BULGARIEN - einst Bruderland, dann EU- und NATO-Land - jetzt LIDL-Land - Freunde blieben Freunde

          Warna (Bulgarien): Grebin |
Immer wieder baten uns unsere Freunde, Angel D. und Steljana, in Blaskowo, einem Ort 50 km westlich von Varna gelegen, doch mal wieder zu Besuch zu kommen. Für sie selbst ist es auf Grund der wirtschaftlichen Lage schwierig, an eine solche zu denken. Über Skype seit einigen Jahren sehr eng verbunden, wiederholte Angel die Einladung immer wieder. Wir entschlossen uns, Ende August 2014, dieser herzlichen Einladung unserer langjährigen Freunde nachzukommen und buchten bei Bravofly einen Flug – zu recht günstigem Preis nebenbei bemerkt.
Der Abflug in Rostock – Laage, um 13:15 Uhr mit GERMANIA war pünktlich, nachdem wir mit dem PKW zum Flughafen gebracht worden waren. Bei schönem wolkigen Wetter – wir konnten unsere Stadt Rostock beim Steigflug auf 11 km Flughöhe noch sehr gut erkennen – ging es nach einer Linkskurve an Berlin vorbei in südöstlicher Richtung nach Varna. Vor uns lagen rd. 2.000 km mit 2 Stunden Flugzeit über die Slowakei, Ungarn, Rumänien. Dort landeten wir bei fast wolkenlosem Himmel (kleine Schäfchenwolken) und wurden wie vereinbart von Steljana und Angel im Flughafen-gebäude herzlich begrüßt – es waren immerhin sechs Jahre vergangen, seit wir uns 2008 zuletzt gesehen hatten. Damals waren wir mit Mitgliedern unseres Reiseklubs 55PLUS der Jahresringe Rostock e. V. auch auf einer Busfahrt durch die Lande hier in Blaskowo gewesen.
In Provadia fuhren wir auf eine Verkaufsstelle zu, denn Steljana wollte etwas kaufen. Und was bekamen wir zuerst zu Gesicht? Einen LIDL-LADEN! Einen SUPERMARKT - uns wohlbekannt.
Da hat inzwischen doch seit dem letzen Aufenthalt in Bulgarien auch die GLOBALISIERUNG ihre Spuren des wirtschaftlichen Eindringens der großen Konzerne hinterlassen und unsere Freunde mit den Supermärkten des Westens erreicht. Für uns war aus dem EU-Nato-Land inzwischen auch ein LIDL-Land geworden, mit einer Überfülle von Waren, bei einer sehr geringen Rente von 110 Lewa (50.- €URO) nach Jahrzehnten des Lehrerberufes und ihrer vorbildlichen Direktorentätigkeit.

Ein Rückblick
An dieser Stelle will ich an unsere 1. Fahrt 1980 von Rostock nach Varna mit dem Trabant vom 09. August bis 06.September erinnern. Diese führte uns von Rostock - Berlin Ostbahnhof über Desna - Brno - Komarom Karcag (Grenze z. Rumänien 1521 km von Rostock) - Clyj - Mindra- (Transfagaras) - Predeal – Hlebarowo - Razgrad mit 2.504 km nach Varna. Hier sind wir 619 km gefahren. Abfahrt von Varna am 28.08. 1980: Gabrowo – Acenowgrad - Dospat – Simitli –Ryla – Vidin - Timisoara am 02.09. 1980 (Zündkerze ausgefallen, 8 km vor Arad, kein Ersatz, da in Ungarn verschenkt, in Arad vor dem großen Kaufhaus gehalten und 10 Minuten vor 19:00 Uhr Ersatz gekauft!!) - Szseged am 2.09. gegen 22:20 Uhr - 99 km vor Budapest: 49.000 km-Stand – Györ – Breclaw - Novaves am 4.09. 1980 - Thiendorf/Berliner Ring: - Ankunft in Rostock am 6.09.1980 mit 6.246 km - Gesamtkilometer

