Buchtipp

Am Meer
Springe: Springe | Sizilien im Frühling ist ein Traum. Alles blüht, milde Temperaturen und es gibt nur wenige Touristen.
So richtig zum Entspannen.
Wir saßen in der Abflughalle in Palermo und genossen noch für ein paar Minuten den Blick auf's blaue Meer im Sonnenlicht, als sich – lautstark - eine Gruppe junger Frauen mit kleinen Köfferchen näherte. Ich dachte gerade noch, oh bitte nicht hierher , als sie schon hinter uns die letzten freien Plätze besetzten. Aus war's mit der Abschiedsträumerei.
Schrille Wortfetzen und hochtöniges Kichern erfüllten den kargen Warteraum. Es ging um „den hübschen Seminarleiter“ und „die Marketing-Fortbildung in Hannover“ in den nächsten Tagen.
*
Das Flugzeug war nicht besonders groß, aber das Schicksal gnädig. Wir saßen weit ab von den lauten Frauen und ich hoffte nach dem Start fast nahtlos an meinen so jäh abgebrochenen Sizilien-Frühlingstraum anknüpfen zu können. Nur der Fensterplatz in unserer Reihe war noch leer.
Als schon fast alle Passagiere saßen kam ein einzelner Endvierziger in einem knöchellangen schwarzen Ledermantel mit langen grauen, zu einem Zopf gebundenen Haaren und D'Artagnon Bart mit einem kleinen Köfferchen den Gang hinunter. Er deutete lächelnd auf den freien Platz neben mir.
Nachdem er sich seines schweren Mantels entledigt und sein Köfferchen unter dem Sitz verstaut hatte, richtete er sich ein und wir hoben ab.
Ich wollte mich gerade meinem angefangenen Traum wieder hingeben, als mein Sitznachbar sein Smartphone aus seinem Köfferchen wühlte und begann Scrabble zu spielen. Nach etwa fünf gespielten Buchstaben schaltete er das Smartphone um, um hektisch eine Nachricht in die Tastatur zu wischen.
Danach erschien wieder das Scrabblebrett auf dem Bildschirm. Ich versuchte die Augen zu schließen, blieb aber wie gebannt an den Buchstaben kleben. Ich hatte gerade eine Idee für ein Wort, als mein Nachbar wieder in den SMS Modus schaltete, lächelnd nickte und wieder wild über den Bildschirm wischte. Rasend schnell baut sich irgendein Text auf, den ich natürlich nicht lesen wollte und auch gar nicht gekonnt hätte, da mein Sitznachbar blitzschnell ein Laptop aus seiner Tasche gefingert hatte, welches er auf dem kleinen Klapptisch vor sich platzierte. Er hatte gerade angefangen irgendwelche kryptischen Tabellen aufzurufen, als die Stewardess ihn bat, wegen zu erwartender Turbolenzen den Tisch einzuklappen. Lächelnd verstaute er mit der einen Hand das Laptop, während er mit der anderen sein Smartphone aus seiner Hemdtasche fingerte.
Die Prozedur wiederholte sich. Lächelnd sah er eine SMS an, schrieb dann mit flinken Fingern selbst einen Text und sah sich danach hektisch im Flugzeug um, bevor wieder das Scrabblefeld erschien. Ein paar Buchstaben fanden ihren Weg an vorhandene Wörter, bis er, beim Blick aus dem Fenster, irgendwas Interessantes entdeckte, was unbedingt fotografiert werden musste.
Es mag ja merkwürdig klingen, aber ich hatte keine Chance mehr, irgendeinem süßen Gefühl nachzuträumen, da mich das Tun meines Nebenmannes vollständig in seinen Bann gezogen hatte.
Der Fotoapparat wich erneut für einen Moment dem Laptop, gefolgt von wilden Wischorgien auf dem Smartphone.
So ging das noch eine ganze Zeit weiter und dann gab es den Knaller. Die gesamte Elektronik wurde ersetzt durch ein BUCH! Ja, ein Buch. So ein richtiges. Mit vielen Seiten aus Papier mit Buchstaben darauf, die er suchend durchblätterte.
Ich war inzwischen selbst so hektisch, dass an Ausruhen gar nicht mehr zu denken war, zumal er schon bald das Buch geschlossen mit der Rückseite auf seinen Knien ablegte, um sich mal wieder einen Überblick über die Flugzeugkabine zu verschaffen.
Die Stewardess kam und brachte uns etwas Verpflegung, wozu wir die Tischchen vor uns herunterklappen mussten.
Mein Nachbar ordnete kurz sein elektronisches Equipment und legte dafür das Buch zwischen uns ab.
Als ich den Titel sah, hätte ich der Stewardess fast die dargereichten Becher aus der Hand geschlagen.
Das Buch war von einem gewissen Fernando Pessoa und hieß DAS BUCH DER UNRUHE.
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