Reizen, verlocken, herausfordern – die 3. Nacht der Kunst
Pfaffenhofen an der Ilm: Innenstadt | Was für ein Pech! Und – was für ein Glück! Das traditionell schlechte Wetter, wie Fabian Stahl, der Vorsitzende der IG Lebendige Innenstadt, als solcher mitverantwortlich für die Organisation der Nacht der Kunst, es formulierte, zeigte eindrucksvoll mehrere Dinge. Erstens, die Gemeinsamkeit und Flexibilität sowie das Engagement der Veranstalter der 3. Nacht der Kunst waren enorm, denn binnen Kürze wurden regensichere Lösungen für die meisten der geplanten Open-Air-Performances gefunden. Und zweitens, Pfaffenhofen birgt immer noch Räumlichkeiten, die, selbst den meisten Pfaffenhofener noch unbekannt, fantastische Bühnen für Kultur- und Kunstveranstaltungen bieten. Und Drittens, war das letztjährige Programm schon dichtgedrängt und vielfältig, so gab es in diesem Jahr noch eine deutliche Steigerung sowohl in Qualität und Quantität des Gebotenen als auch, und das war am allerschönsten, in der Komposition der ganzen Nacht wahrzunehmen. Wie hatte es die Süddeutsche Zeitung am selben Tag in einem Artikel über den Kulturreferenten und den Neuen Pfaffenhofener Kunstverein formuliert: Pfaffenhofen ist eine Kulturstadt! Die 3. Nacht der Kunst, die den ebenso interessanten Kultursommer einleitete, bewies dies einmal mehr.
Wie genau fing der Abend an? Schon vor der offiziellen Eröffnung gab es die erste von 4 Vernissagen: Im Domizil des Kunstvereins stellten 4 Handwerker der Papierkunst Arbeiten unter dem Titel „angewandzt“ aus, die die Grenzen zwischen Handwerkskunst und Kunst verschoben. Um 17 Uhr wurde die Schau aus Papier, Pappe und Pergament von Kulturreferent Steffen Kopetzky (SPD) eröffnet. Hernach pilgerten die Nacht-der-Kunst-Besucher in Strömen (und so regnete es ja auch meist) ins Rathaus, wo Bürgermeister Thomas Herker (SPD), Fabian Stahl und Steffen Kopetzky in kurzen und längeren Reden die Nacht der Kunst und den Kultursommer eröffneten. „Trotz Fußballdepression und Hundewetter“ wie Herker es formulierte, gab es - umrahmt von den Chören Chorisma und Voices of Joy - großen Andrang und Applaus für die Organisation von Seiten der Stadtverwaltung und des Aktionsteams. „ Es ist wichtig, Neues in die Innenstadt zu bringen und Kunst und Kultur mit der Wirtschaft zu verbinden“, so betonte Fabian Stahl die Botschaft, die sein Verein im Titel trägt. „Einmal im Jahr muss man überwältigt werden von der Kunst und die Inspiration hält viel länger an als die bloße Betrachtung eines Kunstwerks“, verteidigte Steffen Kopetzky die Programmdichte an dem Abend, die eben keine Verschwendung, sondern eine hervorragende Investition in das Kulturleben der Kreisstadt und ein unabdingbarer Zusatzwert sei und stellte dann den Kultur-Fahrplan bis 2014 vor (Urban-Art, Luckhaus-Ausstellung, Fliesstext10, Literatur-Preis, Lutz-Festspiele 2013).
In der Stärke von Löws WM-Aufgebot bespielte dann die Concert Band der Bayerischen Brass-Band Akademie eindrucksvoll den Rathausfestsaal, bevor es Jonglagen und Zauberei von Toni Toss und Mundart-Pop, Theater ohne Worte und Bayerischen Folk-Blues unter den wohlwollenden Blicken der bayerischen Könige udn vielen Zuschauern gab. Ein Raum mit Nostalgiewert, dessen letztes Stündlein bald geschlagen hat, war die Gaststube im Bortenschlager. Dort zeigten die Bläserklassen der 5b und 6b der Georg-Hipp-Realschule was sie drauf haben (zum Beispiel „We will rock you“ von Queen) und bekamen dafür Standing Ovations – nicht nur von ihren Eltern. Weiter gings in den Geschäften: Bergner mit Parfümbar und leckerem Frei-Cocktail, Pesch mit Kunst und dem Hallertauer Mundartdichter Powerziach, La Morena mit Fingerfood und Blues, Karibik-Feeling bei Optik-Andre und Musik und Kunst im Rubens, bei Kilgus, im Vinum und Soul Dressing, Foto-Shooting und 70er Feeling im Modeoutlet und vieles mehr.