Trabant AY 95 - 33 8. 378 DDR-Mark
gekauft am 17.06.1975,
8,5 l/100 km

Diese Aufzeichnungen wurden auch von Angel und Steljana aufmerksam zu Kenntnis genommen – immerhin waren schon 34 Jahre vergangen und die gesellschaftlichen Verhältnisse hatten sich grundlegend geändert. Wir aber waren über die Jahrzehnte Freunde geblieben.
Auch älter wurden wir gemeinsam inzwischen alle in ihren Ländern Rentner geworden.
Die Tage in Blaskowo waren sehr erholsam. Morgens schliefen wir bis 9 Uhr (Ortszeit 8 Uhr). Wir hatten wie immer das Schlafzimmer, mit stets geöffnetem Fenster für uns und nutzten nur ein linnenes Betttuch für die Nacht, denn bis morgens gegen 4 Uhr blieb es warm. So hatten wir die Abend - und Nachtzeit von früheren Aufenthalten in Varna und am Meer in Erinnerung.
Morgens setzten uns an den reichlich gedeckten runden Tisch im Wohnzimmer zum Frühstück. Steljana hatte schon alles vorbereitet, sie und Angel waren schon gegen 6 Uhr aufgestanden, um das Vieh zu versorgen, den Hof zu säubern, Blumen und das andere Grün zu bewässern. Angel und Steljana hatten schon früh das Vieh (2 Schweine, die Hühner, 2 Hunde versorgt und Steljana dazu noch den Ofen auf dem Hof angefeuert, inzwischen schon wieder Pepperoni aufgefädelt, Angel Kürbiskerne und Sonnenblumenkerne zum Trocknen in die Sonne gestellt.
Auch die ersten Haselnüsse hatten sie geerntet und für uns geröstet. Eine neue Erfahrung für uns. Eine praktische Einrichtung das Kochen etc. erfolgt in der warmen Jahreszeit draußen und in der übrigen Zeit in der Küche. Hier wirkte Steljana von früh bis spät. Ihre weiße Katze lag unter dem warmen Herd oder zusammen-gerollt, auf dem Stühlchen.
Nach dem Mittagessen gegen 12:30 Uhr gingen wir, wie zu Hause, zum Mittagsschlaf nach oben und Angel und Steljana nutzten nach dem Abwasch die breite harte Liege im Wohnzimmer zum erholsamen Schlaf bis gegen 16 Uhr. Sie hatten sich ihn wohlverdient und wir freuten uns darüber, dass auch diese „Sitte“ hier gepflegt wird. Anneliese, die an einen kürzeren Rhythmus von zu Hause aus gewöhnt war, saß dann immer schon eine Stunde vor mir am Tisch auf dem Hof im warmen Schatten des alten Nadelbaumes und der Weintrauben beim Lesen des STERNS oder Rätselraten. Unser Kaffeetrinken vermißten wir hier nicht, denn den bereiteten wir uns selbst zu und aßen unseren mitgebrachten Zwieback, ich mit bulgarischem Honig. Kaffeezeit ist hier nicht typisch. Hin und wieder holte Angel eine Zi´re´ne (Wassermelone) aus dem kühlen Keller und gemeinsam verputzen wir sie mit großem Genuß – ich mit Zitronensaft.
Unser Abendbrot widerspiegelte die bulgarische Küche – Steljana freute sich über unser Lob – natürlich gehörte dazu gebratener Fisch, Lammfleisch, Tomaten, Paprika, selbstgemachte Wurst, Schafskäse, Kisselo Mlko und wie konnte es anders sein, immer Rot - und Weißwein, Cola und Bier aus der bekannten bulgarischen Bierfabrik. Das selbstgebackene runde Brot will ich nicht vergessen, es schmeckte hervorragend, auch dank seiner harten Kruste.
Der Wein – rot und weiß- gehörte immer dazu, den Angel und Steljana haben davon genug im Keller auf Vorrat, in vielen Jahren angelegt. Auch wenn dieses Jahr kein gutes Weinjahr ist, sie hatte vorgesorgt in den anderen Jahren. Mir schmeckte der griechische OUSU, hier MASTIKA genannt, sehr gut. Mit gefülltem Magen, was ja nicht sehr zuträglich sein soll, gingen wir gegen 21 Uhr nach oben und fielen todmüde ins Bett.
Welche Veränderungen fielen mir in Blaskowo auf, die sich im Laufe der 6 Jahre ergeben haben. Aus der ehemaligen Mittelschule mit vielen Schülern und darunter eine sehr Anzahl von Romakindern (Roma, Romi, Zigani) wurde inzwischen eine heruntergestufte Sekundarschule mit bedeutend weniger Kindern, Das erzählte uns Steljana mit bekümmerten Worten. Ich entdeckte eine neue gestrichene Außenansicht der Schule, zu mehr habe ich es nicht gebracht. Die ehemalige Poliklinik, eine Errungenschaft zu Bruderland- Zeiten steht mit zerstörten Fenstern und grauen Wänden ungenutzt. Ähnlich ist es dem Postamt, mit dem Büro der ehemaligen Kolchose ergangen. Das Gebäude sieht schäbig und verkommen aus, beherbergt aber noch die Post und das Telegrafenamt. Die nahegelegenen Häuser haben ihre alten typischen Außenfronten noch, nur wenige neue und schön gestrichene Außenansichten liegen dazwischen. Interessanter Weise heben sich am Eingang des Dorfes rechter Hand, wenn man von Provadija kommt, die hellen, weißen, villenähnlichen Häuser der Roma von traditionellen Häusern der Bulgaren ab. Ein großes Quartier nehmen ihre Häuser ein und ich setze das zu der 8o%igen Anzahl der Schüler früherer Zeiten ins Verhältnis.
Im 5 - Minutentakt fahren Autos und auch kleine Bauernwägelchen von kleinen Pferden und Eseln gezogen über die Ortsstraße. Hin und wieder passieren Frauen mit Beuteln vom Einkauf kommend auf dem Bürgersteig jenseits des Grünstreifens, der mit großen Bäumen bestanden ist, an mir vorbei. Rechts, der Nachbar, stark gehbehindert, sitzt viele Stunden so auf einer Holzbank vor seinem Haus. Das Nebenhaus von den Angelovs steht seit Jahren leer und ist zu großen Teilen eingestürzt, seit der Besitzer gestorben ist und die 2 Söhne in Varna leben. Ein Haus in der Nachbarschaft war saniert und frisch gestrichen, machte einen freundlichen Eindruck.

