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"Der letzte Gast"

In einem Schankraum vor gut 100 Jahren, steht ein Mann hinter der Theke.
Es ist der Wirt. Er hat eine befleckte Schürze um seinen mächtigen Bauch gebunden, bewegt sich schwerfällig hinter der Theke hervor und stellt an dem nächstgelegenen Tisch drei Krüge mit Bier.
Die Männer lachen ihn an, erzählen einen Schwank, und mit einem tiefen dunklen Lachen entfernt sich der Wirt wieder, um selber hinter der Theke aus einem Krug einen Schluck Bier zu nehmen.
Der Gastraum ist gut besucht, wie an jedem Abend, von seinen Stammgästen, aber auch neue Gesichter sind zu sehen.
Ein Mann, groß, schlank ja fast hager und tiefdunkel gekleidet, sitzt ganz hinten in der Ecke und verhält sich sehr unauffällig.
Kein anderer Mensch im Raum scheint Ihn wahrzunehmen. Niemand kann sagen wann er in den Raum getreten ist.
Der Wirt sieht ihn wohl, aber ihm ist der Geselle unheimlich und so lässt er ihn einfach dort in Ruhe sitzen, ohne nach seinem Wunsch zu fragen. „Er wird sich schon melden“, denkt sich der Wirt, und kümmert sich weiter um seine anderen Gäste. Schenkt ihnen ein oder serviert ihnen ein Mahl, und kassiert die Gehenden ab.
Der Abend zieht sich dahin und schließlich um die Mitternacht kommt die Sperrstunde und er schmeißt alle Gäste, mit lustigen Bemerkungen hinaus.
Nur der Mann ganz hinten in der Ecke will nicht gehen.
Mit den Worten: „Ich bin immer der letzte Gast!“, sieht er den Wirt an, dem ganz unheimlich und bang wird, und plötzlich weiß er wer dieser Mann ist.
Es ist der Moment gekommen vor dem er sich sein Leben lang gefürchtet, aber unbewußt auch darauf gewartet hat.
Er sieht sich dabei zu, neben sich stehend, wie er, ein gestandener Mann mittleren Alters, ganz plötzlich langsam über den Seitenrand der Theke fällt. Er reißt dabei noch einpaar Krüge mit sich und landet unsanft auf dem verbleichten, schmutzigen Dielenboden.
Er sieht wie der Fremde aus der Ecke sich erhebt und auf ihn zukommt.
Er fühlt die Angst in seiner Brust, doch als der Fremde sich zu ihm hinunter beugt, vergeht die Angst und er erkennt plötzlich in ihm einen alten bekannten Freund.
Ohne Angst und mit freudiger Erwartung reicht er dem Freund die Hand, und geht mit ihm aus dem Raum, und aus dem Gasthaus hinaus.
Ein letzter Blick zurück und er sieht einen wohlbeleibten Mann mittleren Alters, mit einer befleckten Schürze um den Bauch gebunden, am Boden liegen.
Er schaut den ‚Freund’ an seiner Seite an, und mit einem Gefühl der tiefen Zuneigung, geht er mit ihm gemeinsam einen neuen Weg, der sich ihm in einem hellen, warmen Licht zeigt.

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