Ich kann nicht mehr auf harten Stühlen sitzen. Autobiografische Rekonstruktion

Der Autor im Herbst 1944
  Ich kann nicht mehr auf harten Stühlen sitzen, muss ein dickes Kissen drunter legen, denn in meinem Sitzfleisch ist ein Eisensplitter, kaum größer als der Nagel eines kleinen Fingers − seit 70 Jahren. Er ist lange Zeit unbemerkt gewandert. Jetzt ist er knapp unter der Haut und lässt sich befühlen.
Was damals am 12. Oktober 1944, zwölf Tage vor meinem 18. Geburtstag, in den Niederlanden passiert ist, darüber habe ich in einem Feldpostbrief berichtet; er wurde im Nachlass meiner Mutter gefunden:

Eine Kompanie junger Offiziersanwärter hatte gegenüber den heranrückenden britischen und amerikanischen Truppen Stellung bezogen. Wir hatten uns eingegraben und wurden nachts auf Vorposten geschickt, um Spähtrupps zu beobachten und, wenn möglich, einzufangen. Ich stand mit meinem Vorgesetzten, einem Oberjäger, in einem Erdloch und horchte in die Nacht hinein, denn es war stockdunkel. Zu sehen war fast nichts. Gegen Mitternacht hörten wir Geräusche und sahen etwa zehn Meter vor uns einen Schatten. Wir hielten ihn für einen Gegner, wollten ihn gefangen nehmen, besprachen leise einen Plan und warteten eine kleine Weile, um nicht vorzeitig bemerkt zu werden.
Der Oberjäger kroch aus dem Loch heraus. Dann ging alles sehr schnell zu gleicher Zeit: Ich zog eine Handgranate ab, unser Gegner zog zwei Handgranaten ab, sie detonierten, und der Oberjäger schoss mit seiner Maschinenpistole.
Das Ergebnis: Ein schwarzer Schwerverwundeter und ein Leichtverwundeter mit einem Splitter in der rechten Wade, einem in einer Hand, einem, der durch den kleinen rechten Finger geschlagen war, und zwei Splitter im Hintern.

Man verband uns und brachte uns in ein Kloster, das, verlassen und oben zerschossen, in der Nähe lag. Dort sollten wir im Keller warten, um in ein Feldlazarett gebracht zu werden.
Der Schwarze war arg zugerichtet. Ein Knie total zerfetzt. Das Bein hätte sofort amputiert werden müssen. Ich gab ihm zu trinken, Wasser und Schnaps aus einer herumliegenden Flasche. Es half ihm nicht. Er wimmerte. Ich sprach ihn an, nannte ihn Tom. Aber er konnte nicht mehr antworten. Er starb in derselben Nacht.
Ich sah mich im Keller um: Ein riesiges Gewölbe. Vor den Gitterfenstern liefen Schweine, Hunde, Katzen hin und her und suchten Futter. Ab und an brach ein Mauerstück herunter, klirrte ein Stück Fensterglas, sauste ein Volltreffer, eine schwere Granate, oben durch das Dach, und dazwischen schlug immer wieder mal ein Blindgänger polternd durch die oberen Geschosse des Gebäudes.
Dennoch fühlte ich mich unter den meterdicken Mauern sicher und richtete mich, so gut es ging, ein. Der Keller war vor kurzem noch genutzt worden. Aus den oberen Etagen waren Möbel heruntergetragen worden, Bettgestelle, Matratzen, Decken, Tische, Stühle, Kochtöpfe, Bratpfannen, Essgeschirr, eine ganze Kücheneinrichtung. Es gab Kartoffeln, Schweinefleisch, Schmalz, Büchsengemüse, Wasser und Kohlen. Alles, was der Mensch zum Überleben braucht.
Ich ging die Treppe hinauf in die oberen Stockwerke und sah, dass es ein Nonnenkloster gewesen war. Nahm Bücher in den Keller mit und studierte abends unter einer Petroleumfunzel Katholizismus. Briet mir Pellkartoffeln und Fleisch, kochte Gemüse, holte Äpfel, die noch unter den Bäumen lagen und zum Teil von Vögeln angepickt waren, herein, und aß Kartoffelpuffer mit Obstkompott.

Der Gegner schickte immer wieder schwere Koffer herüber. Tage vorher hatte ich gehört, dass er alle hohen Gebäude und Kirchtürme beschoss, weil er Artilleriebeobachter darauf vermutete.
In der zweiten Nacht schlugen wieder Geschosse ein, diesmal besonders große. Da erst wurde mir bewusst, dass die einzige, noch begehbare Treppe, die nach oben führte, eine hölzerne war. Zwei weitere Treppen waren voller Trümmer und zugeschüttet von Geröll. Also alles Brennbare: Tische, Stühle, Vorhänge, Matratzen, Munitionskisten und die Kohlen wegräumen, zur Seite schaffen, wenigstens ein paar Meter weg! Als ich damit fertig war und nicht mehr die Kraft hatte, nachzusehen, ob die Munitionskisten leer waren, packte ich meine Sachen zusammen, und verkroch mich am anderen Ende des Kellers in einer Nische.
Die Fenster waren vergittert und ließen sich nicht öffnen, die Scheiben zerbrochen. Windböen fegten hindurch und versorgten mich mit frischer Luft. Der Regen klatschte gegen die Wände. Als die Kanonade zu Ende war, sah ich vor einem Fenster brennende Holzstücke vorbeisegeln und fiel in einen tiefen Schlaf.
Am Morgen wurde ich durch Rufe geweckt. Oben stand der Oberjäger im Qualm der Treppenreste am Rand des Erdgeschosses, beugte sich zu mir herunter und fragte: „Du lebst noch?“

Nachtrag:

70 Jahre später, am 13. Oktober 2014, war ich Doornenburg, dem Ort, in dem das Frauenkloster St Magdalena gestanden hat. Es ist am 15. März 1945 durch die RAF restlos zerstört und nicht wieder aufgebaut worden. Dies erfuhr ich von Niederländern, die das Kriegsgeschehen in ihrer Region erforscht und mit historischem Material detailgenau dokumentiert haben. Nach der Feldpostnummer auf meinem Brief vom 15. Oktober 1944 konnten sie sogar die Einheit, bei der ich damals gedient habe, und die Namen der Kommandeure ermitteln. Das Kloster ist noch Anfang Oktober 44 als Notlazarett genutzt worden. Dies lässt mich zu 99 % Gewissheit darauf schließen, dass es sich um das Gebäude handelt, in dessen Keller ich zwei schwere Kanonaden überlebt habe. Damit konnten Missverständnisse ausgeräumt und Fehler in meinem Bericht korrigiert werden.
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