Freiherr Franz von Dingelstedt (1814 - 1881), vierter Teil

von Horst Becker aus Wohratal | am 16.03.2010 | 132 mal gelesen | 5 Kommentare | 0 Bildkommentare | 1 Bild

Sein erster Roman "Die neuen Argonauten" brachte ihm sogar eine Ordnungsstrafe ein. Das sogenannte Handexemplar des Dichters befindet sich im Dingelstedt-Museum in Rinteln. Es enthält eine handschriftliche Randnotiz:

Geschrieben zu Fulda, Winter 1838/39
Vollendet am 7. März 1839.
Prozess darüber Sommer 1939.
Polizeiverhör 17. Aug. 1839.
Strafe von 20 Rthr. wegen Seite 262

In diesem Roman geht es um einen Kaufherrn und Marktmeister mit Namen Eusebius Trenttelfuß zu Gersfeld (gemeint ist Hersfeld), bei dessen seemännischer Passion es selbstverständlich ist, dass er für seine Brautfahrt nach Kesselstadt (gemeint ist Kassel) den Wasserweg auf einem "kornbeladenen Bock" fuldaabwärts wählt. Diese Fahrt entwickelt sich jedoch zu einer "verwickelten Odyssee", und als er endlich in Kassel ankommt, ist die Erwählte seines Herzens die Braut eines anderen. Auf der genannten Seite 262 schildert er nun die Ankunft des Eusebius Trenttelfuß im Hause der Auserwählten, als diese dort gerade in festlicher Gesellschaft Verlobung mit einem anderen feiert mit den Worten: "Eusebius Trenttelfuß! Der von den Todten auferstandene, am dritten Tage gen Kesselstadt gefahrene, welcher kam zu richten die Lebendigen und die Todten und zur rechten Hand seiner Zukünftigen zu sitzen! Eusebius!" Diese Zeilen hat Dingelstedt in seinem Handexemplar am Rand angestrichen und daneben geschrieben: "Theure Zeilen: 20 r. Pr. Ct."

Im "Auszug aus dem Protokolle kurfürstlicher Regierung der Provinz Fulda" vom 20. September 1839 heißt es: "Beschluß. Dem Herrn Gymnasiallehrer Dingelstedt dahier wird zur Vollziehung höheren Auftrags nicht nur eine ernste Zurechtweisung ertheilt, sondern derselbe auch zugleich in eine Ordnungsstrafe von zwanzig Thalern genommen, weil die auf Seite 262 des bezeichneten Buches vorkommende Profanirung heiliger Schriftworte nicht gerechtfertigt erachtet worden sey, diese ungeziemende Handlung aber dem Berufe eines Jugendlehrers ebenso sehr widerstreiten, als dadurch die für sein Amt nöthige öffentliche Achtung und das erforderliche Vertrauen beeinträchtigt werden, daher das disciplinarische Einschreiten gegen ihn nicht habe umgangen werden könne."

Dingelstedt legt gegen die verhängte Ordnungsstrafe am 14. Oktober 1839 Berufung ein und schreibt am 26. Oktober 1839 einen Brief an den Kurprinzen, in dem er die betreffenden Zeilen als „ein höchst unschuldiger“, ihm „absichtslos entschlüpfter Scherz, (...) der nur von pietistischer Frömmelei so arg mißgedeutet werden könne" bezeichnet. Gleichzeitig beschwert er sich in demselben Brief, dass ihm „die im Auslande (Jena) verliehene Doktorwürde“ noch immer nicht anerkannt worden sei, obwohl sich sein Direktor mehrmals für ihn verwendet habe. Am 7. Dezember 1839 beschließt das kurfürstliche Ministerium des Innern, dass eine Zurückziehung der erkannten und hinlänglich begründeten Ordnungsstrafe nicht stattfindet. Und weiter: „die Anerkennung einer im Kurstaat gesetzlich ungültigen akademischen Würde“ nicht nachgegeben werden könne. Es „bleibt demselben der Gebrauch des Doktortitels (...) überall und namentlich auf seinen im Kurstaat verlegten Schriften und bei Ankündigungen derselben bei Strafe untersagt!“

Sein ungebundenes Leben, welches mit dem Ernst und der Würde seines Berufes nicht in Einklang stand, verschaffte ihm inzwischen zahlreiche Gegner und Beschwerden bei seinem Schuldirektor Bach, der sich allerdings mit Dingelstedt ausgezeichnet verstand. Auch seine Schüler schwärmten für ihn und gingen für ihn durchs Feuer. Zum Unterricht kam er meistens eine viertel Stunde zu spät, in der folgenden viertel Stunde unterhielt er sich mit den unter dem Klassenfenster stehen gebliebenen Offizieren und in der restlichen halben Stunde begeisterte er seine Schüler mit seinem fesselnden Unterricht. Nach dem Tode von Direktor Bach wurde seine Stellung aber mehr und mehr unhaltbar. Schließlich kam er zu dem Entschluss, seinen Lehrer-Beruf ganz aufzugeben und Fulda zu verlassen.

Nachdem er Fulda verlassen hatte, widmete er sich ganz der Schriftstellerei. Er folgte zunächst dem Ruf in die Redaktion der "Allgemeinen Zeitung" nach Augsburg, die ihn alsbald als "reisenden Korrespondenten" nach Paris, Stuttgart und London sandte. In London lernte er dann seine spätere Ehefrau, die gefeierte Kammersängerin Jenny Lutzer kennen.

Fortsetzung folgt

Weiterveröffentlichungen:

Wocheninfo "win" | Erschienen am 27.03.2010
Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.Hinterland extra, Anzeiger extra, Marburg extra | Erschienen am 31.03.2010
Leser über:
Suchmaschinen: 0
externe Links: 1
Weiterempfehlungen: 7
sonstige: 124
2 Klicks für mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie können dann mit einem zweiten Klick Ihre Empfehlung an Facebook senden.
Mit dem Aktivieren des Buttons erlauben Sie einen begrenzten Datenaustausch mit Facebook. Mehr dazu rechts unter .
2 Klicks für mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie können dann mit einem zweiten Klick Ihre Empfehlung an Twitter senden.
Mit dem Aktivieren des Buttons erlauben Sie einen begrenzten Datenaustausch mit Twitter. Mehr dazu rechts unter .
2 Klicks für mehr Datenschutz: Erst wenn Sie hier klicken, wird der Button aktiv und Sie können dann mit einem zweiten Klick Ihre Empfehlung an Google+ senden.
Mit dem Aktivieren des Buttons erlauben Sie einen begrenzten Datenaustausch mit Google+. Mehr dazu rechts unter .
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen Webseiten Senden
Gut bewertete Bilder zu den Themen des Beitrags:
5 Kommentare zum Beitrag
35.615
Markus Christian Maiwald aus Meitingen am 17.03.2010 um 00:11 Uhr  
13.208
Karl-Heinz Töpfer aus Marburg am 17.03.2010 um 09:54 Uhr  
5.659
Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain am 17.03.2010 um 23:03 Uhr  
2.965
Horst Becker aus Wohratal am 17.03.2010 um 23:44 Uhr  
13.369
Hans-Rudolf König aus Marburg am 23.03.2010 um 15:38 Uhr  
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.