Der Wendepunkt ...

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oder ein Rückblick auf eine "püttige" Zeit



Was haben Hausfrauen eigentlichen verbrochen, das der Herrgott sie Tag für Tag so furchtbar straft? So oft sich Heidi diese Frage auch schon stellte – eine Antwort darauf hat sie sich bisher noch nicht geben können. Jeden Tag muckert sie stundenlang in der Küche zwischen Speisekammer und Herd herum, um eine andere Frage ständig neu beantworten zu können – nämlich das stereotype Auskunftsbegehren ihres Ehegespons: Was gibt es heute zu essen?
Wenn sie nach, der Hetze des morgendlichen Einkaufs, die drei Treppen zu ihrer Wohnung erklettert hat, hängt ihr schon mal vor Erschöpfung die Zunge aus dem Hals heraus.
Das ist aber überhaupt nichts gegen den Überdruß, den ihr die profane, selbstverständliche Verpflegungserwartung ihres Woh-nungsgenossen bereitet. Der Überdruß ist nämlich im Lauf der Jahre so groß geworden, er läßt keinen einzigen Sonnenstrahl mehr in ihren Alltag hinein.
Heute Morgen nun hat sie die Faxen dicke. Nachdem ihr Angetrauter nach dem Frühstück, hinter der Zeitung weg, verschwunden ist, und Kurs auf seine Frühschoppenkneipe eingeschlagen hat, schnappt sie ihre Einkaufstasche, und nimmt den Weg zum Markt unter die Füße. Sie muß Rohstoff besorgen für die tägliche Raubtierfütterung.
Eine Treppe tiefer verabschiedet sich der Nachbar gerade – wie jeden Morgen um diese Zeit - mit einem zärtlichen Küßchen von seiner Frau.
So etwas kennt Heidi schon seit Jahren nicht mehr – sie bekommt zum Abschied stattdessen immer nur die Frage: Was gibt’s denn heute Mittag zu essen? auf ihren noch immer prachtvollen Busen geknallt. Da hätte sie nun wahrlich manchmal lieber etwas anderes liegen.
Noch eine Treppe tiefer stoppt ihren Abwärtslauf abrupt ein plötzlicher Entschluß. Als wenn sie vor eine Wand gelaufen ist, bleibt sie stehen.
Bis hierher – und nicht weiter. Eine 180 Grad Drehung, und schon geht’s wieder ab nach oben.
So schnell und beschwingt ist sie seit zehn Jahren nicht mehr die Stiegen hochgerattert.
Auf der Dritten angekommen – Tür auf – in die Wohnung rein – Einkaufstasche in die Ecke – Tür zu – zweimal umgeschlossen und innen die Kette vorgelegt.
Ihr Hannes könnte ja mal überraschend früher nach Haus kommen. Das ist zwar noch niemals passiert, denn verfrüht ist er noch nie aus seiner Biergartenkolonie aufgetaucht, verspätet dagegen regelmäßig. Aber besser ist besser, man kann ja nie wissen.
Heidi hat nämlich schon Pferde kotzen sehen – und das auch noch direkt vor der Apotheke.
Sie erkennt sich selbst gar nicht wieder.
Fröhlich vor sich hinträllernd befreit sie sich von ihren Alltagskleidern. Kaum ist das letzte Stück gefallen, räkelt sie sich auch schon in einem duftenden Schaumbad. Sie meint, hundert Engelsfinger an sich herumfingern zu spüren.
Sie freut sich, vor Wochen einmal leichtsinnig gewesen zu sein. Zusammen mit ihrer besten Freundin hat sie sich hauchzarte, verführerische Dessous, und anschließend ein raffiniert geschnittenes Sommerkleid, gekauft.
Ein männermordendes Duftwässerchen hatte die verschwörerisch lächelnde Verkäuferin ihr noch obenauf gepackt. Einmal hat sie doch tatsächlich die tollen Sachen zu Hause angezogen – probeweise, wie sie sich bei sich selber mit schlechtem Gewissen entschuldigte.
Seitdem lagen die Kostbarkeiten, gut versteckt, tief hinten im Wäscheschrank.
