Ein Fußmarsch von neun Meilen (Harry Kemelman) – Oder die Macht der Logik

Bei einer Rede, die ich vor der Festversammlung der Gesellschaft für Sauberkeit in der Verwaltung gehalten hatte, hatte ich mich ganz hübsch blamiert, was Nicky Welt mich am nächsten Morgen beim Frühstück im Blauen Mond, wo wir gelegentlich essen, voll Schadenfreude spüren ließ. Ich hatte nämlich den Fehler gemacht, vom Konzept meiner Rede abzuweichen, um eine Erklärung zu kritisieren, die mein Vorgänger im Amt des County Attorney vor der Presse abgegeben hatte. Die Schlussfolgerungen, die ich aus seinen Äußerungen gezogen hatte, brachten mir einen Gegenangriff ein, der meine intellektuelle Integrität in Frage stellte. Das politische Intrigenspiel war mir noch neu, da ich erst vor wenigen Monaten meinen Lehrstuhl an der juristischen Fakultät verlassen hatte, um für die Reform-Partei bei der Wahl für das Amt des County Attorney zu kandidieren. Ich führte dies auch zu meiner Entlastung an, aber Nicholas Welt, der immer den Lehrmeister herauskehren muss - er ist Professor für Englisch und Literatur -, entgegnete in dem Tonfall, mit dem er auch die Bitte eines Studenten im zweiten Collegejahr um Terminverlängerung für die Jahresabschlussarbeit abgetan hätte: „Das ist keine Entschuldigung.“ Obwohl er nur zwei oder drei Jahre älter ist als ich, nämlich Ende Vierzig, behandelt er mich immer wie einen dummen Schuljungen. Vielleicht liegt es daran, dass er mit seinen wei- ßen Haaren und dem zerknitterten Zwergengesicht so viel älter aussieht - ich lasse es mir jedenfalls gefallen. „Es waren völlig logische Schlussfolgerungen“, verteidigte ich mich. „Mein lieber Junge“, entgegnete er sanft, „jeglicher Umgang mit Menschen wird Schlussfolgerungen nach sich ziehen, es geht gar nicht anders, trotzdem werden die meisten davon falsch sein. Bei den Juristen ist der Prozentsatz der Fehler besonders hoch, weil sie sich nicht bemühen, das zu entdecken, was der andere sagen will, sondern vielmehr das, was er verbergen möchte.“ Ich griff nach der Rechnung und rutschte auf der Bank um den Tisch herum. „Ich nehme an, du denkst dabei an das Kreuzverhör von Zeugen vor Gericht. Aber da gibt es immer einen gegnerischen Anwalt, der Einspruch erhebt, wenn die Schlussfolgerung unlogisch ist.“ „Wer redet denn hier von Logik?“ warf er ein. „Eine Schlussfolgerung kann logisch und trotzdem falsch sein.“ Er folgte mir durch den Gang zur Kasse. Ich bezahlte und wartete ungeduldig, während er in einer altmodischen Geldbörse herumsuchte und ein Geldstück nach dem anderen neben seine Rechnung auf die Theke legte, nur um dann feststellen zu müssen, dass sein Kleingeld nicht ausreichte. Er sammelte die Münzen wieder ein und holte mit einem leisen Seufzer einen Geldschein aus einem anderen Fach der Börse und reichte ihn der Kassiererin. „Sag mir irgendeinen Satz von zehn bis vierzehn Worten, und ich konstruiere dir daraus eine Kette logischer Schlussfolgerungen, auf die du im Traum nicht gekommen wärst, als du dir den Satz ausgedacht hast.“ Neue Gäste kamen herein, und da vor der Kasse nur sehr wenig Platz, war, beschloss ich, draußen zu warten, bis Nicky die Transaktion mit der Kassiererin beendet hatte. Ich erinnere mich, dass ich mir leicht amüsiert vorstellte, wie er - im Glauben, mich noch neben sich zu haben - in seinem Gespräch fortfuhr. Als wir uns vor der Tür wiedertrafen, sagte ich: „Ein Fuß-Marsch von neun Meilen ist kein Spaß, schon gar nicht im Regen.