Die Geister, die ich niemals rief...

Das Beste an der Geschichte ist ihr Anfang, nicht das Ende...
  • Das Beste an der Geschichte ist ihr Anfang, nicht das Ende...
  • hochgeladen von Sophia Sommer

Ich öffne die Tür und werfe meine Schuhe achtlos in die Ecke.
Dann gehe ich genau drei Schritte durch das dunkle Zimmer.
Ich weiß, niemand außer mir ist hier, und doch glaube ich zwischen den Brokatkissen auf dem Teppich ein Gesicht zu sehen, das ich schon längst vergessen geglaubt hatte. Ich bilde mir ein zu beobachten, wie feine Staubflocken auf seinen zerwühlten Haaren tanzen, wie sie im Lichtstreifen der halbgeöffneten Vorhänge glitzern und zittern und durch ihn hindurch geräuschlos auf den Boden fallen. Ich schließe die Augen, öffne sie wieder und der Geist ist verschwunden. Und dann lasse ich mich erleichtert in den weichen roten Sessel fallen, atme die beruhigende Dunkelheit und flüchte berechnend in den Schlaf.

Meine Zunge spielt mit der harten Karamelloberfläche der Bonbons in meinem Mund. Es ist ihre krachende Süße, die mich an meine Kindheit denken lässt, die harte Schale der Wahrheit, die erst nach vielen Mühen ihren flüssigen, sündigen Kern preisgibt. Es sind nicht irgendwelche Leckereien, es ist dieser bestimmter, kaum zu beschreibende Geschmack, der mich zu einem kleinen Mädchen mit Zöpfen macht, das heimlich am Nachmittag vor der Kommode in der Küche kniet und zwischen prallen Päckchen mit Reis und mehlbestäubten Vorratsdosen nach den Bonbons seines Vaters sucht, die er sich anwohnt hatte zu knabbern, um endlich von der täglichen Schachtel Zigaretten loszukommen. Und es ist die große, dampfende Tasse bernsteinleuchtenden Darjeeling, die ich dazu trinke – ganz genau so, wie meine Mutter sie mir immer zum Frühstück gemacht hatte, während sie bunte Bänder in meiner Haare flocht und mich geduldig ermahnte, doch bitte endlich still zu sitzen. Ich spüre noch immer die Berührung ihrer kühlen Hände auf meinem Kopf – es ist der Geist einer längst vergangenen Welt, der mich tröstlich mit seinen Flügeln streift.

Der Regen gleitet in glitzernden Tropfen an meinem Fenster hinab und ich denke an eine längst vergangene Nacht: ein Mann und eine Frau, nebeneinander auf einer schiefen Bank, inmitten einer seltenen grünen Oase, inmitten einer vom Lärm betäubten Stadt und doch so weit vom Stimmengewirr der alltäglichen Gegenwart entfernt. Der Mond lugt hinter den dunklen Wolken hervor, das Licht ist Seide und der Regen ist warm – es ist der Beginn einer freudlosen Geschichte, die längst vergangen und doch noch immer in meiner Erinnerung lebendig ist. Es ist die Erinnerung an die Augen, die in der Nacht wie Fackeln leuchten, an die Regentropfen, die auf meinen bloßen Schultern zittern, an Versprechen, die so leicht gefallen, so schwer zu halten waren. Der Regen und dieses Gefühl sind für immer miteinander verbunden. Und so lange es regnet, wird mich sein Geist, so hoffnungslos, niemals verlassen.

Der Geschmack von Kaffee auf meiner Zunge, der würzige Espresso in einer einfachen weißen Porzellantasse, die so erstaunlich genau in meine Handfläche passt, und ich erinnere mich an das Salz des Meeres und die Sonne des Südens – es ist die Sehnsucht nach Freiheit, die darin schmeckt, das Fernweh und die Jugend, die Abenteuer und das Entsinnen an einen dunkelhaarigen Mann, der mit sicherer Hand das Cabrio auf den Serpentinen zwischen den schroffen Bergen lenkt. Es ist sein Geist, der die cremige Oberfläche der Flüssigkeit verlässt, um sich für alle fremden Augen als bitter-leichtes Kaffeearoma in der schwülen Luft der Raststätte aufzulösen. Für mich aber bleibt er spürbar. Er ist auf immer in meinem Gedächtnis mit seinem Gesicht verbunden.