Damit war jetzt Schluß – die schicken Klamotten würde sie heute richtig ausführen.
Als sie hüllenlos an dem großen Spiegel in der Diele vorbeihuscht, da hält sie verblüfft inne, und schickt sie ihrem eigenen Spiegel-bild einen lauten Pfiff hinterher. Donnerwetter – das ist ja ein Prachtweib, das ihr da aus dem Spiegel entgegenlächelt. Sie könnte sich glatt in sich selbst verlieben. In diesem Moment wird ihr klar, sie ist ja noch ein echter Knaller. Von einem irren Hochgefühl begleitet, schmeißt sie sich in Schale. Alles sitzt perfekt, und betont ihre klassischen Formen.
So – jetzt noch die Handtasche hergeholt, die sie Hannes zu ihrem letzten Geburtstag abgetrotzt hat, und ab geht die Post. Das wird ein Tag. Das wird ein Tag der Freiheit.

Hannes kommt um die Mittagszeit mit leichter Schlagseite, und Wind im Rücken, die Treppenstufen hoch gesegelt. Es verwundert ihn schon, daß das Schloß in der Wohnungstür 2x umgeschlossen ist. Das ist ja noch nie vorgekommen.
Warum schließt Heidi sich denn in der Wohnung ein? Hat sie vielleicht der Schlawiner von der Etage darüber belästigt?
Seitdem der hier eingezogen ist, versenkt er ständig seine Stielaugen zwischen Heidis Brüsten.
Hee – warum ist ihm das nicht schon früher aufgefallen. Der Lustmolch kann was erleben. Oder hat seine Heidi vielleicht freiwillig …?
Nee, das kann er sich überhaupt nicht vorstellen. Nach seinem allmonatlichen Skatabend bedient er sie doch regelmäßig – und das auch noch fünf Minuten lang. Welche Ehefrau hat schon solch ein geregeltes Leben.
Neee – er kann es sich partout nicht vorstellen.
Wie sieht sie eigentlich noch aus, wenn sie nichts anhat – schießt es ihm plötzlich blitzartig durch den Kopf
Na ja – er wird es ja gleich erfahren.
Die Tür aufgeschlossen – einen Schritt rein in die Wohnung – was gibt’s heut zu essen? gerufen – die Mütze auf den Haken der Garderobe geflenzt – rein in die Küche, an den gedeckten Tisch gesetzt – und sich’s wohlschmecken lassen.
Gedeckter Tisch? Von wegen! Einzig und allein ein großer weisser Zettel glänzt im Sonnenlicht auf der roten Tischdecke vor sich hin.
Zweimal muß Hannes die Worte lesen, um einmal zu begreifen, was da auf dem Zettel vor ihm geschrieben steht:
Mein lieber Hannes, ich bin mit Else ins Kino gegangen. Du mußt heute Mittag leider alleine essen – übrigens, das Essen für Dich steht im Kochbuch über dem Herd.

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Bamms – das saß. Hannes war auf einen Schlag wieder nüchtern geworden. Na, vielleicht nicht so ganz, aber wenigstens auf einem Auge so dreiviertel.
Was bildete sein Weib sich eigentlich ein? Bringt so einfach unversehens das ganze geregelte Leben durcheinander.
Seine heilige Mittagstunde würde ja richtig Schaden nehmen. Wie sollte er denn da um fünf, zum Dämmerschoppen, ausgeschlafen sein … und dat gerade Heute, wo se doch nachher beim Kalle inne Laube dat Endspiel von vierundfuffzich noch ma kucken wollten. Dat Spiel mit den Jupp Posipal, und so.
Dat is ja …dat is ja … er kann nicht so schnell auf das Wort kommen – weil, dat is ja schonne Weile her, dat der Pfarrer ihn als Messdiener dat gelärnt hat …
Jetzt hat er es aber.
Dat is ja ein Sakrileg – dat is ja schlimmer, als wenn der Bölkens Jupp dat Sonntachs inne Kirchzeit mitten Pinsel anne Schlachläden von Tine Müllers Kneipenfenster rumwerkt.
