Vom Zubereiten eines Tees mit der weißen Winterchrysantheme Kan-Kiku. Bei Geschmack mit Gojibeere!
Offenbach am Main: Paula Kuhn | Diese Wintertage mit ihren klaren, frischen Farben sind ja wie gemalt und dafür bestimmt, am Nachmittag bei einer Tasse Chrysanthementee mit roten Gojibeeren in den blauen Himmel, oder am Abend in die sternklare Nacht zu philosophieren.
„Wenn Kan-Kiku, die weiße Chrysantheme der Kälte beginnt, sich in den kalten Nächten rot zu verfärben, dann ist es Zeit, die Winterfeuerstelle im Teeraum zu öffnen,“ lautet eine alte japanische Hausanweisung zum abendlichen Anfeuern.
Ein, soweit zu recherchieren, anonymes japanisches Gedicht beschreibt diese Zeremonie - in Lautschrift transkribiert - so:
chanoyu ni wa:
ume – kangiku ni
momiji miochi
aodake – kare ki
aotsuki ni shimo.
Mit diesen mit Bedacht gewählten Worten "chanoyu ni wa", - welche das Zubereiten und Herbeibringen des heißen Wassers zum Aufbrühen der Winterchrysanthemen beschreiben - , geben diese Zeilen nicht allein eine Anleitung zur Zubereitung des gleichermaßen köstlichen wie heilsamen Blütentees.
Vielmehr bereitet schon das Aufkochen des Wassers den Ritus der Stille vor, in welchem Raum und Zeit allabendlich eins werden: "ni" …
Diese Zeitspanne, beschrieben mit „ume“, steht für eine tiefe Sehnsucht nach Neuanfang. Kan-Kiku, die "weiße", "kalte" Blüte selbst steht für meditative Einkehr in eine Dimension, die als Zwischenzeit und Übergang in einen unsterblichen und vollkommenen Zustand begriffen wird.
Die Nächte des hoch-zeitlichen Winters an der Teefeuerstelle markieren bereits den Wendepunkt der kalten Jahreszeit: Sie sind die stillen Vorboten des nahenden Frühlings.
Die rote Gojibeere, welche dem mit Honig aufgekochten Blütentee zugemischt einen fruchtigen Beigeschmack verleiht, ist dabei wie ein symbolisches Versprechen auf die später zu erntenden Früchte des noch so frischen Jahres. Der Vitamin-C-reiche, auf das vegetative Nerven- und Herz-Kreislaufsystem wohltuend wirkende Chrysanthemen-Tee wird jedoch das ganze Jahr über getrunken; durchaus auch am Tage.
Der im 4ten Jahrhundert lebende, chinesische Dichter Tao Yuanming, auch Tao Qian genannt, widmete den schönen Blumen, die insbesondere in China neben Mut, Bescheidenheit und langem Leben sowie ewiger Liebe auch als Symbol vornehmer Zurückgezogenheit gelten, diese nachdenklichen Zeilen:
In später Pracht erblühn die Chrysanthemen,
Ich pflücke sie, vom Perlentau benetzt
Um ihre Reinheit in mich aufzunehmen,
Hab’ einsam ich zum Wein mich hingesetzt.
Die Sonne sinkt, die Tiere gehn zur Ruhe,
Die Vögel sammeln sich im stillen Wald. —
Fern liegt die Welt mit ihrer Unrast Kummer,
Das Leben fand ich, wo der Wahn verhallt.
Tao Yuanming thematisiert in seinen Gedichten häufig Rückzug, Heimkehr und den Prozess des Zu-Sich-Kommens. So misst der Dichter, der auch „Meister der fünf Weiden“ genannt wird, der Chrysantheme in seinem Werk oft eine herausragende Rolle bei.
In einem seiner schönsten Liebesgedichte stehen bei Rainer Maria Rilke weiße Chrysanthemen für den Beginn einer unvergessenen Liebe:
Das war der Tag der weißen Chrysanthemen, -
mir bangte fast vor seiner schweren Pracht...
Und dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief in der Nacht.
Mir war so bang, und du kamst lieb und leise, -
ich hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang die Nacht...
Was die Liebe und den Tee betrifft, passten diese für Heinrich Heine, den Dichter der Romantik, am besten an einen Tisch im Salon der bürgerlichen Gesellschaft. Sein Teegedicht soll er in der „Stehelyschen Konditorei“ am Berliner Gendarmenmarkt geschrieben haben. Hier ein kleiner Auszug aus seinen lyrischen Beobachtungen:
Teegedicht
Von Heinrich Heine
Sie saßen und tranken am Teetisch
und sprachen von Liebe viel;
die Herren, die waren ästhetisch,
die Damen von zartem Gefühl
....
Wer nun Lust auf eine Tasse heissen Tee bekommen hat, kann heute eine asiatisch-winterliche Teemischung aus Chrysanthemenblüten und Gojibeeren, - anteilig ganz nach Geschmack-, sogar selbst vornehmen. Die Zutaten dafür bekommt man in jedem gut sortierten, asiatischen Lebensmittelladen. Heinrich Heine und Tao Yuanming in der Buchhandlung ihres Vertrauens.




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