Stimmen in der Nacht

  Essaouira (Marokko): Strand |

Was sich Wesir, Sultan und Paloma zu sagen haben

Es war noch stockdunkel. Wesir, ein kleiner Foxterriermischling, seines Zeichens Hofhund von Hassans kleinem Anwesen, lag in seiner Hütte in tiefem Schlaf. Dennoch entging ihm kein Laut, schon gar nicht ein ungewohnter. Doch eben jetzt war es still, unheimlich still. Nichts rührte sich. Wesir aber träumte. Finstere Gestalten machten sich am Hoftor zu schaffen. Sofort war er hellwach. Er sprang auf, flitzte zum Tor und schlug in seiner tiefsten Stimmlage ein lautes Gebell an. Irgendwann, er wusste nicht wie lange er gebellt hatte, holte er tief erschöpft Luft.
Genau auf diesen Moment hatte Sultan, Mohammeds Hofhahn, gewartet. Jetzt endlich konnte er auf das Gebell antworten: „Kikerikie!“ schrie er. „Kikerikie, das ist schon die fünfte Nacht in der du herumkläffst, als wäre Sheitan selber hinter dir her! Kikerikie!“
„Wau, wau, wuff!“ regte sich Wesir jetzt auf. Wenn sich jede Nacht so ein Gesindel an meinem Hoftor zu schaffen macht, muss ich doch anschlagen und aus Leibeskräften bellen. Denn das ist meine Aufgabe. Dafür bin ich schließlich da. Denn genau dafür erhalte ich mein gutes Futter. Wau! wau!“
„Papperlapapp! Kikerikie! Da war doch überhaupt nichts! Gerade die letzten Nächte waren so still, wie schon lange nicht mehr. Nur du machst mit deinem ewigen Gebelle Radau. Also, halt endlich dein Maul! Leg dich in deine Hütte und gib Ruhe! Kikerikie!“
Wesir war eingeschüchtert von dieser Rede und legte sich deshalb brav schlafen. Doch kaum hatte er die Augen geschlossen, da holte ihn sein Traum wieder ein. Wieder sprang er auf. Rannte zum Hoftor. Stellte sich in Positur und hieb an zu bellen, als wären die Einbrecher schon im Hof: „Wau! Wau! Haut endlich ab. Versucht es wo anders. Nicht immer bei mir. Mohammeds Hofhahn beschwert sich schon über euren Lärm! Wuff!“
„Über dein unnützes Gebelle, nur über dein unnützes Gebelle!“ meldete sich Sultan wieder. Er hatte sich aufgerichtet und war auf das Hühnerhaus geflattert. „Halt endlich deine Schnauze! Kikerikie!“
„Wuff! Misch du dich nicht ständig ein“, kläffte jetzt Wesir zurück. Ich muss bellen, wenn die am Tor keine Ruhe geben. Wau, wau!“
So ging das eine Weile hin und her. Schließlich erwachte die Möwe Paloma. Das will schon was heißen, denn sie erwachte sonst erst, wenn die Sonne mindestens zwei Handbreit über dem Horizont stand. Irritiert schaute sie umher. Flog von ihrem Schlafbaum auf und strich, von einem sanften Wind getragen, über die Häuser. Unter sich sah sie den aufgeplusterten Sultan, der bei jedem Kikerikie kräftig mit den Flügeln schlug und den aufgeregten Wesir, der bei jedem wuff oder wau in die Höhe sprang.
„Ihr seid verrückt, rückt, rückt, rückt!“ rief sie hinunter. Was macht ihr in der Nacht so einen Lärm um nichts!“
„Sag ich doch schon die ganze Zeit, kikerikie!“ schrie Sultan und flog vom Hühnerhaus auf seine Gartenmauer.
„Wuff!“ meinte Wesir kleinlaut. „Wenn das so ist, will ich die Schnauze halten und mich schlafen legen.“
So gab es in dem so ruhigen Ort Essaouira endlich Ruhe, und auch bei mir stellte sich der so notwendige Schlaf wieder ein; bis am Morgen Wesir, bei all den Geräuschen des Tages, seine Aufgabe als Hofhund wieder aufnahm. Das aber mit einem ausgiebigen und lauten Gebell.
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