Dat tut der aber ja nur, um den Pfarrer zu ärgern, weil er die neuen Heiligenscheine inne Kirche nich von ihm hat pinseln lassen. Hat dafür extra sonnen Möchtegernkünstler aus Italienien kommen lassen – so einen mittene richtige Schmachtlocke.
Da kann man ja versteh’n, dat der Bölkens Jupp nich gut auf den Pfarrer zu sprechen ist. Zumal der Paparazzo – oder wie die Schmachtlümmels da so alle heißen - die Fraunsleut inne Nachbarschaft auch noch richtich den Kopp verdreht hat. Alle liefen se plötzlich durche Strassen, wie so aufgetakelte Gondeln in Venedich.
Hannes muß sich erstmal setzen.
Ein paar Flaschen Doartmunder sind zum Glück noch innen Kasten.
Neeman, wat is bloß in seine Heidi gefahrn – die hat doch überhaupt kein Grund nich, ihm so in seine Männlichkeit zu treten. Letztens hat er ihr doch erst neue Küchenmöbel gekauft – ’nen ganzen Satz Kochlöffeln in alle Größen.
Da hätt’ er innen Supermaakt anne Ecke doch glatt drei Kisten Bier für gekricht.
Ein neues Nudelholz hatte er auch noch im Auge gehabt, als der fliegende Händler in der Kneipe Rast machte, aber da hat ihm denn sein Kumpel Schorschi von abgehalten, weil dem sein Elsken ihm schon mal mit sowat gefährliches ’nen Scheitel inne Glatze gezogen hat. Dat is doch gut, wenn man Freunde hat, die auf einen aufpassen.
Aber sein Heidi die is nich so. Nie nich. Die konnt er sogar mitten Rad nach Herne hinschicken, wenn da beie Aldis dat Bier um zwei Pfennige billiger gab. So war sein Heidi, äährlich.
All das ging Hannes durch den Kopf, während er am Küchentisch saß, und liebevoll die Bierflasche streichelte.
Mit soviel Gefühl hatte er Heidi seit Jahren nicht mehr berührt. So wie er da saß, sah er so ein bißchen aus wie Hans Albers, in seiner Glanzrolle als Eintänzer aus der Fischbratküche auf Sankt Pauli.
So trübe wie damals der Dunst in der Fischbratküche, so trübe waren auch seine Gedanken. Ließ seine Heidi ihn hier einfach so sitzen – mit Essen im Kochbuch, und so.
Überhaupt – was wollte Heidi innen Kino? Kintop hatte sie doch zuhause – sie konnte doch mit ihm Fußball und Sportschau gucken. Er hatte doch extra von Premiere dat Supersportpaket gekauft. Sie konnte sich ruhig ein bißchen mehr „Büldung“ in Sachen Fußball aneignen, anstatt zu schlafen, wenn das Programm lief.
Dat sein Heidi jetzt inned Kino war, dat war nur dat Else in schuld – so wie die immer rumlief, und auffe Männer rumtrat. Er hatte dat sein Kumpel Schorschi schon lange gesaacht. Dein Elsken, hatte er ihm gesaacht – dein Elsken die muß ja für ihre Röcke - und so - ’nen Waffenschein haben. Und dat, wat se inne Bluse hat, dat haut ja die Männer hier inne Strasse glatt die Köppe weg. Aber Schorschi sah dat alles anders – der brauchte dat.
Oder war dat gar nich dat Elsken in schuld? Hatte vielleicht doch der Schlawiner von eine Treppe höher seine Stielaugen in Heidis Brüste eingehakt, und schlabberte jetzt an die süßen Sachen rum. Dem würde er es zeigen – eine Schwester würde er aus ihm machen, von wegen der mit sein Heidi …..
In Hannes Kopf fing es vor lauter Denken an zu qualmen. Sechs Fläsch Doartmunder hatte er schon leergelöscht, als er den Kopf auf die Tischplatte legte, und anfing zu schnarchen.
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2 Kommentare
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Silvia B. aus Neusäß | 14.01.2014 | 14:24  
3.219
Roswitha Bute aus Soltau | 15.01.2014 | 15:03  
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