Zukunft fürs Dorf - Sterben wir "Landleute" aus?

Landwirtschaftsminister Helmut Brunner (CSU)

Der ländliche Raum, Sinnbild des bayerischen Idylls, steht vor Umwälzungen. Menschen wandern nolens-volens dorthin ab, wo es Arbeit gibt: in die Stadt - mit allen negativen Folgen. Der Bayernkurier befragte Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, wie Bayern dem ländlichen Raum hilft.

Bayernkurier: Wo es keinen Metzger, keinen Bäcker, kein Wirtshaus mehr am Ort gibt - was soll die Menschen denn dann noch auf dem Dorf halten?
Helmut Brunner: Es gibt viele gute Gründe, auf dem Dorf zu wohnen: Die gute Nachbarschaft, ein intaktes soziales Leben und erschwingliche Mieten - im Gegensatz zu Anonymität, Großstadtlärm und explodierenden Preisen. Die Möglich-keiten, an der Gestaltung der Heimat aktiv mitzuwirken, die Naturnähe und der Bezug zur Landschaft machen das Wohnen im ländlichen Raum immer attraktiver. Und wir sehen es an vielen Beispielen: Wenn die Menschen in die Dörfer zurückkommen, kommen auch Metzger, Bäcker und Wirtsleute wieder.

Bayernkurier: Wie sind die Aussichten? Wird Ostbayern, Oberfranken und Westmittelfranken bald zur menschenleeren Wüste? Was bedeutet das für den Freistaat als Ganzes?
Brunner: Diese Gefahr sehe ich nicht, denn der ländliche Raum in Bayern ist nach wie vor attraktiv. Andernfalls wäre dort der Bevölkerungszuwachs in den vergangenen 20 Jahren nicht doppelt so hoch gewesen wie in den Städten. Das zeigt: Unsere Politik, die darauf abzielt, gleichwertige Lebensbedingungen in Stadt und Land zu schaffen, ist erfolgreich. Aber natürlich stehen die ländlichen Räume vor Herausforderungen. Deshalb werden wir die Menschen, Gemeinden und Regionen gezielt und kraftvoll unterstützen.

Bayernkurier: Welche Rolle spielt die Demographie? Immer weniger Kinder, immer mehr alte Leute - wieviel Zukunftsperspektive signalisiert das?
Brunner: Die demographische Entwicklung stellt viele ländliche Gemeinden vor Herausforderungen. Dennoch sehe ich optimistisch in die Zukunft. Jetzt ist es an der Zeit, die Weichen richtig zu stellen. Wir legen den Schwerpunkt unserer Förderung im ländlichen Raum auf die 
Innenentwicklung der Dörfer.

Bayernkurier: Sollte man jede Gemeinde verpflichten, eine eigene Schule zu unterhalten?
Brunner: Nein, das könnten viele Gemeinden gar nicht schultern. Wir brauchen dennoch auch bei rückläufigen Schülerzahlen in zumutbarer Entfernung ein flächendeckendes Angebot allgemeinbildender Schulen. Gerade die bestehenden Grundschulstandorte wollen wir 
soweit wie möglich erhalten. Deshalb ermöglichen wir jahrgangskombinierte Klassen.

Bayernkurier: Junge Ärzte wollen kaum mehr Landarzt werden. Wie kann man das attraktiver machen?
Brunner: Ziel der Staatsregierung ist eine am Bedarf orientierte ärztliche Versorgung aller Teilräume des Landes. Dazu zählt für uns die flächendeckende Betreuung durch Landärzte. Der Staat kann das zwar nicht erzwingen, zumal Niederlassungsfreiheit besteht. Wir werden aber alles tun, damit genügend junge Ärzte bereit sind, sich im ländlichen Raum niederzulassen.

Bayernkurier: Heute investiert keine Firma an einem Ort, wo es kein DSL gibt. Wie fördert der Freistaat das schnelle Internet?
Brunner: Die rasche, flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet ist für mich unverzichtbare Voraussetzung für eine positive Entwicklung der ländlichen Räume. Die Staatsregierung stellt für 2008 bis 2010 rund 19 Millionen Euro Fördermittel bereit. Aus dem Konjunkturpaket II des Bundes kommen für 2009 bis 2011 weitere 25 Millionen Euro. Den neuen Wirtschaftsminister Martin Zeil habe ich dringend gebeten, das Antragsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Bayernkurier: Was kann der Freistaat gegen die Abwanderung tun? Was hat der ländliche Raum den Städten mit ihrem Rundum-angebot entgegenzusetzen?
Brunner: Der ländliche Raum muss sich gegenüber den Verdichtungsräumen nicht verstecken. Entscheidend ist, dass die Menschen die Zukunft ihrer Region selbst aktiv in die Hand nehmen und Netzwerke bilden. Und dabei steht ihnen die Staatsregierung zur Seite: Wir initiieren und unterstützen Entwicklungsprozesse, bei einzelnen Gemeinden oder Dörfern mit der Dorferneuerung und der Flurneuordnung, gemeindeübergreifend mit der integrierten ländlichen Entwicklung. Dafür stellen wir heuer einschließlich der Mittel aus dem Konjunkturpaket II rund 110 Millionen Euro zur Verfügung. Das ist ein eindeutiges politisches Signal an die Menschen im ländlichen Raum.

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6 Kommentare zum Beitrag
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Hartmut Schatz aus Peine am 28.03.2009 um 15:04 Uhr  
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Stephan Schwarz aus Thannhausen am 28.03.2009 um 21:36 Uhr  
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