Mein Lieblingsgedicht - Die gestundete Zeit
Ein Lieblingsgedicht ist schwer zu benennen. Aber ich habe ein Gedicht von Ingeborg Bachmann, das ich immer wieder gerne lese: Die gestundete Zeit.
Ein Gedicht, das auf den ersten Blick für mich nicht zu entschlüsseln ist - was es für mich um so interessanter macht. Ich finde es vielsagend, ausdrucksstark, intensiv und ein jedes Mal, wenn ich es lese, entdecke ich etwas Neues, komme ich zu einer neuen Erkenntnis. Ein Gedicht, das sich zu entschlüsseln lohnt. Und es darf dauern.
Die gestundete Zeit
Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Bald mußt du den Schuh schnüren
und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe.
Denn die Eingeweide der Fische
sind kalt geworden im Wind.
Ärmlich brennt das Licht der Lupinen.
Dein Blick spurt im Nebel:
die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.
Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar,
er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.
Sieh dich nicht um.
Schnür deine Schuh.
Jag die Hunde zurück.
Wirf die Fische ins Meer.
Lösch die Lupinen!
Es kommen härtere Tage.
von Ingeborg Bachmann
Es ist wirklich lange her, da ich zuletzt ein Gedicht von Ingeborg Bachmann gelesen habe.
Eine tief melancholische Stimmung wird beschworen; aber ich kann Deine Faszination verstehen, denn sowohl die Metaphern wie auch der allmählich anwachsende Aufbau weisen über eine einfache normative Botschaft hinaus: irgendwie kann ich die so zum Ausdruck gebrachte Gefühlslage und Stimmung als das erkennen, was das Gedicht beschreiben könnte, nämlich eine tiefe Zäsur im Leben, das Ende e i n e r Lebensphase, der (noch nicht vollzogene) Beginn einer neuen, aber unheilverheißenden... .
So vollständig zu entschlüsseln wird das Gedicht nie sein und soll es vielleicht auch gar nicht, zumindest nicht nach dem Muster: "Was will uns der Dichter damit sagen?".
Die hermetische Lyrik zeichnet sich ja gerade durch die vielfältigen Interpretationsmöglichkeiten der z.T. schon semantisch schwierig nachzuvollziehenden Gedichte aus.
Und macht sie dadurch so spannend!
Zu dem hochinteressanten Gedicht schreibe ich noch einen eigenen Beitrag, wenn ich dazu komme. Es ist ja ein geundenes "Fressen" für uns Germanisten. Und wenn ich da die Worte von Karin Jeromin lese, scheint auch sie "aus dieser Branche" zu kommen. Perfekte Fachbegriffe, die die Seele baumeln lassen!
Bis bald, zu einer persönlichen Analyse des Gedichts!
Liebe Grüße,
Roland

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