In den zerbrechlichen Kanten der ersten Schneeflocken, in der ersten Berührung meiner warmen Hand so vergänglich, sehe ich noch immer die funkelnden Sterne der Nacht, die ich auf einer kleinen Brücke allein mit meinen Gedanken verbringe, den Blick in die sprudelnde Quelle dort unten verloren, den scharfen Geschmack von Gin auf meinen Lippen. Um mich herum explodieren die Lichter der Sylvesterraketen und ihre Blüten fallen zischend in die Stille meiner Gedanken. Ihre Spuren verschwinden hinter dem Horizont und tauchen über meinem Kopf im flackernden Licht wieder auf. Sie steigen und fallen; sie können nicht fliegen. So wie Tränen, die mein Gesicht hinab rinnen – einmal den Weg an die fröstelnde Oberfläche meiner Wangen gefunden, kehren sie nie mehr zu ihrem Ursprung zurück. Sie gefrieren für einen kurzen Moment, während sie durch die Luft fallen, um sich mit einem leisen Zischen in der Leere unter meinen Füßen unvermeidlich aufzulösen. Der erste Schnee ist rein, die Geister der Erinnerungen sind es nie.

Vergessen ist ein Luxus, den sich nur wenige von uns leisten können. Verdrängen ist der einzige Weg, der meistgewählte Pfad der Reue, des Bedauerns um vertane Chancen, verlorene Gesichter, verbrannte Leidenschaften, verwelkte Blumen, vermisste Berührungen. Wir erinnern uns niemals genau an die greifbaren Tatsachen, an Wortlaut, Geographie und Zeitmaß. Aber in unserem Andenken blühen jene, für alle anderen Menschen auf der Welt kaum wahrnehmbaren Blicke, Gefühle und Zeichen, all die subjektiven Momente der Trauer und des Schmerzes, die unterdrückten Tränen und schäumenden Fluten der Wut, die kaum bezähmbaren Leidenschaften und die federleichte Hingabe großer Gefühle. Und je weiter die Orte in unserer Erinnerung zurückliegen, je ferner die Momente zu sein scheinen, in denen wir geistern, desto stärker glauben wir an das, woran wir uns erinnern. Die Farben sind leuchtender, das Glück vollkommener, die Empfindungen fanatischer, die Schmerzen zerreißender und die Liebe strahlender, als sie es in Wirklichkeit jemals gewesen ist.
Wir glorifizieren unsere Vergangenheit; wir verändern, verdrehen und verfälschen sie so lange, bis wir jeden Moment aus vollem Herzen daran glauben, dass alles damals genau so war, wie man es aus der Distanz des Heute zu empfinden und zu verstehen geneigt ist. Und all das nur, um sich nicht den Irrtum eingestehen zu müssen, dass die Helden in Wirklichkeit keine Helden, die Nächte kalt und die Tränen falsch, der Betrug nur halb so schicksalhaft und die Bonbons einfach nur viel zu süß waren.

Der Geist unserer Vergangenheit ist einfach nicht bereit, sich geräuschlos aus unserem Leben zu verabschieden. Er liegt auf den staubigen Brettern der Bücherregale, durchsichtig, schwerelos, und blickt mit verschlossenen Augen in unser Herz, wo er nach der verdrängten Wahrheit sucht – wehe dem, der sie zu finden erlaubt. Er kräuselt sich geräuschlos aus den Bildern auf den vergilbten Seiten der Alben, hängt in den Ecken zwischen den Heizungsrohren herum und versperrt, den ganzen Türrahmen mit seinen monströsen Umrissen ausfüllend, den Weg zum Ausgang in die Welt dessen, was wir jetzt und heute als unsere Wirklichkeit, unser tatsächliches Leben betrachten.

Wir durchstreifen die lärmenden Straßen und sind doch niemals allein.
Die Geister unserer Erinnerungen begleiten uns auf jedem Schritt, und je länger wir leben, desto zahlreicher wird ihre Gesellschaft. Ihre eingeflüsterten Glaubwürdigkeiten halten uns beharrlich davon ab, wieder bedingungslos vertrauen, sich verlieben und fortleben zu können.

Wir können sie nicht mit unseren Augen sehen.
Doch sie sind wirklich da.

Bürgerreporter:in:

Sophia Sommer aus Augsburg

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