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Mit lauter Stimme

Dr. Barbara Staudinger ist seit September 2018 die Direktorin des Jüdischen Museums Augsburg Schwaben (Foto: Daniel Shaked)

Im Interview spricht Dr. Barbara Staudinger, die neue Direktorin des Jüdischen Museums in Augsburg, über die Aufgabe des Museums in Zeiten einer sich polarisierenden Gesellschaft

Die gebürtige Österreicherin Barbara Staudinger studierte Geschichte, Theaterwissenschaften und Judaistik an der Universität Wien. Die Schwerpunkte ihrer Forschung sind unter anderem die Jüdische Geschichte der Frühen Neuzeit in Österreich und Süddeutschland, das Landjudentum im süddeutschen Raum und Niederösterreich und die jüdische Migrationsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Seit 1. September 2018 leitet Dr. Barbara Staudinger das Jüdische Museum Augsburg Schwaben.

myheimat: 2019 kann man für das Jüdische Museum in Augsburg als ein Jahr der Veränderungen sehen. Mit Ihnen als neue Direktorin kommen neue Ansätze in die Ausstellung und auch ein Umbau soll bald realisiert werden. Wie soll dieser Umbau aussehen und wo sehen Sie Potential, Vorhandenes, anhand Ihres Zugangs zur musealen Arbeit, zu verändern.

Dr. Barbara Staudinger: Ich würde den zweiten Teil der Frage einmal vom Umbau loslösen. Dass es eine Erweiterung des Museums geben wird, ist ganz sicher. Der Kontext ist die Renovierung der Synagoge. Der Synagogenkomplex ist das letzte Mal 1983 bis 85 renoviert worden und die Synagoge muss erneut renoviert werden. In diesem Kontext ist geplant, dass eben auch das Museum eine neue Dauerausstellung bekommt. Es ist auch geplant, das Museum durch einen Wechselausstellungsraum zu erweitern. Konkrete Pläne gibt es noch nicht und ob der Umbau dieses Jahr geschehen wird, ist ebenfalls noch nicht sicher. Aber er wird in der nahen Zukunft kommen. Was natürlich auch heißt, dass wir uns –mit „wir“ meine ich immer mich und das Team, weil ich bin eine Teamplayerin – jetzt Gedanken machen über eine neue Dauerausstellung. In Vorbereitung dazu – und da kommen wir dann wirklich zum Jahr 2019 – haben wir uns ein Programm ausgedacht, das bereits Fragen an die Dauerausstellung stellt und mögliche Fragen für eine neue Dauerausstellung entwickelt und aufwirft.
Der erste Programmpunkt in diesem Jahr – der erste größere – sind Ende März die „Ersten Augsburger Desintegrationstage“ mit Max Czollek aus Berlin, der das Buch „Desintegriert Euch!“ geschrieben hat, in dem er dafür plädiert, dass sich die deutschen Juden und Jüdinnen doch bitte von der Rolle, die ihnen das deutsche Gedächtnistheater vorschreibt, emanzipieren sollen. Mit ihm und gemeinsam mit einem Augsburger Comiczeichner werden wir eine Guerilla-Museumstour hier durch die Dauerausstellung machen, wir werden uns praktisch durch den Dschungel der Erzählung der jüdischen Geschichte in Museen und in diesem Museum besonders schlagen und Gegenerzählungen entwerfen. Dabei werden Comiczeichnungen von Paul Rietzl entstehen, die dann in der Dauerausstellung verbleiben.
Eine weitere Intervention – Interventionen sind Veränderungen einer bestehenden Ausstellung für einen abgesteckten Zeitrahmen – ist auch noch für 2019 geplant. In den grünen Vitrinen, die in der Dauerausstellung jüdische Traditionen und Feiertage erklären, wird es eine Intervention zum Thema „Werte“ geben. Dabei wird natürlich auch sehr viel von jüdischer Tradition erzählt, allerdings anhand von Fragen, die unseren Alltag und unsere politische Diskussionen heute betreffen. Das heißt, wenn ich jetzt meine Handschrift, meinen Zugang beschreiben würde, würde ich sagen, dass ich versuche, museale Arbeit an Fragestellungen anzuschließen, die heute relevant sind. Das heißt nicht, dass keine historischen Objekte gezeigt werden, sondern dass historische Objekte in einem Kontext stehen, der eine Relevanz für die Gesellschaft heute hat.

