"Begegnungen mit Bach"

Marktplatz von Arnstadt
 
Rathaus auf dem Markt
 
..mit Ratsklause
Dreißig Reisende aus den Kirchengemeinden Wennigsen, Gehrden und Holtensen - Bredenbeck hatten sich im Oktober aufgemacht, um in Arnstadt, Leipzig und Köthen etwas aus dem Leben und der Zeit Johann Sebastian Bachs zu erfahren.

Durch herbstlich bunte Wälder, über Hügel hinweg und in Täler hinein, an malerischen Fachwerkhäusern in hessischen und thüringischen Dörfern vorbei bringt uns der Bus zunächst nach Arnstadt in Thüringen.

Während der Fahrt verwandeln Reisegefährtinnen den Bus in eine „rollende Volkshochschule“. Wir hören etwas über Joh. Seb. Bachs bescheidene Kindheit in der Musikerfamilie Bach in Eisenach und Ohrdruf, über den frühen Tod seiner Eltern und seine schon im Kindesalter ausgeprägte musikalische Leidenschaft. Eine Lesung aus der „Pilgerreise nach Lübeck“ erzählt Bachs Wanderung von Arnstadt nach Lübeck. Sie unternimmt der 20jährige Arnstädter Organist im Oktober 1705, um in Lübeck den dort wirkenden Komponisten Dietrich Buxtehude kennen zu lernen. Bereits im Alter von 15 Jahren war Johann Sebastian mit seinem Freund Georg Erdmann die 400 Kilometer von Ohrdruf nach Lüneburg gewandert. Im dortigen Michaelisklöster verdiente er sich als Messknabe ein wenig Geld. Und von dort aus folgten Bildungsreisen nach Hamburg und nach Celle – immer zu Fuß. Hat ihn die Musik, die er damals schon im Kopf gehabt haben mag, auf seinen Wanderungen beflügelt? Und inspirierte ihn die herbstlich-bunte Landschaft, durch die er wanderte, zu neuen Kompositionen? Wer weiß das schon. Auf jeden Fall: Bach war ein dynamischer, fleißiger, zielstrebiger und der Welt mit ihren musikalischen Schätzen zugewandter junger Mann.

So legt das dem Betrachter auch ein ungewöhnliches Denkmal auf dem Marktplatz von Arnstadt nahe, Bachs erster Anstellung als Organist und Chorleiter. Es zeigt den Komponisten als jungen Mann. Der sitzt lässig auf einem Meilenstein und streckt die Beine weit von sich. Seine Jacke dient ihm als Unterlage - so als lege er eine Ruhepause ein auf der Wanderung nach Lübeck. Sein Blick ist nach Norden gerichtet. Prof. Bernd Göbel (Halle/Saale) hat dieses Bronze-Denkmal anlässlich des 300. Geburtstages Johann Sebastian Bachs im Jahre1985 geschaffen. Damals mag so mancher DDR-Bürger voller Sehnsucht dem Blick Bachs in Richtung Norden nach Lübeck gefolgt sein.

Der junge, von seiner Stadt begeisterte und mit der Geschichte und dem Leben Bachs vertraute Stadtführer erzählt, wie Johann Sebastian Bach sich als 19jähriger mit unkonventionellem Orgelspiel bei den Besuchern der Gottesdienste unbeliebt machte, wie er den Stadtrat mit der eigenmächtigen Verlängerung seines Urlaubs in Lübeck provozierte und dass er die von ihm unterrichteten unbegabten Chorknaben mit Zorn überzog. Als er einen seiner Orchestermusiker einen „Zippelfagottisten“ nannte, eskalierte der Streit. Bach musste sich mit Hilfe seines Degens des Angriffs seiner Schüler erwehren.

Er blieb nur vier Jahre in Arnstadt. In Mühlhausen trat er seine neue Stelle an.
Wir sind uns einig: Arnstadt am Nordhang des Thüringer Waldes gelegen ist mit seinem gut erhaltenen historischen Stadtkern, mit Residenzschloss und seinen Kirchtürmen eine Reise wert. Nicht nur wegen Bach.

Dem Barockkomponisten begegnen wir dann wieder in Leipzig, seiner letzten und längsten Wirkungsstätte. Im Schatten der Thomaskirche steht Johann Sebastian Bach in Bronze gegossen als würdiger Thomaskantor und „Königlich-Polnischer und Kurfürstlich-sächsischer Hofcompositeur“. Die Thomas-, die Nikolai- und die Universitätskirche waren seine Arbeitsstätten. Hier in Leipzig hat er von 1723 bis zu seinem Tode im Jahr 1750 gelebt.

