37 Das Geheimnis Ronnenbergs

Jümmer vorwärts, Heimatbund Niedersachsen e. V.
Runibergun alias Ronnenberg oder Ronnenberg ohne Runibergun?
Eine Antwort auf das thüringer Votum zu meiner Stellungnahme vom 28.5.2010!

Thomas Stolle, Archäologe auf der Burg Weißensee, erinnert zu Recht an die Ausarbeitung von Hilmar Schwarz, Historiker bei der Wartburgstiftung zum Streitthema Weißensee/Runneburg. (S. seine Kommentare zu meiner Stellungnahme) Unstrittig, da auch von Schwarz bestätigt, bleiben aber die Ersterwähnungen der Burg 1174 und der Siedlung 1198 unter dem Namen Wyßense/Weißensee, Zitat H. Schwarz: „Strickhausen und Werner stellen richtig fest, daß in der schriftlichen Überlieferung des Mittelalters zunächst nur die Namensform Weißensee Verwendung fand.“ Gegen Runneburg spricht weiter der Umstand, daß archäologische Belege des sechsten Jahrhunderts trotz Grabungen fehlen.
Auf das nach wie vor ungelöste Rätsel Runibergun angesprochen, setzt Th. Stolle, wie er freimütig bekennt, auf neue Erkenntnisse der Quellenkritik und interdisziplinäre Lösungsansätze.

Quellenkritik, wie z. B. bei Howell/Prevenier (Werkstatt des Historikers) vorgestellt und mit Augenmaß ausgeübt, erscheint aus heutiger Sicht unverzichtbar. Wenn jedoch M. Springer (Die Sachsen) einigen Historikern vorwirft, sie verwechseln Quellen mit Steinbrüchen, denen man Einzelteile entnimmt, um daraus einen neuen Beleg zu formen, sind dort die Grenzen der Objektivität ebenso überschritten wie etwa bei einer Quellenselektion nach dem Rasenmäherprinzip. Davon kann Ronnenberg ein Lied singen. Die Namendeutung nach Ohainki/Udolph „Berg mit Einschnitt“ oder das Ronnenberg Gutachten der Mediävistin A. von Boetticher sind Schläge unterhalb der Gürtellinie. Hier wird eine reine These (der Tagesritt) zum Beleg erhoben und damit die ultimative Absage an Ronnenberg alias Runibergun begründet.
Beiträge zur Lokalisierung werden dagegen unterdrückt wie

> Gregor von Tours zeitnah „nach der Niederlage im ersten Waffengang wandten die Thüringer den Rücken und kamen bis zur Unstrut“,
> Widukind von Corvey, 400-jährige Rückblende aber Platzhirsch und Kirchenmann, dem im zehnten Jh. der benachbarte zentrale Kirchenort Ronnenberg sicher bekannt war, „vor den Grenzen der Thüringer bei dem Ort Runibergun“ fand die erste Schlacht statt,
> Ekkehardi chronikon universale um 1000, „vor den Grenzen der Thüringer bei dem Ort Runiberg“ wurde zuerst gekämpft,
> Quedlinburger Annalen um 1000 „im Merstemgau fand der erste Kampf statt“;

alles Belege also, die sich ergänzen (Gregor als Kronzeuge für den gescholtenen Widukind) oder übereinstimmen. Howell/Prevenier unterstreichen, daß Übereinstimmungen die Verlässlichkeit der betroffenen Quellen beträchtlich erhöhen, im Gegensatz zur Pattsituation bei widersprüchlichen Belegen.
Wenn also wie in Ronnenberg unbequeme Fakten unterdrückt werden, reduziert sich die Neige auf reine Spekulationen.
Interdisziplinäre historische Forschung? Meines Erachtens eine existenzielle Notwendigkeit, wenn die Quellen ausgehen. Aber nicht alle Historiker sind dazu bereit. In Ronnenberg jedenfalls war ich jahrelang den Schikanen einer Historikerin ausgesetzt, die archäologische Fachbücher wegen fehlender dendrologischer Legitimität verworfen hat, ebenso Gutachten zu Kunst-/Baudenkmälern. Die Hypothese einer Frühgeschichte Ronnenbergs wurde gar ins Reich einer naiven Fantasie verwiesen.
Fazit
Also außer Thesen allenthalben nichts gewesen? Doch, Ronnenberg ist wieder ein heißer Tipp!
Und ein Ausblick sei erlaubt: Mit meiner nächsten Publikation werde ich der Frühgeschichte Ronnenbergs, fußend auf den Forschungen eines Evolutionsbiologen bzw. Naturhistorikers, meine besondere Aufmerksamkeit widmen. Lassen Sie sich überraschen.


Karl Fr. Seemann
4.6.2010

NS
Vorabdruck eines Textbausteines der in Arbeit befindlichen Buchkritik.
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