myheimat: Sie haben also den Anspruch, ein historisches Museum zu sein, aber eben auch den Bezug zu aktuellen Themen und Diskursen herzustellen. Das passiert hier im Museum in Ansätzen bereits…

Staudinger: Es passiert jetzt schon, ich denke mir dennoch, dass gerade durch universalistische Fragestellungen – das heißt, Fragestellungen, die nicht allein die jüdische Religion umfassen, sondern Glauben oder Werte generell – das Jüdische Museum auf der einen Seite die Richtung eines Minderheiten-Museums einschlägt, in dem am Beispiel der jüdischen Geschichte auch Themen von Minderheiten verhandelt werden, und auf der anderen Seite das Judentum, das in Deutschland immer noch für viele einen exotischen Charakter hat, aus der exotisierten Ecke herausbringt.

myheimat:
Ende 2018 gab es bereits eine weitere Veränderung für die Einrichtung. Das Jüdische Kulturmuseum Augsburg-Schwaben wurde in Jüdisches Museum Augsburg Schwaben umbenannt, um sich damit in die internationale Community Jüdischer Museen einzureihen. Was bedeutet dies konkret für das Museum in Augsburg?

Staudinger:
Ich halte das für ziemlich wichtig, es gibt auch einen ganz pragmatischen Grund: „Kulturmuseum“ gibt es im englischen Sprachraum nicht, das heißt „Kulturmuseum“ ist nicht übersetzbar. „Cultural Museum“ ist eine Konstruktion von und für hier. In einer Zeit, in der wir vernetzt sind und der europäische sowie der internationale Kontext für Jüdische Museen immer wichtiger werden, ist das ein ganz bedeutendes Argument.
Was mir dabei auch wichtig ist: in unser Museum kommen viele Schulklassen. Schulklassen sind nicht unbedingt die freiwilligsten Besucher und Besucherinnen, sondern der Lehrer/die Lehrerin schleppt die Schulklasse hierher. Wir wissen, dass ein Museum eine gewisse Bildungshürde darstellt. Wenn es ein Kulturmuseum ist, ist diese Hürde noch höher, weil da noch die Kultur oben draufgepackt wird – die ja eigentlich im Museumsbegriff sowieso enthalten ist. Und wir sind in einer Zeit, in der der Kulturbegriff sich sehr stark gewandelt hat und weggegangen ist von einer kanonisierten Hochkultur hin zu einem sehr offenen Kulturbegriff. Diese Vielschichtigkeit kann man in einem Namen nicht transportieren. Vielmehr ist es so, dass es mittlerweile wirklich viele Jüdische Museen gibt, Menschen kennen Jüdische Museen, sie haben gewisse Vorstellungen, was sie da erwartet; bei einem Kulturmuseum wissen sie es vielleicht nicht. Sich da einzureihen macht Sinn, die Umbenennung hat aber vordergründig wirklich ganz pragmatische Gründe.

myheimat: Die Umbenennung hat also auch mit der Wirkung nach außen zu tun.

Staudinger: Sie hat mit der Wirkung nach außen zu tun und vor allem auch mit einer Internationalität, mit einer Zweisprachigkeit, mit einem Wirken auch im europäischen Kontext. Dies alles ist so nun besser zu transportieren.

myheimat:
Wenn wir schon beim Thema der Wirkung nach außen sind. Wie steht es um die Wirkung im regionalen Kontext? In der AZ beschreiben Sie, dass Ihnen bei Ihrer Ankunft in Augsburg aufgefallen ist, dass die Menschen hier das Jüdische Museum oft gar nicht richtig kennen oder es nie bewusst wahrgenommen haben. Haben Sie Ideen, wie Sie das Museum dahingehend besser nach außen aufstellen können?

