Kanutour in der Mongolei

von Andrej Philipp aus Potsdam | am 09.01.2009 | 1705 mal gelesen |  10 Kommentare |  19 Bildkommentare | 22 Bilder
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Mit vielen Kanufreunden von den „Wassergemsen“ planten wir schon vor vielen Jahren eine Fahrt nach Osteuropa oder Sibirien. Nach vielen Gesprächen mit unserer Familie und unserem Freund Herrmann Harbisch und noch dem Einfluss unserer Kanadafahrt planten wir bereits 2003 eine Fahrt zum Baikalsee. Unser Traumziel sollte dann, die Idee kam von Herrmann, ein langer Zufluss (die Selenge) der Mongolei sein. Herrmann meinte, diese Tour wäre besonders geeignet, da diese Flussfahrt der Tour in Kanada ähnelte, nicht nur weil sie den gleichen Breitengraden entsprechen würde. Besonders reizvoll schien uns, die Fahrt an einem See in 1.6oo m Höhe zu beginnen und nach 1.300 Flusskilometern auf dem Baikalsee zu beenden. So planten wir bereits 2004 dieses Abendteuer und hielten uns dafür 7 Wochen Urlaub frei.

Aufgrund unserer gemeinsamen Paddelerfahrungen mit Herrmann auf dem wunderschönen Big Salmonen und Yukon bis Dawsen City waren wir bestrebt, weitere Teilnehmer für diese Fahrt zu gewinnen. Rolf und Ilse Wintgens waren von dem Projekt begeistert, und so begannen die um-fangreichen Vorbereitungen insbesondere durch Herrmann. Trotz intensiver Recherchen erhielten wir sehr wenige Informationen über unsere geplante Tour.

Die ersten Erkenntnisse waren, dass dieses Abendteuer möglich wäre und wir mit Wildwasser der Stufe 2-3 an extremen Stellen rechnen müssten. So begannen wir mit der intensiven Vorbe-reitung für die Mongolei. Wie bereits bei der Tour in Kanada nahmen wir unsere Faltboote mit ins Flugzeug. Die Verpflegung wurde so vorbereitet, dass wir im Ernstfall von der Einsatzstelle bis zum Ziel von den verstauten Lebensmitteln zehren konnten.

Leider traten vor dem Beginn der Reise zwei schwerwiegende Probleme auf. Uns wurde von mehren Seiten, einschließlich der Botschaften der Mongolei und Russland sowie dem Mongoli-schen Kanuverband (Motor- und Touristikverband) von einem Grenzübertritt von der Mongolei nach Russland auf dem Fluss Selenge abgeraten. Einerseits gibt es dort keine Grenzstation und anderseits wurde vor dem „Räubern“ hinter der Grenze gewarnt. So entschlossen wir uns schwe-ren Herzens unsere Fahrt kurz vor der russischen Grenze zu beenden.
Plötzlich erhielten wir einen Anruf von Hansel, dass Rolf bei Baumfällarbeiten sich so verletzte, dass er die Reise nicht antreten konnte und die Flüge storniert werden mussten. Zum Glück konnte Herrmann seinen Freund Robert für die Fahrt gewinnen.

So trafen wir uns drei Wochen vor Abflug in Töplitz bei uns zum Probepacken und weiteren Pla-nungen. Noch in Deutschland haben wir den Flug nach Ulan-Bator über Moskau sowie den Transport an unsere Einsatzstelle, einschließlich eines Dolmetschers, gebucht. Das Reisebüro, Zollmond Travel, in der Mongolei, über welches wir den Transport zum Hovsgol (See / Einsatz-stelle) gebucht hatten, war uns bei vielen Vorbereitungen behilflich, wie z. B. bei dem Erwerb einer Angelkarte für die gesamte Strecke. Weiterhin konnte Herrmann einige Lebensmittel in Paketen an die Adresse des Reisebüros in Ulan-Bator voraus senden.

Unser Hinflug verlief überraschenderweise ohne Komplikationen und war preiswerter als ge-dacht. Aeroflot berechnete uns im Gegensatz zu dem Rückflug nur die Hälfte des schon an der Waage geschummelten Übergepäckes. Zu unserer Überraschung wurden wir mit sehr komfortab-len und modernen Kleintransportern vom Flugplatz abgeholt. Danach wurden wir in das Büro des Reiseveranstalters gefahren und dort sehr freundlich begrüßt. Zu unserm Erstaunen sprach die Chefin ein sehr gutes „sächsisch“. Wir sind beide in Leipzig geboren und die Chefin hat in Leipzig studiert.

Für den Einkauf erhielten wir sehr viele Tipps sowie von Zollmond Travel einen Bus und einen Dolmetscher (Gerelt). Erstaunt waren wir über dass Angebot in Ulan-Bator. Ulan-Bator ist eine Großstadt mit dem Angebot wie in europäischen Städten. Gerelt war uns sehr hilfreich beim Ein-kauf bei den vielen Kleinhändlern. So konnten wir Herrmanns Einkaufsliste besser abarbeiten als gedacht. So erhielten wir auf dem Basar neben bekannten deutschen Produkten wie z.B. Pfanni-Klöße, Bratkartoffeln auch asiatische Produkte wie Trockenfleisch und Fisch. Zum Schluss konnten wir feststellen, dass wir für alle geplanten Mahlzeiten die entsprechenden haltbaren Le-bensmittel erwerben konnten. So kauften wir z. B. 10 Liter Öl, 12 kg Mehl und 12 kg Haferflo-cken. Wenn der Einkauf auch anstrengend war, so war er auch ein unvergessliches Erlebnis. So fanden wir einen deutschen Fleischer der sich anbot, uns auf Bestellung mit vakuumverpacktem Fleisch jeder Art zu versorgen. Sein Wildschinken war auf unserer Fahrt ein kulinarisches Erleb-nis.

Nach zwei Tagen Einkauf, Museumsbesuch und dem Besuch deutscher Biergärten einschließlich der Übertragung von dem Spiel der Deutschen Nationalmannschaft gegen Italien bis 4.00 Uhr wurden wir bereits um 9.00 Uhr von unserem Hotel pünktlich mit unserem gesamten Gepäck abgeholt. Mit den zwei Uars (Ferkeltaxis) russischer Bauart fuhren wir über Steppenpisten zum Einsatzort. Wir übernachteten in unseren eigenen Zelten. Für die ca. 700 km-Piste benötigten wir 2 volle Tage. Es war ein einmaliges Erlebnis, aber wir waren geschafft. Da es zum Schluss an Brücken fehlte, durchquerten wir mit den geländefähigen Allradtransportern auch Flussdurch-läufe und mussten mitten im Fluss den Zündverteiler wechseln. Schon diese Fahrt wäre ein Ur-laubbericht mit vielen Seiten wert.