In der voll besetzten Thomaskirche hören wir die Thomaner.. Sie singen Bach`sche Motetten und Kantaten zum Gedenken an die Hunderttausend Toten, die während der Völkerschlacht bei Leipzig innerhalb von vier Tagen ihr Leben verloren. Das entsetzliche Kriegsgemetzel jährt sich am 18./19. Oktober zum 200. Mal. Der heutigen Event-Kultur geschuldet, in der alles und jedes „erfahrbar“ gemacht werden muss um es zu verstehen, werden die Menschen gar zu "Völkerschlacht erleben" eingeladen. Dieser Einladung folgen bis zu 35000 Menschen. Sie sehen 6000 als preußische, österreichische, schwedische, russische Soldaten verkleidete Männer bei ihrem nachgestellten Kampf Mann gegen Mann, den sie gegen französische und sächsische Soldaten Napoleons austragen. Und in der Stadt streben hier und da kleine Gruppen Uniformierter ihren Manöverbällen und folkloristischen Umtrieben entgegen. Während der Bachmotette und im Sonntagsgottesdienst hören wir in Ansprache und Predigt kritische Worte zu dem Spektakel, zu "Kriegskarneval" und den Versuchen aus „realem Horror“ ein „Trachtenfest“ zu machen.

In Leipzig stehen Stadtführungen auf dem Programm. „Bürgermeister Hieronymus Lotter“ alias Karsten Pietsch bringt uns auf humorvoll-sächsische Weise das reiche und lebendige „Leipziger Allerlei“ aus literarischer, musikalischer, gesellschaftlicher, stadtgeschichtlicher und politischer Gegenwart und Vergangenheit nahe und führt uns in „Auerbachs Keller“.
Stadtbummel aber können ermüden. Im Bach-Museum jedoch lädt eine Ruhezone dazu ein, sich aus Bachs Werken das Konzert auszusuchen, das den ermüdeten Besucher je nach musikalischem Geschmack am ehesten erquickt.

Am Montag erinnert uns die Einladung zum „Friedensgebet in der Nikolaikirche“ an die Wendezeit in den späten 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Damals trugen die Gebete vor den Montagsdemonstrationen den Geist der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit hinaus in die Herzen der Menschen und auf die Straße. Die Friedensgebete gehen weiter. Auch heute geht es um innergesellschaftliche Probleme, um den Einsatz der Kirche für Arbeitslose, für Behinderte oder um die Eingliederung der Fremden in die Stadt. Wir sind beeindruckt von dem Friedensgebet an diesem Montag. Eine Gruppe von Psychiatrieerfahrenen stellt unter dem Thema „Wi(e)der-Stehen“ ihre Lebensgeschichten von Verzweiflung und Mut, von Ablehnung und Annahme, Hinfallen und wieder Aufstehen, von der Abwesenheit und Anwesenheit des Friedens in ihrem ganz persönlichen Erleben dar in Gebeten und Liedern.

Auf der letzten Station unserer Zeitreise begegnen wir Johann Sebastian Bach sozusagen „live“ in Köthen. Hier in Sachsen-Anhalt war Bach Hofkapellmeister vor seiner Zeit in Leipzig - sechs Jahre lang von 1717 – 1723. Es war für ihn und seine Familie eine bessere Zeit als die später in Leipzig erlebte. Die Familie wächst und viele populäre Werke Bachs entstehen z.B. die Brandenburgischen Konzerte. Sein Arbeitgeber, der Fürst Leopold nimmt ihn 1720 mit auf eine Reise nach Karlsbad. Zurück gekehrt, trifft ihn ein schwerer Schicksalsschlag: seine Ehefrau Maria Barbara war nach 13 Jahren Ehe gestorben. Noch in Köthen heiratet Bach ein zweites Mal: seine Ehe mit Anna Magdalena ist über nahezu dreißig Jahre eine glückliche Verbindung gewesen. Das erfahren wir aus dem Munde eines jungen Historikers, der in Kantorenkleidung und unter weißhaariger Perücke in die Rolle Bachs schlüpft und uns mit nachempfundener barocker Sprache in seinen Bann zieht.

Während der Busfahrt zurück in die Gegenwart tauschen wir das Gesehene und Gehörte noch einmal mit unserem Sitznachbarn aus oder bewegen es in unseren Gedanken. Johann Sebastian Bach und seine Musik sind uns näher gekommen. „Wenn ich in diesem Jahr das Weihnachtsoratorium hören werde, kann ich mir den Menschen gut vorstellen, der diese wunderbare Musik geschaffen hat...“ ist das Fazit einer Reiseteilnehmerin.

(Fotos: Joachim Klang, Dirk Steffens)
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