Am Nachbartisch

Alle tot
Springe: Bennigsen | Merkwürdig, wie sich die selektive Wahrnehmung so mit den Jahren ändert.
Ich hab schon immer gern gewusst, über was sich die Leute am Nebentisch im Cafe unterhalten, aber früher hörte ich Begriffe wie Party, Auto und Urlaub geradezu fett-gedruckt heraus, während ich heute eher Krankheit, Enkel und Tod höre.
Die Mittsiebziger an meinem Tisch in der hannoverschen Markthalle saßen ziemlich mürrisch vor einem Bier und kämpften mit den Barhockern ohne Lehne.
„...ist doch viel zu groß für mich und wer soll das denn alles mal pflegen?“ Hörte ich trotz des permanent hohen Geräuschpegels in der Halle am Samstagmittag und dachte, der Mann redete über seinen Garten oder sein Haus.
„Da liegen doch nur meine Eltern und meine Schwester Karin, aber die ist ja auch schon dreißig Jahre tot. Meine Frau wollte ja unbedingt zu ihren Eltern nach Tübingen. Aber da will ich nicht hin.“
Es schien dann doch eher um ein Grab zu gehen, folgerte ich aus dem Wort „liegen“.
„Außerdem ist das alles viel zu teuer.“
Der andere nickte und nippte an seinem Bier. „Hab ich auch zu meiner Frau gesagt“, sagte er schließlich zustimmend. „ Aber wo wilsste denn hin, Werner?“

Werner zuckte mit den Schultern. „Auf See oder in'nen Wald. Ist billiger und du hast nicht den Ärger mit der Pflege.“

Der andere lachte. „Den hast du ja sowieso nicht, höchstens deine Kinder.“

Werner nickte. „Mein ich ja“, sagte er und nahm einen großen Schluck. „Aber so'n Waldgrab stell ich mir ganz praktisch vor. Da kommt sogar manchmal so'n Hase oder Reh vorbei. Und von deinen Überresten wachsen die Bäume sogar besser.“

Der andere sah ihn nachdenklich nickend an. „Ist was dran“, sagte er.“ So übereinander gestapelt in so'nem Grab auf'm Friedhof ist ja längst nicht so idyllisch.“

Die beiden schwiegen sich einen Moment nickend an.
„Ich glaub ich mach das mit so'm Baum im Wald“,sagte Werner plötzlich ziemlich entschlossen und bestellte noch zwei Biere.“Auf unserm Grab auf 'm Friedhof würde ich sowieso nur so ganz alleine rumliegen. Meine Eltern und Karin sind doch längst von den Würmern verdaut und sonst will da ja von den Kindern niemand mehr hin.“

Die Biere kamen und ich hatte noch eine Verabredung an der Kröpke Uhr.
Außerdem wusste ich ja nun, dass meine Entscheidung, mir rechtzeitig einen Baum im Wald gekauft zu haben, goldrichtig gewesen war. Ich zahlte und ging lächelnd.
Ich hätte in unserem Familiengrab auch nur allein rumgelegen, weil schon alle von den Würmern verdaut waren. Und das, wo ich so gern Gespräche am Nachbartisch belausche.
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1 Kommentar
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Kurt Battermann aus Burgdorf | 31.05.2015 | 19:41  
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