Am Sonnabendnachmittag wurde ich durch laute Volksmusik geweckt - das Fenster stand wie immer offen – die von einer Hochzeitsfeier in der der Poliklinik gegenüberliegenden Gaststätte zu uns herüber drang. Neugierig begab ich mich auf den Weg und traf wie üblich viele Neugierige, jung und alt, dort in der Nähe an. Die Jugendlichen waren völlig von meinem GUTEN TAG! überrascht, doch ein junger Mann sprang auf, fragte, ob ich englisch verstehe, sagte dann seinen Namen, ich nannte meinen Namen und daraufhin begrüßte er mich mit Handschlag. Ich wurde freudig in die Mitte genommen. Wir prosteten einander zu und ich traf beim Weggehen auf einen älteren grauhaarigen Mann, der mich freundlich in die Nähe der Hochzeitsveranstaltung begleitete und mit krächzender Stimme etwas erklären wollte.
Natürlich habe ich am Zaun die Stimmung der vielen ( ca. 100 ) Gäste verfolgt und dabei einen besonderen Blick auf die Braut und den im weißen Hemd neben ihr stehenden Bräutigam geworfen. Wohl an die 20 Minuten stand die Roma-Braut im Mittelpunkt, erhielt Geschenke und auch Geldscheine übergeben. Unterdessen hatte ein „Hochzeitsbitter“ vieles zu sagen und die Musik setzte immer wieder ein. Ein sehr lautes und lustiges Völkchen ließ sich die Getränke schmecken.
Dann führte mich der Grauhaarige zu einem jungen Paar, seinem Sohn und Schwiegertochter mit kleinem Jungen auf dem Arm. Ein Foto wurde gemacht und seine E-Mail-Adresse aufgeschrieben – so einfach ist es heute – damit er nach Rückkehr dieses Bild erhalten kann. Diese Swatba-Hochzeit kündet vom zukünftigen Bulgarien.
Beim letzten Aufenthalt -2008- wurden wir mit teilweise unbestellten Feldern konfrontiert, Rinder wurden damals in Größenmengen nach Algerien verscherbelt, die Kolchosen aufgelöst, Maschinen verrotteten am Dorfende in Blaskowo. Diesen Eindruck hatte ich jetzt nicht mehr, denn die Felder waren entweder schon gepflügt, neu bestellt oder schon aus der Luft braun gefärbt. Riesige Sonnenblumenfelder, braungefärbte Blütenstände, sahen wir auf der Fahrt von Varna über Provadija links und rechts der Strassen, stehen. Der Verarbeitungsbetrieb in Provadija, zwar in ausländischem Besitz, war schon in der Arbeitssaison. Ebenfalls konnten wir das an der Zementfabrik in der Nähe Varnas erkennen, denn die Gondeln, vom Abbau fuhren zum Werk, hoch über. Auch dieses Werk war inzwischen nicht mehr bulgarisches Staatseigentum. Doch die Menschen hatten Arbeit zum Leben.