“ „Das möchte ich auch annehmen“, stimmte er geistesabwesend zu. Darm blieb er ganz plötzlich stehen und sah mich scharf an. „Menschenskind, wovon redest du eigentlich?“ „Es ist ein Satz; er hat dreizehn Worte.“ Ich wiederholte ihn und zählte die Worte an den Fingern ab. „Und was soll das?“ „Du hast gesagt, dass du aus irgendeinem Satz von zehn bis, vierzehn Worten …“ „Ach so.“ Er betrachtete mich argwöhnisch. „Wo hast du den Satz her?“ „Der ist mir plötzlich in den Kopf gekommen. So, nun fang mal mit deinen Folgerungen an.“ „Ist das dein voller Ernst?“ Die kleinen, blauen Augen glitzerten amüsiert. „Soll ich wirklich?“ Das war typisch für ihn: erst forderte er mich heraus, und wenn ich darauf einging, machte er sich über mich lustig. Ich ärgerte mich. „Fang an oder halt den Mund.“ „Gut“, sagte er sanft. „Du brauchst nicht gleich einzuschnappen. Ich spiele mit. Hm, mal überlegen ... Wie war der Satz? ‚Ein Fußmarsch von neun Meilen ist kein Spaß, schon gar nicht im Regen.’ Damit ist nicht allzuviel anzufangen.“ „Es sind mehr als zehn und weniger als vierzehn Worte“, wiederholte ich. „Sehr gut.“ Seine Stimme wurde lebhaft, während er in Gedanken das Problem erwog. „Erste Folgerung: der Sprecher ist unzufrieden.“ „Das erkenne ich an“, sagte ich, „obwohl es eigentlich keine Schlussfolgerung ist. Es geht. schon aus dem Satz hervor.“ Er nickte ungeduldig. „Nächste Folgerung: der Regen kam unerwartet, denn sonst hätte er gesagt: ‚Ein Fußmarsch von neun Meilen im Regen ist kein Spaß’ statt ‚schon gar nicht’ als Nachgedanken hinzuzufügen.“ „Ich akzeptiere das, obwohl es ziemlich selbstverständlich ist.“ „Die ersten Folgerungen sollten immer selbstverständlich sein“, erklärte Nicky überheblich. Ich ließ es damit bewenden. Er schien sich schwer zu tun, und ich wollte ihm das nicht unter die Nase reiben. „Nächste Folgerung: Der Sprecher ist weder sehr sportlich, noch bewegt er sich viel im Freien.“ „Das mußt du genauer erklären.“ „Es hängt wieder mit dem ‚schon gar nicht’ zusammen. Der Sprecher sagt nicht, dass ein Neun-Meilen-Marsch im Regen kein Spaß ist, sondern nur, dass der Marsch - verstehst du, es geht nur um die Entfernung - kein Spaß ist. Nun sind aber neun Meilen gar nicht so viel. Bei achtzehn Löchern Golf geht man mehr als die Hälfte dieser Strecke. Und Golf ist ein Sport für alte Männer.“ Verschmitzt fügte er hinzu: „Ich spiele Golf.“ „Unter normalen Umständen hättest du damit recht“, sagte ich, „aber es gibt andere Möglichkeiten. Der Sprecher könnte ein Soldat im Dschungel sein, und in diesem Fall wären neun Meilen ganz schön strapaziös, Regen oder kein Regen.“ „Ja.“ Nicky wurde sarkastisch. „Der Sprecher könnte auch einbeinig sein. Oder wenn es dir besser gefällt, könnte er ein Student sein, der eine philosophische Doktorarbeit über den Humor schreibt und damit beginnt, dass er alles aufschreibt, was nicht komisch ist. Nein, ehe ich weitermache, müssen einige Voraussetzungen geklärt werden.“ „Wie meinst du das?“ fragte ich argwöhnisch. „Vergiss nicht, dass ich diesen Satz aus dem luftleeren Raum nehme. Ich weiß nicht, wer ihn bei welcher Gelegenheit gesagt hat. Normalerweise gehört ein Satz in den Rahmen einer bestimmten Situation.“ „Gut. Und von welchen Voraussetzungen willst du ausgehen?“ „Zunächst möchte ich annehmen, dass es um keinen Scherz geht, sondern dass der Sprecher einen Marsch erwähnt, der wirklich stattgefunden hat, und zwar nicht auf Grund einer Wette oder etwas ähnlichem.