Kindheit mit Schule

1951/1952: Klasse 8b vor der Waldschule Misburg
 
1951: Klasse 8b am Steinhuder Meer

Misburg: Waldschule | Im Frühling des Kriegsjahres 1943 werde ich eingechult. An meinen ersten Schultag und ob ich eine Schultüte bekomme, kann ich mich nicht erinnern. Aber meinen Tornister habe ich nicht vergessen. Er ist aus braunem Leder, in ihm liegt meine Schiefertafel mit dem Griffelkasten sowie später die Fibel, unser erstes Lesebuch. An der Tafel sind Schwamm und Läppchen zum Reinigen befestigt, die an Bindfäden hängend aus der Schultasche baumeln.
Beim Schreiben auf der Tafel verursacht der Griffel ein fürchterliches Quietschen, wovon man Zahnschmerzen bekommt!

Der erste Buchstabe, den wir lernen, ist das kleine "i", aber in der spitzen, deutschen Sütterlinschrift. "Rauf runter rauf, Pünktchen obendrauf" müssen wir laut im Chor dabei sagen und als Hausarbeit die ganze Tafel voll schreiben. So lernen wir einen Buchstaben nach dem anderen, später dann in lateinischer Schrift.

Unsere Schule befindet sich nahe des Misburger Zentrums neben der Johanniskirche und ist wie diese aus roten Backsteinen gebaut. An unsere Lehrerin in der 2. Klasse erinnere ich mich besonders. Sie heißt Fräulein Fuhrberg, ist ein älteres, grauhaariges Fräulein und legt großen Wert auf diese Anrede. Sie ist äußerst streng, trägt immer einen dünnen Rohrstock in der Hand, den sie auch regelmäßig benutzt. Einmal trifft es mich. Ich habe beim allmorgendlichen "Heil Hitler-Gruß" meinen Arm nicht hoch genug ausgestreckt, und schon saust der Rohrstock über meine Finger!

Der Schule schräg gegenüber steht der Bunker für diesen Ortsteil, den Lehrer und Schüler bei Alarm aufsuchen müssen. Einmal kommen wir bei Entwarnung heraus: Unsere Schule existiert nicht mehr, sie ist ein riesiger Trümmerhaufen!
Der Schock sitzt tief. Ein klein wenig Freude ist aber auch dabei, weil für längere Zeit der Unterricht ausfällt, bis eine neue Unterkunft für uns gefunden wird.
Schnell hat man eine ehemalige Munitionsbaracke aus Holz neben dem Sportplatz "Weiße Erde" umfunktioniert.
Irgendwann reicht sie allerdings für die wachsende Schülerzahl nicht mehr aus. Deshalb wird gleich nach dem Krieg eine zweite Baracke aus Stein mitten im Wald gefunden, in der die Kinder aus dieser Umgebung unterrichtet werden. Wir gehen nun zu unserer großen Freude in die "Waldschule". Der Wald liegt ja ohnehin vor unserer Haustür und ist von jeher unser bevorzugter Aufenthaltsort.

Im Sommer stromern wir in den Pausen zwischen Bäumen und Büschen herum und überhören schon mal das Klingelzeichen. Dann klettern wir einfach durch die tief liegenden Fenster in den Klassenraum, ehe ihn die Lehrer betreten.
Im Winter machen sich die Jungen einen Spaß daraus, die Schnee bedeckten Bäume zu schütteln, unter denen wir Mädchen uns aufhalten. Klitschnass sitzen wir anschließend auf unseren Bänken. Unser Schulweg führt am Flöth, einem Zufluss der Wietze, entlang. Es passiert schon mal, dass wir nur glauben, er sei zugefroren; nasse Schuhe, Strümpfe und Hosen sind die Folge!