Staudinger:
Ja, die zweite größere Sache wird im Juli und dann auch im Kontext des Friedensfestes stattfinden. Wir feiern dieses Jahr fünf Jahre unseren zweiten Standort, die ehemalige Synagoge Kriegshaber und dabei wird es eine Ausstellung geben zum Thema „Kindertransporte“ und eine Intervention im öffentlichen Raum, die sich von der Ulmer Straße Kriegshaber bis in die Augsburger Innenstadt zieht. Ich denke, gerade mit Interventionen und Veranstaltungen im öffentlichen Raum, kann man noch einmal ganz andere Leute ansprechen. Und wenn diese dann auch nicht ins Museum kommen, so wissen sie doch, dass hier etwas passiert; etwas aus Augsburg heraus und für Augsburg und darüber hinaus.
Was mir auch aufgefallen ist im Zusammenhang mit meinen Forschungen über das Landjudentum: mir waren Orte wie Pfersee, Kriegshaber, Schlipsheim, Steppach, alle vertraut. Dort waren in der Frühen Neuzeit bis ins 19. Jahrhundert hinein große jüdische Gemeinden; hier war eine der wichtigsten jüdischen Regionen im alten Reich. Dieses Selbstverständnis fühle ich nicht wirklich hier in Augsburg oder in Neusäß, wo ja Steppach und Schlipsheim eingemeindet sind. Das Selbstverständnis, glaube ich, könnte man noch stärken. Für mich müssen es nicht immer die ganz intellektuellen Ausstellungen sein, sondern vielleicht ein Begleitprogramm zu einer historischen Ausstellung, die mehr Menschen mit der jüdischen Geschichte konfrontiert, die nicht nur aus einer leeren Synagoge besteht, sondern von einer Ansiedlung bis zur Shoa geht

myheimat: Können Sie die Spuren, die von den Gemeinden im Umland noch übrig sind, hier in Augsburg repräsentieren?

Staudinger:
Es gibt natürlich nicht für alle Landgemeinden, aber für einige, historische Zeugnisse. Bei der Forschung zum Landjudentum kann man museal nicht einfach ins Archiv gehen oder in die eigene Sammlung und den Bestand überprüfen, sondern man muss zusammenholen. Diese Gemeinden sind untergegangen – im Wesentlichen schon vor der Schoa mit dem Zuzug in die Städte, also ab der Möglichkeit, sich frei und in Augsburg niederlassen zu können und vor dem Hintergrund, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowieso die Landbevölkerung stark in die Städte abgezogen ist. Dabei haben auch die jüdischen Landgemeinden einen Niedergang erlebt. Wenige blieben zurück, oft die Alten, nach dem Motto „Einen alten Baum verpflanzt man nicht“. Mir geht es darum, kein romantisches Bild wiederherzustellen und auch zu schauen, was übriggeblieben ist. Mit dem Untergang der Gemeinden wurden die Judaika in alle Welt zerstreut. Aber jüdisches Leben besteht ja nicht nur aus Judaika, sondern es geht um Personen, es geht auch um Alltag und es geht darum, den Alltag jüdischer und christlicher Gemeinde in einem Ort begreifbar und erfahrbar zu machen. Das Jüdische Museum Augsburg Schwaben heißt nicht ohne Grund Augsburg Schwaben, weil wir begreifen uns als Museum auf der einen Seite für die Stadt, auf der anderen Seite für die Region. Ich sage immer, wenn wir nur das Jüdische Museum Augsburg wären, würden wir mehrheitlich eine Geschichte ohne Juden erzählen. Das jüdische Leben spielte sich zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert auf dem Land ab und war einzigartig im Alten Reich, es hat nirgends so große und so bedeutende Landgemeinden wie im Südwesten des Alten Reiches gegeben. Das ist eine Besonderheit. Warum das genau hier so war, das hat ganz viele verschiedene Gründe, die man aufzählen kann oder die man erzählen kann, aber ich denke mir, das ist etwas, was das Museum fortführen will.

myheimat
: In der heutigen Zeit einer sich polarisierenden Gesellschaft stehen Diskurse zu Themen wie Diskriminierung, Erinnerungsarbeit und Antisemitismus zunehmend im Fokus. Welche Aufgabe muss und kann das Museum angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Diskussionen einnehmen?

