Gedanken zum Tag der deutschen Einheit

Der 3. Oktober, für uns Deutsche ein Grund zu feiern, denn das ist der Tag der deutschen Einheit. Der Tag, an dem ein zweigeteiltes Deutschland zu einem wurde. Und mittlerweile scheint es uns fast schon unvorstellbar, dass es jemals zwei deutsche Staaten gegeben hat – einer freiheitlich westlich, der andere östlich orientiert und staatlich so kontrolliert, dass es keine Reisefreiheit zwischen diesen beiden Staaten gab.
An diesem Tag muss ich aber vor allem an Korea zurückdenken, das ich vor einem Jahr besucht habe und dessen Teilung durch einen etwa 250 Kilometer langen Zaun inmitten einer ca. vier Kilometer breiten demilitarisierten Zone bis heute andauert. An dieser von einer von beiden Seiten eingesetzten Waffenstillstandskommission kontrollierten Grenze stehen sich die beiden Länder Nord-und Südkorea seit 1953 feindlich gegenüber. In dem einen Staat kontrolliert mit Unterstützung Chinas eine Diktaturdynastie unter Kim Jong Un, eine in Armut lebende Bevölkerung, der andere Staat ist stark auf Amerika hin orientiert, demokratisch legitimiert, verfügt über eine gute Infrastruktur und ist wohlhabend. Trotz Jahrzehnte langer Verhandlungen zwischen diesen beiden Staaten, kommt es zu keiner substantiellen Annäherung.
Während meiner Korea-Reise wurde ich eines Tages von einem kleinen Mädchen meiner Gastfamilie gefragt, wie es zur deutschen Vereinigung gekommen ist und wie sie ablief. Auf meine Frage, was sie darüber schon gehört habe, entgegnete sie, dass ein wohl betrunkener Politiker die Wiedervereinigung ausgerufen habe. Ich erklärte ihr, dass wir damals nicht nur glückliche politische Konstellationen hatten, sondern dass ein Missverständnis die Öffnung der Grenze zur Folge hatte. Die resultierende Reisefreiheit und die staatliche Vereinigung zu einem Deutschland habe zunächst zu großer Euphorie auf beiden Seiten geführt, durch die einsetzenden wirtschaftlichen Folgen aber einen Dämpfer bekommen.
Diese Erklärung stieß bei meiner Gastfamilie auf große Resonanz. Sie wollten unbedingt wissen, wie wir die wirtschaftlichen Schwierigkeiten letztendlich überwunden haben und begannen zu erzählen, was sie über das Thema der Vereinigung mit Nordkorea denken. Für mich überraschend waren zwei Seiten herauszuhören. Einerseits bestand ein starker Wunsch nach einer Vereinigung – dem Wiedersehen mit der anderen Hälfte der Familie, der Verbesserung der Lebensstandards der nordkoreanischen Bevölkerung und ein geeintes Korea. Andererseits konnten und wollten sie sich eine Vereinigung mit Nordkorea auch nicht so recht vorstellen – nicht nur aufgrund der vielen Vorwürfe, die der nordkoreanische Diktator Kim Jong Un der südkoreanischen Präsidentin Park Geun-Hye regelmäßig macht, sondern vielmehr aus Angst vor einem wirtschaftlichen Absturz und davor, dass die nordkoreanische Bevölkerung unfähig zu einem Leben in einer Demokratie sein könnte.
So bleibt ihnen nur ein Abwarten, bis es zu einer politischen Umstrukturierung kommt. Kleine Annäherungen – wie zum Beispiel die Zulassung der nordkoreanischen Sportler zu den diesjährigen ASIAN GAMES 2014 in Incheon, Südkorea – können hierzu wichtige Schritte sein, genauso wie Flüchtlinge aus Nordkorea, beispielsweise Kim-Cheol Woong mit ihren Geschichten.
Aber auch unsere Geschichten und unsere Geschichte können ein wichtiger Beitrag zur nachhaltigen politischen Annäherung sein.

Lena Lachnit
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