Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann besuchte am 24.09.2008 den Kirchenkreis Laatzen-Springe.

In der Kirchenkreiskonferenz
 
Eintrag ins "Goldene Buch" der Stadt Laatzen
 
Ein Ort der niedersächsischen Reformationsgeschichte: Die Ruine der Feste Calenberg
 
Begrüßung am Kontaktzentrum Kiefernweg

Der Kirchenkreis Laatzen-Springe ist der 49. von 57 Kirchenkreisen der Landeskirche, den die Landesbischöfin besucht hat. Die Bischöfin zeigte sich beeindruckt von der Menge der guten kirchlichen Arbeit in unserem Kirchenkreis. Sowohl städtische wie ländliche Probleme bestimmen hier die Tagesordnung. Nirgends sonst hat sie erlebt, dass sich beide Herausforderungen kirchengemeindlichen Lebens sich so direkt in einem Kirchenkreis begegnen. Die Aufarbeitung kirchlicher Strukturen ist weit und zukunftsweisend vorangeschritten. Die hauptamtliche Mitarbeiterschaft steht in großer Kollegialität zusammen und macht es so möglich, zukunftsweisende Entscheidungen zu treffen und zu tragen. Auch die Zusammenarbeit mit den Kommunen ist sehr konstruktiv. Die Arbeitsschwerpunkte „Diakonie“ und „Kinder- und Jugendarbeit“ geben dem Kirchenkreis ein klares Profil und tragen vorzeigbare Früchte.

Am Vormittag stand die Hauptamtlichenkonferenz auf der Tagesordnung, in der sich vor allem Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakone treffen. Dort stellten sich zunächst die vier Regionen des Kirchenkreises, Hemmingen, Laatzen, Pattensen und Springe in sehr verschiedener Weise vor, hoben Fortschritte und Ziele, aber auch Probleme hervor. Es schloss sich ein engagiertes Gespräch über die Arbeit und die Situation des Kirchenkreises an, in dem die Landesbischöfin viel von den Erfahrungen der Hauptamtlichen erfuhr. Ganz besonders bewegt die Pastorinnen und Pastoren, die Diakoninnen und Diakone die Zukunft kirchengemeindlicher Arbeit unter den Bedingungen weiterer Einsparungen. Pastorinnen und Pastoren äußerten dazu die Befürchtung, dass unter den Bedingungen zunehmender Arbeitsverdichtung, die sie besonders spüren, weil keine Arbeitszeitbegrenzung sie schützt, auch einmal die Qualität der eigentlichen Aufgaben des Pfarramtes, Gottesdienste, Amtshandlungen und Unterricht leiden könnten.
Sie sieht dieses Problem, bestätigte die Bischöfin, und sei dabei für Entlastungen z.B. im zeitraubenden Bereich der Verwaltung zu sorgen.

In Laatzen wurde unsere Landesbischöfin Frau Dr. Käßmann im Rathaus empfangen. Auf dem Bild sehen Sie von links Landesbischöfin Dr. Käßmann, Bürgermeister Prinz, der Teamleiter für soziale Fragen, Herr Schrader und Herrn Superintendent Brandes. Es war ein freundliches und fröhliches Gespräch, in dem Bürgermeister Prinz zunächst die Stadt Laatzen vorstellte und dann die große Bedeutung heraushob, die kirchliche Arbeit durch die Angebote der Kirchengemeinden und durch die Einrichtungen der Diakonie hat. Es zahlt sich heute aus, dass mit dem Neubau von Laatzen-Mitte die Thomas-Kirchengemeinde mit einer offensiven Gemeinwesenarbeit für die Stadt begonnen hatte. Kindertagesstätten in kirchlicher Trägerschaft und Einrichtungen zur Unterstützung benachteiligter Kinder, wie etwa die „Kinderkantine“ unterstreichen zusätzlich die verantwortungsvolle Arbeit der Kirche. Für Laatzen mit Menschen aus 68 Nationalitäten sind Integration und Armutsprävention wesentliche Aufgaben, die nicht vernachlässigt werden dürfen, wenn Laatzen seine hohe Attraktivität als Wohnort behalten möchte, unterstrich Bürgermeister Prinz. Die kirchliche Arbeit ist dank der regelmäßigen offiziellen ökumenischen Kontakte zwischen Kirche und Stadt ein Gewinn für beide Seiten.

„Suchet der Stadt Bestes“(Jer. 29,7a) schrieb Landesbischöfin Dr. Käßmann dann auch folgerichtig in das „Goldene Buch“ der Stadt Laatzen. Die Botschaft der Christen von einem menschenfreundlichen Gott fordert Christen dazu heraus nicht nur einander freundlich zu begegnen, sondern auch verantwortlich in der Öffentlichkeit für menschenfreundliche Lebendbedingungen zu sorgen.