Endlich kamen wir gegen 22:00 Uhr im Jurtencamp am Hovsgol an. Wir waren nicht nur von der Landschaft einschließlich des Sees sondern auch von unseren Unterkünften (Jurten) begeistert. Wir schwärmen heute noch von dem mongolischen 3-Gänge-Menü. Selbst das russische Bier war nach der Steppenfahrt ein Genuss. So waren wir erst gegen 1:00 Uhr im Bett.
Begeistert waren wir von der Gastfreundlichkeit sowie dem Komfort in dem Camp. Man unters-tütze uns beim Boote aufbauen und verpacken der Sachen für die nächsten 2 Tage. Eigentlich hatten wir dass Camp nur für 2 Tage gebucht. Leider kam es zu extrem starken Regenfällen, die uns zu einem weiteren Verbleib im Camp nötigten. Die 30 Dollar pro Nacht und Person waren zwar nicht eingeplant, aber bei Sauna mit Holzofen und hervorragender Küche ihren Preis allemal wert.


Somit konnte unser 1. Paddeltag erst nach einer Woche Flug, Einkauf, Fahrt, packen und warten auf schönes Wetter endlich beginnen.
Nach einer Nacht mit Schneefall auf den Berggipfeln um den See, klarte der Himmel endlich auf und wir konnten unsere Abendteuerfahrt beginnen. Der Hovsgol war bereits beim ersten Anb-lick ein TRAUM. Wir konnten zwar noch nicht seine volle Länge von 130 km und an einigen Stellen von 38 km Breite voll überblicken, jedoch waren wir von dem klaren, bis tintenfassblauem Wasser tief beeindruckt. Die Wassertemperatur betrug 3-5 Grad Celsius, so dass Herrmann uns dringend empfahl, mit „Neo“ zu paddeln.

Wir waren beeindruckt von dem riesigen See, den hohen noch schneebedeckten Bergen, den mit Wildblumen und Bäumen überwucherten Ufern sowie der weiten Landschaft und der Einsam-keit. Für uns war es unvorstellbar, in diesem Paradies keine Motorboote, Segler, Ruderboote oder selbst Paddler auf dem gigantischen See zu erblicken. Der See wird in diesem Gebiet übrigens als kleine Schwester vom Baikalsee bezeichnet und wir bereuten nach den ersten Paddelschlägen nicht mehr bis zum Baikalsee zu fahren. Wir können uns kaum eine noch schönere Landschaft vorstellen (Was soll auch noch schöner sein, als eine kleine Schwester).

Wir sind begeistert auf dem türkisblauen Wasser und den uns umgebenen Bergketten von 2.500 – 3.500 m zu paddeln. Die ersten Tage treffen wir keine Nomaden sowie andere „Verrückte“ in der traumvollen Landschaft an. Wir fahren mit unseren schwer beladenen Booten so um die 15 km am Tag. In dem Hovsgol Nationalpark fühlen wir uns richtig wohl. Das Besondere an diesem Nationalpark ist, dass die Natur und das Leben der Nomaden im Einklang mit den natürlichen Gegebenheiten erhalten werden soll. So sind die Ufer des Sees durch die Weidewirtschaft ein reinstes Zeltparadies.
Wir finden, ohne lange zu suchen, sofort einmalige Zeltplätze auf - von den Herden der Noma-den abgeweideten Wiesen. An Ruhetagen können wir Wanderungen in die Wildnis auf den Spu-ren der Nomaden bis in die Sattel der Bergketten unternehmen. Überwältigt sind wir von der Weite und der Ursprünglichkeit der Natur. So haben wir kein Problem auf riesigen Wiesen mit Edelweiß unser kleines Camp aufzuschlagen. Es ist kaum vorstellbar, dass man Edelweißwiesen wie eine gezüchtete Rasenfläche vorfindet. Die ersten Tage genießen wir ohne jede Menschenbe-rührung und erholen uns von den anstrengenden Arbeits- sowie Anreisetagen. Hierbei nehmen Herrmann und Robert in ihren „Einern“ Rücksicht auf unsere kleine Familie - mit keinem großen Interesse an vielen Fahrkilometern. Wir nehmen uns vor, den See in seiner vollen Länge und Herrlichkeit zu umrunden. Alle sind begeistert. Wir genießen die einmalige Natur, die Einsamkeit und das Kanuparadies in vollen Zügen. Holz gibt es im Überfluss, nicht nur hier am See sondern auf der gesamten Fahrt. Unsere Benzinkocher konnten wir unbenutzt im Flieger wieder zurück-nehmen.

Nach ca. 1 Woche sahen wir in der Ferne die ersten weißen Jurten mit Herden. Als wir in einer Bucht unsere Zelte aufgebaut hatten und am Feuer saßen, kamen wie aus dem Nichts 3 Reiter und setzten sich zu uns. Es wurde ein sehr lustiger Abend. Die Reiter luden uns in ihre Jurte ein. Da Herrmann jedoch die lange Reitstrecke nicht ohne Probleme überstanden hätte, holten sie ihre Frauen. Sie brachten neben getrocknetem und frischem Joghurt, Butter, Brot und natürlich Airag (gegorene Stutenmilch) mit. Nach einer Woche ohne Alkohol waren wir jedoch sehr vorsichtig, obwohl der Airag nur 2% Alkohol haben soll. Die Mongolen stellten sich wesentlich geschickter beim Paddeln in unseren Booten an, als wir beim Reiten auf ihren Pferden.

Mit jedem Tag Sonnenschein wurde der See immer wärmer. Das Wasser blieb jedoch glasklar und wir konnten damit kochen. Unsere Hoffnung auf umfangreichen Fischfang erfüllte sich nicht. Marc und Robert fingen mit erheblichem Zeitaufwand einige Eschen. Dafür konnten wir unsere Trockennahrung durch Eintausch von Milchprodukten bei den Nomaden ausgleichen. Wir wurden überall sehr gastfreundlich empfangen. So mussten wir lernen, eine Jurte oder ein Block-haus ohne anklopfen zu betreten. Genauso setzten sich aber die Mongolen an unser Feuer und es war selbstverständlich, sie zu bewirten. Die Nomaden leben in einer für uns unvorstellbaren Armut, aber sehr glücklich. Das Leben wird vom Rhythmus der Milchtiere bestimmt. Wir sahen Jurten in denen zwar nur 2 Bettgestelle standen, jedoch die Familie über 3 Generationen von der 80-jährigen Oma bis zum Säugling mit bis zu 8 Personen lebten. Wir wurden aber auch in dieser Jurte hervorragend bewirtet. Bei den Tagestemperaturen um die 30 Grad schmeckte uns beson-ders die Milch mit Tee und Salz, da sie nicht nur nahrhaft war, sondern auch den Durst löschte. Die Butter aus den Butterfässern schmeckte in jedem Gebiet anders, ist jedoch nicht mit unserer Wasserbutter zu vergleichen.

