Chancen nutzen – Chancen verspielen

Zu Schuljahresbeginn gibt es an Bayerns Grundschulen einen neuen Lehrplan. Gestartet wird in Jahrgangsstufe 1 und 2. Ausgehend von den Bildungsstandards, die von der KMK (Kultusminister-Konferenz) im Jahr 2004 für Grundschule und Sekundarstufe beschlossen wurden, zielt der neue Lehrplan auf die Vermittlung von Kompetenzen ab. Was in anderen Ländern längst Standard ist – man vergleiche nur die Ergebnisse der PISA-Studien – wird nun auch bei uns zum „Stein der Weisen“.

Lange hat es gedauert, bis sich auch Bayern auf den Weg zum kompetenzorientierten Lernen gemacht hat. Viel zu lange stand das (Be)Lehren im Vordergrund, Schülerinnen und Schüler lernten für die nächste Probearbeit. So stellt „Lehrplan plus“ nun ein Modell dar, mittels dessen sich Schülerinnen und Schüler Wissen und Kompetenzen aneignen sollen. Wissen für sich allein ist keine Kompetenz. Das Aneignen, Nutzen und Umsetzen dessen allerdings schon.

Wann ist ein Mensch nun kompetent? In Bayern dann, wenn er bereit ist, neue Aufgaben- oder Problemstellungen zu lösen und dieses auch kann. Wissen und Fähigkeiten müssen erfolgreich abgerufen werden, vor dem Hintergrund von Werthaltungen reflektiert sowie verantwortlich eingesetzt werden können. Über den Unterricht erarbeiten sich Schülerinnen und Schüler quasi „Werkzeuge“, die sie zur Lösung lebensweltlicher Problemstellungen, zur aktiven Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen und an kulturellen Angeboten benötigen. Es geht also um die Befähigung zum lebens-langen Lernen.

„Gut gebrüllt, Löwe!“. Es sei die Frage gestattet, ob es mit der Erstellung und Einführung eines neuen Lehrplans getan ist und somit die ganzen Schwachstellen eines Systems, das seit dem 19. Jahrhun-dert am Laufen – wie auch immer - gehalten wird, beseitigt sind? Können Lehrerinnen und Lehrer, die ihre Ausbildung größtenteils im 20. Jahrhundert absolviert haben, in diesem System Kinder des 21. Jahrhunderts zu lebenslangem Lernen befähigen?

Wie werden Lehrkräfte darauf vorbereitet – wo und wie erhalten sie Unterstützung? Reicht das Angebot, webbasiert, wirklich aus? Bislang waren die in der Schule Agierenden die Lehrerinnen und Lehrer, die Reagierenden die Schülerinnen und Schüler. Nun gilt es, vorhandene Denk- und Handlungsmuster über den Haufen zu werfen, ja, sich von diesen zu trennen. Die einmalige Chance, die sich für die Schülerinnen und Schüler bietet, selbst zum Agierenden im System zu werden, ist leicht verspielt, wenn man sich Aussagen von Lehrerinnen und Lehrern ins Gedächtnis ruft: „Ja, das kann ich nicht!“. Nur nebenbei sei erwähnt, dass vor dem „Nicht Können“ das „Nicht –Wollen“ steht!

Geht es von heute auf morgen – also vom 1. August bis zum Schuljahresbeginn – das weitgehend auf der Rotstift-Mentalität basierende Schulsystem so schnell zu ändern? Geht es nicht zuerst um die Einstellung der Lehrkräfte, die den Rotstift als sichtbares Zeichen des Versagens der anderen Seite weglegen, ja sogar auf ihn verzichten sollten? Der Paradigmenwechsel fordert so natürlich auch den Verzicht der Defizitmethode.

Unbestritten werden auch zu Schuljahresbeginn beispielsweise 20 Kinder in einer Klasse sitzen, es sind 20-mal ein Mensch mit ganz unterschiedlicher Biografie, unterschiedlichen Ressourcen und unterschiedlichen Zielen. Auch diese Sichtweise gehört zum neuen Lehrplan und aus der Lehrerin/ dem Lehrer wird das, was diese immer schon hätten sein sollen: Berater und Helfer, Trainer/Coach, Organisator und Moderator, Experte. Im Mittelpunkt steht nun wirklich das Kind, aber nicht mit seinen Fehlern und Defiziten, sondern mit seinen Ressourcen, auf denen es aufzubauen gilt.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.