Und dann waren alle weg.

"Ami go home", so hiess es immer wieder in der Stadt, die eben auch eine Garnisonsstadt war. Die Amerikaner lebten hier, meist in ihrem Housing, aber eben doch in der Stadt. Man sah sie auf den Strassen, in den Geschäften und auf dem Markt. Familien mit ihren Kindern schlenderten durch die Hauptstrasse und gingen auch gerne auf den Jahrmarkt. Soldaten tanzten in den Clubs die nicht "off limits", also für GIs gesperrt waren.
Einheimische Mädchen und Frauen tanzten im Gegenzug in den Clubs der "Amisiedlung" und "gingen" mit einem feschen Soldaten, heirateten auch oft und folgten ihrem Mann in seine Heimat. Für die Jugendlichen in den siebziger Jahren war das völlig normal. Die Grosseltern sahen das eher mit verkniffenen Mundwinkeln, viele davon jedenfalls. Das Kollaborieren mit dem Feind war ihnen bis in´s Mark zuwider. Sie hatten ihr Denken nicht angepasst, hatten sich geweigert zu lernen oder Tatsachen anzuerkennen.
Das störte die jungen Leute nicht, die nach den Entbehrungen und den Schrecken des Krieges endlich so etwas wie eine Jugend hatten. Man spielte Rock´n Roll. Weite Röcke und Pferdeschwänze, Schmalztollen und weite Jackets. Viele der flotten Tänzer und Tänzerinnen waren mir ihren kleinen Köfferchen oder Beuteln von Luftschutzkeller zu Luftschutzkeller gelaufen, meist hungrig und voller Angst. Verzicht und grauer, bedrohlicher Alltag waren ihr Leben gewesen - und die GIs brachten viele Dinge mit, von denen die Teenager nur geträumt hatten.
Leichtigkeit und tolle Musik, einfach leben und sich amüsieren - das war vielleicht der Himmel nach der Hölle aus der sie kamen.
Und die Stadt wuchs. Kaum eine Strasse in der sich nicht ein Geschäft befand. Überall öffneten Nahrungsmittelläden, Kinos und Lokale in denen man tanzen konnte. Auf einmal hatte die Stadt ein Nachtleben das nicht aus Verdunkelung bestand.
Viele Städter arbeiten für die Besatzer und verdienten nicht schlecht dabei. Man hatte sich arrangiert - und das war gut so.
In den Schulklassen der Volksschule, wie sie damals noch hieß, fanden sich hier und da Kinder mit dunklem Teint und meist wurden sie akzeptiert, was bei ihren Müttern anders war. Die Kinder die eine helle Haut hatten, fielen nicht auf.
Die Stadt machte nach dem Einfall von Bill Haley, Elvis Presley und den "Crying strings", (einer regionalen Band nach amerikanischem Vorbild) fast nahtlos weiter mit den Beatles und Bob Dylan. Die Schlaghosen bevölkerten nun die Strassen in denen vorher die Petticoats flaniert waren. Drogen wurden zu einem Problem - was den Amerikanern angelastet wurde. Tatsächlich vereinfachten sie den Einkauf zuweilen beträchtlich, wobei man nicht vergessen darf dass die Problematik in Städten ohne Besatzungsmacht auch nicht kleiner war.
Und noch immer wuchs die Stadt. An die siebzigtausend Einwohner sollen es gewesen sein, was den Höchststand betrifft. Pirmasens wurde sogar zur internationalen Messestadt.
Man hätte sich denken können, daß dieser Stand eine kurzzeitige Sache war. Pirmasens ist in gewisser Hinsicht eine besondere Stadt. Sie ist nicht natürlich gewachsen, sondern wurde gebaut. Die kleine Ansammlung von Bauern, die diesen Flecken Erde bewohnte, wurde durch den Spleen des Landgrafen Ludwig IX. von Hessen Darmstand erst zu einer Stadt. Einer Garnisonsstadt. Und schon zu dieser Zeit blühte das Stadtwesen. Die grösste Exerzierhalle Europas -glaube ich jedenfalls - lange Kerls und die zu einer Militärstadt gehörenden Handwerksbetriebe machten aus einem armseligen Flecken etwas das einen Stellenwert hatte.
Als Ludwig starb und mit ihm sein Traum - versank Pirmasens wieder in die Bedeutungslosigkeit und vor allem in die Armut. Die Legende um den Schuhmacher Joß ist allgemein bekannt. Die Schuhherstellung brachte wieder neues Leben. Und das wuchs und gedeihte - überlebte irgendwie den zweiten Weltkrieg und wuchs weiter und weiter.
Dann gingen die Amerikaner. Sie hinterliessen ein riesiges Areal das lange Zeit niemand nutzen wollte und sie hinterliessen viele Arbeitslose. Nicht nur die GIs waren fort, langsam aber sicher verschwanden auch die Schuhfabriken und auch deren Zulieferbetriebe.
Ohnen nennenswerte Industrie - ausser dem Kömmerling Komplex der letztendlich als Arbeitgeber fast eine Monopolstellung erreichte - schrumpfte die Stadt wieder, nicht zuletzt auch weil die Messen aufgegeben wurden.

Pirmasens hatte, da die Stadt nicht natürlich gewachsen war, keine Beziehung zum Umland, wie man sie sonst kennt und diese auch nie angestrebt. Fast wie ein kleiner Stadtstaat lag die Horebstadt auf ihren Hügeln.

Heute ist es fast oder vielleicht doch ganz wieder wie in den schlechten alten Zeiten, als den Menschen hier die Existenzgrundlage entzogen wurde. Der Landgraf, die Amerikaner, die Fabrikanten - alles was die künstliche Stadt Pirmasens am Leben erhalten hatte, ist nun fort. Und man kann sehr wohl die Auswirkungen sehen.

Jede Strasse hat ihre Läden die lange geschlossen sind und die keiner mehr neu eröffnen möchte. Traut sich jemand hin und wieder, ist es von kurzer Dauer. Ein Nagelstudio, ein Handyladen, ein An-und Verkauf - dann bleiben die Scheiben für immer blind.


Wer eine Bäckerei sucht, die nicht einer grossen Kette angehört, muss lange gehen. Das gilt auch für Metzgereien. Viele Apotheken sind verschwunden. Discotheken oder ähnliche Tanztempel gibt es überhaupt keine mehr. Wer die Stadt kennt, wie sie noch vor zwanzig Jahren war, sieht solche Veränderungen.

Eine Stadt im strukturschwachen Grenzland braucht etwas, das ihr beim Überleben hilft. Ein Graf mit kostspieligen Leidenschaften ist nicht mehr in Sicht. Die Messen sind eine schöne Erinnerung und eine Garnison kommt nicht in Frage. Kultur - eine Sache die leider früher etwas stiefmütterlich behandelt wurde, eignet sich kaum um das Sterben aufzuhalten.
Die Alte auf den Hügeln braucht dringend eine Infusion, oder sie wird langsam dehydrieren und austrocknen, bildlich gesprochen. Vielleicht ist ihre Anfälligkeit ja tatsächlich ein Wachstumsproblem, da sie das natürliche Wachsen einfach übersprungen hat.
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