Respekt vor einem unbedeutenden Krümel

Achtung und Respekt erweisen nicht nur wenn der Mangel dazu zwingt


Er saß am Tisch. Vor ihm verströmte ein Teller heißer Suppe ihren außerordentlichen Geruch. Bedächtig nahm er ein Stück Brot aus dem Korb, brach es in grobe Brocken und versenkte sie in der Suppe. Er stellte den Teller etwas zur Seite und fegte mit der Handkante die Krümel zusammen, welche sich beim Brechen überall auf der Tischplatte verteilt hatte. Er schob sie auf die freie Hand und versengte auch sie in der Suppe. So war es einmal.

Heute saß Egon Schmitt, der reiche Bankier, an einem herrlichen Frühlingsmorgen auf der Terrasse seiner Villa und blickt gelangweilt in seinen gepflegten Park. Klara, die Haushälterin, servierte wie gewohnt das Frühstück. Es gab alles was das Herz begehrte und alles in einem solchen Überfluss, dass eine achtköpfige Familie leicht davon satt werden konnte. Herr Schmitt nahm ein Brötchen und schnitt es auf. Das Brötchen war so knusprig, dass beim Schneiden ein wahrer Regen von Krümeln auf das weiße Tischtuch niederging. Achtlos fegte der Banker, die Krümel von der Decke auf den Boden. Mit von der Partie war ein sehr großer Krümel, der aus der Kruste des Krümels herausgesprungen war. Wir wollen ihn Gustav nennen. Gustav also fiel zwischen den Beinen des Bankiers hindurch und landete exakt vor dem Schnabel von Anton, dem Spatzenhäuptling. Dieser fand sich jeden Morgen mit seiner Sippe auf der Terrasse ein. Die Spatzensippe gehörte zu den vom Leben Bevorzugten Clan der Vogelfamilien.

Gustav war hart auf den Platten der Terrasse aufgeschlagen. „Autsch“, schrie er. „Ein Bisschen mehr Respekt. Mehr Respekt, ich bin doch seine Nahrung.“

„Nichts bist du“, tschilpte Anton. „Nichts, nur ein unbedeutender, runter gefallener Krümel. Wofür willst du Respekt einfordern.“

„Wenn ich so unbedeutend bin, warum hat dann der Bäcker mich mit in das Brötchen verarbeitet? Das hätte er sich doch sparen können.“

„Hätte er“, antwortete der Spatz. Aber dann wäre ein Anderer an deine Stelle getreten und wär hier vor meinem Schnabel gelandet. Und hätte der sich beschwert?“

„Geh doch diesem Gedanken einmal nach“, beharrte Gustav. „Was wäre, wenn der Bäcker, alle Krümel die von einem Brötchen herunter springen können, erst gar nicht verarbeite hätte?“ – Er legte eine Pause ein. –

„Dann“, antwortete der Spatz. „Dann bekäme Klara den Anschiss des Jahrhunderts, weil sie keine Brötchen servieren könnte.“

„Siehst du“, sagte Gustav. „Jetzt stell dir vor, das würde dem satten Banker 1 Woche lang so gehen oder vielleicht besser 2 Wochen. Und dann brächte Klara eines Morgens ein Brötchen, das aus maximal 10 etwas größeren Krümeln besteht. Von den 10 würden 5 auf seinem Tischtuch Platz nehmen, so dass ihm nur noch Fünfe blieben. „Was meinst du, würde der Großkopf tun?“

„Ganz klar“, piepste der Spatz. „Gierig würde er sich auf die Krümel stürzen, sie aufklauben und wie früher in den Kaffee oder die Suppe schütten, um sie dann zusammen mit der Suppe oder dem Kaffee verspeisen. Ich und meine Sippe würden in die Röhre kucken und müssten uns einen anderen Frühstückstisch suchen.“

„Siehst du, jetzt wo Mangel herrscht, erweist er den Krümeln den Respekt, der ihnen zusteht. – Wieder legte Gustav eine Denkpause ein, um dann fortzufahren.
„Es ist gut, wenn man auch dem Kleinsten immer seinen Respekt und seine Aufmerksamkeit erweist, nicht nur dann, wenn der Mangel einen dazu zwingt.
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