Alles von Shakespeare auf einen Sitz

Shakespeare? Find ich gut.
Drei Dutzend Dramen, fünf Versepen und dazu noch einen Sonett-Zyklus: William Shakespeare war ein außerordentlich produktiver Dichter. Vor einer großen Aufgabe standen also die 16 Schülerinnen und Schüler des P-Seminars „Theater“ unter der Leitung von Frau Meyer, die sich vorgenommen hatten, sämtliche Dramen des Meisters binnen 90 Minuten auf die Bühne zu bringen.
Mit viel Witz und Tempo beginnt die Vorstellung mit einer Express-Fassung von „Romeo und Julia“, einiges wird ausgelassen, anderes übersprungen, doch die Story gelingt: Julia (Lukas Arend) und Romeo (Bastian Böck) verlieben sich trotz verfeindeter Familien, der junge Mann schmachtet für seine Holde unter dem Balkon, doch schließlich sterben beide unglücklich. Um Shakespeare ein modernes Gesicht zu geben, verlegen Lavinia (Elisabeth Wiest) und Titus Andronicus (Franziska Mair) die Handlung ihres Stücks in ein Kochstudio. Der blutrünstige Titus rächt die Schändung seiner Tochter, indem er dem Publikum anschaulich die Zubereitung einer Menschenkopfpastete erklärt. Mahlzeit! Amelie Krämer und Alexandra Schwarz komprimieren sämtliche Komödien des englischen Dichters zu einem Stück, „Liebesdampfer nach Verona“. Temporeich zeigen sie pantomimisch und mit musikalischer und zeichnerischer Unterstützung (Christine Brändle), dass Shakespeares Komödien allesamt aus verschiedenen Versatzstücken zusammengesetzt sind. Doch zurück zu den Tragödien. „Mac-beth“ wird in schottischer Mundart dargebracht, „Othello“ als amerikanischer Gangsterrap, Julius Cäsar schnell ermordet und Kleopatra stirbt einen tragischen Gifttod. Daraufhin transponieren Ana Stankovic, Philipp Henschke und Sebastian Riesinger die Historiendramen in ein Fußballstadion. Nach dem Anpfiff wir ein König nach dem anderen durch grobe Fouls aus dem Spiel gekickt, bis schließlich Heinrich VIII. mittels eines sicher verwandelten Elfmeters die Krone an sich reißt. Hamlet steht im Zentrum des zweiten Aktes. Nachdem sich sein Onkel durch Brudermord die Herrschaft erschlichen hat, nimmt der Protagonist ein „wunderliches Wesen“ an und täuscht so seine Mitwelt. Schließlich werden die Gefühle Opheliens, Hamlets Geliebter, durch eine interaktive Gruppenaktion mit dem Publikum veranschaulicht. Die berühmten Monologe fehlen nicht, auch wenn sie die Schauspieler vor innere Zerreißproben stellen. Nadine Reinhardt versucht als Laertes gegen Hamlet im Schwertkampf zu bestehen, doch ist sie den Tricks des Prinzen nicht gewachsen. Am Ende ist der Rest Schweigen, die Figuren liegen erstochen oder vergiftet auf der Bühne. Trotz donnernden Applauses ist das Stück „Shakespeares sämtliche Werke (leicht gekürzt)“ von Adam Long, Daniel Singer und Jess Winfield noch nicht zu Ende. Es folgen als Zugabe eine noch kürzere Version, eine Kürzestversion und als Krönung wird „Hamlet“ noch ein viertes Mal gezeigt: rückwärts. Shakespeares Stücke rauf und runter, vorwärts und rückwärts derart virtuos und witzig zu spielen, ist hervorragend gelungen. Hier zeigt sich sehr deutlich, dass die Schauspielerinnen und Schauspieler seit einigen Jahren Theatererfahrung haben. Nicht nur die schauspielerische Leistung verdient Hochachtung. Bühnentechnik (Bernhard Wild, Marco Kocsner) sowie Bühnenbild, Kostüm und Maske (Amelie Krämer, Anika Klaiber, Carina Joachim, Christine Brändle, Lisa Dorsch) waren beeindruckend professionell. Musikalisch untermalt wurde der Theaterabend von Sebastian Riesinger.
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Weiterveröffentlichungen:

Unser "Plus" kennzeichnet alle Beiträge, die durch den Abdruck bei unseren Partnerverlagen noch mehr Aufmerksamkeit bekommen.wertinger | Erschienen am 15.11.2014
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