Staudinger: Museum ist per se politisch. Wenn man so tut, als wäre man nicht politisch, dann ist man auch politisch. Das heißt, man kommt aus dem Ganzen nicht heraus; und das ist auch gut so. Ich denke, gerade heute – ich habe sicher vor fünf Jahren anders darüber gedacht – muss ein Jüdisches Museum sehr laut die Stimme erheben gegen Antisemitismus, aber auch gegen jede Form von Hass und Hetze sowie die Spaltung der Gesellschaft, die wir zu einem Teil genau jetzt erleben. Ich glaube, das muss sich auf der einen Seite in der musealen Arbeit niederschlagen. Wir erarbeiten gerade eine Ausstellung gemeinsam mit dem NS-Dokumentationszentrum in München, die zuerst in München und dann in Augsburg gezeigt werden wird, wo es um Ausschluss von Minderheiten aus der Gesellschaft geht. Historisch anhand der Juden in den 20er-Jahren, noch vor dem Nationalsozialismus, und in einem Vergleich mit dem Hier und Jetzt. Wir müssen ganz entschieden auftreten und uns positionieren. Ein Jüdisches Museum ist eine Bildungseinrichtung. Ich glaube zwar nicht, dass jemand ein besserer Mensch wird, wenn er ins Jüdische Museum geht. Wenn jemand den Hass im Herzen hat, ändert der Museumsbesuch daran nichts. Aber ich denke, dass wir gegenüber den anderen Menschen einen Bildungsauftrag und eine Bildungschance haben und die muss das Museum wahrnehmen – heute sicher wesentlich akzentuierter in Richtung Antisemitismus, Ausschluss, Hass, Polarisierung der Gesellschaft und Hetze als früher.
Unser Museum ist hier im Innengebäudekomplex mit der IKG (Israelitische Kultusgemeinde) Schwaben-Augsburg und wir haben dadurch eine besondere Situation: Wir spüren mit, dass sich die Sicherheitsfragen verschärft haben, dass sich die Lage anspannt. Das alles ist ehrlich gesagt sehr beunruhigend. Ich glaube, da kann man sich wirklich nur dagegenstellen.

myheimat: Gerade aus der Perspektive einer Minderheit heraus haben Fragen rund um Migration, Integration, Heimat und Kultur eine große Bedeutung. Für uns ist vor allem der Heimatbegriff von Interesse, der nicht eindeutig in einer Definition zu fassen und sehr individuell besetzt ist. Wie würden Sie vor dem Hintergrund Ihrer Arbeit den Begriff Heimat fassen?

Staudinger: Ich will zuerst anfangen mit einem Essay des Auschwitz-Überlebenden und Autors, Jean Améry, den ich sehr schätze. Das Essay heißt „Wieviel Heimat braucht der Mensch?“ Jean Améry floh 1938 von Wien nach Brüssel, war dort im Widerstand. Er ist in Vorarlberg aufgewachsen und schreibt anhand seiner Erfahrungen nach 1945, was es für ihn bedeutete, seine Heimat verloren zu haben und ich glaube das hat ganz viel mit der Arbeit hier zu tun. Bei Améry ist es natürlich ein historischer Heimatbegriff. Wir sind heute nicht mehr in den 20er- und 30er-Jahren, sondern im 21. Jahrhundert, da hat sich viel getan. Dennoch, Améry schreibt, was es bedeutet, alles zu verlieren. Die Lederhosen, in denen er aufgewachsen ist und die ihm verboten wurden zu tragen, den Dialekt, den er gesprochen hat und den er nicht mehr sprechen kann, die gesamte Sprache, die deutsche Sprache, seine Familie, seine Freunde, das soziale Umfeld. Dazu kam, dass er sich jeden Tag verleugnen musste. Diese komplette Einsamkeit, die beschreibt er als Heimatverlust.
Das ist etwas, was ich in ganz vielen Biographien von Überlebenden der Schoa wiederfinde. Ich habe selbst in meinen Arbeiten zu Auschwitz mit vielen Überlebenden gesprochen, auch mit solchen, die heute und mittlerweile schon 70 Jahre in den USA leben und die die USA nicht als ihre Heimat bezeichnen. Und zwar nicht, weil sie sich hier so beheimatet fühlen, – sie haben keine Heimat mehr – sondern weil es nicht so leicht ist, sich woanders zu beheimaten.
Im 21. Jahrhundert geht der Diskurs hin zu „Heimat“ als pluraler Begriff; es gibt verschiedene Heimaten und dennoch, wenn man sich den heutigen Flüchtlingsdiskurs anschaut, würde ich sagen, so einfach ist das nicht, sich zu verpflanzen und alles aufzugeben.
Die Migrationsforschung hat erkannt, dass Migration nicht nur durch Push- und Pull-Faktoren [Anmerkung d. Red.: Ursachen für Wanderungsbewegungen, die Personen von einem Gebiet wegdrücken („push“) oder in ein Gebiet ziehen („pull“)] zu erklären ist. Es gibt Situationen, da sind die Menschen vielen Push-Faktoren ausgesetzt und dennoch wandern sie nicht ab. Warum das so ist, weiß man nicht, das kann man sich nur individuell anschauen. Dasselbe gilt für die Pull-Faktoren. Wenn man sich Migrationsbewegungen, historische, jüdische Migrationsbewegungen – und Migrationsforschung kam eigentlich aus der jüdischen Geschichte heraus – ansieht, dann sind zwei Sachen ganz wichtig und die verweisen auch auf den Heimatbegriff. Erstens haben auch bei großen Migrationswellen, bei denen man von Massenbewegungen sprechen kann, zum Beispiel im Falle der Auswanderer nach Amerika im 19. Jahrhundert, nicht einmal die Hälfte der Menschen ihr Land verlassen. Das heiß, über die Hälfte blieb zuhause. Zweitens gingen von diesen auch wieder einige zurück. Um dieses Phänomen, insbesondere angesichts von Gründen wie Pogromen, wirtschaftlicher Ausweglosigkeit oder Antisemitismus generell, zu erklären, muss man Fallstudien betreiben. Man kann Gleichheiten in den Beweggründen ausmachen, aber man kann nicht das Ganze auf Push- und Pull-Faktoren reduzieren. Es gibt jüdische Reimmigranten, die in den 30er-Jahren ins Deutsche Reich zurückgingen, aus Palästina – warum taten sie das? Sie taten es in dem Wissen, dass sie das möglicherweise nicht überleben werden und sie taten es trotzdem. Das ist es, was das Jüdische Museum auch nach außen erzählen muss. Und das bedeutet etwas für den Heimatbegriff. Das bedeutet auch, dass es eine sehr fragile Angelegenheit ist, auf die man aufpassen muss. Im politischen Diskurs, wird gerade auf vielen Ebenen sehr viel vereinfacht und so getan, als wäre alles ganz klar und ganz einfach – auf der einen Seite wird von mir verlangt, dass ich mich überall beheimaten kann, auf der anderen Seite geht der gesellschaftliche Diskurs dahin, dass Heimat sich darüber definiert, wer nicht dazugehört. Wenn man sich den historischen Heimatbegriff anschaut, wie er im 20. Jahrhundert gewachsen ist und was uns vor allem auch die Schoa gelehrt hat, ist es sehr gefährlich, wenn man den Heimatbegriff ausschließlich darauf aufbaut, wer nicht dazugehört. Es sollte ein integrativer Begriff sein.

