Florian David Fitz zu Gast im Dietrich-Theater Neu-Ulm
Neu-Ulm: Dietrich-Theater | Während der "Vincent will Meer" - Kinotour war der Hauptdarsteller und Drehbuchautor Florian David Fitz am 16. April auch zu Gast im Dietrich Theater Neu-Ulm. Florian David Fitz (bekannt aus Doctor's Diary und Männerherzen) hat seinen neuen Film vorgestellt, Autogramme gegeben und natürlich auch einige Fragen beantwortet:
Wie kommt ein gut beschäftigter Schauspieler dazu, ein Drehbuch zu schreiben? Waren Sie nicht ausgelastet?
Damals nicht. Im Winter gibt es ja immer lange Zeiten, wo man nicht arbeitet, was auch relativ normal ist. Nach zwei Wochen brennt es mir dann unter den Fingernägeln. Zweitens habe ich da ganz egoistisch gedacht: Ich würde gerne mal was schreiben, das ich dann eventuell auch spielen kann.
Wie ging die Arbeit am Drehbuch direkt vonstatten?
Ich habe mich bei der Drehbuchwerkstatt München beworben, wurde genommen und habe es über das Jahr geschrieben. Du brauchst das Feedback, einen Widerpart und da hast du natürlich gleich 20 Leute, darunter die Tutoren, die das lesen. Dann trifft man sich alle sechs Wochen und jedes Stadium wird dann auseinandergerissen und kritisiert. Das ist schon hart, weil es immer sehr persönlich ist, aber wenn du als Schauspieler nicht mit Kritik umgehen kannst, dann hast du ein Problem. Meine Tutorin war Bettina Ricklefs vom Bayerischen Rundfunk, und das war das Beste, was mir passieren konnte. Mein Ziel war immer, auf Messers Schneide zu bleiben, also einen Ton zwischen Poesie und böser Realität und zwischen fiesem, derbem Humor aber dann auch wieder einer Zartheit zu finden. Sie hat mich sehr unterstützt, da weiter zu machen.
Wie sind Sie auf das Tourette-Syndrom gekommen?
Als ich in Boston auf der Schauspielschule war, hatten wir einen Lehrer mit Tourette. Er hatte keine schlimmen vokalen Tics, sondern eher motorische. Der hat sich ganz selbstverständlich vor die Klasse gestellt und gesagt: „So, Kinder, ich habe Tourette. Wenn ich euch blöd anmache oder anschaue, dann ist das nicht so gemeint.“ Am Anfang guckst du natürlich, aber tatsächlich gewöhnt man sich relativ schnell daran.
Davor wussten Sie überhaupt nichts von diesem Syndrom?
Doch, eine ungefähre Vorstellung hatte ich davon, aber den Namen kannte ich überhaupt nicht. Mein direkter Impuls, es zu thematisieren, war ein TV-Bericht über einen jungen Mann, der auch ganz schlimme Autoaggressionen hatte. Mit Mitte Zwanzig musste er wieder zu seinen Eltern ziehen. Alles war bei ihm mit Schaumstoff abgedeckt und er hatte einen Helm auf. Da habe ich mir gedacht: Wie krass muss das sein, wenn jemand unter diesen erschwerten Umständen zu einer Selbstakzeptanz kommt und sagt: Ich lerne eine gewisse Souveränität. Und da ist Tourette ja zunächst einmal ein Symbol für alles, was dich an den Rand der Gesellschaft stellt.
Haben Sie das nervöse Lachen beim Zuschauer mit einkalkuliert, als Sie die Figur des Vincent angelegt haben?
Ich glaube, dass die Leute am Anfang des Films bei dieser ersten Szene in der Kirche nicht wirklich wissen, ob sie lachen dürfen oder nicht. Das ist auch gut so. Meine Angst war, auch im Spiel später: Wie stark kann man das Tourette dosieren, ohne dass der Zuschauer es nach einer halben Stunde nicht mehr aushält? Ich habe mir gewünscht, dass man am Anfang schockiert ist und es am Ende vergessen hat. Ich glaube, das ist ein Supereffekt, von dem Tourette-Betroffene vielleicht profitieren könnten. Was so wahnsinnig anstrengend ist, ist die erste Reaktion. Dafür können die Leute ja nichts. Aber trotzdem haben Tourette-Kranke jeden Tag tausend erste Reaktionen auf sich. Bei den Leuten, die sie kennen, ist es anders. Da kann man das ausblenden und da lässt man dann locker.
Wie haben Sie sich auf die Rolle vorbereitet?
Beim Schreiben habe ich mit Tourette-Betroffenen gesprochen und natürlich wahnsinnig viele Filme angeschaut. Den Durchbruch für das physische Finden hatte ich, als ich in der S-Bahn zum Zahnarzt gefahren bin. Da habe ich gedacht: Jetzt probiere mal mit kleinen Tics, ob die Leute reagieren. Das haben sie aber überhaupt nicht! (lacht) Dann habe ich gemerkt, dass man tatsächlich innen drin Impulse hat, zu ticken und kann das auch nachvollziehen. Tourette hat ja anscheinend damit zu tun, dass bestimmte Hemmschwellen im Gehirn runtergedimmt sind. Wenn du aber guckst, sind diese Impulse da, und wenn du dem nachgehst, kann es auch mehr werden. Als Kind macht man auch einige Dinge, die nicht gleich Tourette sind, Grimassen zum Beispiel – das ist ja am Anfang auch fließend: Was ist jetzt ein Tic, was ist eine blöde Angewohnheit?
Das Dietrich Theater wünscht viel Spaß bei "Vincent will Meer". Wann der Film läuft erfahen Sie hier: http://www.cineplex.de/kino/programm/city57/?scope...



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