“ „Das scheint mir sinnvoll zu sein“, gestand ich ihm zu. „Dann möchte ich voraussetzen, dass dieser Marsch in unserer Gegend gemacht wurde.“ „Meinst du hier in Fairfield?“ „Nicht unbedingt, aber doch wohl in der näheren Umgebung.“ „Einverstanden.“ „Schön, wenn du mir diese Annahmen gestattest, dann musst du mir auch noch die letzte Voraussetzung genehmigen, nämlich die, dass der Sprecher kein großer Sportler oder Frischluftfanatiker ist.“ „Na schön. Mach weiter.“ „Als nächstes folgere ich, dass dieser Fußmarsch in der Nacht oder am frühen Morgen stattgefunden hat - so etwa zwischen Mitternacht und fünf oder sechs Uhr früh.“ „Und wie kommst du darauf?“ fragte ich. „Denk doch an die Entfernung von neun Meilen. Wir leben in einem ziemlich dicht besiedelten Gebiet. Nimm eine beliebige Straße: die nächste Ortschaft ist bestimmt keine neun Meilen weit entfernt. Nach Hadley sind es fünf Meilen, nach Hadley Falls siebeneinhalb, nach Goreton sind es elf, aber nach Ost-Goreton nur acht. Und du musst durch Ost-Goreton, ehe du nach Goreton kommst. Die Vorortsbahn nach Goreton läuft parallel der Straße; die anderen Orte sind mit dem Bus zu erreichen. Und auf den größeren Straßen herrscht reger Autoverkehr. Wer sollte denn, neun Meilen durch den Regen gehen müssen, wenn nicht spät in der Nacht, wo kein Bus oder Zug mehr fährt, und die wenigen Autos nicht für einen Fremden anhalten, der auf der Straße steht?“ „Es könnte ja sein, dass er nicht gesehen werden wollte.“ Nicky lächelte mitleidsvoll. „Und du glaubst, wenn er die Straße entlang marschiert, fällt er weniger auf, als in einem Zug oder Omnibus, wo jeder sowieso in seine Zeitung vertieft ist?“ „Na schön, lassen wir es dabei“, sagte ich etwas schroff. „Nächster Punkt: Er ging vom Land auf die Stadt zu und nicht etwa umgekehrt.“ Ich nickte. „Das halte ich auch für wahrscheinlicher. Wenn er in der Stadt gewesen wäre, hätte er sich um ein Transportmittel kümmern können. Bist du von der Voraussetzung ausgegangen?“ „Einerseits ja“, sagte Nicky, „andererseits kann man auch aus der Entfernung einen Schluss ziehen. Vergiss nicht, dass es um neun Meilen geht. Neun ist eine ganz exakte Zahl.“ „Tut mir leid, das verstehe ich jetzt nicht.“ Nicky machte wieder sein verzweifeltes Lehrergesicht. „Stell dir vor, du sagst: ‚Ich habe einen Marsch von zehn Meilen gemacht’ oder: ‚Ich bin hundert Meilen gefahren.’ Daraus würde ich schließen, dass du eine Strecke von acht bis zwölf Meilen gegangen oder neunzig bis hundertundzehn Meilen weit gefahren bist. Mit anderen Worten: zehn und hundert sind runde Zahlen. Du kannst ebensogut genau oder ungefähr zehn Meilen gegangen sein. Wenn du aber von einem Fußmarsch von neun Meilen sprichst, dann darf ich mit vollem Recht voraussetzen, dass du eine exakte Zahl genannt hast. Jetzt geht es weiter: es ist viel wahrscheinlicher, dass wir die Entfernung von einem gegebenen Punkt. bis zur Stadt kennen, als die Entfernung von der Stadt bis zu einem gegebenen Punkt. Frag doch zum Beispiel jemand in der Stadt, wie weit es bis zum Hof vom Bauer Brown ist; wenn der Mensch ihn zufällig kennt, wird er ‚drei bis vier Meilen’ sagen. Aber frag mal den Bauer Brown, wie weit es von ihm bis zur Stadt ist, und er wird dir sagen: ‚Drei und sechs Zehntel Meilen. Ich hab's schon oft auf dem Meilenzähler nachgeprüft.’“ „Das ist schwach, Nicky.