So näherten wir uns dem nördlichen Ende des Sees. Der Schnee auf dem 3.500 m hohen Berg-kamm, welcher gleichzeitig die Grenze nach Russland ist, wurde zwar immer weniger, aber blieb uns für wunderschöne Fotos erhalten. Wir näherten uns einem Dorf am Ende des Sees. Kurz vor dem Ort winkten uns mongolische Reiter ans Ufer. Nach ersten freundlichen Gesprächen nahmen sie uns unter Verweis auf ihre Kalaschnikows die Pässe ab und fragten nach einer Grenzgeneh-migung. Zuerst sollten wir eine Woche im nächsten Ort auf die Rückkehr ihres Grenzganges warten. Zum Glück konnten wir mit den englischen Sprachkenntnissen von Robert und einigen russischen Wörtern von Ines und Andrej die Grenzer überreden, über unser Satellitentelefon mit unserem Reisebüro in Ulan-Bator zu sprechen. Begeistert waren sie dann, ihren Kommandeur anrufen zu können. Uns fehlte angeblich eine Genehmigung, sich der Grenze mehr als 100 km zu nähern. Zum Glück erhielten wir dann unsere Pässe nach dem Bezahlen einer Strafe von 100.000 Tureck (80 Dollar für 6 Personen) zurück. Wir stellten danach fest, dass das Telefonieren von ca. einer ½ Stunde über das Sattelitentelefon nicht nur unsere Akkus gelehrt hatte, sondern teurer als die Strafe war.

Nach dem Schreck suchten wir uns wieder einen Zeltplatz mit Ausstrahlung. Nach dem Abend-essen sprachen wir über die weitere Zeitplanung. Durch die bis zu diesem Zeitpunkt gepaddelten kurze Strecken und vielen Ruhetagen, vertraten Herrmann und Robert die Meinung, die gesamten 5 Wochen auf dem See zu verbleiben, da die Zeit für den Fluss nicht ausreichen würde. Ines, Andrej, Marc und Rico waren sehr entsetzt und forderten massiv nicht nur Stauwasser, sondern auch den versprochenen und abgesprochenen Wildfluss zu fahren. Danach einigten wir uns auf weniger Ruhetage und längere Touren.

Am nächsten Morgen näherten wir uns nach 14-Tagen Wildnis dem Dorf „Hanh“. Bei diesem Dorf handelte es sich nicht nur nach dem Äußeren um ein sibirisches Dorf, sondern die Einwoh-ner leben von den russischen Touristen, die hier Wodkakuren abhalten. In dem Dorf fanden wir mehrere kleinere Einkaufsmöglichkeiten. Es gab ausreichend Wodka, Mehl und Süßigkeiten. Weiterhin konnte man die uns bekannten typischen russischen Fischbüchsen und polnischen Ge-würzgurken einkaufen. Besonders freuten wir uns über frische Äpfel und Kekse. Zu diesem Zeit-punkt waren wir so erholt, dass wir sogar das Bier in den Regalen stehen ließen.
Diese Einkaufsmöglichkeiten waren sehr spärlich, aber übertrafen unsere Erwartungen und Vor-bereitungen.

Auf Grund unserer Zeitprobleme erkundigten wir uns nach einer Fähre, welche uns wieder an das Südende des Sees bringen könnte. Eine Fähre bekamen wir nicht, da es im Dorf kein einziges fahrbares Motorboot gab, jedoch mussten wir, wie die russischen Touristen, noch einmal eine Ge-bühr für den Aufenthalt im Ort (Kurtaxe) bezahlen.

Nach unseren heutigen Erkenntnissen sollte man die Fahrt vielleicht an diesem Ort beginnen und dann das westliche Ufer nach „Hatgal“ paddeln. Besonders attraktiv wäre es, eine Grenzgeneh-migung für den Grenzübergang in „Hanh“ nach Russland zu erhalten. Dann könnte man bis nach Irkutsk (am Baikalsee) fliegen und hätte von dort eine leichtere Anreise zum See als von Ulan-Bator aus. Gleichzeitig könnte man dann den See und die 1.300 km Flussstrecke bis zum Baikal-see paddeln und von Irkutsk wieder zurückfliegen. Dies würde sicher zur Reduzierung der Kos-ten und zu einer Zeiteinsparung führen.

Nach Hanh schlug das Wetter um. Es begann die Regenzeit. Entgegen allen Informationen regne-te es nicht nur kurz und heftig sondern auch mehrere Stunden am Tag. Der Wind wurde kräftig und teilweise wurden die Wellen auf dem See sehr hoch. Unser Wunsch auf den Fluss zu kom-men, trieb uns zu Tagestouren über 30 km an. Hierbei bewährten sich die Faltbootzweier (RZ85) gegenüber den Einern. Die Landschaft war gegenüber dem Westufer sehr flach, aber uns luden Ostseestrände zum verweilen ein.

Ein Problem in der Zeitplanung war die erforderliche Überquerung des Sees an einer aus unserer Sicht günstigen Stelle mit einer Breite von 18 km. An dem Vortag waren wir noch sehr pessimis-tisch, da wir bei einer ca. 1m hohen Brandung die Boote nur einzeln und gemeinsam zu Wasser brachten. Uns machte natürlich der hohe Wellengang bei der Überquerung von kilometerbreiten Buchten viel Spaß, brachte uns aber an unsere physischen Grenzen. Wenn wir abends an Land gingen, wurde als erstes Holz für das Feuer gesucht und das Abendbrot gekocht. Wenn wir dann gegen ca. 21:00 Uhr mit dem Essen fertig waren, fielen wir meist völlig erschöpft in unsere Schlafsäcke. Unsere Strapazen wurden jedoch mit Sonnenschein und leichtem Rückenwind bei der Überquerung des Sees belohnt.

Bei der Ankunft im Jurtencamp waren wir über den Anstieg des Wasserstandes des Sees über-rascht. Wir erfuhren dort, dass in den letzten Tagen die kräftigsten Regenfälle in der Mongolei seit 40 Jahren gefallen sind. Es sollen in den Wassermassen selbst 2 Nomadenkinder ertrunken sein. Diese Einschätzungen wurden uns leider die nächsten Wochen nur zu oft bestätigt, wir sa-hen nicht nur eine grüne Wüste Gobi, sondern auch die Auswirkungen eines gewaltigen Hoch-wassers. Im Camp interessierte uns dies nicht, denn wir freuten uns über das hervorragende ein-heimische Essen und trockneten unsere gesamte Ausrüstung.

