Fuchsbiss, bitte warten......

Fuchsbiss, bitte warten…..

Der gestrige Tag lässt mich rückblickend doch an der Kompetenz unseres Gesundheitswesens zweifeln.
Wenn der Morgen damit beginnt, dass ein Fuchs durch den Garten schleicht und einem durch beharrliches unter-dem-Auto-Liegen den Weg zur Arbeit versperrt, kann der Tag wohl keinen entspannten Verlauf nehmen.
Wenn man dann noch so blöd ist sich beim erfolgreichen Versuch den Fuchs zu verscheuchen durch die Handschuhe in den Finger beißen zu lassen, wirkt auch die Tatsache, dass der Fuchs nun nicht mehr unter dem Auto, sondern schwer atmend im Carport liegt nicht gerade stimmungsaufhellend. Jetzt kommt man zwar zur Arbeit, muss aber zum Hausarzt, was mir von einem Freund sehr eindringlich am Telefon geraten wurde.

Die „Bisswunde“ ist eigentlich auch nur ein kurz blutender Kratzer und wurde sofort von mir desinfiziert, so dass man sich beim Hausarzt eher um die Ansteckung mit Tollwut, welche ohne Impfung innerhalb von 3 Monaten tödlich verläuft, als um meinen Zeigefinger Sorgen machte.
Dies führte dann auch zu dem Ergebnis, dass sich besser das Gesundheitsamt mit der Impfung auseinander setzen sollte, da eine normale Apotheke keinen Impfstoff besitzt und das Impfverfahren etwas komplizierter schien.

Telefonisch war beim Gesundheitsamt in Hannover zumindest die Zentrale gut besetzt und mir wurde nach Schilderung meines morgendlichen Abenteuers direkt eine entsprechende Durchwahl gegeben, wo ich knapp 45 Minuten lang niemanden erreicht habe.
Als ich dann doch endlich die vermeintliche Kompetenz in Person am Apparat hatte, wurde mir mitgeteilt, dass die zuständige Impfärztin gerade keine Zeit hätte, sich aber in 10 Minuten zurück meldet.

Eine Stunde später, die einem recht lang vorkommt, wenn man immer noch im Glauben ist Tollwut gefährdet zu sein, rief die Ärztin zurück.
Das Gesundheitsamt hätte gar keine Impfdosen vor Ort, es wäre Aufgabe des Hausarztes diese anzufordern, die einzigen Vorräte liegen in Hannover im Siloah Krankenhaus, ich könnte ggf. auch direkt dorthin.
Deutschland wäre aber bei Füchsen „eigentlich“ Tollwut frei.
„Eigentlich“ wollte ich aber die Geburt meines Kindes im nächsten Frühjahr noch miterleben, also nicht aufgeben sondern weiter machen.

Der Hausarzt hatte inzwischen Mittagspause, also direkt ins Siloah Krankenhaus.
Dort schilderte ich kurz den Fall und wurde gebeten zu warten. Mittlerweile hatte ich dank google noch einmal nachgelesen, dass bei einer Tollwutinfektion eine aktive Impfung innerhalb der ersten Stunden recht gute Erfolgsaussichten mit sich bringt.
Mittlerweile waren fast 5 Stunden vergangen weshalb ich als Patient nicht gerade mit dem Merkmal „geduldig“ aufwarten konnte.
Nach 15 Minuten teilte man mir mit, dass sich eine Chirurgin die Wunde angucken will, aber diese aktuell keine Zeit hätte, weil gerade ein anderer Notfall behandelt würde.
Mein Hinweis, dass ich keine Wunde habe, sondern eine Impfung möchte, wurde nicht direkt kommentiert, sondern mit eine Gegenfrage beantwortet. „Waren sie auf dem Weg zur Arbeit?“
„Ja??!!??“
„Dann können wir sie sowieso nicht aufnehmen, weil wir nicht mit der Berufsgenossenschaft abrechnen können“
???
Obwohl die einzigen Impfdosen in Hannover nur wenige Meter von mir entfernt aufbewahrt wurden, soll ich mich in einem anderen KKH aufnehmen lassen, diese würde die Impfdosen dann ggf. anfordern.