myheimat:
Im Zusammenhang mit dem Heimat-Begriff und der Diskussion um Zugehörigkeit ist auch das Fremde ein interessanter Aspekt. Diesen greift die neue Ausstellung „Das Fremde ist nur in der Fremde fremd“ auf, die ab Februar in Kriegshaber zu sehen ist.

Staudinger:
Genau, es handelt sich dabei um eine Ausstellung, die nicht von uns ist, sondern eine Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kunstpädagogik der Universität Augsburg. Studierende präsentieren dabei Arbeiten, in denen sie sich mit dem Synagogenraum in Kriegshaber auseinandersetzen. Der Titel gefällt mir sehr gut, weil er greift etwas auf, was viele Menschen im Museum haben, speziell im Jüdischen Museum: das Erleben des Fremden. „Mit der Frage, warum ist euch das fremd?“, kann man die Besucher abholen. Es ist fremd, weil es die Schoa gab, weil es eben nicht mehr die jüdischen Nachbarn gibt, die einen zum Schabbat einladen, mit denen man Feste feiert, denen man hilft und weil man dadurch nicht mehr selbstverständlich alles voneinander weiß. Weil es das nicht mehr gibt, haben die Menschen eine Fremdheitserfahrung, so als wären das unbekannte Traditionen. In Wirklichkeit waren diese Traditionen eigentlich immer bekannt und sind nur jetzt unbekannt geworden und ich glaube, das muss man in den Vordergrund stellen.
Es ist so, das können wir jetzt nicht ändern, aber wir können ändern, dass es so bleibt und es ist für mich wichtig, dass das museal auch transportiert wird.

Die neue Ausstellung „Das Fremde ist nur in der Fremde fremd“ in Kooperation mit der Universität Augsburg, Lehrstuhl für Kunstpädagogik, ist vom 7. Februar bis zum 8. März 2019 in der ehemaligen Synagoge Kriegshaber zu besichtigen. Die Vernissage findet am 6. Februar, 18:00 Uhr statt.

Weitere Informationen über das Museum, die Standorte, Öffnungszeiten, Programm 2019 und mehr unter www.jkmas.de.
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Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.neusässer | Erschienen am 02.02.2019
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