zusammen mit seiner Frau eine Rettungsaktion durch, der heute, verstreut über die ganze Welt, mit Lebenspartnern, mit Kindern und Enkelkindern über sechstausend Menschen direkt oder indirekt ihr Leben verdanken. Das ist das Wesentliche. Alles andere ist unwichtig“ Mietek Pemper, Der Rettende Weg, Schindlers Liste, Die Wahre Geschichte, Hamburg 2005, S.180

Mietek Pemper zu Oskar Schindlers Lebenswandel: „Als man mich bei einem meiner Vorträge gefragt hat, ob es denn stimme, dass Schindler so viele Frauenbekanntschaften gehabt hat, und dass er Alkohol getrunken hat, da sagte ich, und hatte dann immer die Lacher auf meiner Seite, wissen Sie, das waren Zeiten, wo wir nicht die Möglichkeit hatten, dem Retter, der bereit ist, uns, die wir am Ertrinken waren, sahen dass ein Mann am Ufer steht und die Jacke auszieht und ins Wasser springen will, dass wir ihm sagen: „Entschuldigen Sie, bevor Sie springen, sagen Sie zuerst, ob Sie ihrer Frau treu sind und ob Sie Alkohol trinken. Das ist naiv so etwas zu glauben. Wir hätten mit dem Teufel und seiner Schwiegermutter verhandelt, vorausgesetzt er hat eine, .... und aus diesem Grund meine ich ..., die ganzen Misserfolge von Schindler nach dem Krieg, sie sollten außen vor bleiben.“ Georg Heuberger (Hrsg.), Jüdisches Museum Frankfurt a.M., Eine Rettergeschichte; Was ist ein Held, S. 25. Transkription Mieczyslaw Pemper Interview Disc 2, Datei 13; 23:25 Minuten

„Weit entfernt bin ich davon, ein Heiliger zu sein, habe als maßloser Mensch viel mehr Fehler als der große Durchschnitt derer, die so sehr gesittet durchs Leben schreiten“ (Oskar Schindler)
Oskar Schindler vor Studenten in Haifa, 1973: „Um Mensch zu sein, muss man den Mut haben, manchmal gegen den Strom zu schwimmen und etwas zu machen, was unüblich ist und verdächtig erscheint. Wenn man im Herzen fühlt, dass das richtig ist, muss man es tun.“

Es ist das große Verdienst von Prof. Skotnicki, die Aussagen der Schindlerjuden und ihr Andenken an diesen mutigen und einzigartigen Menschen gesammelt zu haben. Noch heute reist Skotnicki alljährlich zu den Schindlerjuden in die USA und nach Israel. Täglich telefonieren sie mit ihm, ganz selbstverständlich, wie gute Freunde. So kam auch ich zu der Ehre, mit Nachum Manor und Alexander Allerhand zu telephonieren und Stella Müller-Madej zu hören.
Darüber hinaus besuchten wir am 25. Juni die Nichte Oskar Schindlers, Trude Ferrari unweit von Neuburg an der Donau. Auch sie hat unendlich viel über Schindler zu erzählen, denn sie lebte mit den Schindlers in Krakau, Brünnlitz und besuchte ihren Onkel in Frankfurt.Sie sollte seine Memoiren schreiben, wozu es aber leider nie kam.

All diese Erlebnisse rund um den Besuch von Prof. Skotnicki bestärken uns in unserer Absicht, das Andenken an Oskar Schindler und Mietek Pemper zu bewahren. Ihnen beiden ist unsere website www.mietek-pemper.de gewidmet.

Die website www.mietek-pemper.de berichtet unter der Rubrik "Aktuelles" über den Besuch von Prof. Skotnicki in Augsburg.

Bürgerreporter:in:

Dr. Bernhard Lehmann aus Gersthofen

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