Am Fahrtstuhl verabschiedete Bürgermeister Prinz die Bischöfin, denn in ihrem Besuchsplan sollte es nun schnell weitergehen zu einer kleinen Besichtigung der Ruinen der Feste Calenberg.

Herr Kremer, stellvertretender Vorsitzender des Kirchenkreisvorstandes und Frau Georgiadis, Vorsitzende des Diakonieausschusses hörten zu, als Superintendent Brandes der Bischöfin anhand der dort aufgestellten Schautafel die Geschichte der Feste Calenberg und ihre Bedeutung für die Geschichte der Reformation in der heutigen Hannoverschen Landeskirche erläuterte. Der Reformator Antonius Corvinus war aufgrund seiner reformatorischen Bemühungen auf der Fest in Haft gesetzt worden.

Schnell ging es dann durch die Reste des einstmals beeindruckenden Festungsbaus. Denn in Laatzen, am Kiefernweg wurde der Besuch der Landesbischöfin schon erwartet.

Diakoniepastor Klatt begrüßte Frau Dr. Käßmann am Eingang des kirchlichen Kontaktzentrums Kiefernweg mit seinen zahlreichen diakonischen Einrichtungen und überraschte sie mit einem Zeitungsartikel von der Eröffnung des „Projektes Malibu“ vor zwei Tagen.

In Kontaktzentrum erwarteten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der diakonischen Einrichtungen im Kirchenkreis mit leckerem selbstgebackenen Kuchen die Bischöfin. Diakoniepastor Klatt erläuterte zunächst den „Diakonieverband Hannover Land“, der als leistungsfähige Trägerorganisation diakonischer Einrichtungen von den fünf Kirchenkreisen um die Stadt Hannover herum vor 6 Jahren gegründet wurde. Ganz besonders gut funktioniert im Kirchenkreis Laatzen-Springe die starke Vernetzung professioneller diakonischer Arbeit und Kompetenz mit dem Leben in den Kirchengemeinden.
Dann berichteten die Anwesenden aus ihrer täglichen Arbeit und Erfahrung. Deutlich wurde, dass Armut zunimmt und besonders von SGB2 (Hatz IV) abhängige Familien in immer größere Nöte geraten, da sie sich verschulden müssen, um ihren Alltag zu bewältigen, diese Schulden aber nicht zurückzahlen können. Kinder erleben die Armut ihrer Familie spätestens wenn sie in die Schule kommen sehr direkt, kränkend und prägend. Denn Armut bedeutet für sie, nicht dabei sein zu dürfen bei Ausflügen, Geburtstagen; kein Kakaogeld, kein Mensaessen, keine Schulhefte zu haben. Sehr drastisch und hart sind immer wieder auch die Erfahrungen von ehemals Selbständigen und ihren Familien, die nicht selten durch Unfall oder Krankheit ihr Einkommen verloren haben und plötzlich auf Hartz IV angewiesen sind. Direkt den Betroffenen zu helfen, mit ihrer Situation klar zu kommen, kann nur ein Teil der diakonischen Arbeit sein, sind sich alle Anwesenden einig. Zur diakonischen Arbeit gehört es auch -- wie mit der Postkartenaktion für benachteiligte Kinder -- aufzuklären und für politische Änderungen zu kämpfen, damit solche Notlagen in Zukunft gar nicht erst entstehen.

Da Landesbischöfin Dr. Käßmann Schirmherrin für „Wellcome“ ist, ließ sie sich gerne mit der „Wellcome-Koordinatorin“ im Kirchenkreis, Frau Wedekind, vor einer „Wellcome“-Plakatwand fotografieren, bevor sie den „Umsonstladen für Baby-Erstaustattung“ im Keller des Kontaktzentrums besuchte.

Herr Klinger erklärte sehr engagiert den Laden und den Betrieb. Und Frau Dr. Käßmann war sichtlich beeindruckt von dem Projekt und von den außerordentlich guten Erfahrungen, die damit bisher gemacht wurden.

Aufmerksam las sie, was die Kundinnen und Kunden des „Umsonstladens“ dankbar und oft erleichtert Herrn Klinger in sein „Goldenes Buch“ geschrieben hatten, und schrieb auch selbst ein kleines Grußwort.