“ „Aber in Verbindung mit deiner Bemerkung, dass er sich in der Stadt ein Fahrzeug hätte beschaffen können ...“ „Ja, das genügt mir. Ich akzeptiere es. Hast du noch was?“ „Ich hab eben erst angefangen“, prahlte er. „Die nächste Folgerung ist, dass er ein ganz bestimmtes Ziel hatte und zu einer ganz bestimmten Zeit dort ankommen musste. Es handelt sich nicht darum, dass er fortging, um Hilfe zu holen, weil er eine Autopanne hatte, seine Frau ein Kind bekam oder ein Einbrecher in sein Haus eindringen wollte.“ „Na hör mal“, sagte ich, „die Autopanne ist schließlich die naheliegendste Lösung. Die Entfernung könnte er so genau gewusst haben, weil er bei der Abfahrt aus der Stadt auf den Meilenstand geachtet hat.“ Nicky schüttelte den Kopf. „Statt neun Meilen lang durch den Regen zu marschieren, hätte er sich's auf der Rückbank bequem gemacht und geschlafen oder er wäre wenigstens beim Wagen geblieben und hätte versucht, ein Auto anzuhalten. Denk doch an die neun Meilen. Wie lange braucht er im besten Fall für die Strecke?“ „Vier Stunden?“ Er nickte. „Weniger sicher nicht, schon gar nicht im Regen. Wir haben uns darauf geeinigt, dass es spät nachts oder in den ersten Morgenstunden war. Nehmen wir mal an, die Panne passierte um ein Uhr in der Nacht; dann wäre er erst gegen fünf Uhr früh am Ziel angekommen. Um die Zeit wird es schon hell, und es sind schon viele Autos unterwegs. Die ersten Busse fahren auch nicht viel später. Hier in Fairfield kommen die ersten Omnibusse gegen halb sechs morgens an. Im übrigen: wenn er losging, um Hilfe zu holen, brauchte er nicht bis in die Stadt zu laufen, sondern nur bis zum nächsten Telefon. Nein, er hatte eine feste Verabredung, und zwar in der Stadt - und vor halb sechs.“ „Warum ist er dann nicht früher gefahren und hat gewartet?“ sagte ich. „Er hätte den letzten Bus nehmen können, wäre gegen ein Uhr nachts angekommen und hätte bis zu dem Termin gewartet. Stattdessen marschierte er neun Meilen durch den Regen. Und du sagst, er ist kein Sportsmann!“ Wir waren inzwischen vor dem Rathaus angekommen, in dem meine Dienststelle untergebracht ist. Gewöhnlich endeten alle im Blauen Mond begonnenen Debatten vor dem Portal des Rathauses, aber ich hatte an Nickys Beweisführung Feuer gefangen und schlug ihm vor, noch ein paar Minuten mitzukommen. Als wir in meinem Büro saßen, fragte ich: „Also weiter, Nicky, warum kann er nicht früher angekommen sein und gewartet haben?“ „Das hätte er gekonnt“, erklärte Nicky, „aber da er es nicht getan hat, müssen wir davon ausgehen, dass er entweder die Abfahrt des letzten Busses versäumt hat oder an dem Ort, an dem er war, auf eine Nachricht warten musste, vielleicht auf einen Anruf.“ „Demnach hatte er deiner Meinung nach irgendwann zwischen Mitternacht und halb sechs morgens eine Verabredung?“ „Das können wir zeitlich viel genauer festlegen. Vergiss nicht, er brauchte vier Stunden für den Weg. Der letzte Bus fährt um halb eins. Wenn er den nicht nimmt, sondern gleichzeitig losgeht, kann er nicht vor halb fünf am Zielpunkt ankommen. Wenn er andererseits den ersten Frühbus nimmt, kommt er gegen halb sechs an. Das würde also heißen, dass die Verabredung irgendwann zwischen halb fünf und halb sechs sein musste.“ „Du setzt voraus, dass er, wenn die Verabredung vor halb fünf war, mit dem letzten Bus, und wenn sie nach halb sechs war, mit dem ersten Bus gefahren wäre?