Die Uhr tickt und ich springe wieder ins Auto und düse zum nächsten Krankenhaus, der medizinischen Hochschule Hannover.
Dort in der Notaufnahme die Geschichte zum x-ten Mal zum Besten gegeben, um dann zu erfahren, ich müsse warten bis der Finger geröntgt wird.
Der Hinweis, dass der Finger nicht das Problem sei, keine Fremdkörper in dem Kratzer sein können und ich nur eine Impfung will, wurde erneut gekonnt ignoriert, also durfte ich wieder warten.
Nach dem Röntgen dann auf ins nächste Wartezimmer.
Mittlerweile waren seit dem Biss fast 7 Stunden vergangen und bisher hat mich niemand über die Tollwutgefahr o.ä. aufgeklärt.
Nach weiteren 15 Minuten Wartezeit wurde ich von einem wortkargen Pfleger mit perfekt gestylter Gel-Frisur durch die Medizinische Hochschule zur Plastischen- Hand und Wiederherstellungschirurgie begleitet.
Dort fiel mein Blick auf den vollen Wartebereich in dem ich Platz nehmen sollte, ungefähr zur selben Zeit hörte ich, wie sich einige Patienten beschwerten, dass sie schon mehrere Stunden warteten.

„Das sind ja tolle Aussichten.“
Trotzdem ging ich direkt in das Behandlungszimmer und wagte gegenüber einer Krankenpflegerin den aufmüpfigen Hinweis, dass ich keine Lust hätte zu warten, weil ich hier sowieso falsch wäre.
Ich hätte nur einen Kratzer, und möchte eine Impfung.
Der Chirurg welcher im Hintergrund gerade einer Frau an den Hand nähte rief durch seinen Mundschutz, ich solle ihm den Finger mal zeigen, und sein fachmännischer Blick erkannte, dass es sich nur um einen Kratzer handelte, gefolgt von der Aufforderung mich auf einen freien Behandlungsstuhl zu setzen.

Wo ich schon mal dort war folgte eine schnelle Desinfektion des Fingers, mit Ablösen der inzwischen wieder recht gut „angewachsenen/angetrockneten“ Haut meiner stecknadelkopfgroßen „Wunde“.
Kleines Foto, ordentlich brennende Desinfektion auftragen und nebenbei wurde ich informiert, dass eine Ansteckungsgefahr sehr gering sei, weil es in Deutschland „eigentlich“ keine Tollwut bei Füchsen gibt.
Anschließend rief der Chirurg in leicht genervtem Ton bei der Notaufnahme an, und fragte was ich den in seiner Abteilung mache, ich wäre ein internistischer Patient.
„Endlich mal jemand der Ahnung hat“

Kurze Zeit später lief ich den Weg wieder zurück zur Notaufnahme und sollte dort direkt beim Internist vorstellig werden, der bereits auf mich warten würde.
Bei meiner Ankunft war ich dann wieder derjenige, der „kurz“ Platz nehmen durfte und nach einer halben Stunde direkt im Wartezimmer vor allen anderen Patienten darüber aufgeklärt wurde, dass aus Sicht der Ärzte keine Impfung notwendig sei, weil die Ansteckungsgefahr zu gering ist.
Ich würde dies auch schriftlich bekommen.
Da die Internisten der Notaufnahme aber nicht mit der Berufsgenossenschaft abrechnen können, sollte ich wieder zurück zur Chirurgie gehen und mir dort einen entsprechenden Brief geben lassen.

Also ging ich wieder quer durchs Krankenhaus zurück zur Plastischen- Hand und Wiederherstellungschirurgie um dort den verdutzten Arzt um meine Entlassung zu bitten.
Glücklicherweise fand zeitgleich ein Patientenaufstand statt, angeführt von einem Taxifahrer welcher bereits seit 6 Stunden mit einem Patienten wartete.
Im allgemeinen Chaos, dass sich ergab, weil sich der „Chef“ persönlich angekündigt hatte und deshalb sämtliche Patienten in den Behandlungsraum geholt worden sind, nahm sich der Chirurg noch kurz Zeit und kritzelte handschriftlich ein paar Zeilen auf MHH Briefpapier mit denen ich quasi als „geheilt“ entlassen werden konnte.
Nun stand ich knapp 9 Stunden nach meinem Fuchsbiss mit der Information, dass „eigentlich“ keine Gefahr bestünde in einem Krankenhaus, weit weg von jeglicher Chance auf eine Impfung , in der Hand mit dem brennenden Finger die Erlaubnis nach Hause zu fahren, mein ganz persönlicher Passierschein A38.