Damit war der Tag aber noch nicht abgeschlossen. Eine Ruhephase in kleiner Runde mit einem Imbiss im Turmzimmer der Immanuel-Kirche, Alt-Laatzen, folgte, bevor viele Menschen die Landesbischöfin in der gut besuchten Immanuel-Kirche zu ihrem öffentlichen Vortrag über „Zukunft(s)gestalten“ erwarteten.
„Kinder sind „Zukunft(s)gestalten“, weil sie Gestalten der Zukunft sind und weil sie die Zukunft gestalten werden.“ Die Erwachsenen, die jetzt das Leben in unserer Gesellschaft bestimmen, müssen es lernen, stärker für die Kinder verantwortlich zu sein. Denn die Zahlen spreche davon, dass diese Verantwortung nicht genügend wahrgenommen wird.
Es reicht nicht, führte sie im weiteren Vortrag aus, den Kindern die eigenen Gene weiterzugeben. „Kinder brauchen nicht nur Gene, sonder auch Meme!“. Kinder müssen also Anteil an dem kollektiven Gedächtnis unserer Gesellschaft haben, Kultur, Werte und kulturprägenden Glauben frühzeitig kennenlernen, um später Menschen mit Rückrat sein zu können, die sich bewusst für ihre Zukunft entscheiden. Eltern, die mit dem Argument „Das sollen die Kinder später selber entscheiden“ ihnen die kulturprägenden Werte und Hoffungen vorenthalten, geben den Kindern gar nicht erst die Grundlage mit, sich später entscheiden zu können. Ja schlimmer noch: Sie nehmen den Kinder die Möglichkeit, ganz grundsätzliche Werte unserer Gesellschaft verstehen zu lernen. Damit beschwören sie die Gefahr herauf, dass ihre Kinder sich in ihrer eigenen Kultur fremd vorkommen, und zu Menschen werden, die unentschieden sind, weil sie tragfähigen Entscheidungen nicht zu fällen wagen.

Christen müssen es deshalb neu lernen, mit Stolz von ihrem Glauben zu erzählen, in dem Gott zu jedem Menschen sagt: Ich bin stolz auf Dich!
Vor allem den Kindern muss von dem Gott erzählt werden, der selber zum Kind wurde. Und von Jesus, der die Kinder bei der Frage, wer der Erste sei, in die Mitte der Erwachsenen stellte.
Ein Kind kann in den Geschichten unseres Glaubens von Anfang an erfahren, dass es vor Gott so wichtig ist, dass er ihm Geborgenheit und Halt für einen langen Weg schenken möchte -- und dass es vor den Menschen so wichtig ist, dass es Geborgenheit und Halt erfahren kann und geben kann.
Die Kindheit ist ja kein großer Spaß, wie es Kindersendungen im Fernsehen oft darstellen. Wer sich an seine Kindheit erinnert, weiß, dass es große Enttäuschungen, Trauer und Unsicherheiten gab. Geschichten Gebete und Rituale die Halt gegen Trauer und Enttäuschung geben, helfen Kindern, mit solchen Erfahrungen umzugehen.
All das ist Bildung, genauso wie das Singen, das den Menschen in unserem Land zunehmend verloren geht. Es ist eine Bildung, die Menschlichkeit ausbildet und Kindern hilft, hoffnungsvoll und aufgeschlossen ihrer Zukunft entgegen zu gehen. Durch ihre motivierende Wirkung kann sie wesentlich dazu beitragen, den Anschluss an das Bildungsniveau zu halten, das von Kindern heute verlangt wird.
Bildungschancen sind Wege aus der Armut. Und ein Gott, der auch dem, der in der Schule zunächst gescheitert ist, sagt „Ich gebe Dich aber nicht auf!“, motiviert dazu, neu Chancen zu sehen und zu ergreifen.
So muss beides zusammenkommen: Die Arbeit der Diakonie in tätiger Hilfe und politischer Aufklärung zugunsten benachteiligter Menschen und das hoffnungsvolle und stolze Erzählen von dem Gott, der liebevoll Hoffnung schenkt, weil er nicht aufgibt, damit Kinder zu „Zukunft(s)gestalten“ werden.

Nachdem den anwesenden Besuchern die Möglichkeit gegeben wurde, nachzufragen und zu dem Gehörten Stellung zu nehmen, bedankte sich Superintendent Brandes bei der Bischöfin für den ganzen Tag im Kirchenkreis.
Das Abendgebet wurde von Pastorin Preuschoff-Kleinschmit gehalten und Landesbischöfin Dr. Käßmann sprach den abschließenden Segen.

Die Immanuel-Kantorei hatte die Empore der Immanuel-Kirche dicht besetzt, begleitete das Abendgebet gesanglich und ließ mit weiteren Liedern den Abend feierlich ausklingen.

Uwe Büttner
Öffentlichkeitsbeauftragter im
Kirchenkreis Laatzen-Springe

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