“ „Jawohl. Und noch etwas: wenn er auf ein Signal oder einen Anruf wartete, dann durfte das nicht viel später als um ein Uhr kommen.“ „Ja, das leuchtet mir ein“, gab ich zu. „Wenn er um fünf Uhr verabredet ist und vier Stunden braucht, um zum Treffpunkt zu kommen, muss er gegen ein Uhr losmarschieren.“ Er nickte gedankenverloren. Aus einem mir selbst unerklärlichen Grund hatte ich das Gefühl, ihn nicht stören zu dürfen. An der Wand hing eine große Karte des County, vor die ich jetzt trat, um sie genau zu studieren. „Du hast recht, Nicky“, sagte ich über die Schulter, „es gibt um Fairfield herum keinen Ort, der neun Meilen weit entfernt ist, ohne dass die Straße erst noch durch eine andere Ortschaft geht. Fairfield liegt in der Mitte einer Ansammlung kleiner Städtchen.“ Er stellte sich neben mich vor die Karte. „Es muss ja nicht gerade Fairfield sein, weißt du“, sagte er leise. „Wahrscheinlich war es eine der anderen Städte. Versuch's mal mit Hadley.“ „Warum Hadley? Was soll ein Mensch um fünf Uhr früh in Hadley wollen?“ „Der D-Zug von Washington hält dort um etwa die Zeit, um Wasser aufzunehmen.“ „Ja, da hast du recht. Ich hab den Zug schon oft in der Nacht gehört, wenn ich nicht schlafen konnte. Ich hab ihn in den Bahnhof einfahren hören, und dann, ein oder zwei Minuten später, schlug die Uhr der Methodistenkirche fünf.“ Ich ging zum Schreibtisch und nahm den Fahrplan. „Der Zug fährt in Washington um 0.47 Uhr ab und ist um acht Uhr in Boston.“ Nicky stand immer noch vor der Karte und maß mit einem Bleistift Entfernungen nach. „Von Hadley bis zum Old-SumterGasthof sind es genau neun Meilen“, verkündete er. „Old-Sumter-Gasthof?“ wiederholte ich. „Das wirft unsere ganze Theorie über den Haufen. Dort kannst du dir ebenso leicht ein Fahrzeug beschaffen wie in der Stadt.“ Er schüttelte den Kopf. „Der Parkplatz befindet sich auf einem Hof, der nachts abgeschlossen wird. Um seinen Wagen dort rausholen zu können, muss man nach dem Wächter klingeln, und der würde sich bestimmt an jemand erinnern, der ihn so spät aus den Federn geholt hat. Das Hotel ist ruhig und konservativ. Vielleicht hat unser Freund in seinem Zimmer auf einen Telefonanruf gewartet, sagen wir aus Washington, in dem ihm jemand eine Wagennummer und die Nummer eines Schlafwagenabteils mitteilte. Danach verließ er heimlich das Hotel und machte sich zu Fuß nach Hadley auf.“ Ich starrte ihn wie hypnotisiert an. „Es kann nicht sehr schwer sein, in den Zug zu steigen, während die Lokomotive Wasser aufnimmt - und wenn er Wagen- und Abteilnummer kennt ...“ „Nicky“, sagte ich voll böser Vorahnungen, „auch wenn ich als Mitglied der Reform-Partei in meiner Eigenschaft als Staatsanwalt ein Sparprogramm verkündet habe, werde ich jetzt das Geld der Steuerzahler für ein Ferngespräch mit Boston verschwenden. Es ist lächerlich, es ist nicht mehr normal – aber ich werde es tun!“ Seine kleinen, blauen Augen glitzerten und seine Zungenspitze glitt über die Lippen. „Ja, tu das“, sagte er heiser. Ich legte den Hörer wieder auf. „Nicky“, sagte ich, „dies ist wahrscheinlich der merkwürdigste Zufall der ganzen Kriminalgeschichte: In Boston wurde heute früh ein Mann ermordet in seinem Schlafwagenabteil aufgefunden, und zwar in dem 0:47-Zug aus Washington. Er war seit etwa drei Stunden tot, was genau auf Hadley passen würde.“ „Ich hab mir schon so was gedacht“, sagte Nicky. „Aber dass es ein Zufall sein soll, nehme ich dir nicht ab. Das ist unmöglich. Woher hattest du den Satz?