Zuhause angekommen lag der Fuchs noch an derselben Stelle im Carport, mittlerweile alle Viere von sich gestreckt den Blick starr auf die Tischtennisplatte gerichtet und war offensichtlich an „was auch immer“ gestorben.

Ein Anruf bei der Polizei war die nächste Tat und dort wurde mir mitgeteilt, dass man den zuständigen Jagdpächter versuchen würde zu erreichen.
Nach eine guten Stunde bekam ich dann den Rückruf.
Weil der Fuchs auf „befriedetem“ Grund, also meinem Privatgrundstück, gefunden wurde, müsste ich für die Kosten der Entsorgung aufkommen, oder ihn selber verbuddeln, eine Untersuchung sei nicht notwendig, weil in der Gegend keine Tollwutfälle bekannt sind.

Etwa elf Stunden nach dem Biss stand ich vor einem toten Fuchs, mein Finger brannte nach der freundlichen Behandlung immer noch und in mir keimte langsam das Gefühl, dass ich mich auf unsere Behörden nicht wirklich gut verlassen kann.

Meine letzte Idee, war einen Freund anzurufen, der mit Anfang 20 schon über langejährige Jagderfahrung verfügt und diese schon mehrfach auf diversen Grill-Ereignissen kulinarisch mit uns geteilt hat.
Von ihm bekam ich das erst Mal an diesem merkwürdigen Tag eine hilfreiche Information.
In Hannover gibt es das „Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit“, dieses untersucht Wildtierkadaver kostenlos und schnell, wenn Personenschäden entstanden sind.
Außerdem könne eine aktiv Impfung bis max. 72 Stunden nach dem Biss erfolgen, so dass ich noch nicht akut gefährdet wäre.

Mittlerweile hatte das Institut zwar schon Feierabend aber der Anrufbeantworter informierte mich darüber, dass die Tore am nächsten Morgen gegen 8 Uhr offen stehen.

Kurz vor 8 Uhr war ich dann mitsamt Fuchs im Karton vor Ort.

Erste Ansage: „Holen sie sich mal lieber eine Impfung“
Ich erzählte dann kurz von meiner Odyssee am Vortag, woraufhin man schnell mit der Virologin im Institut Rücksprache hielt.
Man sagte mir zu, dass der Fuchs schnellstmöglich untersucht würde und ich innerhalb der nächsten 4 Stunden wüsste ob das Tier Tollwut hat. So dass ich dann innerhalb von 36 Stunden nach Biss noch eine Impfung erhalten könnte.

Mittlerweile kam der Anruf, dass bei dem Fuchs keine Tollwut Antikörper festgestellt wurden, was „eigentlich“ ein gutes Zeichen ist, eine 100%ige Aussage ergibt eine bereits angelegte Kultur erst in 5 Tagen, bis dahin ist eine Impfung nicht mehr möglich. Ich gehe jetzt aber davon aus, dass der Kelch an mir vorüber gegangen ist.

Der Veterinär zeigte sich allerdings am Telefon verdutzt darüber, als ich seine Frage nach einer Impfung mit einer Kurzfassung der o.g. Geschichte beantwortete. Insgesamt hat mich das Ergebnis aber doch ein wenig beruhigt.

Was mich aber weiterhin beunruhigt ist der allgemeine Umgang mit diesem Thema, niemand fühlte sich für mich verantwortlich, meine Einwände bezüglich der chirurgischen Untersuchungen wurden weitestgehend ignoriert und so wertvolle Zeit und personelle Ressourcen verschwendet.
Die Veterinärmediziner rieten alle zu einer sofortigen Impfung, bei den Humanmedizinern wurde ich von einem zum nächsten geschickt, kompetente Aussagen waren nicht zu finden.
Die Polizei und der örtliche Jagdpächter zeigten sich ebenfalls schlecht informiert und wenig engagiert.

Die Tollwut ist allem Anschein nach an mir vorrübergegangen, die Wut auf die unfähigen „Helfer“ bleibt.
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9 Kommentare
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Rupio Brandenburg aus Pullach im Isartal | 25.10.2013 | 14:09  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 25.10.2013 | 15:48  
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Elena Sabasch aus Hohenahr | 26.10.2013 | 11:04  
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Uwe Roßberg aus Garbsen | 26.10.2013 | 14:22  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 26.10.2013 | 15:50  
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Andreas aus Niedersachsen aus Laatzen | 26.10.2013 | 23:55  
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k-h wulf aus Garbsen | 18.03.2014 | 09:34  
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