Wir nahmen nun die dort hinterlassenen restlichen Lebensmittel in unsere Boote auf und planten die nächsten Tage. Nun hatten wir noch 2 Tage bis zum Auslauf des Eg gol aus dem Hovsgol. Am letzten Abend am See trafen wir nach 3 Wochen die ersten Parkwächter. Sie wiesen uns an, unser Feuer aus dem Wald zu verlegen. Zur Entschädigung verkaufte uns ein Fischer 2 riesige frisch gefangene Süßwasserdorsche für einen Euro das Stück. Robert nahm sie fachgerecht aus und wir hatten insbesondere mit der großen Leber ein richtiges Festessen.

Am nächsten Tag näherten wir uns dem Gebietszentrum Hatgal. Dieser Ort war das größte Dorf direkt an unserer Paddelstrecke. Hier entwickelt sich langsam der Tourismus. Hatgal hat nicht nur einen Flughafen sondern auch mehrere Einkaufsmöglichkeiten sowie Gaststätten. Wir konnten viele Dinge einkaufen, Fisch, frisches Fleisch, Brot, Kartoffeln, Möhren, Kohl.

Einerseits waren wir traurig diesen traumhaften See, die schneebedeckten Gipfel und die riesigen türkisblauen Wasserflächen zu verlassen, aber andererseits war die Freude und Anspannung auf den Fluss enorm.

Kurz vor dem Ende des Sees, an einer Stelle, wo Kinder Wasser holten oder die Wäsche gewa-schen wurde, hielten wir an und gingen zu Fuß einkaufen. Wir versorgten uns mit Luxusgütern, wie Äpfel, frischem Brot, Kartoffeln, frischem Knoblauch, geräucherten Fisch und Süßigkeiten. In Freude auf den Fluss erstanden wir 2 Flaschen Rotwein. Wir freuten uns beim Einkaufen im-mer die alten „Spezialitäten“ wieder zu finden, welche wir noch vor der Wende schwer erwerben konnten. Hier sind die „sozialistischen“ Handelsbeziehungen erhalten geblieben. Der Rotwein kam aus Bulgarien, Marmelade aus Polen und erstaunt waren wir am „Ende der Welt“ unseren Bautzener Senf zu sehen.

Mit erheblichen Einschränkungen, was haltbare Lebensmittel betrifft, konnte man hier das nö-tigste für die nächsten Tage einkaufen. In Abständen von höchstens einer Woche ergaben sich wieder Einkaufsmöglichkeiten in sehr kleinen Dörfern in der Nähe des Flusses. Unterschätzt ha-ben wir gleichfalls die Möglichkeit, bei den Nomaden Lebensmittel einzutauschen. Da wir bis zu unserer Fahrt keine genaueren Informationen hatten, waren wir auf Grund Herrmanns hervorra-gender Planung mit Essen für jeden Tag ausgestattet. Da kamen Herrmanns jahrelangen Erfah-rungen von den Fahrten in Kanada zum Tragen. Dies war ein wesentlicher Unterschied zu unse-ren Erfahrungen am Yukon in Kanada mit Herrmann. Jetzt verstanden wir die Aussage unseres Dolmetschers, dass ein Mongoleiurlaub nicht zum abnehmen geeignet ist. Wie wir noch berichten werden, waren wir von dem Essen begeistert, da es eine Mischung aus russischer und asiatischer Küche ist.

Auf dem Rückweg zu den Booten sahen wir Ruinen ehemaliger Betriebe, wie ein Sägewerk, ei-nes Öllagers und großer Ställe (LPG), was uns bedrückte. Die Arbeitslosigkeit betrug in diesem Dorf 40 Prozent. Insofern muss man den Mongolen für ihren Umweltschutz danken, denn in die-sem Gebiet soll es riesige Mineralvorkommen geben. Die Russen haben hier riesige Phosphat-vorkommen entdeckt, die nicht abgebaut werden dürfen. Zum Glück dürfen im Nationalpark keine Bäume gefällt werden (außer durch die Nomaden) und Industrieansiedlungen sind nicht gestattet.

Wir verstauten unsere Errungenschaften nur flüchtig, da der Tag sich dem Ende neigte und wir einen Zeltplatz suchten. Plötzlich hinter einer Kurve an einer Felswand war der See zu Ende, aber außer einer riesigen Kiesbank war kein Ausfluss zu sehen. Erst überlegten wir, ob wir uns verfahren haben oder was hier nicht stimmen kann. Wir erkannten aber die Holzbrücke über den Eg gol und fanden den ehemaligen Flussverlauf. Die Enttäuschung war niederschmetternd und nicht fassbar. Eine Gerölllawine aus einem Fluss hatte den Eg gol zugeschoben. Ein sehr alter Mongole kam mit einem alten Motorrad und bestaunte die Stelle, schüttelte den Kopf und sagte zu uns: „That is Mongolia“. Nun erklärte sich der Anstieg des Wasserspiegels am See. Wir liefen das leere Flussbett einige Meter entlang. Das Treideln der Boote wäre möglich, aber wir wären dann vielleicht einige Tage auf einer richtigen Wasserwanderfahrt gewesen. In Rücksicht auf Herrmann und unsere schwer beladene Faltbooten, entschieden wir uns für eine andere Variante.

Wir zelteten vor Ort und gingen am Abend auf ein Bier und eine hervorragende Suppe nach Hat-gal. Die Suppe bestand im Wesentlichen aus Hammel, Weißkraut, Möhren und Gewürzgurken. Die Zutaten waren zum Glück überall erhältlich, wobei uns besonders dass hinzugeben der Ge-würzbrühe aus dem Glas erstaunte, aber auch schmeckte. Wir waren von der Suppe sehr begeis-tert, dass wir sie nicht nur auf unserer Fahrt nachgekocht haben, sondern sie auch zu Hause unse-ren Gästen servierten.

