WECHSELGESCHÄFTE Vom Käseladen zur Spielothek

Kolonialwarenladen
Wunstorf: Lange Straße | WECHSELGESCHÄFTE
Vom Käseladen zur Spielothek
Die letzten warmen Sonnenstrahlen huschten über die zahlreichen Kaffeehausstühle am Brunnen in der Wunstorfer Südstraße und luden zum Plausch ein. Mein Freund Ludwig dachte wohl ebenso wie ich und wuchtete seine zahlreichen Pfunde in den zierlichen Stuhl neben mir.
„Es wird ja langsam ein bisschen komisch in dieser Stadt“, brummelte er, während er seine Einkäufe auf einem weiteren Stuhl sortierte.
„Kaum ist man mal ein paar Tage irgendwo im Urlaub gewesen, ist die halbe Geschäftswelt in der Stadt ausgetauscht oder einfach nicht mehr da.“
Ich pflichtete ihm grinsend bei.
„Meine Regine und ich haben schon mal übelegt, ob man daraus nicht ein Spiel machen sollte, so’ne Art Rallye, was war eigentlich vor zwei Monaten in dem Laden?
Wenn du in einem Schaufenster in der Wunstorfer Innenstadt etwas Interessantes siehst, solltest du es sofort kaufen. Man weiß ja nie, ob das Geschäft am nächsten Tag noch da ist.“
Ich nippte an meinem Cappuccino und lächelte.
„Ist aber in Neustadt, Stadthagen und Springe nicht anders“, warf ich fachmännisch ein. “Die Halbwertzeit der Geschäfte wird immer kürzer. Früher gab`s ja noch mal Geschäfte, die ihr 50.-Firmenjubiläum feierten. Heute feiern die schon nach einem Jahr ganz groß.“
Wir ließen den Blick die Lange Straße hinunter wandern und bei etlichen Geschäften fielen uns gerade noch die Besitzverhältnisse aus den 80er Jahren ein, aber danach hatten wir Schwierigkeiten, das alles noch zusammen zu kriegen.
„Wieso versuchen eigentlich so viele Leute neben der siebten überflüssigen Boutique oder nach dem dritten gescheiterten Halbedelsteinladen, unbedingt noch einmal mit einem Laden für exklusive Herrendessous, Tiffanylampen und Espressomaschinen in einer Stadt wie Wunstorf das große Geld zu machen? Das ist doch absurd.“
Ich konnte Ludwig leider auch keine Antwort auf diese interessante Frage geben, hatte aber noch einen Vorschlag, wie man das Bummeln in der Stadt vielleicht etwas interessanter machen könnte.
„Man sollte an jedem Geschäftshaus ein schickes Messingschild mit der chronologischen Reihenfolge der Nutzung anbringen. Wie wär's mit
1900 bis 1950 Kolonialwarenladen
1950 bis 1978 Fischgeschäft
1978 bis 1988 Blumenladen
1988 bis 1999 Schuhgeschäft
1999 bis 2005 Eiscafe
2005 bis 2007 Boutique
2007 bis 2008 Pasta-Laden
2009 bis 2010 Nagelstudio
2010 bis 2011 Dessousladen
Seit 2011 Handyshop."

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