In der großen Pause gibt es kostenlose Schulspeisung. Das Essgeschirr bringen wir von zu Hause mit, in das die Frauen mit großen Kellen aus riesigen Töpfen selbst gekochte Gemüse- oder Milchsuppen schöpfen. Von wegen "das mag ich nicht"! In diesen Zeiten sind wir froh, wenn wir überhaupt etwas zu essen bekommen.

Unser Klassenlehrer, auch Rektor der Waldschule, ist ein begeisterter Goethe-Anhänger. Durch ihn lernen wir den Dichterfürsten und seine Werke gründlich kennen. Wir müssen die Gedichte und Balladen nicht nur auswendig lernen, sondern als Hausarbeit zusätzlich mit Schönschrift in spezielle Hefte schreiben.
Aber nicht nur im Fach Deutsch wird viel auswendig gelernt. In Rechnen müssen wir das kleine und große Einmaleins im Schlaf beherrschen. Und die Geschichtszahlen! Wann schlug welcher Kaiser oder König welche Schlacht, wann wurde der Limes gebaut....? Auf dieses Gedächtnistraining hätten wir gern verzichtet, aber vieles ist dadurch bis heute hängen geblieben. Besonders im Kopfrechnen machen wir unseren Enkeln noch was vor; dafür können sie besser mit dem Taschenrechner umgehen.
Meine Freundin Renate und ich werden oft während des Unterrichts ins Rektorzimmer "verbannt", wo wir für ihn Klassenarbeiten seiner unteren Klassen vor-korrigieren dürfen, was wir nicht gerade ungern tun.

Nach Unterrichtsschluss darf ich nicht zum Spielen raus, ehe ich nicht meine Schularbeiten und die aufgetragene Hausarbeit, wie Zimmer aufräumen, Kaninchenfutter holen usw. erledigt habe.
Um mein geringes Taschengeld aufzubessern, betreue ich ein Baby und helfe später einem Jungen bei den Hausaufgaben. Das verdiente Geld landet hauptsächlich in der Leihbücherei und im Kino.

Im letzen Schuljahr machen wir eine mehrtägige Klassenfahrt. Wir fahren nicht etwa nach Frankreich, Spanien o.ä., sondern an den Bannsee bei Schneeren am Steinhuder Meer, wo wir in großen Zelten leben und eine Menge Spaß haben. Außer dem Klassenlehrer und seiner Frau ist auch unsere Sportlehrerin dabei, die uns am Beispiel von Blumen und Schmetterlingen Aufklärungsunterricht gibt. Abends wird aus Wilhelm Raabes "Sperlingsgasse" gelesen.

Meine Volkschulzeit beende ich im Frühjahr 1952 noch in der alten Waldschule. Während des letzten Schuljahres entsteht jedoch im Zentrum von Misburg, nicht sehr weit von unserer ersten, zerstörten Schule entfernt, das neue Schulzentrum.
Beim Richtfest des ersten Bauabschnitts darf ich unter dem Richtkranz oben auf dem Dach das Gedicht "Zum Schulhaus-Richtfest" o.ä. aufsagen, laut und deutlich!
Zum Unterricht in den neuen Räumen geht dann aber meine Schwester. Ich wechsele auf eine Fachschule in Hannover.


Später, leider erst sehr viel später werde ich die ganze Wahrheit erfahren. Ich werde wissen, was mit unseren jüdischen Schulkameraden in den deutschen Todesfabriken, in Auschwitz und Treblinka geschah. Ich werde die Gedenkstätten Bergen-Belsen und Yad Vashem in Jerusalem besuchen, werde Dokumentar- und Spielfilme sehen, die das unfassbar grauenhafte Geschehen versuchen erfahrbar zu machen. Aus heutiger Sicht, in Kenntnis dessen, was geschah, muss ich sagen, dass es uns, die wir rein zufällig als Nichtjuden geboren worden sind, vergleichsweise sehr gut ging.

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1 Kommentar zum Beitrag
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Hans-Christoph Nahrgang aus Kirchhain am 12.08.2010 um 23:12 Uhr  
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