Es ist ein Skandal, dass es solche Einrichtungen, wie die Tafeln bei uns geben muss. Deshalb ist es gut, dass es sie gibt!
Kirchengemeinden aktiv gegen Armut und Ausgrenzung
40 Pastorinnen und Pastoren, Diakoninnen und Diakone, Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter des Kirchenkreises Laatzen-Springe kamen am 09. Oktober im Lutherheim Springe zu dem ganztägigen Konvent des Kirchenkreises zusammen. „Kirchengemeinden aktiv gegen Armut und Ausgrenzung“ war das Thema.
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Am Vormittag berichtete Pastor Dr. Heinrich Grosse vom „Pastoralsoziologischen Institut der EKD“ ausgehend von der EKD-Denkschrift „Armut in Deutschland“ ("Gerechte Teilhabe. Befähigung zu Eigenverantwortung und Solidarität. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Armut in Deutschland" ist erschienen im Gütersloher Verlagshaus 2006) zunächst über die Ergebnisse einer soziologischen Befragung ausgewählter Kirchengemeinden in der Bundesrepublik zum Thema Armut.
Sich mit Armut auseinander zu setzen, ist für christliche Gemeinden kein Luxus, sondern eine Aufgabe, die aus der Mitte des christlichen Glaubens kommt.
Es wurde deutlich, dass Armut in den zumeist mittelstandsorientierten Kirchengemeinden und ihren leitenden Gremien genauso wenig wahrgenommen wird, wie in der ganzen Gesellschaft. Wo die Armut wahrgenommen wird, reagieren Christen oft mit Mitteln der Barmherzigkeit, also mit Spenden und Einzelfallhilfen. Das ist allerdings nur Hilfe im Augenblick, die noch dazu die Bearbeitung der Ursachen von Armut blockiert, da sie den Eindruck entstehen lässt, es würde ja bereits viel getan. Die von Armut betroffenen Menschen werden aber in die Rolle passiver Leistungsempfängern gedrängt und stigmatisiert.
Besser wäre es, von Armut betroffene Menschen in die Gemeinschaft hinein zu holen. Noch besser-- aber auch noch schwieriger -- wäre es, sie sogar selber zu aktivieren. Denn Armut führt zu Ausgrenzung. Und da ausgegrenzte Menschen eben „draußen“ sind und "nicht mehr auftauchen“, ist es gar nicht so einfach zu sehen, wo Menschen ausgegrenzt werden, denen die Verbindungen zu Nachbarschaft, Kultur und Sport, „zum Leben“ verloren gehen. Die stärkere Vernetzung der Arbeit in Kirchengemeinden und Kirchenvorständen mit dem Wissen und den Erfahrungen der Sozialarbeiter(innen) eines Kirchenkreises kann schon „Sehhilfen“ geben, um von Armut betroffene Menschen wahrzunehmen. Denn z .B. über Kindertagesstätten, Kasualbesuche und Konfirmandenunterricht haben Kirchengemeinden Kontakte zu Menschen, die von Armut betroffen sind.
Kirchengemeinden können die Armut selber nicht bekämpfen. Die Bedingungen, die Armut immer neu entstehen zu lassen liegen in nachlässig formulierte Gesetze (z.B. bei der Versorgung armer Kinder mit Schulmaterialien) und bewusst knapp gehaltene Versorgung von SGB-II-(Hartz IV) Empfängern, die Druck erzeugen soll, sich um eine (nicht vorhandene) Arbeit zu bemühen. Hier können nur politische Veränderungen zu einer Besserung führen.
Kirchengemeiden können immer wieder auf den Skandal der Armut unter uns aufmerksam machen.
Und sie können helfen, die Ausgrenzung zu überwinden.
Traditionelle niedrigschwellige Angebote der Kirchengemeinden ohne Konsumzwang, wie etwa ganz einfache Chorarbeit oder Kindergottesdienstarbeit, bieten auch von Armut Betroffenen die Möglichkeit, zu Menschen aus anderen Schichten Kontakt aufzunehmen und sich am öffentlichen Leben zu beteiligen. Die Aussagen zur Armut, die in der Bibel zu finden sind, gewinnen neue Relevanz, wo dieses Thema in den Vordergrund geholt wird.
Und es zeigten sich bei der Untersuchung noch weitere Möglichkeiten, z.B. bei Chor-Wochenenden oder Konfirmandenfahrten, die von vornherein in möglichst einfachen und preiswerten Unterkünften stattfinden sollten, um die von Armut Betroffenen nicht auszuschließen. Denn Betroffene nehmen die durchaus in Kirchengemeinden angebotenen Kostenerleichterungen in der Regel nicht wahr, um sich nicht zu „outen“, und bleiben deshalb dann doch außen vor.
Es gibt viele gute Ansätze in vielen Kirchegemeinden bis hin zur Unterstützung von Kirchengemeinden in ärmeren Stadtteilen durch Kirchengemeinden aus wohlhabenderen Stadtteilen, die bewusster vorangetrieben werden müssen.
Frau Dietlinde Osterkamp, Bereichsleiterin des JobCenters Laatzen-Springe-Barsinghausen brachte dann die beklemmenden Zahlen auf den Tisch und machte deutlich, dass es zwar („nur“) ca. 7 % Arbeitslose in ihrem Wirkungsbereich gäbe, aber die Zahl der Menschen, die als SGB-II-Empfänger geführt werden, über 10% liegt und damit wesentlich höher. Viele erreichen eben trotz Arbeit kein auskömmliches Einkommen. Sie berichtete vom Alltag in den JobCentern und von den Problemen, unter den gesetzlichen Vorgaben Menschen zu eigener Initiative zu motivieren. Es ist außerordentlich wichtig für von Armut betroffene Menschen, dass durch gute Arbeit, auch in Zusammenarbeit mit den Beratungseinrichtungen der Diakonie gute Reglungen für sie gefunden werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Sanktionen auf die von Armut betroffenen Menschen eine extrem demotivierende Wirkung haben und besonders bei Arbeitssuchenden sowie bei Arbeitgebern eigentlich nur zu Enttäuschungen führen.
Am Nachmittag ging es dann darum, in drei Arbeitsgruppen und mit dem Gehörten im Hinterkopf die eigene Arbeit in der Gemeinde und Dienststelle zu reflektieren. „Armutsprävention“, „Kompensatorische Hilfen“ und „Politische Interventionen“ waren die Überschriften dieser Arbeitsgruppen, in denen sehr engagiert Erfahrungen und Ideen zusammengetragen und diskutiert wurden.
Im abschließenden Abendmahlsgottesdienst hob Superintendent Brandes noch einmal hervor, dass die Auseinandersetzung mit der Armut grundsätzlich zum christlichen Glauben gehöre, weil Armut ausgrenzt, Jesus aber den Armen immer wieder ganz bewusst einen Weg zur vollen Teilhabe am Leben gewiesen habe.
Uwe Büttner,
Öffentlichkeitsbeauftragter im
Kirchenkreis Laatzen-Springe




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