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Hamburgs Polizeipräsident Gustav Roscher legte vor 100 Jahren ein Standardwerk für die Verbrechensbekämpfung auf

In der „Großstadtpolizei“ abgedrucktes Foto der Totenmaskensammlung zwischen 1856 und 1910 in Hamburg enthaupteter Verbrecher. In der oberen Reihe sieht man die Totenmasken von Wilhelm Timm (1856), Ludwig Parent (1860), Marie Katharine Christiane Elßmann (1865) und Paulino Torio (1867 in der Haft verstorben, von links).

Das Buch „Großstadtpolizei – Ein praktisches Handbuch der deutschen Polizei“ erschien im Jahre 1912. Als Besonderheit findet sich darin ein frühes Foto der Hamburger Totenmaskensammlung. Der Verfasser war Gustav Roscher, seit 1900 Direktor der Hamburger Polizeibehörde.

Vor 100 Jahren legte Hamburgs Polizeipräsident Gustav Roscher das Polizeihandbuch „Großstadtpolizei“ auf. „Da die Bilder vieler Verbrecher infolge ihres wüsten und unanständigen Lebens bald unähnlich werden, so ist bei ihnen häufiges Photographieren angezeigt“, schrieb Roscher beispielsweise und setzte damit neue Akzente. Die Tatortphotographie bezeichnete er als „anschauliches Bild des Tatherganges“. Auf Seite 219 schlug der Jurist die Verwendung von Kartenregistern vor, um Informationen über einzelne Personen anhand vordefinierter Kategorien schnell auffinden zu können.

Als Sohn eines Arztes 1852 in Elze geboren

Dr. jur. Gustav Roscher, am 25. Juni 1852 als Sohn von Henriette und Dr. med. Gustav Roscher in Elze i. Hannover geboren, bestand 1879 das Gerichtsassessor-Examen und war dann längere Zeit als Staatsanwalt am Landgericht in Essen tätig. 1893 wurde er zum Polizeirat und 1900 zum Direktor der Hamburger Polizeibehörde ernannt. Ihm unterstanden die 1875 gegründete Kriminalpolizei und die politische Polizei. Trotz erheblicher Arbeitsbelastung fand er Zeit für schriftstellerische Tätigkeit. Er verfasste nicht nur Publikationen über die Großstadtpolizei und die Daktyloskopie, sondern er war auch, neben Dr. Reinhard Frank und Dr. Heinrich Schmidt, Herausgeber des „Pitavals der Gegenwart“, eines „Almanachs interessanter Straffälle“. Die 1889 eingerichtete polizeiliche photographische Anstalt baute er tatkräftig aus, sodass im Jahre 1909 Fotos von mehr als 120.000 Tätern, Opfern oder Verdächtigen vorlagen, von 800 Leichen und 1200 Tatorten. „Die Hamburger Kriminalpolizei darf sich rühmen, vielleicht die größte und beste polizeiliche photographische Anstalt der Erde zu besitzen“, verhieß 1899 die Zeitschrift für die gesamte Strafrechtswissenschaft.
Gustav Roscher legte mit seiner „Großstadtpolizei“ ein Standardwerk auf. Er verstand sie aber ausdrücklich als beispielhaft. Mit einem Umfang 447 Seiten erschien das Kompendium im Otto Meißners Verlag in Hamburg, Hermannstraße 44, und wurde für 13 Mark, gebunden aber für 15 Mark abgegeben. Alle Belange des Großstadtpolizeiwesens der damaligen Zeit, wie die Polizei der Gegenwart, Die einzelnen Dienstzweige, Verkehrspolizei, Politische Polizei/Kriminalpolizei, Sittenpolizei, Gesundheitspolizei, Fleischbeschau, Veterinärwesen, Schutzmannschaften, Feuerwehr, Hafenpolizei und so weiter, hatte Roscher behandelt und 350 Abbildungen zu den jeweiligen Themen beigefügt. Zudem findet sich darin auf Seite 188 eine Aufzählung der vornehmlich in Hamburg begangenen Betrügereien. „Als langjähriger Polizeipräsident von Hamburg hat Verfasser die Gesamttätigkeit der Polizei zu einem großen Bilde zusammengefaßt, in dem auch die einzelnen Aufgaben je nach ihrer Bedeutung hervortreten“, so die Monatsschrift für Kriminalpsychologie und Strafrechtsreform im Jahre 1913.

Polizei ordnete Anfertigung von Totenmasken an

Eine Besonderheit ist der Abdruck eines Fotos der Hamburger Totenmasken-Ausstellung. Roscher lieferte damit die erste Information über den Standort der nach der Guillotinierung des 21 Jahre alten Raubmörders Wilhelm Timm am 10. April 1856 begonnenen Hamburger Totenmaskensammlung. Seit jener Hinrichtung wurde in Hamburg auf Anordnung der Polizei nach jedem Ereignis eine Totenmaske angefertigt. Die abgebildeten 15 Totenmasken wurden in einem mit Gardinen verhängten Museumsvitrinenschrank im 1893 eröffneten und damit ältesten deutschen Kriminalmuseum aufbewahrt. In der Abteilung „Sammlung aus der Praxis, Straftaten gegen Leib und Leben“ sollten jene, auf Holzklötze vertikal aufgerichteten und beschrifteten Masken offenbar einem Anschauungsunterricht für angehende Kriminalisten dienen. „Das Kriminalmuseum stellt eine Sammlung von Lehr- und Vergleichsobjekten sowie Gegenständen aus der Praxis dar, die den Kriminalisten interessieren“, sagte Roscher.
Gustav Roscher starb am Heiligabend 1915.
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