Ab 19 Uhr zeigte dann der vielseitige Maler und Musiker Norbert Härtl im Haus der Begegnung seine poetisch-subtilen Werke, die Galerie-Referent Peter Feßl mit einer launigen Laudatio einleitete. „Labyrinthe sind kein Irrgarten“, stellte Monika Schratt (3. Bürgermeisterin, Die Grünen) anlässlich der Ausstellung symmetrisch-verschlungener Arbeiten von Heike Habl im Büro der Grünen fest und viele Besucher ließen es sich nicht nehmen, den labyrinthischen Linien auf den farbstarken Bildern mit den Fingern nachzufahren.
Zwei besondere Orte, von denen viele noch tage- oder wochenlang schwärmen werden, gab es dann zu entdecken: Der legendäre Müllerbräusaal, extra aufgesperrt wegen des schlechten Wetters, erwies sich als einer der Magneten der Kunstnacht. Von Jazz, über Rock (Straight Bourbon!!) und Blues bis zu Alternative Rock passte einfach alles in das alte, arg abgeblätterte, aber gerade deshalb einmalige Gewölbe des Saals. Von Adi Descy in bewährter Manier bewirtschaftet, wollte man hier gar nicht mehr weggehen und wünschte sich im Stillen und in vielen Gesprächen mit ähnlich Begeisterten, die Eigentümer und die Stadt würden einem interessierten Betreiber dieses Schmuckstück zum Wohl der Öffentlichkeit überantworten. Pfaffenhofen wäre um eine Attraktion reicher. Ganz anders, aber nicht weniger überraschend und interessant war die Besetzung des leerstehenden Wohnstudio B vom Keller bis unters Spitzdach mit Kunst. Mehrere Jahrgänge des Schyren-Gymnasiums zeigten ihre Arbeiten, die vor Fantasie, Können und Spaß nur so strotzten und die neben den besonderen Werken von Adi Reble, Laura Lang oder Sharon Heinrich durchaus bestehen konnten. Sowohl der alte als auch aktuelle Direktor des Gymnasiums waren sichtlich stolz auf die Schüler und auch Besucher wie Hermann Singer, selbst Maler und Dichter und die Künstlerin Monika Gary-Krug, die hier als Veranstalterin auftrat, zeigten sich begeistert.
Vom Kunststudio B wars dann gar nicht mehr weit bis zu Kulturhalle und zahlreiche Besucher fanden dann auch den Weg zur Vernissage des international bekannten Fotografen Michael Wesely, der, zwar selbst verhindert, den Abend mit 30 seiner einzigartigen Langzeitbelichtungen bereicherte, über die es viel zu diskutierten gab. Warum ist der Horizont der oberbayerischen Landschaften so gerade wie mit dem Lineal gezeichnet? Weil Wesely hier selbstgebaute Lochkameras mit Schlitz (wie beim Katzenauge) verwendet, die diesen einmaligen Effekt erzielen. Warum sind keine Menschen auf den Bildern zu sehen? Weil Menschen einfach zu kurz im Bild (auf der Welt?) sind, um von der unbestechlichen Blende wirklich erfasst und auf dem empfindlichen Papier eingebrannt zu werden, im Gegensatz zu den massiven Brückenpfeilern beim Palast der Republik oder voranschreitenden Bauarbeiten der Allianz-Arena.
Nach all der Kunst wollten viele noch nicht nach Hause, man feierte bis spät in die Nacht im Müllerbräusaal und bis früh in den Morgen bei der Party im Keller der Kulturhalle - und alle waren sich einig: nächstes Jahr bitte wieder so, egal ob‘s schüttet, schneit oder die Sonne scheint.






Mit dem Aktivieren des Buttons erlauben Sie einen begrenzten Datenaustausch mit Facebook. Mehr dazu rechts unter .