Diese Unterbrechung brachte natürlich unseren Zeitplan noch mehr in Bedrängnis. Herrmann wollte nach dem Studium der Karten nur noch ein kleines Stück fahren und es kam zu einigen Diskussionen. Wir unternahmen am nächsten Tag mit einem gemieteten russischen Geländewa-gen eine Erkundungsfahrt. Ca. 30 km flussabwärts erhielt der Eg gol einen kräftigen Zufluss, den wir mit unseren Geländewagen kaum überqueren konnten. Die Stimmung in unserer Familie ver-besserte sich schlagartig. Nach weiteren Gesprächen entschieden wir uns jedoch für eine noch andere Variante und ließen uns nach Tunel fahren. Dies bedeutete nicht nur zusätzliche Kosten, sondern den Abbau der Faltboote und eine Tagesfahrt von ca. 130 km mit dem Geländewagen über Moron zu unserer neu gewählten Einsatzstelle. Herrmann hoffte, damit auch etwas Zeit auf-zuholen, um unser Ziel zu erreichen. Da wir einen Teil der Strecke von der Hinfahrt schon kann-ten, sahen wir besonders in Moron die erheblichen Zerstörungen durch das Hochwasser.

Die Fahrt mit den russischen Geländewagen war schon ein Erlebnis für sich, worüber Herrmann bereits einen Bericht geschrieben hat. Die Mongolen im Touristenort haben das Business schnell gelernt und wir mussten wie auf einem Basar handeln. Sie waren aber sehr zuverlässig, pünktlich, freundlich und lustig.

Groß war unsere Freude, als wir in einer traumhaften beweideten Berglandschaft an unserer neu-en Einsatzstelle ankamen und wir einen Fluss mit einem normalen befahrbaren Wasserstand in der Sonne glitzern sahen. Nach dem Aufbau der Zelte ging ich auf eine gesperrte Holzbrücke und konnte mir ein Bild von den herabgestürzten Wassermassen machen. Immer wenn wir die Spuren des Hochwassers in den nächsten Tagen sahen, grübelten wir darüber, was wir gemacht hätten, wenn wir den See früher verlassen und in dieses Hochwasser-Unwetter geraten wären. Wahr-scheinlich kann man dann nur an einer sicheren Stelle eine Pause über mehrere Tage einlegen. Der Fluss war an vielen Stellen mehr als 3 Meter über seine Ufer getreten. So freuten wir uns über den nicht hohen aber ausreichenden Wasserstand für unsere Faltboote.

Der Aufbau der Faltboote klappte leider nicht problemlos. Beim spannen einer Leiter ist diese zerbrochen und musste geklebt werden. Herrmann reparierte geduldig mit seiner „Kleinwerkstatt“ die Leiter und beseitigte die Ursachen. Wie sich erst später herausstellte, wurde dagegen sein Einer nicht wieder so aufgebaut, dass er die nächsten Tage problemlos fahren konnte.
Wir ließen uns eigentlich genügend Zeit beim Einschieben des Heckteils in die Haut. Entweder verrutschte die Halterung des Steuers später wieder oder sie saß gleich nicht richtig.

Nach zwei Wochen Stauwasserpaddeln waren die ersten Paddelschläge in den voll beladenen Zweiern eine enorme Umstellung. Es zeigte sich gleich, dass unser Training an der Soca (Fluss in Slowenien) mit Rolf eine notwendige Voraussetzung für diesen traumhaften Wildfluss war.
Ohne Sicherheit beim Kehrwasser fahren, sollte man den Fluss von Tunel bis Erdenebulgan nicht befahren, und wir würden davon abraten. Im Fluss fanden wir keine Verblockungen, jedoch bereiteten uns Bäume, Sträucher, Holzverhaue erhebliche Probleme. Die ersten Tage war es be-sonders problematisch, wenn sich der Fluss in immer neue kleine unendliche Arme verzweigte. So kamen wir die ersten Tage mit nur 15 km sehr langsam vorwärts. Nach anfänglichen Problemen lernten wir schnell auf dem doch recht bewegten Fluss lieber einmal mehr auszusteigen, um den richtigen Flussarm zu finden, als in Aktionen von 2 – 3 Stunden die Boote den falschen Arm wieder hochzuziehen. Erstaunt waren wir alle wie hervorragend die Zweier mit dem leichten Hochwasser zurechtkamen. So erwies es sich als günstig, wenn Rico und Andrej vorfuhren. Die Zweier waren genauso wendig wie die Einer und etwas sicherer. Marc, Rico und Ines waren be-geistert von dem leichten Wildwasser, während sich Andrej Sorgen machte, seine Familie unbe-schadet wieder nach Hause zu bringen.

Belohnt wurden unsere Anstrengungen mit einem einzigartigen naturbelassenen Fluss, der zwei Gebirgsdurchbrüche hat, aber keine Verblockungen, Wasserfälle oder sonstigen Hindernisse, die Umtragungen erforderten. Die Wälder vom See wurden immer lichter und weniger. So fuhren wir auf glasklarem Wasser mit einem weiten Blick auf die unendlichen Graslandschaften mit den Gipfeln der Bergketten im Hintergrund.

Gleich am Ende des ersten Paddeltages auf dem Eg gol fanden wir, nach einer Kiesbank auf einer Anhöhe mit traumhaften Rundumblick, einen Zeltplatz mit Ausstrahlung. Aber nicht nur wir fanden die Stelle schön, sondern sie wird scheinbar als Winterquartier von den Nomaden genutzt. Von der Schönheit dieses Platzes und den Wandermöglichkeiten angetan, beschlossen wir einen Ruhetag einzulegen. Diesen nutzten Marc, Rico und Andrej für eine Tageswanderung auf die nächsten Gipfel. Von dort konnte man den Flussverlauf für den nächsten Tag überblicken.

Auf dem Rückweg, welcher eine Flucht vor einem gewaltigen Gewitter war, besuchten wir No-madenfamilien in ihren Jurten/Hütten und wurden sehr gastfreundschaftlich entsprechend den einfachen Verhältnissen bewirtet. Herrmann, Robert und Ines nutzten den Tag zur Körperpflege und zur Erholung von der Hektik der letzten Tage.

Wie an vielen Zeltplätzen erhielten wir Besuch von interessierten Nomaden, welche immer kleine Geschenke in Form von Butter, Fisch, Milch und getrockneten Jogurt mitbrachten. Meistens kamen kleine Kinder auf dem Pferd aus dem weiten Land angeritten.

Am Abend erlebten wir das erste sehr kräftige Gewitter mit starken Böen und Hagel. Die Hagel-körner neben unserem Zelt waren gut zum mixen geeignet, jedoch fehlten uns die anderen Zuta-ten…

Nachdem Herrmann und Robert die Karten studiert hatten, teilte uns Herrmann mit, dass eine Weiterfahrt über Erdenbulgan hinaus zeitlich für uns nicht erreichbar sei. Argumente, hinsichtlich der zunehmenden Größe des Flusses und damit einhergehendem schnelleren Fahrtempo oder der Einsparung an Packtagen wurden nicht akzeptiert. Unsere Familie beschloss daraufhin, mit Herrmann nicht weiter zu diskutieren und ihm bei Gelegenheit unsere Weiterfahrt mitzuteilen.

