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Die geistige Umnachtung eines Volkes - Lesung widmet sich dem dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte

Zum Gedenken an die Opfer des Holocaust hat das Kulturreferat von Stadtbergen gemeinsam mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) eine eindrucksvolle Lesung im Foyer des Bürgersaals veranstaltet. Die Produktion der inzwischen verstorbenen Augsburger Schauspielerin Gudrun Erfurth hieß „Heute gehört uns Deutschland und morgen…?“ und beinhaltete teils satirische, teils verzweifelte Texte bekannter Schriftsteller sowie diverse Tondokumente. Sensibel trugen die beiden Schauspielerinnen Daniela Nering und Anna Ottmann das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte vor - ein fesselndes wie emotionales Hörerlebnis, welches das Publikum in ehrfürchtiges Schweigen versetzte, ohne jemals unangemessen zu wirken.
Organisatorin Felicitas Samtleben von der GCJZ erinnerte in einer kurzen Einführung an den 9. November, der nicht nur den Fall der Berliner Mauer markiert, sondern gleichfalls den Beginn der Judenverfolgung vor 71 Jahren als Ergebnis des deutschen Ideologie- und Rassenwahns.
Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Berthold Brecht und viele andere Literaten gehörten zu den mutigen Menschen, die sich dem Unrechtregime widersetzten und deren Bücher einst auf den Scheiterhaufen Deutschlands brennen mussten. Sie lieferten die ergreifenden, oft verzweifelten, aber mitunter auch humorvoll-anekdotenhaften Vorlagen der Literaturcollage.
Der Bogen der ausgewählten Stücke spannte sich von Kästners „Große Zeiten“, in denen ein Volk in geistiger Umnachtung versinkt, bis hin zum „Kind im Dritten Reich“ von Erika Mann, dessen Tagesablauf ganz im Zeichen von „Heil Hitler“ steht. Lyrik und Prosa wurden stimmig in den chronologischen Verlauf der Hitlerdiktatur eingebunden und wirkungsvoll durch zeitgenössische Tonaufnahmen ergänzt.
Musikalisch begleitet wurde die Lesung von den melancholischen Akkordeonklängen Vassili Troutnevs, die nicht nur für nachdenkliche Schweigeminuten zwischen den Texten sorgten, sondern auch unterschiedliche Abschnitte des Naziregimes wiederspiegelten. Jiddische Weisen wie „Donna Donna“ erinnerten an die seelischen Wunden der Opfer jener Epoche, leichte Walzerklänge erklangen im Kontext der Übernahme Österreichs durch Adolf Hitler in einem neuen Blickwinkel.
Kulturreferent Horst Brunner fasste den Abend treffend zusammen: „Die Geschichte können wir nicht rückgängig machen. Aber wir können das Vergessen umgehen, indem wir solche Veranstaltungen immer wieder durchführen.“
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