“ „Es war einfach ein Satz. Er ist mir plötzlich gekommen.“ „Ausgeschlossen. So ein Satz fällt einem nicht einfach ein. Wenn du so lange wie ich Stilkunde unterrichtet hättest, wüsstest du, dass du auf die Frage nach einem Satz von zehn bis vierzehn Worten einen normalen Aussagesatz bekommst, wie zum Beispiel: ‚Ich trinke gerne Milch’ und die fehlenden Worte werden daran angehängt, wie: ‚weil sie gesund ist und mir gut bekommt’. Dein Satz aber bezog sich auf einen ganz bestimmten Vorfall.“ „Aber ich habe heute morgen mit niemand gesprochen. Und im Blauen Mond war ich nur mit dir zusammen.“ „Als ich meine Rechnung bezahlte, bist du schon vorgegangen“, sagte er rasch. „Hast du jemand getroffen, als du vor dem Lokal auf mich gewartet hast?“ Ich schüttelte den Kopf. „Ich hab höchstens eine Minute dort gestanden. Weißt du, als du dein Kleingeld zusammensuchtest, kamen zwei Männer herein, und einer von ihnen rannte mich beinahe um. Deswegen wollte ich lieber draußen...“ „Hast du sie früher schon mal gesehen?“ „Wen?“ „Die beiden Männer, die hereinkamen“, sagte er, und seine Stimme nahm wieder den verzweifelten Tonfall an. „Wieso? Nein - ich hab sie nicht gekannt.“ „Haben sie sich unterhalten?“ „Ich glaube. Ja, das haben sie. Sie waren sogar ganz vertieft in ihr Gespräch, denn sonst hätten sie mich ja gesehen, und der eine wäre nicht in mich hineingerannt.“ „Es kommen nicht viele Fremde in den Blauen Mond“, stellte Nicky nachdenklich fest. „Glaubst du, dass sie es waren?“ fragte ich aufgeregt. „Ich glaube, ich würde sie wiedererkennen.“ Nicky kniff die Augen zusammen. „Möglich wäre es. Sie mussten zu zweit sein - einer musste das Opfer in Washington verfolgen und das Schlafwagenabteil feststellen, der andere musste hier warten und den Mord ausführen. Es ist naheliegend, dass der Mann aus Washington anschließend hierherkam. Wenn es gleichzeitig um Raub ging, war die Beute aufzuteilen; handelte es sich allein um Mord, dann wollte er sicher seinen Kumpanen hier auszahlen.“ Ich griff nach dem Telefon. „Wir sind vor einer halben Stunde fortgegangen“, fuhr Nicky fort. „Sie kamen gerade erst herein, und im Blauen Mond ist die Bedienung ziemlich langweilig. Der, der zu Fuß nach Hadley gegangen ist, wird sicher hungrig sein, und der andere ist vermutlich die ganze Nacht von Washington bis hier durchgefahren.“ „Rufen Sie mich sofort an, wenn es zu einer Verhaftung kommt“, sagte ich ins Telefon und legte auf. Während wir warteten, sprach keiner von uns ein Wort. Wir gingen im Zimmer auf und ab und wichen uns aus, als hätten wir etwas getan, dessen wir uns schämten. Endlich klingelte das Telefon. Ich nahm ab und hörte zu. Dann sagte ich: „Okay“, und drehte mich zu Nicky um. „Einer hat versucht, durch die Küche zu entkommen, aber Winn hat den Ausgang bewachen lassen. Sie haben ihn.“ „Das dürfte schon ein Beweis sein.“ Nicky lächelte frostig. Ich nickte zustimmend. Er sah auf die Uhr. „Ach du liebe Zeit! Und ich wollte heute extra früh mit der Arbeit anfangen! Jetzt habe ich die ganze Zeit mit dir verschwätzt.“ Ich ließ ihn bis zur Tür kommen, dann rief ich: „Übrigens, Nicky, was wolltest du eigentlich beweisen?“ „Dass eine Reihe von Schlussfolgerungen logisch sein kann, ohne dabei wahr zu sein.“ „Ach?“ „Was gibt's da zu lachen?“ fragte er etwas pikiert. Und dann begann er selber zu lachen.
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