In den nächsten Tagen veränderten sich die Landschaft und der Fluss stündlich. Mal plätscherte der Fluss ruhig durch unendliche Wiesen und verzweigte sich nicht. Und wenn wir dachten es geht immer so ruhig weiter, kam hinter der nächsten Kurve plötzlich und unerwartet ein Baum oder eine Verzweigung des Flusses in die Sumpfgebiete. Hier wurden die Flussarme schmal und die Kurven sehr eng.

An solch einer Stelle hielten wir an, um uns den weiteren Flussverlauf anzuschauen. Da der Flus-sarm eine 90-Grad-Kurve trieb, in deren Scheitel ein Holzverhau sich auftürmte, hielten wir an. Nachdem Marc meinte, es wäre fahrbar, fuhren die Einer vor. Was wir nicht sahen war eine Wurzel unter Wasser, die Herrmann leider zum kentern brachte. Ihn und sein Boot trieb es an einen Prallhang aus Gras und Gestrüpp. Wir konnten Herrmann und seine gesamte Ausrüstung ohne Schäden und Verluste retten. Robert verlor leider unser einziges Beil. Dies war jedoch nicht sehr tragisch, da es überall recht viel kleines Treibholz gab. Nur richtete sich unsere Zeltplatzwahl zunehmend nach entsprechenden Holzvorräten.

Nach 2 Stunden saß Herrmann trocken und gesund wieder im Boot und wir suchten einen Zelt-platz, um die gesamte Ausrüstung zu trocknen und überprüfen. Nun stand endgültig das Ende der Fahrt für Hermann und Robert für den nächsten Tag fest. Über unser Sattelitentelefon nahmen wir Verbindung mit dem Reisebüro in Ulanbator auf und vereinbarten die Abholung von Hermann und Robert an der Brücke in Erdenbulgan. Da der Fluss mit jedem Kilometer breiter und einfacher wurde, konnten wir nach unserer Rechnung selbst mit Ruhetagen bequem bis zu einer weiteren Aussatzstelle paddeln.

Da das Reisebüro nicht sofort einen Fahrer mit Fahrzeug bereitstellen konnte, hatten wir natürlich genügend Zeit, um den Fluss zu genießen. So fuhren wir nur kurze Strecken und schlugen sofort unsere Zelte auf, wenn wir einen Platz mit Ausstrahlung fanden. Wir zelteten an einer vom Hoch-wasser zerstörten Seilfähre auf einer „Märchenwiese“. Es wurde ein sehr entspannter und lustiger Nachmittag/Abend mit den Nomaden. Sie kamen mit Pferden und Motorrädern. Sie hatten einen Kanister mit für uns unbekanntem Inhalt bei. Mit Hilfe von Wörterbüchern und dem Reiseführer konnten wir den Inhalt als Milchschnaps identifizieren. Zum Glück befolgten wir die Warnungen aus dem Reiseführer. Erst merkt man diesem Getränk seinen Alkoholgehalt nicht an, aber dann zeigt er plötzlich und heftig seine Wirkung, die wir bei einem Mongolen beobachten konnten. Wir durften wieder ihre Pferde reiten und dafür paddelten Marc und Rico mit den Kindern kleine Runden. Hier lernten wir den einzigen Mongolen kennen, der schwimmen konnte.

Die letzten gemeinsamen Kilometer schafften wir an einem halben Tag, obwohl diese Strecke als volle Tagestour geplant war. Leider konnte Herrmann diese Kilometer nicht so entspannt paddeln wie wir, da sein Boot massiv nach rechts zog.

Der Fluss wurde immer breiter, tiefer und zog in einem Arm an einer Felswand durch ein langes Tal aus dem Gebirge. Wir waren erstaunt über die Schnelligkeit mit der wir jetzt vorwärts kamen, was uns in unserm Vorhaben weiterzufahren bestärkte. Den Karten nach sollte in Entfernung einer Tagestour aus dem Norden der Uur gol in den Eg gol fließen und dabei mehr Wasser mitbringen und breiter sein, als der Eg gol. An der Brücke über den Eg gol vor Erdenebulgan zelteten wir auf der rechten Seite. Die Brücke wurde mehr von Tieren als von Fahrzeugen ge-nutzt. Von dort liefen wir in den Ort und bestellten Plätze in einer Gaststätte.
Es wurde ein wehmütiger Abend, da für Herrmann und Robert die Fahrt hier endete und wir alleine zurechtkommen mussten. Sie überließen uns beide die gesamten Lebensmittel sowie erfor-derlichen Ausrüstungen. Wir packten unsere Boote um und gaben ihnen mehrere Säcke mit nicht mehr benötigten Bekleidungsstücken mit.

Die Temperaturen waren im Gegensatz zum See ständig über 25 Grad. Der Eg gol schlängelt sich vom See bis Erdenebulgan 500 Höhenmeter durch das Gebirge hinunter. Nun hielt Herrmann unser Vorhaben nicht mehr für unmöglich, jedoch ermahnte er uns vorsichtig zu sein, damit wir in Ulanbator gemeinsam den Rückflug schaffen. Aus diesem Grund vereinbarten wir mit dem Reiseveranstalter unsere Abholung in Hongor und nicht wie ursprünglich in Selenge.

In Erdenebulgan gab es wieder die typischen Einkaufsmöglichkeiten. Da wir nicht jeden morgen Früh die guten Benogs aus zeitlichen Gründen backen wollten, deckten wir uns mit Brot und Keksen ein. Bis auf Kartoffeln, ist Obst und Gemüse nicht erhältlich, dafür jedoch Wodka und Bier im Überfluss. Unser Brotvorrat hielt unerwartet bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit in Hongor. Es gab einen zusätzlichen erfreulichen Effekt. Die Essensplanung und Abpackungen waren ja für 6 Personen gedacht und somit konnten wir oft morgens die Reste des Abendessens schlemmen. Weiterhin konnten wir uns von den vielen Möglichkeiten unsere Lieblingsspeisen aussuchen. Zukünftig hatte Marc beim Angeln Glück - und die Pechsträhne war vorbei.