Die Poliklinik hat, wie wir es aus Rostock kennen, inzwischen ihre Tätigkeit eingestellt, einige Arztpraxen soll es dafür im Ort geben. Auch das Postamt, in der die Kolchosleitung ihren Sitz hatte macht einen nicht gerade ansehnlichen Eindruck.
Steljana und Angel halten, wie es auf dem Dorf üblich ist, 2 Schweine, die im Spätherbst geschlachtet werden und sich nun an Kürbisfutter dick fressen können, die Angel von Kernen befreit und zum Trocknen ablegt. Sie haben mehrere Hühner und 3 japanische Kleinhühner, darunter natürlich den ewig krähenden Hahn. Ein schwarz- weißer junger Wachhund ZORA muß einen großen Teil des Tages noch in einem Verschlag zubringen und freut sich unbändig, wenn er in den Garten laufen darf. Angels treuester Begleiter ist ein Kurzhaar mit Namen LISA, der ihn bei gelegentlichen Jagdgängen begleitet. Er ist ein ausnehmend freundlicher, zutraulicher und nach Streicheleinheiten bittender brauner Hund, der gelegentlich in seiner Hütte an der Kette liegt und niemanden etwas zu Leide tut.
Seinem treuen Vorgänger LISA hat Angel ein Grab mit Grabstein im Innenhof, inmitten der Blumenpracht geschaffen. Die Schafe hat Angel abgeschafft, weil sie zu arbeitsaufwendig waren. Die kleine weiße Katze ist ihnen als kleines Kätzchen zugelaufen und hat sich gut entwickelt. Allerdings weiß sie sich recht kräftig zu wehren, womit ich beim Anblick überhaupt nicht gerechnet hatte, denn als ich sie nicht am Kopf kraulte, biß sie plötzlich mit scharfen Zähnen in meine Hand und wiederholte es später noch einmal ganz unvermutet mit ihren scharfen Krallen. So behandelte ich sie zukünftig recht vorsichtig aus Achtung vor ihrer Katzen-persönlichkeit.
Im Garten grünen, blühen, wachsen und gedeihen Blumen, Kürbisse, Tomaten bester Güte, blauschwarze Auberginen, Weintrauben, rote Pepperoni, Petersilie (Magdanos), Äpfel, Birnen, Pflaumen – womit ich wohl alles aufgezählt habe. Genug, um gut versorgt über den Winter zu kommen und Geld zu sparen. Ein echtes dörfliches Leben, über das sich manche Stadtleute erheben und gerade das Erstere beeindruckt mich immer wieder, wenn ich heute auch nicht mehr auf dem Lande leben möchte. Dazu haben die Verhältnisse auf dem Dorf noch dem 2. Weltkrieg vor mehr als 70 Jahren beigetragen.

Mehrmals hatten wir versucht eine Information oder ein Zusammentreffen mit unseren Freunden Atanassows, aus Varna, zu ermöglichen. Wir konnten über Radoslaw erfahren, Frau A. soll vor 3 Monaten verstorben und ihr Mann in einem Altersheim leben. Der Sohn A. war dabei, die Eigentumswohnung zu sanieren, wurde aber leider nicht angetroffen.

Angel ist ein großer Freund Deutschlands (auch der DDR), wegen der effektiven Wirtschaft, seiner Kanzlerin und der Hoffnung, es möge in Bulgarien auch so werden wie bei uns. Er erinnert sich gerne an seinen Besuch im VEG Velgast, wo er mit Berufskollegen Gast gewesen war. Ihn beschäftigen noch heute die schönen Erlebnisse in der DDR von Berlin bis Dresden und mit uns in Rostock.
Manche Dispute haben wir ausgetragen, gemahnt von unseren Frauen, endlich mit der Politik aufzuhören. Doch, ich finde, diese Gespräche haben dazu beigetragen, mehr Verständnis für die unterschiedlichen Probleme in unseren Ländern zu gewinnen. Angel hat sich mit der Historie Deutschlands, Österreich-Ungarns und des Balkans intensiv beschäftigt und brachte auch mich zu manchen neuen Erkenntnissen, wie Dinge im Land der Freunde gesehen werden. Doch über eines wollte ich Angel nicht im Ungewissen lassen - der €URO wird Bulgarien nicht gerade zu neuem Wohlstand führen, sondern die Kluft zwischen Arm und Reich sehr drastisch vergrößern. Es wird wie überall die Ärmsten der Armen und nicht nur die treffen.
Der Zeitgeist im Deutschland der Bundesrepublik, versucht mit allen Mitteln, die positive Rolle eines vereinten Europas in die Köpfe der Mio. Bewohner zu bringen. Doch alles geschieht vorrangig für die Interessen der Wirtschaft und des Kapitals.


Mit vielen Eindrücken, so manchen Erlebnissen und mit einem großen Paket voll eingeordneten Tomaten, sorgsam verschnürt, begaben wir uns auf den Rückflug.
In den Koffern waren Rot- und Weißweinflaschen und ein große und kleine Flasche MASTIKA noch kurz vor dem Einchecken am Schalter verpackt. Ein letztes Bild wurde geschossen und mit dem Versprechen, uns baldmöglichst in Rostock zu besuchen, verabschiedeten wir uns von unseren lieben Freunden – Steljana und Angel.
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