Nach der Verabschiedung mussten wir ein großes Sumpfgebiet durchqueren, welches noch ein-mal unsere Wildwassererfahrungen erforderten und wir mit kräftigen Paddelschlägen uns um die Kurven und Bäume „drückten“. Der Fluss war hier jedoch schon wesentlich breiter, schneller und kräftiger als im Oberlauf. Übermütig filmten Ines und Marc beim fahren die berauschende Landschaft, unterschätzten in einer Kurve die Strömung und trieben unter eine ins Wasser hän-gende Birke mit Gestrüpp. Bei der Rettung verloren wir zum Glück nur eine Schwimmweste und kamen mit einem Schrecken davon. Danach lichtete sich der Sumpf und wir paddelten auf einem breiten ruhigen Fluss, dem Zusammenfluss mit dem Uur gol zu. So schafften wir an diesem Tag trotz Einkauf und Abschied ca. 40 km.

Am nächsten Tag starteten wir zeitiger als die vergangenen Tage, da wir einige Abläufe anders planen konnten, wie Abbau der Zelte und Backen von Benogs. Trotzdem konnte unsere Familie länger schlafen. Die kleinen Kurven waren vorbei und das zunehmende Stauwasser kündigte den Zusammenfluss an. Überwältigt von der Größe des Zuflusses machten wir hocherfreut Bade- Foto- und Filmpause. Der Zufluss erinnerte mich an den Yukon oder die Elbe im Unterlauf. Un-ser Eg gol wirkte da wie ein kleiner Seitenarm. Nun waren auch die letzten Ängste/Zweifel von Andrej über die Erreichbarkeit unseres Zieles verschwunden. Wir freuten uns über unsere Ent-scheidung, die Fahrt nicht abgebrochen zu haben, riesig. Zeitgleich sahen wir die ersten großen Fische springen und Marc begann zu angeln.

Der Eg gol änderte damit schlagartig seinen Charakter. Wir sahen die Kurven und die Bäume bereits mehrere hundert Meter im Voraus. Eigentlich konnte uns an unserer Fahrt nun nur noch ein Wasserfall oder eine verblockte Schlucht hindern. Nach unseren Informationen, dem Kar-tenmaterial sowie Sattelitenaufnahmen stand uns dies nicht bevor. So banden wir unsere Boote zusammen und genossen es, uns stromabwärts durch das Gebirge treiben zu lassen. Nachdem wir 50 km problemlos gepaddelt oder getrieben waren, fanden wir auf einer Böschung in einem Tal des Gebirgsdurchbruches des Eg gol einen traumhaften Zeltplatz. Da wir wesentlich schneller vorwärts kamen als erwartet, genossen wir in diesem schönen Tal einen Ruhetag.

Der Eg gol veränderte mit dem Verlassen des Gebirges weiter seinen Charakter. Aus dem relativ schmalen und geradlinigen Fluss mit herrlichen Stromschnellen wurde ein breiter, sich durch eine sehr breite Hochebene schlängelnder Fluss mit vielen breiten Armen und Verzweigungen. Wir sind froh, über die russischen Generalstabskarten, mit deren Hilfe wir uns gut orientieren und die richtigen Arme finden konnten. Wir paddelten problemlos am Tag 50 – 60 km und fanden schöne Zeltplätze, wo wir nicht zelten durften oder vertrieben wurden.

Am Tage ist es heiß und trocken und abends erleben wir gewaltige Gewitter. So sehen wir beim Essen am Flusstal eine Gewitterfront heranziehen. Was wir nicht schnell genug in die Zelte oder Boote verstauen konnten, war unwiderruflich in die weite Steppe geweht und nicht wieder gese-hen. Die Gewitterfront kommt mit einem starken Sandsturm und uns nicht bekannter Windstärke. Wir müssen alle vier die Zelte von innen und außen mit all uns zur Verfügung stehenden Kräften festhalten. Unsere kleinen „Knutschkugeln“ wären sonst platt gedrückt oder davon gerissen wor-den. Trotz kräftigem Ziehen, zerbrach der Wind eine Zeltstange und diese schlitzte ein Zelt auf einer Länge von ca. 20 cm Länge auf. Nach einer halben Stunde war der „Spuk“ vorbei und es blitzte und donnerte in der Ferne. Nach der Reparatur des Zeltes mit dem Flickmaterial, was für die Boote gedacht war, scheint die Sonne am blauen Himmel, als wäre nichts gewesen. Die No-maden reiten an uns vorbei und schauen, ob bei uns alles in Ordnung ist.

Mehrere Tage früher als geplant, erreichen wir Hongor. Unseren Reiseveranstalter in Ulan-Bator haben wir bereits über die Weiterfahrt bis in den Fluss (Gol) die Selenge an den Ort Selenge in-formiert.
In Hongor wollen wir trotzdem halten, um frische Lebensmittel einzukaufen. Milch und Butter haben wir bei den Nomaden eingetauscht. Den Ort sehen wir vom Fluss aus nur sehr klein und weit weg. Nach der Frage, ob es einen Laden dort gibt, werden wir von einem jungen Mädchen gleich hingeführt. Der Laden ist sehr klein und das Angebot enttäuscht uns. Wir können von un-serer „Wunschliste“ nichts erwerben (Kartoffeln, Brot, Möhren, Kraut, Äpfel). Unser Mittag nehmen wir gleich im Laden ein, welches aus Bier und Waffeln besteht. Nachdem sich scheinbar das gesamte Dorf im Laden die „Außerirdischen“ betrachten kommt, werden wir von allen mit einem Ochsenkarren wieder zu unseren Booten begleitet. Marc konnte dabei auf dem Ochsen reiten und wir saßen auf dem Wagen. Abends am Feuer sind wir von den Erlebnissen noch ganz aufgewühlt und finden es eigentlich schade, dass Robert und Herrmann die Reise nicht weiter gefahren sind.
Marc fängt an einer Kiesbank im Kehrwasser seinen ersten großen Hecht, den wir sofort in der Pfanne über unserem Holzfeuer braten. Er ist so groß, dass wir ihn aber kaum schaffen.

Wir nähern uns einem in der zentralen Mongoleikarte eingezeichneten besonderen Naturdenkmal. Keiner kann uns sagen warum dieser Ort als Naturdenkmal bezeichnet wird, außer dass es für Angler ein beliebter Fangplatz sein soll, da man dort noch Fische wie einen Stör fangen kann. Der Fluss macht dort seinen zweiten Gebirgsdurchbruch und fließt nach einer 90-Grad-Kurve wieder in Richtung Süden. Mit bis zu 20 km/h nähern wir uns auf sehr langen Stromschnellen rasant diesem Punkt. In diesen Stromschnellen sind die Wellen so hoch, dass sie auch mal in unsere Boote schwappten. Wir mussten uns stark konzentrieren und die Foto- und Filmapparate mussten wasserdicht verpackt werden. Es war ein Vergnügen, so rasant durch das Gebirge zu paddeln, ohne einmal in eine schwierige Situation zu kommen.

In der Kurve suchten wir einen Zeltplatz und fanden ihn dann auch am Ufer eines Zuflusses we-niger Meter stromaufwärts. Wir zelteten auf, vom Hochwasser vor kurzem überspülten Wiesen, an einem glasklaren kalten Bach. Nicht nur wir fühlten uns in dem Wasser wohl, sondern auch sehr viele Forellen. Wir beschlossen, dort zu bleiben und erkundeten die herrliche Umgebung. Die Blicke sind einmalig und wir verstehen mit einem mal den Ausweis als Naturdenkmal. Das Jurtencamp ist nicht belegt und wird nur von einem alten Nomaden bewacht, der uns sofort be-suchte und half. Von anderen Nomaden, die die ganze Nacht zum Angeln blieben, erhielten wir neben Forellen, uns nicht bekannte Waldbeeren (Mischung aus Stachel- und Johannesbeere). Wir angelten selber noch einige sehr große Forellen in kurzer Zeit. Es wurde ein Festmahl wobei ein Adler versuchte, unseren Fisch zu greifen. An diesem schönen Platz kann man es durchaus ohne Probleme mehrere Tage mit Wanderungen, angeln und baden aushalten. Da nun wider Erwarten Zeit für einen Abstecher in die Wüste Gobi möglich schien, entfiel bedauerlicherweise der Ruhe-tag.

Von diesem wunderschönen Platz waren es noch ca. 130 km bis zu dem Ort Selenge. Wir hatten noch viele herzliche Besuche bei Nomaden, denen wir teilweise unsere restlichen Lebensmittel schenkten. Da sie deren Zubereitung manchmal nicht wussten, waren es lustige Gespräche, bei denen wir mit Airag und anderen Produkten bewirtet wurden.
Rico unternahm eine 20-minütige Wanderung zu einer Jurte, um zum Frühstück Kakao mit fri-scher Milch genießen zu können. Als wir uns langsam Sorgen machten, da es dunkel wurde und Rico schon zwei Stunden weg war, kam er mit einem gleichaltrigen Nomaden auf einem Pferd angeritten.

Der Fluss wand sich immer mehr aus dem Gebirge heraus. Die Berge wurden flacher, Bäume seltener und wir schauten über eine weite Graslandschaft mit Pferde-, Ziegen- und Rinderherden. Die Ufer blieben weiterhin interessant und abwechslungsreich. Mal Felsen – und dann wieder riesige Sandhänge, auf die wir zutrieben. Wir hielten Steigerungen kaum noch für möglich und waren doch vom Zusammenfluss von Selenge und Eg gol überwältigt. Die Selenge war nach unserer Einschätzung doppelt so breit wie der Eg gol. Hier war der Fluss mehrere 100 m breit. Wenn wir in der Mitte der Selenge fuhren, dachten wir, zu stehen. Ein Blick auf das Navigerät zeigte uns, dass wir uns jedoch ohne einen Paddelschlag mit 15 km/h durch die Steppe vorwärts bewegten. Informationen und Aussagen, dass der Fluss hier langweilig wird, können wir nicht bestätigen und wären ihn sehr gerne bis zum Baikalsee gepaddelt.

Unser Navigerät zeigte uns unser Zielort in wenigen Kilometern an. Wir fanden noch eine Seil-fähre, die vom Hochwasser zerstört war. Diesen Punkt hatten wir in der Vorplanung als mögliche Ausstiegsstelle an einer Brücke eingeplant, da wir glaubten, von dort noch einen Tag bis in den Ort Selenge paddeln zu müssen. Wir freuten uns, als „dieser Tag“ in einer Stunde geschafft wur-de.

Ein Anruf über Satelitentelefon nach Ulan-Bator ergab, dass mit der frühen Ankunft noch keiner mit uns gerechnet hat und weder ein Auto, noch ein Kraftfahrer vorhanden war, um uns abzuho-len. Dies erhöhte natürlich unsere Spannung auf den Ort Selenge. Dort angekommen, waren wir von der Zivilisation enttäuscht. Beim auspacken der Boote wurden wir von einer großen Kinder-schar umringt. Als sie sich mit unserem Mückenspray in die Augen sprühten, lagen unsere Nerven blank. Der Entschluss heute noch den Ort zu verlassen, war gefasst.

Andrej besorgte ein „Taxi“ von Selenge nach Erdenet. Mit der Hilfe eines amerikanischen Eng-lischlehrers und der Geduld von 2 Stunden fanden wir 2 Männer, die bereit waren, uns für 50.000 Tureck (40 Dollar) nach Erdenet zu bringen. Die Fahrt mit einem nicht zugelassenen alten russischen Jeep ohne Batterie und Anlasser für zugelassene 5 Personen ist einen eigenen Bericht wert. Unser Gepäck sowie insgesamt 8 Personen gelangten über 70 km abenteuerliche Piste, nach einer Fahrzeit von 2 ½ Stunden, an die Stadtgrenze. Nach 4 Wochen Camping fühlten wir uns in dem besten Hotel der Stadt recht wohl. Die Zimmer aus den sozialistischen Glanzzeiten waren sehr groß und protzig und eigneten sich hervorragend zum Packen. Im Hotel hinterließen wir noch einmal einen großen Berg an Trockennahrung.

Am nächsten Morgen gelang es uns, innerhalb von 10 Minuten ein richtiges Taxi nach Ulan-Bator zu bekommen. Der Preis von 80.000 Tureck pro Person (60 Dollar), für die Gesamtstrecke über 300 km, inklusive des Transportes unserer zwei Faltboote, erschien uns als unglaublich gering. Wie wir jedoch erfuhren, sollen wir noch zuviel bezahlt haben. Bei etwas Mut und Abend-teuerlust lohnt es sich aus unserer Sicht, nicht unbedingt über ein Reisebüro Touristenpreise zu bezahlen, sondern vor Ort Tarife auszuhandeln. Nach einer 7-stündigen Fahrt mit einem japani-schen Kleinbus gelangten wir zuverlässig und sicher wieder nach Ulan-Bator. So blieb uns noch eine Woche bis zum Abflug. Der Reiseveranstalter hatte uns noch einen perfekten Trip in die Wüste Gobi organisiert, wo wir die eingesparten Rücktransportkosten von 800 Dollar pro Person bestens eingesetzt hatten.

Danach trafen wir Herrmann und Robert wieder und konnten noch in Ruhe den Rückflug vorbe-reiten, ohne auf ein gemeinsames Abschiedsessen verzichten zu müssen.

Wir sind von dem gastfreundschaftlichen Land, dem einsamen See und dem naturbelassenen Fluss schwer begeistert und planen neue Reisen in das Land.

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